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Cordwainer Smith

Ein Planet namens Shayol

A Planet Named Shayol • Deutsch von Barbara Slawig

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2

Der Fährsatellit war durchaus wohnlich. Die vielen hundert Stunden, die nun folgten, waren wie ein langer, merkwürdiger Traum.
   Die junge Krankenschwester schlich sich noch zweimal zu ihm ins Zimmer, wenn er die Kappe bekam, und setzte sich auch eine auf. Er nahm Bäder, durch die überall an seinem Körper Hornhaut entstand. Seine Zähne wurden unter starker örtlicher Betäubung gezogen und durch rostfreien Stahl ersetzt. Er wurde unter grellen Leuchten einer Bestrahlung ausgesetzt, durch die die Schmerzen in seiner Haut aufhörten. Fußnägel und Fingernägel wurden einer Spezialbehandlung unterzogen. Sie verwandelten sich allmählich in gewaltige Krallen; eines Abends ertappte er sich dabei, wie er sie am Aluminiumbett wetzte; sie hinterließen tiefe Kerben.
   Sein Geist wurde nie völlig klar.
   Manchmal dachte er, er sei zu Hause bei seiner Mutter, er sei wieder klein und habe Schmerzen. Ein anderes Mal, wenn er die Kappe trug, lag er im Bett und lachte darüber, dass es eine Strafe sein sollte, hierher geschickt zu werden, wo doch alles so viel Spaß machte. Es gab keine Gerichtsverhandlungen, keine Fragen, keine Richter. Das Essen war gut, aber es interessierte ihn nicht besonders; die Kappe war besser. Selbst wenn er wach war, fühlte er sich benommen.
   Schließlich steckte man ihn mit der Kappe auf dem Kopf in eine adiabatische Kapsel – ein Ein-Personen-Geschoss, das man von der Fähre aus zum Planeten hinabstürzen lassen konnte. Bald war Mercer bis auf das Gesicht ganz darin eingeschlossen.
   Doktor Vomact schien in den Raum hineinzuschweben. »Sie sind stark, Mercer«, rief er, »Sie sind sehr stark! Können Sie mich hören?«
   Mercer nickte.
   »Wir wünschen Ihnen alles Gute, Mercer. Was auch immer geschieht – denken Sie daran, dass Sie anderen Menschen hier oben helfen.«
   »Kann ich die Kappe mitnehmen?«, fragte Mercer.
   Statt zu antworten nahm Doktor Vomact ihm die Kappe ab. Zwei Männer schlossen den Deckel der Kapsel, sodass Mercer sich völlig im Dunkeln befand. Sein Geist wurde klarer, und er kämpfte in panischer Angst gegen die Enge an.
   Ein donnergleiches Brüllen ertönte, und er schmeckte Blut.
   Das Nächste, was Mercer wahrnahm, war, dass er sich in einem sehr, sehr kühlen Raum befand. Es war viel kälter als in den Zimmern und Operationsräumen im Satelliten. Jemand hob ihn sanft auf einen Tisch.
   Er öffnete die Augen.
   Ein riesiges Gesicht blickte auf ihn herab, viermal größer als alle Menschengesichter, die Mercer je gesehen hatte. Aus riesigen braunen Augen, sanft und harmlos wie die einer Kuh, betrachtete es Mercers Umhüllung. Es war das Gesicht eines gut aussehenden Mannes in mittleren Jahren, glatt rasiert, mit kastanienbraunem Haar, vollen, sinnlichen, zu einem leisen Lächeln geöffneten Lippen und gewaltigen, aber gesunden gelben Zähnen. Das Gesicht bemerkte, dass Mercer die Augen geöffnet hatte, und sprach ihn mit tiefer, dröhnender Stimme freundlich an.
   »Ich bin dein bester Freund. Mein Name ist B’dikkat, aber so musst du mich hier nicht anreden. Nenn mich einfach Freund, und ich werde dir immer helfen.«
   »Ich habe Schmerzen«, sagte Mercer.
   »Natürlich. Dir tut alles weh. Das ist ein ganz schön tiefer Sturz.«
   »Kann ich bitte eine Kappe haben«, bat Mercer. Es war keine Frage, sondern eine Forderung; Mercer hatte das Gefühl, dass sein ganzes Leben davon abhing.
   B’dikkat lachte. »Hier unten gibt es keine Kappen. Sonst würde ich sie womöglich selbst benutzen. Das denken die da oben jedenfalls. Ich habe etwas anderes, das viel besser ist. Keine Angst, Kamerad, ich sorge für dich.«
   Mercer war nicht überzeugt. Auf der Fähre hatte ihm die Kappe Glück geschenkt – da würde er auf Shayol doch sicher mindestens ebenfalls eine elektrische Stimulation des Gehirns brauchen, um die Qualen zu überwinden, die hier seiner harrten.
   B’dikkats Gelächter erfüllte den Raum, als wäre ein Kopfkissen geplatzt.
   »Hast du schon einmal von Condamin gehört?«
   »Nein«, antwortete Mercer.
   »Das ist ein so starkes Betäubungsmittel, dass es in den Arzneimittellisten nicht aufgeführt werden darf.«
   »Das hast du?«, fragte Mercer hoffnungsvoll.
   »Etwas Besseres. Ich habe Supercondamin. Den Namen hat es von der Stadt auf Neufrankreich, wo es entwickelt wurde. Dann haben die Chemiker noch ein Wasserstoffatom zusätzlich drangehakt. Dadurch hat es den richtigen Kick bekommen. Wenn du es jetzt nehmen würdest, wärst du in drei Minuten tot, aber im Geist kämen dir die drei Minuten wie zehntausend glückliche Jahre vor.« B’dikkat verdrehte ausdrucksvoll die braunen Kuhaugen und leckte sich mit einer Zunge von enormer Größe die dicken roten Lippen.
   »Wozu ist es dann gut?«
   »Du kannst es trotzdem nehmen. Man kann es nehmen, sobald man den Dromozoen außerhalb der Hütte ausgesetzt war. Dann entfaltet es alle guten Wirkungen und keine von den schlechten. Willst du mal etwas sehen?«

Was soll ich antworten außer Ja?, dachte Mercer mürrisch; glaubt er vielleicht, ich würde irgendwo zum Tee erwartet?
   »Schau aus dem Fenster«, sagte B’dikkat, »und sag mir, was du siehst.«
   Die Atmosphäre war klar. Die Oberfläche des Planeten glich einer Wüste, ingwergelb mit grünen Streifen aus Flechten und niedrigen Büschen, die anscheinend oft von starken trockenen Winden geschüttelt und klein gehalten wurden. Die Landschaft war eintönig. In zwei- oder dreihundert Metern Entfernung befand sich eine Gruppe rosiger Objekte, die lebendig schienen, aber Mercer konnte sie nicht genau genug erkennen. Noch weiter entfernt und ganz am rechten Rand seines Blickfelds sah er ein Standbild, das einen riesigen menschlichen Fuß darstellte, so hoch wie ein sechsstöckiges Haus. Womit der Fuß verbunden war, konnte Mercer nicht sehen. »Ich sehe einen großen Fuß«, sagte er, »aber ...«
   »Aber was?«, fragte B’dikkat wie ein riesiges Kind, das die Pointe seines außerordentlich geheimen Witzes nicht preisgeben mag. So groß er auch war, neben einem Zeh dieses gewaltigen Fußes hätte er winzig ausgesehen.
   »Aber es kann kein echter Fuß sein.«
   »Ist es aber«, sagte B’dikkat. »Das ist Go-Kapitän Alvarez, der Mann, der diesen Planeten entdeckt hat. Er ist immer noch gut in Form, und das nach sechshundert Jahren. Inzwischen besteht er natürlich zum größten Teil aus Dromozoen, aber ich glaube, es steckt immer noch ein Rest menschliches Bewusstsein in ihm. Weißt du, was ich mit ihm mache?«
   »Was denn?«, fragte Mercer.
   »Ich gebe ihm sechs Kubikzentimeter Supercondamin, und dann schnaubt er für mich. Er macht lauter leise, richtig glückliche Schnaubtöne. Ein Fremder würde denken, es wäre ein Vulkan. So gut wirkt Supercondamin. Und du wirst eine Ganze Menge davon bekommen. Du hast Glück, Mercer, richtig Glück. Du bekommst einen Freund, nämlich mich, und etwas Leckeres, nämlich meine Nadel. Ich mache die Arbeit, und du hast den Spaß. Ist das nicht eine nette Überraschung?«
   Mercer dachte: Du lügst! Du lügst! Wo kommen dann die Schreie her, die wir alle schon gehört haben, weil sie am Tag der Strafe zur Warnung ausgestrahlt werden? Warum hat der Arzt mir angeboten, meinen Geist auszulöschen oder meine Augen zu entfernen?
   Der Kuhmann beobachtete ihn enttäuscht und mit gekränkter Miene. »Du glaubst mir nicht«, sagte er sehr traurig.
   »Das trifft es nicht ganz«, erwiderte Mercer, so herzlich er konnte. »Ich glaube nur, dass du etwas verschweigst.«
   »Nicht viel. Man zuckt zusammen, wenn einen die Dromozoen anfallen. Und es wird dich erschrecken, wenn dir zum ersten Mal neue Körperteile wachsen – Köpfe, Nieren, Hände. Ich hatte einmal jemanden hier, dem sind bei einem einzigen Durchgang im Freien achtunddreißig Hände gewachsen. Ich habe sie alle abgenommen, eingefroren und nach oben geschickt. Ich sorge für jeden. Eine Zeit lang wirst du vermutlich schreien. Aber denk daran, sag einfach Freund zu mir, und auf dich wartet der größte Leckerbissen des Universums. Hättest du jetzt vielleicht gern ein paar Spiegeleier? Ich selbst esse kein Eier, aber die meisten richtigen Menschen mögen sie.«
   »Eier?«, wiederholte Mercer. »Was hat das Ganze denn mit Eiern zu tun?«
   »Gar nichts. Die sind nur als Leckerbissen für dich gedacht. So hast du etwas im Magen, wenn du nach draußen gehst. Dann überstehst du den ersten Tag besser.«
   Ungläubig schaute Mercer zu, wie der große Mann zwei kostbare Eier aus einer Kühlkiste nahm, sie gekonnt in eine kleine Pfanne schlug und sie auf das Heizfeld mitten im Tisch stellte, auf dem Mercer aufgewacht war.
   »Wir sind Freunde, ja?« B’dikkat grinste. »Ich bin ein guter Freund, du wirst schon sehen. Denk daran, wenn du nach draußen gehst.«
   Eine Stunde später ging Mercer tatsächlich nach draußen.
   Als er an der Tür stand, fühlte er sich seltsam mit sich im Reinen. B’dikkat gab ihm einen sanften Stoß, der mehr eine Ermunterung darstellte, und schob ihn vorwärts.
   »Zwing mich nicht, den Bleianzug anzuziehen, Kamerad.« Mercer hatte den Anzug in einem Nebenraum an der Wand hängen sehen; er war so groß wie eine normale Raumschiffkabine. »Wenn ich diese Tür hier schließe, öffnet sich die äußere. Geh einfach nach draußen.«
   »Aber was passiert dann?«, fragte Mercer. Die Angst wälzte sich in seinem Magen und schnappte von innen nach seiner Kehle.
   »Fang nicht wieder damit an.« B’dikkat hatte Mercers Fragen nach der Welt dort draußen die ganze Stunde lang abgewehrt. Eine Karte? B’dikkat hatte nur gelacht. Essen? Darüber sollte er sich keine Sorgen machen. Die anderen Leute? Die fände er dann schon. Waffen? Wofür, hatte B’dikkat erwidert und immer wieder erklärt, dass er Mercers Freund sei. Und was würde mit ihm passieren? Das gleiche wie mit allen anderen auch.
   Mercer trat ins Freie hinaus.
   Nichts geschah. Es war ein kühler Tag. Der Wind strich sanft über seine verstärkte Haut.
   Mercer blickte sich furchtsam um.
   Rechts nahm der bergartige Körper von Kapitän Alvarez einen großen Teil des Blickfelds ein. Mit ihm wollte Mercer nichts zu tun haben. Er warf einen Blick zurück zur Hütte. B’dikkat schaute nicht aus dem Fenster.
   Mercer ging langsam los, genau geradeaus.
   Auf dem Boden blitzte etwas auf, nicht heller als Sonnenlicht auf einem Stück Glas. Mercer spürte ein Stechen im Oberschenkel, als hätte ihn jemand leicht mit einem scharfen Instrument berührt. Er wischte mit der Hand über die Stelle.
   Es war, als würde der Himmel einstürzen.
   Schmerz schoss durch seine rechte Seite, von der Hüfte hinab bis zum Fuß – aber es war mehr als nur Schmerz; es war ein lebendiges, pochendes Etwas. Das Pochen griff nach seinem Herzen und raubte ihm den Atem. Er fiel hin, und der Boden tat ihm weh. Nichts auf dem Krankenhaus-Satelliten war ähnlich schlimm gewesen. Er lag im Freien, versuchte nicht zu atmen und atmete trotzdem, und bei jedem Atemzug weitete sich mit dem Brustkorb zugleich auch dieses Pochen. Er lag auf dem Rücken und sah zur Sonne hinauf. Schließlich fiel ihm auf, dass die Sonne weißviolett war.
   Es war sinnlos, auch nur daran zu denken, etwas zu rufen. Er hatte gar keine Stimme. Die unangenehmsten Empfindungen durchzuckten ihn. Da er nicht aufhören konnte zu atmen, konzentrierte er sich darauf, die Luft so in sich aufzunehmen, dass es möglichst wenig weh tat. Keuchen war zu anstrengend. Winzig kleine Schlucke Luft schmerzten am wenigsten.
   Die Wüste ringsum war leer. Er konnte den Kopf nicht so weit herumdrehen, dass er die Hütte sah. Bleibt das jetzt so?, fragte er sich. Für immer? Ist das die Art, wie man auf Shayol bestraft wird?
   In der Nähe waren Stimmen zu hören.
   Zwei grotesk rosige Gesichter blickten auf ihn herab. Möglicherweise waren es Menschen. Der Mann sah ganz normal aus, mit Ausnahme der beiden Nasen, die dicht nebeneinander lagen. Die Frau war eine unglaubliche Karikatur. Sie hatte auf jeder Wange eine Brust, und an ihrer Stirn hing ein Büschel schlaffer, nackter Säuglingsfinger.
   »Das ist ja ein hübscher Kerl«, sagte die Frau. »Ein Neuling.«
   »Komm mit«, sagte der Mann.
   Sie stellten ihn auf die Füße. Er hatte nicht die Kraft, sich zu wehren. Als er versuchte, mit ihnen zu reden, kam nur ein raues Krächzen aus seinem Mund, wie der Schrei eines hässlichen Vogels.
   Sie bewegten sich gekonnt mit ihm fort. Ihm wurde bewusst, dass er zu der Herde aus rosigen Dingern geschleppt wurde.
   Als sie näher kamen, erkannte er, das es Menschen waren. Vielmehr erkannte er, dass es früher einmal Menschen gewesen waren. Ein Mann mit einem Flamingoschnabel pickte an seinem eigenen Körper herum. Eine Frau lag auf dem Boden; sie hatte zwar nur einen Kopf, aber zusätzlich zu dem Körper, der offenbar ursprünglich ihrer gewesen war, war ihr seitlich am Hals noch ein nackter Jungenkörper gewachsen. Dieser Körper war sauber und neu und so hilflos wie der eines Gelähmten; bis auf die flache Atmung bewegte er sich überhaupt nicht. Mercer sah sich um. In der ganzen Gruppe trug nur ein Mann Kleidung, und er hatte seinen Mantel falsch herum angezogen. Mercer starrte ihn an, bis ihm schließlich klar wurde, dass der Mann zwei Bäuche außen an seinem Unterleib hatte – oder waren es drei? Sie wurden durch den Mantel gehalten. Das durchsichtige Bauchfell wirkte verletzlich.
   »Ein Neuer«, sagte die Frau, die ihn hergeführt hatte. Sie und der zweinasige Mann setzten ihn ab.
   Die Gruppe lag über den Boden verstreut da.
   Mercer lag benommen dazwischen.
   Ein alter Mann sagte: »Ich fürchte, sie werden uns bald zu essen geben.«
   »O nein!« – »Es ist noch zu früh!« – »Nicht schon wieder!« Überall in der Gruppe wurde protestiert.
   Der alte Mann sprach weiter: »Da, beim großen Zeh des Bergs!«
   Die anderen bestätigten durch ihr trostloses Gemurmel, dass sie es auch bemerkt hatten.
   Mercer wollte fragen, worum es ging, brachte aber nur ein Krächzen hervor.
   Eine Frau – war es wirklich eine Frau? – kroch auf Händen und Knien zu ihm. Außer den normalen Händen hatte sie noch überall am Torso und halb die Oberschenkel hinunter Hände. Einige sahen alt und verdorrt aus. Andere waren so frisch und rosig wie die Säuglingsfinger im Gesicht der Frau, die ihn hergebracht hatte. Die Frau rief ihm etwas zu, obwohl es gar nicht notwendig war zu rufen.
   »Die Dromozoen kommen. Diesmal tut es weh. Wenn du dich eingelebt hast, kannst du dich eingraben ...«
   Sie deutete auf eine Reihe von Erdhaufen rings um die Menschenherde.
   »Die haben sich eingegraben.«
   Mercer krächzte wieder.
   »Nur keine Sorge«, sagte die Frau voller Hände, und dann keuchte sie auf, weil ein Lichtblitz sie berührte.
   Die Lichter kamen auch zu Mercer. Der Schmerz war wie beim ersten Kontakt, aber er wirkte eher forschend. Mercer riss die Augen auf, denn die seltsamen Empfindungen in seinem Körper ließen nur einen Schluss zu: Diese Lichter, diese Dinger, was immer sie waren, ernährten ihn und bauten ihn auf.
   Falls sie intelligent waren, dann nicht auf menschliche Art, aber was sie beabsichtigten, war trotzdem klar. Zwischen den Anfällen von Schmerz spürte Mercer, wie sie ihm den Magen füllten, seinem Blut Wasser zuführten, Nieren und Blase Wasser entzogen, sein Herz massierten, seine Lungen für ihn bewegten.
   Alles was sie taten, war gut gemeint und als Wohltat gedacht.
   Und jede einzelne Handlung tat weh.
   Schlagartig waren sie wieder fort, wie sich ein Schwarm Insekten in die Luft erhebt. Mercer nahm Lärm wahr – eine hirnlose, brüllende Folge hässlicher Laute irgendwo da draußen. Er blickte sich um. Und der Lärm hörte auf.
   Das war er selbst gewesen. Er hatte geschrien. Schrill und grässlich wie ein Irrer, ein verängstigter Betrunkener oder ein gequältes Tier, das nichts mehr versteht und nichts begreift.
   Als er aufhörte, merkte er, dass er wieder sprechen konnte.
   Ein Mann kam zu ihm, nackt wie alle anderen. In seinem Kopf steckte ein Spieß, der quer hindurchging. Auf beiden Seiten hatte sich Haut gebildet und war verheilt. »Hallo, Kamerad«, sagte der Mann mit dem Spieß.
   »Hallo«, erwiderte Mercer. Es war eine lächerlich alltägliche Begrüßung für so einen Ort.
   »Hier kann man sich nicht umbringen«, sagte der Mann mit dem Spieß im Kopf.
   »Doch«, widersprach die Frau voller Hände.
   Mercer stellte fest, dass die ersten Schmerzen aufgehört hatten. »Was passiert mit mir?«
   »Du hast einen Körperteil bekommen«, sagte der Mann mit dem Spieß. »Sie hängen uns ständig Teile an. Nach einer Weile kommt dann B’dikkat vorbei und schneidet die meisten ab, bis auf die, die noch ein bisschen wachsen sollen. So wie ihrer.« Er nickte in Richtung der liegenden Frau mit dem Jungenkörper am Hals.
   »Und das ist alles?«, fragte Mercer. »Es sticht, wenn man einen neuen Teil bekommt, und wenn man ernährt wird, beißt es?«
   »Nein«, antwortete der Mann. »Manchmal glauben sie, uns wäre zu kalt, dann füllen sie unser Inneres mit Feuer. Oder sie glauben, uns wäre zu warm, dann frieren sie uns Nerv für Nerv ein.«
   Die Frau mit dem Jungenkörper rief herüber: »Und manchmal glauben sie, dass wir unglücklich sind, dann wollen sie uns zwingen, glücklich zu sein. Das finde ich am schlimmsten.«
   Mercer stammelte: »Seid ihr hier ... ich meine ... seid ihr die einzige Herde?«
   Der Mann mit dem Spieß hustete, statt zu lachen. »Herde! Das ist gut. Hier sind überall Menschen. Die meisten graben sich ein. Wir sind die einzigen, die noch reden können. Wir bleiben lieber zusammen. Auf die Art kommt B’dikkat öfter zu uns.«
   Mercer setzte zur nächsten Frage an, doch seine Kräfte ließen nach. An diesem Tag war einfach zu viel passiert.
   Der Boden wankte wie ein Schiff auf dem Wasser. Der Himmel wurde schwarz. Er fiel und spürte, wie jemand ihn auffing. Er spürte, wie man ihn ausgestreckt auf den Boden legte. Und dann schlief er wundersamerweise und gnädigerweise ein.

Teil 3 von »Ein Planet namens Shayol« -->

<-- Teil 2 -->

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»A Planet Named Shayol«
Erstveröffentlichung im Oktober 1961 in GALAXY • © 1961 by Galaxy Publishing Co.
© 1993, 2005 by The Estate of Paul Linebarger
Mit freundlicher Genehmigung des Agenten Barry N. Malzberg
Deutsch von Barbara Slawig © der Übersetzung 2005 by Barbara Slawig & SHAYOL.NET
Die Übersetzung folgt der Ausgabe in The Rediscovery of Man. The Complete Short Science Fiction of Cordwainer Smith
Hrsg. von James A. Mann (Framingham: NESFA Press, 1993)

Graphiken: Franz Miklis © 2005
Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist, wie alle Texte in epilog.de, durch das Urheberrecht geschützt. Die unautorisierte Reproduktion, auch in Online- und Offlinemedien, ist verboten und wird straf- und zivilrechtlich verfolgt.
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