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| ALIEN CONTACT 65 |
von Thomas Harbach
| Science Fiction >
Alien Contact Buch-Tips |
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| Weltuntergangsvisionen sind seit Anbeginn ein elementarer Bestandteil der
Science Fiction. Dabei teilt sich das Genre in diesem Bereich in zwei grundlegende
Richtungen: einerseits in Erzählungen über die Zeit nach dem Atomkrieg oder einer
Umweltkatastrophe und andererseits in Geschichten über den »natürlichen« Zusammenbruch
der auf tönernen Füßen stehenden Zivilisation durch Degeneration und Apathie. Die besten der »Nach der Katastrophe«-Geschichten setzen sich mit positivem Grundton kritisch mit dem Überlebenswillen und dem Überlebenskampf der Menschen auseinander. Die nachstehend vorgestellten drei Romane verbindet ein gemeinsames Element: Im Mittelpunkt steht kein geborener Führer, sondern ein durchschnittlicher Mensch, der sich in der Krise als entschlussfreudig und entschlussfähig erweist. |
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George R. StewartLeben ohne EndeEarth Abides 1951George R. Stewart war Professor für Englisch an der Universität von Kalifornien in Berkeley, schrieb in den vierziger Jahren eine ungewöhnliche Trilogie von Katastrophenromanen. Während sich Storm (1941) und Fire (1948) mit natürlichen Katastrophen auseinander setzten, folgte 1949 der zwei Jahre später mit dem International Fantasy Award ausgezeichnete Science-Fiction-Roman Leben ohne Ende. Das Buch blieb auch das einzige dem phantastischen Genre direkt zuzuordnende Werk des 1980 verstorbenen Stewart. Das Radio verkündet die Amtsenthebung der amerikanischen Regierung. Das ist keine Überraschung mehr, sondern das Ende eines langen Entwicklungsprozesses. Die menschliche Zivilisation hat ihren Höhepunkt überschritten und liegt im Sterben. Eine Seuche verstärkt diese Entwicklung. Die meisten Menschen sterben, nur wenige sind immun. Ob die Ursache künstlichen Ursprungs ist oder gar ein natürlicher Virus, bleibt im Dunkeln. Der Autor konzentriert sich bei der Beschreibung des folgenden Zerfalls der industriellen Nationen auf die Perspektive einer einzigen Figur: Mr. Isherwood kurz Ish genannt war während des ersten Abschnittes der Katastrophe krank und ist gezwungen, sich die Ereignisse entweder von wenigen anderen Menschen erzählen zu lassen oder selbst auf die Suche nach Informationen zu gehen. Trotzdem festigt sich in Ish die Erkenntnis, dass es bei diesem durch die Krankheit ausgelösten Selektionsprozess keine Gesetzmäßigkeit, kein System gegeben hat. Wahllos haben Menschen unterschiedlicher Intelligenz, beruflicher Herkunft oder Alter überlebt. Es gab keinen Schutz, kein Serum vor dieser Seuche. Das erschwert jegliche Kommunikation, von politischer Ordnung ganz zu schweigen. Der Einzelgänger Ish organisiert sich einen herrenlosen Wagen und beginnt seine Reise durch die leeren Städte und über die verlassenen Straßen. Er überquert den amerikanischen Kontinent in umgekehrter Richtung als die ursprünglichen Siedlungstrecks der Weißen von San Francisco nach New York. Dabei trifft er immer wieder auf kleine menschliche Kolonien, doch diese entsprechen nicht seinen Vorstellungen einer neuen Menschheit.
Die Kinder und Enkelkinder wachsen heran, die alten Menschen die Augenzeugen der Katastrophe sterben. Nur noch Wenige wie Ishs Frau träumen von einer Rückkehr der Zivilisation und wehren sich gegen die Anpassung an die neuen Umstände. Mit jeder neuen Generation gerät das alte Wissen in Vergessenheit. Von Degeneration zu sprechen, wäre zu stark; die primitiven Urinstinkte treten bei den jungen Menschen an die Oberfläche und ermöglichen es, trotz der schwierigen Umstände die Rasse zu erhalten. Der Methusalem Ish stirbt schließlich als Letzter. Er kann noch miterleben, dass seine letzte »Erfindung« Pfeil und Bogen seinen Nachkommen eine bessere Überlebenschance gibt und den Funken einer neuen Kultur in sich birgt. In der Beschreibung seiner Zukunftschronik geht Stewart diszipliniert vor und konzentriert sich auf Kernsituationen. Kurze Kapitel fassen einige dazwischen liegende Jahre in wenigen Sätzen zusammen. Sie alternieren mit längeren, tiefer gehenden Passagen. Alle Ereignisse werden mehr oder weniger direkt vom Übererzähler Ish kommentiert, reflektiert und forciert. Als charakterstarke Persönlichkeit mit einem unbändigen Überlebens- und Durchsetzungswillen trägt er die Handlung, als Erzähler distanziert er die Leser ein wenig von dem Geschehen und hat die Möglichkeit, als Filter zu fungieren. Das verstärkt das vorherrschende Gefühl der Einsamkeit und Machtlosigkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. George Stewarts Roman drückt in elegischem Ton, in krassen und an Unterschieden reichen Bildern die Müdigkeit der Menschheit nach dem Zweiten Weltkrieg, das Schlachten der eigenen Zukunft und die Hoffnung auf einen Neubeginn egal in welcher Art aus. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhundert wurden die Thesen immer lauter, die einen zwangsläufigen Zusammenbruch der Menschheit prophezeiten. Diese Thesen wurden vom kriegsgetriebenen Fortschrittsglauben an die Seite gedrückt. Erst das Nachdenken über die Folgen grenzenloser Rüstung, der Schaffung neuer Waffen und deren Einsatz führte einige Wissenschaftler dazu, das Ende der Menschheit durch eigene Dummheit in den Mittelpunkt ihrer Forschungen zu stellen. Dazu nutzt Stewart im Laufe seines Epos eine Handvoll von glaubwürdigen und interessanten Charakteren. In Rassenfragen sowie der Gleichberechtigung von Frauen und Männern bleibt der Autor in seiner Zeit gefangen und sät unbewusst den Keim neuer Zwietracht. Trotzdem muss seine Gemeinde die anstehenden Aufgaben gemeinsam bewältigen. Am Ende des Romans hat sich der Mensch die Erde nicht wieder Untertan gemacht, sondern lebt in einer Art Synthese mit seiner Umwelt, die jederzeit in die eine oder andere Richtung kippen kann. Das Gleichgewicht zwischen einer gewissen Zivilisationsstufe und der Chance zu überleben ist wieder hergestellt. Trotzdem hat die Natur den Menschen in seine Schranken verwiesen, und die Wunden aus Zement, Stahl und industrieller Verseuchung beginnen zu heilen. Stewarts Botschaft in diesem Roman ist klar und deutlich formuliert: Eine Zivilisation ist nicht unerschütterlich, die Menschheit muss nicht ewig leben die Natur an sich wird das alles überstehen. |
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David BrinGordons BerufungThe Postman 1985David Brins Roman, von Kevin Costner verfilmt, ist kein Klassiker dieses Subgenres, obwohl er eine ganze Reihe von klassischen Situationen enthält. Zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen ist es für Europäer noch schwerer, die Hülle von falschem Patriotismus und Pathos, die dieses Buch zu umgeben scheint, abzustreifen und auf den Kern dieser uramerikanischen Frontiergeschichte zurückzukommen. Eine Randbemerkung zu Beginn: David Brins Held wider Willen ist ein kleiner Gauner, der die zweite Chance erhält, in einer zerstörten Welt , eine (Schauspiel-)Rolle zu spielen und dann zu übernehmen. Bis weit in das letzte Drittel des Romans hält sich Gordon selbstkritisch für einen Betrüger, das genaue Spiegelbild des amerikanischen Traums und eine pointierte Kommentierung des inzwischen zum amerikanischen Trauma gewordenen politischen und ideologischen Sinneswandels. Der Roman besteht aus vier Teilen, von denen zwei »The Postman« und »Cyclops« 1982 und 1984 in Isaac Asimovs Science Fiction Magazine erschienen. Alle vier Teile erzählen kontinuierlich die Geschichte von Gordon Krantz, einem Überlebenden eines rassistisch bedingten Vernichtungskrieges. Auf dem Weg durch die in die Barbarei zurückgefallenen Vereinigten Staaten wird er von Banditen angegriffen und verletzt. Auf seiner Flucht findet er ein altes Postauto mit einer Posttasche unzugestellter Briefe und das Skelett eines längst verstorbenen Postboten. Gordon zieht dessen Uniform an und macht es sich zwischen den ganzen Briefen bequem. Als er sich gesundet auf die Weiterreise begibt, nimmt er die Uniform und eine Tasche voller Briefe mit. Ihm kommt der Gedanke, sich bei den kleineren verstreuten Siedlungen als Postbote der »Restored United States« auszugeben. Als seine Aufgabe gibt er an, eine neue Postroute zwischen Idaho und Oregon zu schaffen. Obwohl die Geschichte unglaubwürdig erscheint, wollen ihm die Gemeinden glauben und sehen in ihm den ersten Boten einer neuen starken Nation.
Schon diese kurze Zusammenfassung lässt erkennen, warum David Brins Roman ungeheure Popularität erlangt hat. Im Herzen ist es eine gehaltvolle, optimistische Geschichte. Brin nutzt das Symbol des einfachen Postboten, der die weit verteilt lebenden isolierten Siedlungen vereinigen könnte. Zu Beginn ist der unsympathische Gordon nur an seinen eigenen Vorteilen interessiert: warmes Essen, ein Platz zum Schlafen und die Hoffnung der Menschen über Bord mit den eingesammelten Briefen werfen, sobald er die Stadt wieder verlassen hat. Allmählich erkennt er aber, dass die Menschen ein Ziel, einen Glauben brauchen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine Lüge handelt. Solange man kraftvoll an diese Lüge glaubt, kann sie zu einem Traum werden, der das Leben wieder lebenswert macht. Gordon unterschätzt die Kraft dieser einfachen Symbolik. Weitere erfundene Geschichten folgen, und schließlich ist er so in seiner eigenen Welt verstrickt und gefangen, dass es für ihn nur eine einzige Lösung gibt: Er muss der Charakter werden, für den er sich vor Fremden ausgegeben hat. Dabei ist Gordon auch später der klassische Antiheld vergleichbar mit der populären Figur Stephen Donaldsons: Thomas Covenant, dem Zweifler. Alle Dinge, die er tut, macht er zögerlich, ängstlich. Den Aufbau der Nation möchte er am liebsten anderen Menschen überlassen. David Brin gelingt es vorzüglich, diese Zweifel in seine Figur zu integrieren. Der Leser spürt, dass Gordon sich am liebsten in eine Ecke verziehen würde. Ihn hat das Schicksal ausersehen, die unangenehmen Dinge in einer bösartigen Welt anzupacken. Aber Gordon steht nicht alleine vor dieser schweren Aufgabe. Ungewöhnlich für einen Post-Doomsday-Roman hat David Brin auch eine Reihe von lesenswerten weiblichen Charakteren jeglicher Couleur geschaffen: Von den klassischen Hausfrauen über die Prostituierten bis zu den amazonenähnlichen Boten um die ehemalige Wissenschaftlerin Dena. Wann wurde zuletzt eine Frau in Wort und Tat als intelligenter, gebildeter und entschlussfreudiger als ihr männlicher Gegenpart in einem Roman charakterisiert? Der Mittelteil des Buches ist pathetisch und übertrieben. Es wird das Entstehen des neuen Postbotendienstes geschildert. Hier übernimmt David Brin natürlich die Ideen des »Pony Expresses« und der verrückten Freiwilligen, die tagelang durch feindliches Gebiet geritten sind, um ihre Briefe zu überbringen. In dieser zerbrochenen Welt ohne Ideale und Idole ist diese neue Uniform der einzige Halt, an den sie sich klammern können. Einige Szenen erinnern unwillkürlich an Kriegsfilme. Junge Menschen werfen bereitwillig ihr Leben für Ziele, die sie nicht kennen, und Ideen, die sie nicht verstehen können, weg. In diesem Roman gibt es keine Mutanten, riesigen Insekten oder anderen übernatürlichen Gefahren. Im Mittelpunkt steht der tägliche Überlebenskampf im kalten, dreckigen Oregon, der Wiederaufbau einer Nation. In manchen Kapiteln schwingt das Pendel auch durch Brins gleichgültigen Stil und seine Schwerfälligkeit, auf die Veränderungen mit einer charakterlichen Weiterentwicklung Gordons zu reagieren, in Richtung eines trivialen, patriotischen Machwerks über. Manche der Zwischenkapitel wirken deplaziert und können schwerlich in dieser Form den Charakter einer Novellensammlung überdecken. Aber sein Roman funktioniert. Er spricht den Bauch und nicht das Gehirn an. Unbewusst identifiziert sich der Leser mit diesem neuen Sendungsbewusstsein und dem Gefühl, Teil der neuen Vereinigten Staaten zu sein. Die Schwierigkeit liegt für einen Europäer in dieser amerikanischen Geschichte, in dieser Frontiersaga. Der amerikanische Pioniergeist wird besungen, der Wille, den Rücken nicht vor den Problemen zu beugen. Dass diese Haltung oft für Unverständnis und Hass auf der restlichen Welt sorgt, darf nicht verschwiegen werden. Kein Wort über die restliche Welt. David Brin erzählt eine amerikanische Geschichte für Amerikaner. Für alle Protagonisten gibt es nur ein Ziel ob freiwillig oder gezwungen wird nicht diskutiert: die Vereinigten Staaten von Amerika wieder auferstehen zu lassen. |
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John WyndhamDie TriffidsThe Day of the Triffids 1951Der Engländer John B. Harris hat sich über Jahre als Meister von fokussierten und in einem begrenzten Umfeld spielenden Katastrophengeschichten unter dem Pseudonym John Wyndham etabliert. Sein bekanntester Roman neben Die Triffids dürfte The Midwich Cuckoos (1957, dt. Es geschah am Tage X ...) sein, zweimal unter dem Titel Village of the Damned (dt. Das Dorf der Verdammten) verfilmt. Auch Die Triffids kam mehrmals zu Zelluloidehren. Die Triffids spielt in London und später im Süden Englands um die Zeit der Entstehung des Romans 1951. Bill Mason, der nach einem Industrieunfall in ein Krankenhaus eingeliefert worden ist, wacht eines Morgens in einer ungewöhnlich stillen Umgebung auf. Seine Augen sind seit dem Unfall bandagiert. Nach anfänglichem Zögern nimmt er die Verbände ab und erkennt auf seiner Wanderung durch die Stadt, dass alle Menschen um ihn herum erblindet sind. Sie hatten sich in der vorangegangen Nacht ein Himmelsereignis angesehen: Strahlend grün traten die Reste eines Kometen in die Atmosphäre ein. Mason macht sich auf die Suche nach Lebensmitteln und Hilfe für die zahllosen blinden Menschen. Er trifft drei weitere Unversehrte, die den Strahlen entkommen sind. Man plant, London zu verlassen, doch die Gruppe zerfällt, als einige Verantwortung für die darbenden und hilflosen Blinden übernehmen wollen. Bei weiteren Erkundungen stößt Mason zum ersten Mal auf die veränderten Triffids, große dreibeinige Pflanzen, die zerdrückt ein wohlschmeckendes Öl absondern, aber einen Stachel in ihrer Blüte haben, der für die blinden und hilflosen Menschen jetzt tödlich ist. Wie Leben ohne Ende entstand Die Triffids in der beklemmenden und richtungslosen Nachkriegszeit. Liest man insbesondere Wyndhams Geschichte noch einmal genauer durch, dann finden sich trotz des rasanten Auftakts in den Rückblenden eine Reihe von warnenden Zeichen bezogen auf die damalige Realität. Die Triffids werden zwar außerirdischen Ursprungs zugeschrieben, doch in einer Rückblende findet sich eine Anspielung auf biologische Experimente in Russland. Wyndham führt weder das eine noch das andere Element weiter aus, doch geben seine Charaktere zumindest indirekt den »Roten« eine Mitschuld. Das erklärt aber trotzdem nicht die Gutgläubigkeit der Engländer den Triffid-Pflanzen gegenüber. Mason hatte schon im Laufe seiner beruflichen Karriere mit ihnen zu tun. Gleich zu Beginn weist er seine Kollegen auf den gravierenden Unterschied zwischen den Pflanzen und den Menschen hin: »We can see, and they cant. Take away our vision, and the superiority is gone.« Diese Prophezeiung tritt ein. Der Mensch wird seines wichtigsten Sinnesorgans beraubt und verliert automatisch seine Position auf der Evolutionsleiter. Doch die Menschen wissen sich zu helfen. Wyndham führt schnell das Sprichwort »Im Land der Blinden ist der Einäugige König« ad absurdum. Mehr als einmal wollen die Blinden durch ihre Masse Mason gefangen nehmen und als Auge missbrauchen. Allein ihre Zahl gibt ihnen einen Vorteil gegenüber den wenigen sehenden Menschen. Außerdem sind ihre anderen Sinne sehr schnell übernatürlich geschärft. Unabhängig von der menschlichen Ebene streut Wyndham weitere aktuelle politische Hinweise in den Roman ein: So vermutet Mason, dass es sich bei den Kometentrümmern eher um ein Satellitensystem handelte. Der Autor verzichtet aber in der kompakten dramatischen Story wie bei der Herkunft der Triffids auf genauere Erklärungen. Nichts soll den Handlungsfluss unterbrechen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Katastrophenromanen und im Vergleich zu den beiden anderen vorgestellten Werken verhält sich der Autor beim Wiederaufbau der Zivilisation unpolitisch. Für Wyndham gibt es verschiedene Wege nach Rom. So beschreibt er eine Kommune, in der die Sehenden und Blinden gleichberechtigt leben und arbeiten, mit der gleichen Neutralität wie eine Gruppe von Menschen, die den Blinden keine langfristige Überlebenschance geben und sie ihrem Schicksal bewusst überlassen. Am Rande erwähnt er noch die Menschen, die ihre ganze Kraft in die Pflege der Blinden stecken und den Wiederaufbau der menschlichen Zivilisation vernachlässigen. Dass der Autor mit der letzten Gruppe nicht sonderlich viel anfangen kann, erkennt der Leser sehr schnell bei der Lektüre. Der Autor gibt zumindest zu, dass es verschiedene Wege gibt, die Zivilisation aufrecht zu halten und mehr als einer erfolgreich sein kann. Im Mittelpunkt steht weiterhin sein positiver Glaube an die Menschen. Wie in Leben ohne Ende und bedingt in Gordons Berufung findet sich eine romantische Unterströmung. Vergleicht man die beiden Romane aus den vierziger und fünfziger Jahren mit dem neueren Werk aus Brins Feder, so fällt auf, dass in den alten Büchern Begriffe wie Liebe, Ehe und Treue selbst in einer postapokalyptischen Gesellschaft eine wichtige und grundlegende Rolle spielen. Für Stewart und Wyndham sind sie die Grundfesten jeglicher neuen Zivilisation und das Element, das seit Beginn an die Menschen untereinander verbunden hat. In Brins Roman ist Gordon zu den Gefühlen anfänglich überhaupt nicht fähig und muss von einer entschlossenen, intelligenten Frau angeleitet werden. Bis auf Mason wirken die meisten von Wyndhams Figuren aber ungewöhnlich farblos, und ihre Handlungen sind steif und distanziert. Der Leser hat den Eindruck, als ginge es dem Autor mehr um die Beschreibungen der Folgen der Katastrophe als die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich daraus entwickeln. Wie Stewart vertraut Wyndham auf einen reflektierenden Erzähler, allerdings drängt Mason nicht alle anderen Figuren mit seiner Entscheidungsfreude und Kompetenz buchstäblich ins Abseits. Wyndham nutzt den Erzähler Mason eher als ruhige und vernünftige Stimme. Er beschreibt die zum Teil skurrilen Geschehnisse, die den Tagesablauf beeinflussen, in einer stilistisch distanzierten Weise. Dadurch wirkt das klassische britische Englisch, in dem weite Teile des Buches geschrieben worden sind, weniger steif und befremdlich. Es findet sich eine kleine Anspielung auf H. G. Wells in der ersten Hälfte des Buches. Den Werken des Altmeisters der britischen Science Fiction ähnelt insbesondere der Beginn des Romans. Genau wie Wells Romane hier sei auf die Originalfassung von Krieg der Welten verwiesen spielt Die Triffids in einem kleinen Teil Englands. Es findet sich eine kurze Bemerkung zu den Vereinigten Staaten. Vergeblich warten die Blinden auf die Rettungsflugzeuge aus den Staaten. Die Katastrophe scheint globale Folgen gehabt zu haben. Aber auch hier konzentriert sich der Autor auf Orte, die vor seiner literarischen Haustür liegen. Nutzen Brin und Stewart die Weite des Landes der USA aus, sind bei Wyndham trotz der Reise aus London an die Küste immer eine drangvolle Enge, das Gefühl einer ständig dichter werden Bedrohung und schließlich mit den Triffids noch ein weiterer Feind bestimmende Elemente. Auch wenn bei allen drei Autoren der Mensch der größte Feind des Menschen ist, verlagert sich bei Wyndham die Gewichtung etwas durch die tödlichen Triffids. Wie konträr Wyndhams Buch in den fünfziger Jahren gewesen sein muss, zeigt vielleicht eine Szene zu Beginn des Romans in London: Mason hilft drei Menschen, sich umzubringen, obwohl in England Hilfe zum Selbstmord immer noch unter strengster Strafe gestanden hat. Der Autor zeigt dem Leser, wie sehr die moralischen Grenzen der ihm bekannten Zivilisation verschwunden sind. Aber es steht bei ihm am Ende des Romans der Funke Hoffnung, dass die auf einer Insel isolierten Menschen einen echten Neubeginn ohne biologische Experimente die Triffids und die hochgerüstete Zivilisation Satellitenteile wagen können. Eine mahnende Stimme in einer Zeit, in der viele einflussreiche Politiker sagten, nur eine expandierende, rüstende westliche Zivilisation könne sich vor der »roten« Gefahr schützen. Damit schließt sich der Kreis zu Stewarts »Leben ohne Ende«, denn in beiden Werken tritt ein von den Altlasten gereinigter Mensch vor Gottes Schöpfung. In David Brins Gordons Berufung ist ein altes Symbol das auslösende Element für einen Neubeginn. Alle drei Romane schildern die Folgen des Untergangs der Menschheit. In allen drei Büchern gibt es einen Funken Hoffnung einmal die Gründung einer neuen Gemeinde, einmal den Neubeginn auf einer Triffid-freien Insel und schließlich die Schaffung des Postenbotenservices als Zeichen der Hoffnung , und allen drei Texten ist eines gemeinsam: der Hinweis darauf, dass die Menschheit von ihrem bislang eingeschlagenen Weg abweichen muss, um als Ganzes zu überleben. © Thomas Harbach |
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