Worum geht es mir in diesem
Essay? Nicht um die Ausleuchtung der obskuren Ideen der Welt der Mystik, Esoterik oder
fundamentalistischer Glaubensdoktrinen, sondern um die Widersprüche von Rationalität
und Glauben. Beide halte ich für fundamentale Kulturerrungenschaften der Gattung
Mensch, die scheinbar gegeneinander stehen, in Wahrheit aber ein intellektuelles
Yin-Yan-Prinzip menschlichen Denkens sind. Diesen Widerspruch beleuchte ich am Beispiel
der Gattung Science Fiction, die
mich seit langer Zeit interessiert, und zwar ebenfalls in zwiespältiger Hinsicht: Ich bin
fasziniert von den eher wenigen brillanten Ideen, Konzepten und literarischen Umsetzungen
und gleichzeitig abgestoßen von der hohen Zahl an schlecht geschriebenen und wenig
durchdachten Texten. Alles in allem bin ich dennoch der Meinung, dass die Science Fiction
unter Wert gehandelt wird. Sie hat - auch in Ideengeschichtlicher Hinsicht - eine solche
Vielfalt zu bieten, dass sie einen größeren Leserkreis finden sollte. In Deutschland
leidet sie obendrein unter einer offensichtlichen Schrumpfung des Marktes und der
Konzentration auf Massenware in Form von Paperbacks, während in den USA ein
vergleichsweise anspuchsvoller Markt für Hardcover-Bände existiert, die von
spezialisierten Verlagen wie TOR Books oder Bantam Books herausgegeben werden.
Science-Fiction-Autoren schreiben über naturwissenschaftlich geprägte
Zukunftsvorstellungen. Sie sind in der Regel Atheisten und Rationalisten und können sich
dennoch ihren Glaubensunsicherheiten nicht entziehen. Hier tut sich ein weites Feld von
Irritationen auf, das sehr spannend und für die Leser vergnüglich ist. Davon handelt
dieser Essay. Es geht nicht um heilende Kristalle, Stimmen aus dem Jenseits, um die Frage,
was das Tibetanische Totenbuch mit dem Universum zu tun hat oder gar um rechte
Wiedererweckungsprosa, wie sie in den USA Furore macht, sondern darum, welche
Entwicklungslinien neuerdings in der Science Fiction - wieder - behandelt werden. Dabei
fällt auf, das manche Autoren wie Dan Simmons oder Jane Jensen nicht exakt
einzuordnen sind. Sind sie Science-Fiction-Autoren, oder vertreten sie ein Genre zwischen
den Stühlen? Mir persönlich ist es gleichgültig, ob ein Autor oder eine Autorin dem
Stammbaum der Science Fiction entwachsen oder ein Quereinsteiger ist. Was zählt, ist die
Qualität ihrer Werke, also die Umsetzung der Literatur des Unmöglichen in weit entfernte
Zustände, Orte und Zeiten. Der Text muss gut sein, spannend, anregend, vergnüglich zu
lesen und sollte etwas Neues bieten, dass das Denken der Leser stimuliert. Also ein
Ankoppeln an Erfahrungen und das Abdrehen ins Unendliche!
Rationalität im Zweifel so würde ich das Programm
neuer Entwicklungen in der Science Fiction charakterisieren. |
 
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Götter sind so alt wie die
Menschheit vielleicht sogar älter. Heute ist man unsicher, wie sie zu uns stehen,
ob sie sich für die Belange der Menschen überhaupt noch interessieren, ob sie in andere
Sphären abgewandert oder ob sie im schlimmsten Falle längst ausgestorben
sind.
Die Götter unserer Vorfahren haben die Menschheit aus dem Dunkel der
vortechnischen Zeit ins Licht von Zivilisation und Kultur begleitet. Sie haben geholfen,
Glaubenssysteme zu schaffen, die den Kern aller menschlichen Kulturen bilden. Sie haben
zur Emanzipation der Menschen von ihren natürlichen Wurzeln beigetragen, indem sie sich
später aus der Koexistenz mit uns zurückgezogen und uns unserer eigenen Schaffenskraft
überlassen haben. Heute führen sie ein zurückgezogenes Dasein in den monotheistischen
Weltreligionen und in der Literatur. Sie sind zu Karikaturen ihrer einstigen Größe und
Macht geworden. Die Menschen beginnen, sie zu vermissen, und fangen an, ihre eigenen
künstlichen Götter zum Leben zu erwecken.
Seit der Erfindung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert schienen
religiöse Glaubenssysteme ihre Bedeutung zu verlieren. Rationalität und Pragmatismus
traten ihren Siegeszug an. Nur das, was beweisbar war, wurde als real angesehen. Im
Schatten der zunehmenden Bedeutung der Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert entstand mit
der Science Fiction eine neue Literaturgattung, die wissenschaftlich-technische Utopien
entwarf. Dazu gehören insbesondere auch die frühen Werke über die Synthese
künstlicher, von der Natur nicht vorgesehener Dinge. Diese handelten zunächst von
Konstruktionen aus Materie und Energie; allerdings zählen zu den Frühwerken der Science
Fiction bereits berühmte Bücher über die Erschaffung lebendiger Wesen, z.B. Frankenstein
oder der moderne Prometheus (1818) von Mary Shelley oder Der Golem (1915)
von Gustav Meyrink. Mit diesen Werken wurde die Frage nach der Seele des Lebendigen
aufgeworfen, was aber ohne Breitenwirkung blieb. Nicht Philosophie war gefragt, sondern
Logik. Die Dinge hinter den Dingen wurden nicht thematisiert.
Erst neuere Werke der Science Fiction greifen den Grundkonflikt zwischen
Atheisten und Gläubigen wieder auf und machen sie zum Thema interessanter Literatur. Im
deutschen Sprachraum fand spätestens seit dem Erscheinen von Andreas Eschbachs Jesus Video
(1998) die Verbindung von Glaube und Wissenschaft wieder eine literarische Umsetzung -
wohlgemerkt nicht als Science Fiction, sondern als Thriller (auch wenn der Roman als
bester SF-Roman des Jahres 1998 mit dem Kurd Laßwitz Preis
ausgezeichnet wurde). Einer der herausragenden aktuellen Autoren ist Dan Simmons, dessen
Werke komplexe philosophische Exkurse in spannende Handlungsabläufe einbinden. |
I. Science Fiction und
Religion
Ich möchte die These wagen, dass die gelungenen Werke der Science-Fiction-Literatur
und die Bücher der großen Weltreligionen Gemeinsamkeiten aufweisen. Beide schreiben sie
über das Unmögliche, das Unvorstellbare, aber auch über das Gewünschte und Ersehnte,
über Ethik und Moral, über Utopien und eine weit entfernte Zukunft. Beiden liegt die Transzendenz
menschlichen Seins am Herzen. Denn findet man nicht den Himmel irgendwo im Universum,
die Hölle im Hyperraum, die Engel unter den Aliens und Gott als Angehörigen irgendeiner
Superzivilisation?
Einer der Altmeister der Science-Fiction-Literatur, Isaac Asimov, hat
in der Kurzgeschichte »The Last Question« (1956; dt. »Die letzte Frage«) die
Menschheit, das Universum und Gott kongenial miteinander verknüpft. Was als eine trunkene
Wette unter Programmierern im Jahre 2061 beginnt, endet in einem neuen Urknall am Ende
aller Dinge, nur diesmal unter Beteiligung der Menschheit, die in Verschmelzung mit ihrem
Supercomputer zu Gott geworden ist. Die letzte Frage lautet etwa: »Können wir eine neue
Sonne anzünden, wenn die alte verbraucht ist?« oder: »Ist die Zunahme der Entropie im
Universum umkehrbar?« Selbst dem lernfähigen Supercomputer fehlt die Datenbasis zur
Beantwortung dieser Fragen, bis schließlich am Ende der Zeit, als die Menschen zu Galaxis
umspannenden Geisteswesen geworden sind und mit dem kosmischen Computer verschmelzen, klar
wird, was zu tun ist: Und der Computer sprach: »Es werde Licht. Und es ward Licht.« Olaf
Stapledon sagte einst dazu: »Gott, der am Anfang alle Dinge erschuf, ist selbst am Ende
von allen Dingen erschaffen worden.«
Religionen spielen auch in den jüngeren Werken der
Science-Fiction-Literatur eine Rolle, wie dies Gentry Lee in Bright Messengers
(1995; dt. Boten des Lichts) brillant vorgeführt hat. Er behandelt die Utopie
von Religionen. Anders ausgedrückt: Die Frage nach Glaubensgemeinschaften der Zukunft und
die Problematisierung des Glaubens an Gott wird für den Fall thematisiert, dass die
Menschheit irgendwann Außerirdischen begegnet. Beispiele finden sich auch in Childhoods
End (1953; dt. Die
letzte Generation) von Arthur C. Clarke, in dem
die Außerirdischen, die die Menschheit auf ihrem evolutionären Wege in die Zukunft
begleiten, ironischerweise haargenau wie der Leibhaftige mit Pferdefuß und Hörnern auf
dem Kopf aussehen. |
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Science-Fiction-Autoren
und Religion
Arthur C. Clarke unterscheidet in seinem Essay »Credo« zwischen zwei Aspekten der -
wie er sagt - »hypothetischen Entität« Gott. »Alpha« sei der eifersüchtige Gott des
Alten Testaments, der über die Menschen wacht und Gutes oder Böses im Hinblick auf ein
Leben nach dem Tode bewertet. »Omega« ist der Schöpfer von allem. Dieser sei wesentlich
interessanter, weil er nicht so einfach abgetan werden könne.
In »Credo« führt Clarke eine mögliche zukünftige Entwicklung der
Menschheit radikal aus: Ausgehend von dem Gedanken, dass wir heute in einem frühen
Frühling des Universums leben, müssen wir konstatieren, dass die wahre Geschichte des
Universums noch vor uns liegt. Die Kulturgeschichte der Menschheit ist einige zehntausend
Jahre alt. Das Universum wird aber noch Milliarden oder Billionen Jahre existieren. Welch
ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten zeichnen sich ab? Wohin werden sich die zukünftigen
Menschen entwickeln? »Sie werden genug Zeit haben, in jenen endlosen Ewigkeiten alles zu
versuchen und sich alles Wissen anzueignen. Sie werden wie Götter sein, denn keine
Götter unseres Vorstellungsvermögens verfügten jemals über die Macht, über die sie
verfügen werden.«
Was aber bliebe uns, den gegenwärtigen Menschen? Arthur C. Clarke ist
der Meinung, dass unsere fernen Nachkommen uns um unsere Jugend im Frühling des Kosmos
beneiden würden: »Aber um all das werden sie uns beneiden, wenn sie sich im Abendrot der
Schöpfung sonnen. Denn wir kannten das Universum, als es jung war.«
In dem Essay »God and Einstein« weist Clarke auf ein Paradoxon
zwischen der Relativitätstheorie und dem Glaubenskonstrukt eines allmächtigen Gottes
hin. Die moderne Physik sagt, dass nichts schneller als das Licht reisen kann. Die
Lichtgeschwindigkeit ist eine absolute Größe, die nicht erreicht oder überschritten
werden kann. Das Licht benötigt seit dem Urknall Milliarden von Jahren, um den Teil der
Schöpfung zu erreichen, den wir mit unseren Teleskopen sehen können. Wenn »Gott« sich
an die Begrenzung durch die Lichtgeschwindigkeit halten müsste, kann er nicht überall im
Universum gleichzeitig sein, um das Ausbrechen der Hölle zu verhindern. Wenn er
allerdings nicht den Gesetzen der Physik unterworfen wäre und mit unbegrenzter
Geschwindigkeit jederzeit an jedem Ort des Universums sein könnte, dann würde dies
bedeuten, dass es möglich wäre, die Lichtgeschwindigkeit zu überschreiten. Man könnte
den Schluss ziehen, dass der Glaube an Gott einer zukünftigen Menschheit helfen würde,
die Lichtgeschwindigkeit zu überwinden und jeden Winkel des Universums zu erkunden.
Science-Fiction-Autoren sind überwiegend Atheisten oder, wie sich Isaac
Asimov selbst bezeichnete, »Humanisten«. Obwohl er einen zweibändigen Asimov´s
Guide to the Bible einen Bibelführer herausgegeben hatte, blieb er ein
strenger Verfechter der Naturwissenschaft. »Ich glaube an die naturwissenschaftliche
Methode und die Vorherrschaft des logischen Denkens als Möglichkeit, das natürliche
Universum zu verstehen. Ich glaube nicht an die Existenz von Wesen, die nicht mit dieser
Methode verstanden werden können und die deshalb als übernatürlich
bezeichnet werden. Ganz sicher glaube ich nicht an die Mythologien unserer Gesellschaft
wie Himmel und Hölle, Gott und Engel, Teufel und Dämonen«. Wie seine Frau Janet
Jeppson-Asimov anmerkt, würde es zu seinem berühmt-berüchtigten Humor passen, dass er
nun in dem Buch Whos Who in Hell erwähnt wird.
Arthur C. Clarke äußert sich noch kritischer zu Fragen der Kirche (von
England): »Das ist alles Unsinn, mit dem ich nicht übereinstimme«. Eines seiner wohl
eher unbekannten, aber treffenden Bonmots ist das folgende: »Naturwissenschaft handelt
von unwichtigen Fragen, die gelöst werden können, während die Religion mit wichtigen
Fragen zu tun hat, für die es keine Lösung gibt.« Und er führt weiter aus: »Die
größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit ist wohl die Tatsache, dass die Moral
von der Religion mit Beschlag belegt wurde.«
Wie sehen nun die großen Vorbilder der Altmeister der
Science-Fiction-Literatur, die Naturwissenschaftler, die Rolle des Glaubens? |
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II.
Naturwissenschaftler und Religion
Naturwissenschaftler sind überwiegend Atheisten. Sie verneinen den Glauben an Gott
oder religiöse Systeme und pochen auf den Wahrheitsgehalt der wissenschaftlichen
Methodik. Die Psychologen Edward J. Larson und Larry Witham haben im Jahr 1996 die
Glaubensvorstellungen US-amerikanischer Naturwissenschaftler untersucht und dabei mit
einer Befragungstechnik gearbeitet, die bereits im Jahre 1916 von dem Psychologen James
Leuba angewendet worden war. Die Ergebnisse sind direkt vergleichbar, lassen also
Schlüsse auf Veränderungen innerhalb von 80 Jahren zu.
Im Jahre 1996 geben ca. 60% der befragten Wissenschaftler an, nicht an
Gott zu glauben oder Zweifel zu haben. Diese Zahlen haben sich seit 1916 nicht grundlegend
verändert. Zugenommen im Laufe von 80 Jahren hat der Nichtglaube an die oder der Zweifel
an der menschlichen Unsterblichkeit. Am interessantesten allerdings ist, dass das
Verlangen nach Unsterblichkeit (in der Kategorie »überhaupt nicht«) von 27% im Jahre
1916 auf 64,2% im Jahre 1996 dramatisch zugenommen hat. In einer zweiten Untersuchung mit
»großen Wissenschaftlern« (z.B. Nobelpreisträgern) aus dem Jahre 1998 stellten Larson
und Witham eine noch größere Ablehnung des Gottesglaubens fest: Lediglich 7% der
Befragten glauben an Gott. Der persönliche Nicht-Glaube an die Unsterblichkeit ist seit
dem Jahre 1914 (25,4%) auf 76,7% angestiegen. |
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Gott als Begrenzung des
Universums
Selbst die besten Physiker können nicht alles verstehen und erklären. Der Umgang mit
dem Unerklärlichen führt sie an die Grenze von Mystizismus und Gottesglaube. Wie sie
damit umgehen, unterscheidet sich nicht unbedingt grundlegend von den Glaubenskonflikten
normaler Menschen. Auch Naturwissenschaftler haben bei den letzten Fragen keine Gewissheit
und verlieren sich in Spekulation.
Letztlich bleibt auch bei den klügsten Köpfen der Naturwissenschaft
ein Moment von Unsicherheit, wenn man sie genauer nach dem Allerersten oder dem
Allerletzten bzw. nach dem Zusammenhang dieser beiden Zustände fragt. Exemplarisch wird
das in dem berühmten Interview der Philosophie-Professorin Renée Weber mit Stephen
Hawking in THE SCIENTIST aus dem Jahre 1987 deutlich.
Hawking selbst führt mit der Bezeichnung »Gott« ein übernatürliches Prinzip in die
Diskussion um die frühen Stadien des Universums ein: »... wenn es eine Begrenzung gibt,
muss jemand entscheiden, was an der Begrenzung passieren soll. Man müsste tatsächlich
Gott anrufen. Man könnte Gott als Begrenzung des Universums definieren, als Auslöser,
der dafür verantwortlich war, alles in Bewegung zu setzen.« Auf die Nachfrage von Weber:
»In dem Sinne, in dem Sie Gott benutzen, ist es eher ein Prinzip, das gleichbedeutend mit
den Gesetzen des Universums ist. Das schließt kein moralisches Wesen ein.«, antwortet
Hawking mit »Ja«.
Hawking bezeichnet mit »Gott« also eine Art übermenschlichen
Wirkmechanismus, der die Dinge steuert. Hier verfällt er in einen Mystizismus, den er
später in dem Interview zurückweist: »Wenn man theoretische Physik und Mathematik als
zu schwierig empfindet, wendet man sich dem Mystizismus zu.« An anderer Stelle bemerkt
er, dass die Beschreibung des Großen Knalls vor der ersten Sekunde nach dem Urknall
»viel zu spekulativ« sei. Trotz dieser beiden Eingeständnisse von Unsicherheit beharrt
Hawking strikt auf der wissenschaftlichen Erklärbarkeit der Zustände im Universum: »Wir
glauben immer noch daran, dass das Universum logisch und schön sein sollte. Wir haben nur
das Wort Gott ausgelassen.« |
III. Neuere Science
Fiction und die Rückkehr des Göttlichen
Meine Grundthese ist, dass die neuere Science-Fiction-Literatur verstärkt auf
Phantasie setzt und mystische Elemente aufgreift, also mit tiefgehenden
Glaubensvorstellungen der Menschen experimentiert. »Der einzige Weg, die Grenzen des
Möglichen zu finden, ist es, dahinter zum Unmöglichen fortzuschreiten« (Arthur C. Clarkes zweites
Gesetz).
Science Fiction lässt sich abgrenzen von der Märchenwelt der Phantasie
und der Dogmatik vieler Religionen, indem sie Utopien phantasievoll ausschmückt und in
Grenzgebiete des Unmöglichen transportiert. Während die früheren großen Autoren wie Asimov und Clarke
ausschließlich Logik und Rationalität zuließen, also an der Schwelle wissenschaftlicher
Erkenntnisse stehen blieben, gestatten sich die heutigen großen Autoren wie Dan Simmons
die Freiheit der Überschreitung aller Grenzen. Sie setzen sich mit den zentralen Fragen
der menschlichen Existenz auseinander: Leben, Tod, Wiedergeburt, Endlichkeit,
Unendlichkeit, Zeitumkehr, Gott.
Damit fließen neue Impulse in die etwas trocken geratene
Literaturgattung der Science Fiction und verleihen ihr neuen Glanz. Sie mag somit für
neue Zielgruppen interessant werden, aber hat sie eine neue literarische Qualität
gewonnen? Ich denke, ja. Und zwar deshalb, weil die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts
genau an den Schnittstellen von Wissenschaft, Technik und Glaubensfragen miteinander in
Konflikt treten werden. Ich vermute, dass die zunehmende Durchdringung des Alltagslebens
mit Technik nicht zwangsläufig zu mehr wissenschaftlicher Rationalität der Laien führen
wird, sondern eher zu einer Hinwendung zu Mystik und Aberglaube. Eine Literaturgattung,
die solche Fragen aufgreift und transparent werden lässt, ist im Ansatz emanzipatorisch.
Kann die moderne Science Fiction also zum Leitbild für die Literatur des 21. Jahrhunderts
werden? |
Die Meister
der Satire und die alten Götter in der neuen Zeit
Unter den Autoren, die sich an die Thematik des Göttlichen heranwagen, sind drei
Meister der Satire: Douglas
Adams, Terry Pratchett
und Neil Gaiman. Douglas Adams, der große Satiriker, lässt in seinem Buch Der lange
dunkle Fünfuhrtee der Seele (1988) die nordischen Götter auf die technisierte Welt
stoßen und zieht die Leser hinein in ein wunderbares Chaos von nicht miteinander zu
vereinbarenden Kulturen. Der Privatdetektiv Dirk Gently mit seinen höchst irdischen
Problemen beispielsweise führt er einen aussichtslosen Kampf mit seiner Putzfrau
darüber, wer die verrotteten Lebensmittel aus dem Kühlschrank entfernen muss
trifft am Flughafen London-Heathrow auf Thor, Gott des Donners, der ein Flugticket nach
Norwegen kaufen will. Leider verfügt der Unsterbliche weder über einen Reisepass noch
eine Kreditkarte. Das Buch strotzt vor skurriler Einfälle und ist voll mit
ausgetüftelten Absurditäten.
In dem Buch Ein gutes Omen (1992) von Neil Gaiman und Terry
Pratchett findet der Leser eine vergnügliche Komödie über Armageddon. Ein Engel und ein
Teufel versuchen gemeinsam, den Weltuntergang zu verhindern, weil es ihnen im Grunde auf
der Erde, wie sie ist, sehr gut gefällt. Alles wird auf den Kopf gestellt, was die
christliche Lehre und die alten Prophezeiungen voraussagen. Der Antichrist wächst in
einer Kleinfamilie auf, Nonnen dürfen nicht schweigen, sondern müssen schwätzen,
Prophezeiungen treffen grundsätzlich ein. Ein wunderbares Beispiel für den Humor der
Autoren ist die Stelle, an der der Dämon Crowley versucht, dem Engel Erziraphael die
Folgen der Ewigkeit zu erläutern (beide sind offensichtlich ziemlich betrunken):
»Denk nur mal darüber nach«, fuhr Crowley erbarmungslos fort. »Weißt du
eigentlich, wasch die Ewigkeit bedeutet? Weißt du wirklich, wasch sie bedeutet? Ich
meine, hast du einen Vorstellung davon, wasch die Ewigkeit is'? Nun, am Ende des
Universums gibt es einen Berg, mehr alsch eine Meile hoch. Und einmal in tausend Jahren
kommt da dieser kleine Vogel ...«
(...)
»Allerdings schprechen wir hier vom Ende des Universums«,
wandte der Engel ein. »Also müsset es eins von den Raumschiffen sein, in denen eine
Generation auf die andere folgt und irgendwelche Nachkommen am Ziel eintreffen. Es bleibet
einem also gar nichts anderes übrig, als die Söhne und Töchter zu ins... zu inschtr ...
als ihnen zu schagen: He, hört mal, wenn ihr beim Berge seid ...« Erziraphael zögerte.
»Was sollen sie am Berg machen?«
»Der Vogel schärft seinen Schnabel an dem Berg«, erklärte Crowley.
»Und anschließend fliegt er zurück ...«
»Mit dem Raumschiff.«
»Nach tausend Jahren macht er sich erneut auf den Weg«, fuhr Crowley
fort. »Und nach zweitausend Jahren noch einmal. Und so weiter.«
Einige Sekunden herrschte trunkene Stille.
»Scheint mir ziemlich viel Mühe zu sein.« Erziraphael schürzte
skeptisch die Lippen.« Nur um einen Schnabel zu schärfen ...«
»Hör mal«, brummte Crowley, »es isch eine Metaffer. Wenn der kleine
Vogel den ganzen Berg abgewetzt hat, nun, äh ...«
Erziraphael öffnete den Mund. Crowley wußte, daß ihn der
Engel auf die unterschiedliche Härte zwischen Vogelschnäbeln und dem ordentlich festen
Granit eines Berges hinweisen wollte, und deshalb brachte er seinen Satz hastig zu Ende.
»... dann ist für dich die Zeit immer noch nicht vorbei, dass du den
Sphärenklängen lauschen mußt.«
Erziraphael erstarrte.
Und in seinem Buch American Gods
(2001) spielt Neil Gaiman virtuos mit einem Kulturclash im Götterhimmel. Der aus dem
Gefängnis entlassene »Shadow« gerät in den Krieg der alten Götter mit den neuen
Göttern des Internet und entdeckt vieles über die Seele Nordamerikas und seine
Obsessionen für Macht und Geld. »Dies ist ein schlechtes Land für Götter.« |
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Der Kampf der Götter
Dan Simmons ist einer der erfolgreichsten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart
und sicherlich einer der kreativsten. Seine beiden epischen Zyklen Hyperion/Endymion
(vier Bände, 19901996) sowie Ilium/Olympos (2003/2005) enthalten sehr
vielschichtige, komplexe und philosophisch begründete Erzählungen einer zukünftigen
Menschheit und ihrer künstlichen Götter.
In Hyperion/Endymion geht es um den Dreieckskonflikt zwischen
Menschen, den von ihnen geschaffenen und längst emanzipierten technischen Intelligenzen
sowie göttlichen Sendboten. »Hyperion« behandelt das Zusammentreffen sehr
unterschiedlicher Individuen zu einer Pilgerreise, deren Sinn erst nach und nach
verständlich wird. Im Kern geht es um eine Zeitreise, die aus der Zukunft in die
Vergangenheit verläuft. In ferner Zukunft tobt der Kampf zwischen Menschen, zwischen der
technischen »Höchsten Intelligenz« und Gott bzw. den Sendboten Gottes. Die Austragung
des Konflikts findet in der Vergangenheit statt und die Pilger spielen im Kampf der
übernatürlichen Mächte sehr verwickelte Rollen. In der Fortsetzung Endymion
tritt mit der Hauptdarstellerin Aenea das göttliche Wirken in den Mittelpunkt der
Handlung, sozusagen eine weibliche Christusfigur, auf die die ganze Handlung fokussiert
ist. In beiden Romanen ist ein faszinierender Stil mit tiefgründigen philosophischen
Exkursen und Technikspielereien gepaart - ein wahres Lesevergnügen.
Ilium erzählt eine völlig andere Geschichte. In einer fernen Zukunft ist das
Sonnensystem von Menschen und künstlich-technischen Intelligenzen besiedelt. Auf dem Mars
spielen unsere Nachfahren die Ilias nach und agieren unter Verwendung fortgeschrittener
Technologie als antike griechische Götter. Dan Simmons spielt mit Arthur C. Clarkes
drittem Gesetz, das besagt, dass eine wirklich fortgeschrittene Technologie von Magie
nicht mehr zu unterscheiden ist. Die Götter auf dem Mars entfesseln Quantenkräfte - mit
verheerenden Auswirkungen, die ganz unterschiedliche Lebewesen auf den Plan rufen. Der
Band Olympos, der im Sommer 2005 in den USA erschienen ist, erzählt diese
Geschichte weiter.
Die Werke von Dan Simmons verflechten verschiedene Handlungsstränge und
lenken ganz unterschiedliche Blickrichtungen auf das übergeordnete Thema »Der
künstliche Gott«. Ein Nacherzählen ist nicht möglich, ein Nachlesen allerdings sehr zu
empfehlen! |
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Die Wiederkunft des
neuen Heilands
Mit dem Buch Der letzte Tag hat Glenn Kleier eine moderne Fassung des Neuen
Testaments geschrieben. Die Handlung beginnt während der letzten Tage des Jahres 1999 in
Jerusalem, das durch kursierende Gerüchte um die Wiederkehr des Heilands, große
Menschenmengen der so genanten »Millennarier« und die Explosion eines geheimen
Versuchslabors der Israelis in der Negev-Wüste aufgewühlt wird. Ein Reporterteam von WNN
recherchiert das Thema Zeitenwende und berichtet über »Jesa«, die fleischgewordene
Tochter Gottes.
Diese bringt als göttliche Botschaft die Auflösung der
Religionsgemeinschaften und legt sich besonders mit der katholischen Kirche an. Der Papst
als Stellvertreter Gottes auf Erden versagt völlig, indem er »ex cathedra«, also mit
göttlicher Unfehlbarkeit, Jesa als Satan brandmarkt und seinen Irrtum erst am Schluss
bemerkt. Da ist der neue Heiland bereits ermordet worden, und der Leser kann nicht ganz
sicher sein, ob Gottes Prophet nun wirklich für kurze Zeit auf die Erde zurückgekommen
ist oder nicht.
Interessant an dem Buch ist die Verlegung des Lebens Jesu Christi in die
Neuzeit und die Diskussion der Frage, wie die Welt heute mit ihm umgehen würde. Im Grunde
genau wie damals, lautet die Antwort: unverständig, ungläubig, mörderisch. Der Mensch
hat in 2000 Jahren offenbar nichts dazugelernt. |
 
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Das Wundergen von Jesus
Christus
Michael Cordy ist ein Autor, der die Grenzbereiche zwischen Wissenschaft und Glaube
spannend erzählt. In seinem Roman Lucifer Träger des Lichts (Lucifer,
2001) verbindet er optische Computer mit Fragen nach dem Tod und der Wiederkunft Christi
als Luzifer. Von Interesse im Rahmen dieses Essays ist jedoch ein anderes seiner Bücher: Das
Nazareth Gen (1999, The Miracle Strain).
Dezember 2002: Die menschliche Erbsubstanz ist komplett entschlüsselt
worden. Der brillante US-amerikanische Wissenschaftler Tom Carter, dem dies mit Hilfe
eines Supercomputers gelungen ist, erhält in Stockholm den Nobelpreis für Medizin. Bei
dem Anschlag einer religiösen Fundamentalistengruppe, die Carter für einen Frevler an
der Schöpfung hält, kommt seine Frau ums Leben, er selbst wird nur leicht verletzt.
Daraufhin entbrennt ein Kampf zwischen Glaube und Wissenschaft, der auf
unterschiedlichen Ebenen ausgetragen wird, vor allem aber auf einer: Carters Tochter
leidet an einem Gendefekt und muss sterben, wenn nicht ihr berühmter Vater ein
Gegenmittel findet - ein Gen mit Wunderheilkräften aus dem Grabtuch von Jesus Christus;
und das befindet sich in der Hand der Fundamentalisten. |
Ist Wiedergeburt
möglich?
Vectors (2002) von Michael Kube-McDowell ist ein faszinierendes Buch über ein
Wissenschaftler-Paar, das sich mit unterschiedlichen Aspekten menschlicher Transzendez
beschäftigt: Liebe, Tod, Wissenschaft, Wiedergeburt, Hoffnung. Dr. Jonathan Briggs ist
ein Neurologe, der über die Existenz der Seele arbeitet. Er trifft auf seine große Liebe
Alynn Reed, die Expertin für virtuelle Realität ist und Spiele entwickelt. Sie führt
den Wissenschaftler in die hypothetische Möglichkeiten der Wiedergeburt ein, die er
zunächst verwirft, durch seine eigenen Forschungen aber mehr und mehr bestätigt sieht.
Seine Forschungsergebnisse verunsichern ihn zunehmend, bis er schließlich den finalen
Test wagt, als seine Geliebte ermordet wird. Er sieht eine Chance für ein Wiedersehen
nach dem Tode: »... and death is the beginning of the most amazing adventure of all ...« |
Glaube als Maskerade
für Völkermord
Am Vorabend des Jahrtausendwechsels empfangen im mexikanischen Santa Pelagia
vierundzwanzig Vertreter aller großen Weltreligionen die Botschaft Gottes vom Ende der
Welt - von Armageddon, der letzten Schlacht zwischen Gut und Böse. Der Katholikin Maria
Sanchez erscheint die Jungfrau Maria am Himmel, schwarz gekleidet als Zeichen ihres
Schmerzes, und zitiert aus der Offenbarung des Johannes. Ihre Vision wird von den
Wundmalen Christi begleitet, münzgroßen, blutenden Wunden auf beiden Seiten ihrer
Handflächen. Die Stigmata werden von einem Fernsehteam gefilmt, die Bilder gehen um die
Welt.
Mit diesem Szenario beginnt das Erstlingswerk der jungen
US-amerikanischen Autorin Jane Jensen, Millennium Rising (1999). Die Leser werden
mit großer Suggestivkraft in einen Live-Bericht über das Jüngste Gericht hineingezogen.
Eine Katastrophe nimmt ihren Lauf: Auf Nahrungsmitteln erscheinen geschwürähnliche
Flecken, den Menschen verbrennt die Haut. In kurzen Abständen fallen die Apokalyptischen
Reiter über den Planeten her, als tödliche Geschwüre, als Verbrennungen, als
Hungersnöte, als globale Epidemie, der Millionen Menschen zum Opfer fallen. Auch der
Papst und der US-Präsident sowie der größte Teil seines Kabinetts sterben. Die
westliche Zivilisation ist ihrer Führungspersönlichkeiten beraubt und versinkt im Chaos.
Die menschliche Vernunft gerät unter die Räder eines globalen Wahns,
der, wie die Autorin nach mehr als hundert Seiten langsam eröffnet, natürlich nicht von
Gott inszeniert wird, sondern von einem weltweit agierenden Geheimbund namens »Das rote
Zepter«, dessen Mitglieder das Jüngste Gericht als menschliche Verschwörung gegen die
eigene Gattung inszenieren. Die beiden Helden des Romans, Father Michele Deauchez und der
Reporter Simon Hill, entdecken Schritt für Schritt die Wahrheit und bringen sie ans
Licht.
Mit äußerster Perfektion und eiskalter Berechnung verfolgt das roten
Zepters das Ziel, vier Milliarden Menschen auszurotten und eine neue Weltordnung zu
ereichten. Dazu benutzen sie geschickt die Leichtgläubigkeit der Menschen an ihre
jeweilige Religion sowie ein ausgefeiltes Arsenal an Hochtechnologie und
naturwissenschaftlich-technischen Kenntnissen. Der industriell-militärische Komplex
inszeniert den globalen Holocaust.
Es bleibt die Frage, warum die Geheimorganisation »Rotes Zepter«
diesen globalen Holocaust inszeniert hat. Um die Welt vor Überbevölkerung und
Umweltverschmutzung zu retten, lautet die Wahnvorstellung von Anthony Cole, des
Gegenspielers. Alle idealistischen Versuche von Geburtenkontrolle, der UN oder Greenpeace
hätten nichts genützt. Nun hätten die neuen Führer für das eigene Schicksal die
Verantwortung übernommen. Manchmal sei das, was getan werden müsse, nicht einfach.
Das Buch ist düster, unheimlich spannend und von fundamentaler Wucht.
Die ersten 150 Seiten lassen den Leser fast glauben, dass der biblische Weltuntergang
tatsächlich stattfindet. Schließlich kommt die Wendung zu einer menschengemachten
Katastrophe und rationalen Erklärungen. Millennium Rising ist ein wirklich
interessantes und spannend geschriebenes Buch, das die Nahtstellen von Glaube und
Wissenschaft auslotet. Was ist mystisch und was bewiesen? Wie wirklich ist die
Wirklichkeit? Wie kann die Realität interpretiert werden? Am Ende des Buches weiß
niemand mehr genau, wo die Grenzlinie zwischen Glauben und Wissen verläuft. Und die
Autorin verfolgt genau diese Absicht, wenn sie in einem Interview ausführt:
»Wissenschaft ist ausgesprochen magisch, besonders fortschrittliche
Wissenschaft. Was ist der Unterschied zwischen den Fotos, die wir vom Hubble-Teleskop
bekommen, und der mystischen Vision, die ein Schamane vom Kosmos hat? Oder zwischen
menschlichen Wesen, die durch Gentechnik perfektioniert wurden, und den Vorstellungen von
Engeln oder von Unsterblichkeit?«
Jane Jensen geht sehr kreativ mit fortschrittlicher Wissenschaft um. Sie
erfindet beispielsweise eine Hochfrequenztechnologie, die menschliche Gehirne beeinflusst
und Meinungen bzw. Glaubensvorstellungen transportieren hilft (High Frequency Active
Auroral Research Programme HAARP); ein Manipulationssystem für Ideen sozusagen.
Das ist zwar noch Science Fiction, verdeutlicht aber eine technologische
Entwicklungsmöglichkeit mit gewisser Eintrittswahrscheinlichkeit. Weiter gesponnen,
verschwimmen die vermeintlich scharfen Grenzen zwischen Wissenschaft und Glaube, und es
beginnt der von Arthur C. Clarke formulierte Satz zu wirken, nach dem eine wirklich
fortschrittliche Technik von Magie nicht mehr zu unterscheiden ist.
Millennium Rising handelt aber noch von anderen menschlichen Problemen:
unseren Ur-Ängsten und Selbstzweifeln, der Frage, was nach dem Tode kommt, und den
schuldbeladenen apokalyptischen Untergangsvisionen. Das Buch rührt an grundlegende Fragen
von Sein, Glaube und Prophezeiung und entwickelt eine düstere, spannungsgeladene
Zukunftsvision, die den Leser an die Grenze seiner eigenen Glaubensvorstellungen führt. |
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IV. Literatur des
Unmöglichen
Schriftsteller, die sich für Rationalisten halten, über Utopien - oder Dystopien -
schreiben und die Grenzen des Darstellbaren hin zum Unmöglichen verschieben das
sind moderne Sciece-Fiction-Autoren. Wenn sie gut sind, verschmelzen sie
naturwissenschaftlich-technische Entwicklungsmöglichkeiten in unterschiedlichen
kulturellen Kontexten mit der Kraft menschlicher Mythologien und Glaubenssysteme und mit
spannenden Handlungen sowie lebendigen Figuren. Rein technische Erzählungen haben längst
jeglichen Reiz verloren. Wer mag die x-te Version von Raumschlachten und
Eroberungsfeldzügen, von neuen Waffensystemen und Raumantrieben noch lesen? Teilweise
gehen die Modernisierer der Science Fiction so weit, mögliche Zukunftsentwürfe neuer
Religionen zu entwerfen: Wie würden die irdischen Kirchen auf das Erscheinen von
vernunftbegabten Außerirdischen reagieren? Gelten die Gesetze der Physik auch für Gott?
Gilt die Evolution des Lebens auf der Erde auch für den Kosmos und für Gott?
Gute Science-Fiction-Autoren schreiben nicht über Beliebiges, sie sind
keine Märchenerzähler. Sie verbinden das Rationale und Logische mit dem Utopischen und
Phantasievollen zu einer neuen Qualität. Was sind nun Kriterien dieser - immer wieder -
neuen Literatur? Meiner Meinung nach der Grad und das Niveau, wie die Autoren die
Zustandsbeschreibungen des Unmöglichen ausleuchten. Nach diesem Kriterium
betrachtet, ist das Buch Millennium Rising von Jane Jensen sicherlich als
Meisterwerk einzuschätzen, das einen Preis für den besten Spannungsaufbau zwischen
religiösem Wahn und wissenschaftlicher Aufklärung verdient hätte. Die Werke von Dan
Simmons wären allesamt Kandidaten für Preisträger der luziden Einarbeitung von
philosophischen Denksystemen in Erzählungen, wenn es denn einen solchen Preis - sagen wir
des Verbandes deutscher Philosophen - gäbe. Das Buch Vectors von Michael
Kube-McDowell zeigt, wie die Liebe alle Schranken, ja sogar den Tod überwindet. Glenn
Kleier und Michael Cordy erzählen uns die Grundelemente des Neuen Testaments in heutigen
kulturellen Kontexten.
Sie alle weisen uns darauf hin, dass das Unmögliche möglich werden
könnte. Seien wir darauf vorbereitet. Befreien wir uns von überkommenen Denkmustern.
Lesen wir!
© 2005 Fritz Heidorn |
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Literatur:
- Adams, Douglas: Der
lange dunkle Fünfuhrtee der Seele (1988).
- Alpers/Fuchs/Hahn/Jeschke: Lexikon der
Science Fiction Literatur (Heyne: München, 1988)
- Asimov, Isaac:
»The Last Question« (1956)
- Asimov, Isaac:
It´s Been a Good Life (hrsg. von Janet Jeppson-Asimov; New York: Prometheus
Books, 2002) Kapitel 36: »Humanists«, S. 231ff.
- Clarke, Arthur C.: Childhoods
End (1953)
- Clarke, Arthur C.: Greetings,
Carbon-based Bipeds. Collected Essays 1934 1998 (New York: St. Martins
Press, 1999) »Credo«, Seite 358ff. »God and Einstein«, Seite 277ff.
- Clarke, Arthur C.: The
Collected Stories of Arthur C. Clarke (New York: TOR 2001) »The Nine Billion Names
of God«
- Cordy, Michael: Das Nazareth-Gen (München: Heyne 1999)
- Cordy, Michael: Lucifer Träger des Lichts (München: Heyne, 2003)
- Eschbach, Andreas: Jesus Video
(1998)
- Gaiman, Neil: American
Gods (2001)
- Gaiman, Neil & Pratchett,
Terry: Ein gutes Omen (1992)
- Jensen, Jane: Millennium Rising (New York: Del Rey 1999); später unter dem
Titel Judgement Day
- Jeschke, Wolfgang
& Mamczak, Sascha (Hrsg.): Science
Fiction Jahrbuch 2003 (München: Heyne, 2003)
- Kleier, Glenn: Der letzte Tag (Droemer Knaur 1999)
- Kube-McDowell, Michael: Vectors (New York: Bantam 2002)
- Larson, Edward J. & Witham, Larry: »Leading Scientists Still Reject God« NATURE,
Vol. 394, No. 6691, S. 313 (1998)
- Larson, Edward J. & Witham, Larry: Scientists Still Keeping the Faith:
Comparing Scientists in 1916 and 1996 NATURE, Vol. 386, S. 435-436
(1997)
- Lee, Gentry: Bright
Messengers (1995; dt. Boten des Lichts).
- Meyrink, Gustav: Der Golem (1915).
- Rees, Martin: Das Rätsel unseres Universums. Hatte Gott eine Wahl? (München:
Beck, 2003)
- Shelley, Mary: Frankenstein oder der moderne Prometheus (1818)
- Simmons, Dan: Hyperion / Der Sturz von Hyperion / Endymion:
Pforten der Zeit / Endymion:
Die Auferstehung (1990-1996)
- Simmons, Dan: Ilium
(2003), Olympos (2005).
- Weber, Renée: »God as the Edge of the Universe« (Interview mit Stephen Hawking) THE
SCIENTIST 1[7]: 15, 23. Februar 1987
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