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Der künstliche Gott

Die Rückkehr des Widerspruchs von Rationalität und Glauben in der Science Fiction

von Fritz Heidorn

Science Fiction
Alien Contact
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Worum geht es mir in diesem Essay? Nicht um die Ausleuchtung der obskuren Ideen der Welt der Mystik, Esoterik oder fundamentalistischer Glaubensdoktrinen, sondern um die Widersprüche von Rationalität und Glauben. Beide halte ich für fundamentale Kulturerrungenschaften der Gattung Mensch, die scheinbar gegeneinander stehen, in Wahrheit aber ein intellektuelles Yin-Yan-Prinzip menschlichen Denkens sind. Diesen Widerspruch beleuchte ich am Beispiel der Gattung Science Fiction, die mich seit langer Zeit interessiert, und zwar ebenfalls in zwiespältiger Hinsicht: Ich bin fasziniert von den eher wenigen brillanten Ideen, Konzepten und literarischen Umsetzungen und gleichzeitig abgestoßen von der hohen Zahl an schlecht geschriebenen und wenig durchdachten Texten. Alles in allem bin ich dennoch der Meinung, dass die Science Fiction unter Wert gehandelt wird. Sie hat - auch in Ideengeschichtlicher Hinsicht - eine solche Vielfalt zu bieten, dass sie einen größeren Leserkreis finden sollte. In Deutschland leidet sie obendrein unter einer offensichtlichen Schrumpfung des Marktes und der Konzentration auf Massenware in Form von Paperbacks, während in den USA ein vergleichsweise anspuchsvoller Markt für Hardcover-Bände existiert, die von spezialisierten Verlagen wie TOR Books oder Bantam Books herausgegeben werden.
   Science-Fiction-Autoren schreiben über naturwissenschaftlich geprägte Zukunftsvorstellungen. Sie sind in der Regel Atheisten und Rationalisten und können sich dennoch ihren Glaubensunsicherheiten nicht entziehen. Hier tut sich ein weites Feld von Irritationen auf, das sehr spannend und für die Leser vergnüglich ist. Davon handelt dieser Essay. Es geht nicht um heilende Kristalle, Stimmen aus dem Jenseits, um die Frage, was das Tibetanische Totenbuch mit dem Universum zu tun hat oder gar um rechte Wiedererweckungsprosa, wie sie in den USA Furore macht, sondern darum, welche Entwicklungslinien neuerdings in der Science Fiction - wieder - behandelt werden. Dabei fällt auf, das manche Autoren – wie Dan Simmons oder Jane Jensen – nicht exakt einzuordnen sind. Sind sie Science-Fiction-Autoren, oder vertreten sie ein Genre zwischen den Stühlen? Mir persönlich ist es gleichgültig, ob ein Autor oder eine Autorin dem Stammbaum der Science Fiction entwachsen oder ein Quereinsteiger ist. Was zählt, ist die Qualität ihrer Werke, also die Umsetzung der Literatur des Unmöglichen in weit entfernte Zustände, Orte und Zeiten. Der Text muss gut sein, spannend, anregend, vergnüglich zu lesen und sollte etwas Neues bieten, dass das Denken der Leser stimuliert. Also ein Ankoppeln an Erfahrungen und das Abdrehen ins Unendliche!
   Rationalität im Zweifel – so würde ich das Programm neuer Entwicklungen in der Science Fiction charakterisieren.

Götter sind so alt wie die Menschheit – vielleicht sogar älter. Heute ist man unsicher, wie sie zu uns stehen, ob sie sich für die Belange der Menschen überhaupt noch interessieren, ob sie in andere Sphären abgewandert oder ob sie – im schlimmsten Falle – längst ausgestorben sind.
   Die Götter unserer Vorfahren haben die Menschheit aus dem Dunkel der vortechnischen Zeit ins Licht von Zivilisation und Kultur begleitet. Sie haben geholfen, Glaubenssysteme zu schaffen, die den Kern aller menschlichen Kulturen bilden. Sie haben zur Emanzipation der Menschen von ihren natürlichen Wurzeln beigetragen, indem sie sich später aus der Koexistenz mit uns zurückgezogen und uns unserer eigenen Schaffenskraft überlassen haben. Heute führen sie ein zurückgezogenes Dasein in den monotheistischen Weltreligionen und in der Literatur. Sie sind zu Karikaturen ihrer einstigen Größe und Macht geworden. Die Menschen beginnen, sie zu vermissen, und fangen an, ihre eigenen künstlichen Götter zum Leben zu erwecken.
   Seit der Erfindung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert schienen religiöse Glaubenssysteme ihre Bedeutung zu verlieren. Rationalität und Pragmatismus traten ihren Siegeszug an. Nur das, was beweisbar war, wurde als real angesehen. Im Schatten der zunehmenden Bedeutung der Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert entstand mit der Science Fiction eine neue Literaturgattung, die wissenschaftlich-technische Utopien entwarf. Dazu gehören insbesondere auch die frühen Werke über die Synthese künstlicher, von der Natur nicht vorgesehener Dinge. Diese handelten zunächst von Konstruktionen aus Materie und Energie; allerdings zählen zu den Frühwerken der Science Fiction bereits berühmte Bücher über die Erschaffung lebendiger Wesen, z.B. Frankenstein oder der moderne Prometheus (1818) von Mary Shelley oder Der Golem (1915) von Gustav Meyrink. Mit diesen Werken wurde die Frage nach der Seele des Lebendigen aufgeworfen, was aber ohne Breitenwirkung blieb. Nicht Philosophie war gefragt, sondern Logik. Die Dinge hinter den Dingen wurden nicht thematisiert.
   Erst neuere Werke der Science Fiction greifen den Grundkonflikt zwischen Atheisten und Gläubigen wieder auf und machen sie zum Thema interessanter Literatur. Im deutschen Sprachraum fand spätestens seit dem Erscheinen von Andreas Eschbachs Jesus Video (1998) die Verbindung von Glaube und Wissenschaft wieder eine literarische Umsetzung - wohlgemerkt nicht als Science Fiction, sondern als Thriller (auch wenn der Roman als bester SF-Roman des Jahres 1998 mit dem Kurd Laßwitz Preis ausgezeichnet wurde). Einer der herausragenden aktuellen Autoren ist Dan Simmons, dessen Werke komplexe philosophische Exkurse in spannende Handlungsabläufe einbinden.

I. Science Fiction und Religion

Ich möchte die These wagen, dass die gelungenen Werke der Science-Fiction-Literatur und die Bücher der großen Weltreligionen Gemeinsamkeiten aufweisen. Beide schreiben sie über das Unmögliche, das Unvorstellbare, aber auch über das Gewünschte und Ersehnte, über Ethik und Moral, über Utopien und eine weit entfernte Zukunft. Beiden liegt die Transzendenz menschlichen Seins am Herzen. Denn findet man nicht den Himmel irgendwo im Universum, die Hölle im Hyperraum, die Engel unter den Aliens und Gott als Angehörigen irgendeiner Superzivilisation?
   Einer der Altmeister der Science-Fiction-Literatur, Isaac Asimov, hat in der Kurzgeschichte »The Last Question« (1956; dt. »Die letzte Frage«) die Menschheit, das Universum und Gott kongenial miteinander verknüpft. Was als eine trunkene Wette unter Programmierern im Jahre 2061 beginnt, endet in einem neuen Urknall am Ende aller Dinge, nur diesmal unter Beteiligung der Menschheit, die in Verschmelzung mit ihrem Supercomputer zu Gott geworden ist. Die letzte Frage lautet etwa: »Können wir eine neue Sonne anzünden, wenn die alte verbraucht ist?« oder: »Ist die Zunahme der Entropie im Universum umkehrbar?« Selbst dem lernfähigen Supercomputer fehlt die Datenbasis zur Beantwortung dieser Fragen, bis schließlich am Ende der Zeit, als die Menschen zu Galaxis umspannenden Geisteswesen geworden sind und mit dem kosmischen Computer verschmelzen, klar wird, was zu tun ist: Und der Computer sprach: »Es werde Licht. Und es ward Licht.« Olaf Stapledon sagte einst dazu: »Gott, der am Anfang alle Dinge erschuf, ist selbst am Ende von allen Dingen erschaffen worden.«
   Religionen spielen auch in den jüngeren Werken der Science-Fiction-Literatur eine Rolle, wie dies Gentry Lee in Bright Messengers (1995; dt. Boten des Lichts) brillant vorgeführt hat. Er behandelt die Utopie von Religionen. Anders ausgedrückt: Die Frage nach Glaubensgemeinschaften der Zukunft und die Problematisierung des Glaubens an Gott wird für den Fall thematisiert, dass die Menschheit irgendwann Außerirdischen begegnet. Beispiele finden sich auch in Childhood‘s End (1953; dt. Die letzte Generation) von Arthur C. Clarke, in dem die Außerirdischen, die die Menschheit auf ihrem evolutionären Wege in die Zukunft begleiten, ironischerweise haargenau wie der Leibhaftige mit Pferdefuß und Hörnern auf dem Kopf aussehen.

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Science-Fiction-Autoren und Religion

Arthur C. Clarke unterscheidet in seinem Essay »Credo« zwischen zwei Aspekten der - wie er sagt - »hypothetischen Entität« Gott. »Alpha« sei der eifersüchtige Gott des Alten Testaments, der über die Menschen wacht und Gutes oder Böses im Hinblick auf ein Leben nach dem Tode bewertet. »Omega« ist der Schöpfer von allem. Dieser sei wesentlich interessanter, weil er nicht so einfach abgetan werden könne.
   In »Credo« führt Clarke eine mögliche zukünftige Entwicklung der Menschheit radikal aus: Ausgehend von dem Gedanken, dass wir heute in einem frühen Frühling des Universums leben, müssen wir konstatieren, dass die wahre Geschichte des Universums noch vor uns liegt. Die Kulturgeschichte der Menschheit ist einige zehntausend Jahre alt. Das Universum wird aber noch Milliarden oder Billionen Jahre existieren. Welch ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten zeichnen sich ab? Wohin werden sich die zukünftigen Menschen entwickeln? »Sie werden genug Zeit haben, in jenen endlosen Ewigkeiten alles zu versuchen und sich alles Wissen anzueignen. Sie werden wie Götter sein, denn keine Götter unseres Vorstellungsvermögens verfügten jemals über die Macht, über die sie verfügen werden.«
   Was aber bliebe uns, den gegenwärtigen Menschen? Arthur C. Clarke ist der Meinung, dass unsere fernen Nachkommen uns um unsere Jugend im Frühling des Kosmos beneiden würden: »Aber um all das werden sie uns beneiden, wenn sie sich im Abendrot der Schöpfung sonnen. Denn wir kannten das Universum, als es jung war.«
   In dem Essay »God and Einstein« weist Clarke auf ein Paradoxon zwischen der Relativitätstheorie und dem Glaubenskonstrukt eines allmächtigen Gottes hin. Die moderne Physik sagt, dass nichts schneller als das Licht reisen kann. Die Lichtgeschwindigkeit ist eine absolute Größe, die nicht erreicht oder überschritten werden kann. Das Licht benötigt seit dem Urknall Milliarden von Jahren, um den Teil der Schöpfung zu erreichen, den wir mit unseren Teleskopen sehen können. Wenn »Gott« sich an die Begrenzung durch die Lichtgeschwindigkeit halten müsste, kann er nicht überall im Universum gleichzeitig sein, um das Ausbrechen der Hölle zu verhindern. Wenn er allerdings nicht den Gesetzen der Physik unterworfen wäre und mit unbegrenzter Geschwindigkeit jederzeit an jedem Ort des Universums sein könnte, dann würde dies bedeuten, dass es möglich wäre, die Lichtgeschwindigkeit zu überschreiten. Man könnte den Schluss ziehen, dass der Glaube an Gott einer zukünftigen Menschheit helfen würde, die Lichtgeschwindigkeit zu überwinden und jeden Winkel des Universums zu erkunden.
   Science-Fiction-Autoren sind überwiegend Atheisten oder, wie sich Isaac Asimov selbst bezeichnete, »Humanisten«. Obwohl er einen zweibändigen Asimov´s Guide to the Bible – einen Bibelführer – herausgegeben hatte, blieb er ein strenger Verfechter der Naturwissenschaft. »Ich glaube an die naturwissenschaftliche Methode und die Vorherrschaft des logischen Denkens als Möglichkeit, das natürliche Universum zu verstehen. Ich glaube nicht an die Existenz von Wesen, die nicht mit dieser Methode verstanden werden können und die deshalb als ›übernatürlich‹ bezeichnet werden. Ganz sicher glaube ich nicht an die Mythologien unserer Gesellschaft wie Himmel und Hölle, Gott und Engel, Teufel und Dämonen«. Wie seine Frau Janet Jeppson-Asimov anmerkt, würde es zu seinem berühmt-berüchtigten Humor passen, dass er nun in dem Buch Who‘s Who in Hell erwähnt wird.
   Arthur C. Clarke äußert sich noch kritischer zu Fragen der Kirche (von England): »Das ist alles Unsinn, mit dem ich nicht übereinstimme«. Eines seiner wohl eher unbekannten, aber treffenden Bonmots ist das folgende: »Naturwissenschaft handelt von unwichtigen Fragen, die gelöst werden können, während die Religion mit wichtigen Fragen zu tun hat, für die es keine Lösung gibt.« Und er führt weiter aus: »Die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit ist wohl die Tatsache, dass die Moral von der Religion mit Beschlag belegt wurde.«
   Wie sehen nun die großen Vorbilder der Altmeister der Science-Fiction-Literatur, die Naturwissenschaftler, die Rolle des Glaubens?

II. Naturwissenschaftler und Religion

Naturwissenschaftler sind überwiegend Atheisten. Sie verneinen den Glauben an Gott oder religiöse Systeme und pochen auf den Wahrheitsgehalt der wissenschaftlichen Methodik. Die Psychologen Edward J. Larson und Larry Witham haben im Jahr 1996 die Glaubensvorstellungen US-amerikanischer Naturwissenschaftler untersucht und dabei mit einer Befragungstechnik gearbeitet, die bereits im Jahre 1916 von dem Psychologen James Leuba angewendet worden war. Die Ergebnisse sind direkt vergleichbar, lassen also Schlüsse auf Veränderungen innerhalb von 80 Jahren zu.
   Im Jahre 1996 geben ca. 60% der befragten Wissenschaftler an, nicht an Gott zu glauben oder Zweifel zu haben. Diese Zahlen haben sich seit 1916 nicht grundlegend verändert. Zugenommen im Laufe von 80 Jahren hat der Nichtglaube an die oder der Zweifel an der menschlichen Unsterblichkeit. Am interessantesten allerdings ist, dass das Verlangen nach Unsterblichkeit (in der Kategorie »überhaupt nicht«) von 27% im Jahre 1916 auf 64,2% im Jahre 1996 dramatisch zugenommen hat. In einer zweiten Untersuchung mit »großen Wissenschaftlern« (z.B. Nobelpreisträgern) aus dem Jahre 1998 stellten Larson und Witham eine noch größere Ablehnung des Gottesglaubens fest: Lediglich 7% der Befragten glauben an Gott. Der persönliche Nicht-Glaube an die Unsterblichkeit ist seit dem Jahre 1914 (25,4%) auf 76,7% angestiegen.

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Gott als Begrenzung des Universums

Selbst die besten Physiker können nicht alles verstehen und erklären. Der Umgang mit dem Unerklärlichen führt sie an die Grenze von Mystizismus und Gottesglaube. Wie sie damit umgehen, unterscheidet sich nicht unbedingt grundlegend von den Glaubenskonflikten normaler Menschen. Auch Naturwissenschaftler haben bei den letzten Fragen keine Gewissheit und verlieren sich in Spekulation.
   Letztlich bleibt auch bei den klügsten Köpfen der Naturwissenschaft ein Moment von Unsicherheit, wenn man sie genauer nach dem Allerersten oder dem Allerletzten bzw. nach dem Zusammenhang dieser beiden Zustände fragt. Exemplarisch wird das in dem berühmten Interview der Philosophie-Professorin Renée Weber mit Stephen Hawking in THE SCIENTIST aus dem Jahre 1987 deutlich. Hawking selbst führt mit der Bezeichnung »Gott« ein übernatürliches Prinzip in die Diskussion um die frühen Stadien des Universums ein: »... wenn es eine Begrenzung gibt, muss jemand entscheiden, was an der Begrenzung passieren soll. Man müsste tatsächlich Gott anrufen. Man könnte Gott als Begrenzung des Universums definieren, als Auslöser, der dafür verantwortlich war, alles in Bewegung zu setzen.« Auf die Nachfrage von Weber: »In dem Sinne, in dem Sie Gott benutzen, ist es eher ein Prinzip, das gleichbedeutend mit den Gesetzen des Universums ist. Das schließt kein moralisches Wesen ein.«, antwortet Hawking mit »Ja«.
   Hawking bezeichnet mit »Gott« also eine Art übermenschlichen Wirkmechanismus, der die Dinge steuert. Hier verfällt er in einen Mystizismus, den er später in dem Interview zurückweist: »Wenn man theoretische Physik und Mathematik als zu schwierig empfindet, wendet man sich dem Mystizismus zu.« An anderer Stelle bemerkt er, dass die Beschreibung des Großen Knalls vor der ersten Sekunde nach dem Urknall »viel zu spekulativ« sei. Trotz dieser beiden Eingeständnisse von Unsicherheit beharrt Hawking strikt auf der wissenschaftlichen Erklärbarkeit der Zustände im Universum: »Wir glauben immer noch daran, dass das Universum logisch und schön sein sollte. Wir haben nur das Wort Gott ausgelassen.«

III. Neuere Science Fiction und die Rückkehr des Göttlichen

Meine Grundthese ist, dass die neuere Science-Fiction-Literatur verstärkt auf Phantasie setzt und mystische Elemente aufgreift, also mit tiefgehenden Glaubensvorstellungen der Menschen experimentiert. »Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist es, dahinter zum Unmöglichen fortzuschreiten« (Arthur C. Clarkes zweites Gesetz).
   Science Fiction lässt sich abgrenzen von der Märchenwelt der Phantasie und der Dogmatik vieler Religionen, indem sie Utopien phantasievoll ausschmückt und in Grenzgebiete des Unmöglichen transportiert. Während die früheren großen Autoren wie Asimov und Clarke ausschließlich Logik und Rationalität zuließen, also an der Schwelle wissenschaftlicher Erkenntnisse stehen blieben, gestatten sich die heutigen großen Autoren wie Dan Simmons die Freiheit der Überschreitung aller Grenzen. Sie setzen sich mit den zentralen Fragen der menschlichen Existenz auseinander: Leben, Tod, Wiedergeburt, Endlichkeit, Unendlichkeit, Zeitumkehr, Gott.
   Damit fließen neue Impulse in die etwas trocken geratene Literaturgattung der Science Fiction und verleihen ihr neuen Glanz. Sie mag somit für neue Zielgruppen interessant werden, aber hat sie eine neue literarische Qualität gewonnen? Ich denke, ja. Und zwar deshalb, weil die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts genau an den Schnittstellen von Wissenschaft, Technik und Glaubensfragen miteinander in Konflikt treten werden. Ich vermute, dass die zunehmende Durchdringung des Alltagslebens mit Technik nicht zwangsläufig zu mehr wissenschaftlicher Rationalität der Laien führen wird, sondern eher zu einer Hinwendung zu Mystik und Aberglaube. Eine Literaturgattung, die solche Fragen aufgreift und transparent werden lässt, ist im Ansatz emanzipatorisch. Kann die moderne Science Fiction also zum Leitbild für die Literatur des 21. Jahrhunderts werden?

Die Meister der Satire und die alten Götter in der neuen Zeit

Unter den Autoren, die sich an die Thematik des Göttlichen heranwagen, sind drei Meister der Satire: Douglas Adams, Terry Pratchett und Neil Gaiman. Douglas Adams, der große Satiriker, lässt in seinem Buch Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele (1988) die nordischen Götter auf die technisierte Welt stoßen und zieht die Leser hinein in ein wunderbares Chaos von nicht miteinander zu vereinbarenden Kulturen. Der Privatdetektiv Dirk Gently mit seinen höchst irdischen Problemen – beispielsweise führt er einen aussichtslosen Kampf mit seiner Putzfrau darüber, wer die verrotteten Lebensmittel aus dem Kühlschrank entfernen muss – trifft am Flughafen London-Heathrow auf Thor, Gott des Donners, der ein Flugticket nach Norwegen kaufen will. Leider verfügt der Unsterbliche weder über einen Reisepass noch eine Kreditkarte. Das Buch strotzt vor skurriler Einfälle und ist voll mit ausgetüftelten Absurditäten.
   In dem Buch Ein gutes Omen (1992) von Neil Gaiman und Terry Pratchett findet der Leser eine vergnügliche Komödie über Armageddon. Ein Engel und ein Teufel versuchen gemeinsam, den Weltuntergang zu verhindern, weil es ihnen im Grunde auf der Erde, wie sie ist, sehr gut gefällt. Alles wird auf den Kopf gestellt, was die christliche Lehre und die alten Prophezeiungen voraussagen. Der Antichrist wächst in einer Kleinfamilie auf, Nonnen dürfen nicht schweigen, sondern müssen schwätzen, Prophezeiungen treffen grundsätzlich ein. Ein wunderbares Beispiel für den Humor der Autoren ist die Stelle, an der der Dämon Crowley versucht, dem Engel Erziraphael die Folgen der Ewigkeit zu erläutern (beide sind offensichtlich ziemlich betrunken):

»Denk nur mal darüber nach«, fuhr Crowley erbarmungslos fort. »Weißt du eigentlich, wasch die Ewigkeit bedeutet? Weißt du wirklich, wasch sie bedeutet? Ich meine, hast du einen Vorstellung davon, wasch die Ewigkeit is'? Nun, am Ende des Universums gibt es einen Berg, mehr alsch eine Meile hoch. Und einmal in tausend Jahren kommt da dieser kleine Vogel ...«
   (...)
   »Allerdings schprechen wir hier vom Ende des Universums«, wandte der Engel ein. »Also müsset es eins von den Raumschiffen sein, in denen eine Generation auf die andere folgt und irgendwelche Nachkommen am Ziel eintreffen. Es bleibet einem also gar nichts anderes übrig, als die Söhne und Töchter zu ins... zu inschtr ... als ihnen zu schagen: He, hört mal, wenn ihr beim Berge seid ...« Erziraphael zögerte. »Was sollen sie am Berg machen?«
   »Der Vogel schärft seinen Schnabel an dem Berg«, erklärte Crowley. »Und anschließend fliegt er zurück ...«
   »Mit dem Raumschiff.«
   »Nach tausend Jahren macht er sich erneut auf den Weg«, fuhr Crowley fort. »Und nach zweitausend Jahren noch einmal. Und so weiter.«
   Einige Sekunden herrschte trunkene Stille.
   »Scheint mir ziemlich viel Mühe zu sein.« Erziraphael schürzte skeptisch die Lippen.« Nur um einen Schnabel zu schärfen ...«
   »Hör mal«, brummte Crowley, »es isch eine Metaffer. Wenn der kleine Vogel den ganzen Berg abgewetzt hat, nun, äh ...«
   Erziraphael öffnete den Mund. Crowley wußte, daß ihn der Engel auf die unterschiedliche Härte zwischen Vogelschnäbeln und dem ordentlich festen Granit eines Berges hinweisen wollte, und deshalb brachte er seinen Satz hastig zu Ende.
   »... dann ist für dich die Zeit immer noch nicht vorbei, dass du den Sphärenklängen lauschen mußt.«
   Erziraphael erstarrte.

Und in seinem Buch American Gods (2001) spielt Neil Gaiman virtuos mit einem Kulturclash im Götterhimmel. Der aus dem Gefängnis entlassene »Shadow« gerät in den Krieg der alten Götter mit den neuen Göttern des Internet und entdeckt vieles über die Seele Nordamerikas und seine Obsessionen für Macht und Geld. »Dies ist ein schlechtes Land für Götter.«

Der Kampf der Götter

Dan Simmons ist einer der erfolgreichsten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart – und sicherlich einer der kreativsten. Seine beiden epischen Zyklen Hyperion/Endymion (vier Bände, 1990–1996) sowie Ilium/Olympos (2003/2005) enthalten sehr vielschichtige, komplexe und philosophisch begründete Erzählungen einer zukünftigen Menschheit und ihrer künstlichen Götter.
   In Hyperion/Endymion geht es um den Dreieckskonflikt zwischen Menschen, den von ihnen geschaffenen und längst emanzipierten technischen Intelligenzen sowie göttlichen Sendboten. »Hyperion« behandelt das Zusammentreffen sehr unterschiedlicher Individuen zu einer Pilgerreise, deren Sinn erst nach und nach verständlich wird. Im Kern geht es um eine Zeitreise, die aus der Zukunft in die Vergangenheit verläuft. In ferner Zukunft tobt der Kampf zwischen Menschen, zwischen der technischen »Höchsten Intelligenz« und Gott bzw. den Sendboten Gottes. Die Austragung des Konflikts findet in der Vergangenheit statt und die Pilger spielen im Kampf der übernatürlichen Mächte sehr verwickelte Rollen. In der Fortsetzung Endymion tritt mit der Hauptdarstellerin Aenea das göttliche Wirken in den Mittelpunkt der Handlung, sozusagen eine weibliche Christusfigur, auf die die ganze Handlung fokussiert ist. In beiden Romanen ist ein faszinierender Stil mit tiefgründigen philosophischen Exkursen und Technikspielereien gepaart - ein wahres Lesevergnügen.

Ilium erzählt eine völlig andere Geschichte. In einer fernen Zukunft ist das Sonnensystem von Menschen und künstlich-technischen Intelligenzen besiedelt. Auf dem Mars spielen unsere Nachfahren die Ilias nach und agieren unter Verwendung fortgeschrittener Technologie als antike griechische Götter. Dan Simmons spielt mit Arthur C. Clarkes drittem Gesetz, das besagt, dass eine wirklich fortgeschrittene Technologie von Magie nicht mehr zu unterscheiden ist. Die Götter auf dem Mars entfesseln Quantenkräfte - mit verheerenden Auswirkungen, die ganz unterschiedliche Lebewesen auf den Plan rufen. Der Band Olympos, der im Sommer 2005 in den USA erschienen ist, erzählt diese Geschichte weiter.
   Die Werke von Dan Simmons verflechten verschiedene Handlungsstränge und lenken ganz unterschiedliche Blickrichtungen auf das übergeordnete Thema »Der künstliche Gott«. Ein Nacherzählen ist nicht möglich, ein Nachlesen allerdings sehr zu empfehlen!

Die Wiederkunft des neuen Heilands

Mit dem Buch Der letzte Tag hat Glenn Kleier eine moderne Fassung des Neuen Testaments geschrieben. Die Handlung beginnt während der letzten Tage des Jahres 1999 in Jerusalem, das durch kursierende Gerüchte um die Wiederkehr des Heilands, große Menschenmengen der so genanten »Millennarier« und die Explosion eines geheimen Versuchslabors der Israelis in der Negev-Wüste aufgewühlt wird. Ein Reporterteam von WNN recherchiert das Thema Zeitenwende und berichtet über »Jesa«, die fleischgewordene Tochter Gottes.
   Diese bringt als göttliche Botschaft die Auflösung der Religionsgemeinschaften und legt sich besonders mit der katholischen Kirche an. Der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden versagt völlig, indem er »ex cathedra«, also mit göttlicher Unfehlbarkeit, Jesa als Satan brandmarkt und seinen Irrtum erst am Schluss bemerkt. Da ist der neue Heiland bereits ermordet worden, und der Leser kann nicht ganz sicher sein, ob Gottes Prophet nun wirklich für kurze Zeit auf die Erde zurückgekommen ist oder nicht.
   Interessant an dem Buch ist die Verlegung des Lebens Jesu Christi in die Neuzeit und die Diskussion der Frage, wie die Welt heute mit ihm umgehen würde. Im Grunde genau wie damals, lautet die Antwort: unverständig, ungläubig, mörderisch. Der Mensch hat in 2000 Jahren offenbar nichts dazugelernt.

Das Wundergen von Jesus Christus

Michael Cordy ist ein Autor, der die Grenzbereiche zwischen Wissenschaft und Glaube spannend erzählt. In seinem Roman Lucifer – Träger des Lichts (Lucifer, 2001) verbindet er optische Computer mit Fragen nach dem Tod und der Wiederkunft Christi als Luzifer. Von Interesse im Rahmen dieses Essays ist jedoch ein anderes seiner Bücher: Das Nazareth Gen (1999, The Miracle Strain).
   Dezember 2002: Die menschliche Erbsubstanz ist komplett entschlüsselt worden. Der brillante US-amerikanische Wissenschaftler Tom Carter, dem dies mit Hilfe eines Supercomputers gelungen ist, erhält in Stockholm den Nobelpreis für Medizin. Bei dem Anschlag einer religiösen Fundamentalistengruppe, die Carter für einen Frevler an der Schöpfung hält, kommt seine Frau ums Leben, er selbst wird nur leicht verletzt.
   Daraufhin entbrennt ein Kampf zwischen Glaube und Wissenschaft, der auf unterschiedlichen Ebenen ausgetragen wird, vor allem aber auf einer: Carters Tochter leidet an einem Gendefekt und muss sterben, wenn nicht ihr berühmter Vater ein Gegenmittel findet - ein Gen mit Wunderheilkräften aus dem Grabtuch von Jesus Christus; und das befindet sich in der Hand der Fundamentalisten.

Ist Wiedergeburt möglich?

Vectors (2002) von Michael Kube-McDowell ist ein faszinierendes Buch über ein Wissenschaftler-Paar, das sich mit unterschiedlichen Aspekten menschlicher Transzendez beschäftigt: Liebe, Tod, Wissenschaft, Wiedergeburt, Hoffnung. Dr. Jonathan Briggs ist ein Neurologe, der über die Existenz der Seele arbeitet. Er trifft auf seine große Liebe Alynn Reed, die Expertin für virtuelle Realität ist und Spiele entwickelt. Sie führt den Wissenschaftler in die hypothetische Möglichkeiten der Wiedergeburt ein, die er zunächst verwirft, durch seine eigenen Forschungen aber mehr und mehr bestätigt sieht. Seine Forschungsergebnisse verunsichern ihn zunehmend, bis er schließlich den finalen Test wagt, als seine Geliebte ermordet wird. Er sieht eine Chance für ein Wiedersehen nach dem Tode: »... and death is the beginning of the most amazing adventure of all ...«

Glaube als Maskerade für Völkermord

Am Vorabend des Jahrtausendwechsels empfangen im mexikanischen Santa Pelagia vierundzwanzig Vertreter aller großen Weltreligionen die Botschaft Gottes vom Ende der Welt - von Armageddon, der letzten Schlacht zwischen Gut und Böse. Der Katholikin Maria Sanchez erscheint die Jungfrau Maria am Himmel, schwarz gekleidet als Zeichen ihres Schmerzes, und zitiert aus der Offenbarung des Johannes. Ihre Vision wird von den Wundmalen Christi begleitet, münzgroßen, blutenden Wunden auf beiden Seiten ihrer Handflächen. Die Stigmata werden von einem Fernsehteam gefilmt, die Bilder gehen um die Welt.
   Mit diesem Szenario beginnt das Erstlingswerk der jungen US-amerikanischen Autorin Jane Jensen, Millennium Rising (1999). Die Leser werden mit großer Suggestivkraft in einen Live-Bericht über das Jüngste Gericht hineingezogen. Eine Katastrophe nimmt ihren Lauf: Auf Nahrungsmitteln erscheinen geschwürähnliche Flecken, den Menschen verbrennt die Haut. In kurzen Abständen fallen die Apokalyptischen Reiter über den Planeten her, als tödliche Geschwüre, als Verbrennungen, als Hungersnöte, als globale Epidemie, der Millionen Menschen zum Opfer fallen. Auch der Papst und der US-Präsident sowie der größte Teil seines Kabinetts sterben. Die westliche Zivilisation ist ihrer Führungspersönlichkeiten beraubt und versinkt im Chaos.
   Die menschliche Vernunft gerät unter die Räder eines globalen Wahns, der, wie die Autorin nach mehr als hundert Seiten langsam eröffnet, natürlich nicht von Gott inszeniert wird, sondern von einem weltweit agierenden Geheimbund namens »Das rote Zepter«, dessen Mitglieder das Jüngste Gericht als menschliche Verschwörung gegen die eigene Gattung inszenieren. Die beiden Helden des Romans, Father Michele Deauchez und der Reporter Simon Hill, entdecken Schritt für Schritt die Wahrheit und bringen sie ans Licht.
   Mit äußerster Perfektion und eiskalter Berechnung verfolgt das roten Zepters das Ziel, vier Milliarden Menschen auszurotten und eine neue Weltordnung zu ereichten. Dazu benutzen sie geschickt die Leichtgläubigkeit der Menschen an ihre jeweilige Religion sowie ein ausgefeiltes Arsenal an Hochtechnologie und naturwissenschaftlich-technischen Kenntnissen. Der industriell-militärische Komplex inszeniert den globalen Holocaust.
   Es bleibt die Frage, warum die Geheimorganisation »Rotes Zepter« diesen globalen Holocaust inszeniert hat. Um die Welt vor Überbevölkerung und Umweltverschmutzung zu retten, lautet die Wahnvorstellung von Anthony Cole, des Gegenspielers. Alle idealistischen Versuche von Geburtenkontrolle, der UN oder Greenpeace hätten nichts genützt. Nun hätten die neuen Führer für das eigene Schicksal die Verantwortung übernommen. Manchmal sei das, was getan werden müsse, nicht einfach.
   Das Buch ist düster, unheimlich spannend und von fundamentaler Wucht. Die ersten 150 Seiten lassen den Leser fast glauben, dass der biblische Weltuntergang tatsächlich stattfindet. Schließlich kommt die Wendung zu einer menschengemachten Katastrophe und rationalen Erklärungen. Millennium Rising ist ein wirklich interessantes und spannend geschriebenes Buch, das die Nahtstellen von Glaube und Wissenschaft auslotet. Was ist mystisch und was bewiesen? Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wie kann die Realität interpretiert werden? Am Ende des Buches weiß niemand mehr genau, wo die Grenzlinie zwischen Glauben und Wissen verläuft. Und die Autorin verfolgt genau diese Absicht, wenn sie in einem Interview ausführt:
   »Wissenschaft ist ausgesprochen magisch, besonders fortschrittliche Wissenschaft. Was ist der Unterschied zwischen den Fotos, die wir vom Hubble-Teleskop bekommen, und der mystischen Vision, die ein Schamane vom Kosmos hat? Oder zwischen menschlichen Wesen, die durch Gentechnik perfektioniert wurden, und den Vorstellungen von Engeln oder von Unsterblichkeit?«
   Jane Jensen geht sehr kreativ mit fortschrittlicher Wissenschaft um. Sie erfindet beispielsweise eine Hochfrequenztechnologie, die menschliche Gehirne beeinflusst und Meinungen bzw. Glaubensvorstellungen transportieren hilft (High Frequency Active Auroral Research Programme – HAARP); ein Manipulationssystem für Ideen sozusagen. Das ist zwar noch Science Fiction, verdeutlicht aber eine technologische Entwicklungsmöglichkeit mit gewisser Eintrittswahrscheinlichkeit. Weiter gesponnen, verschwimmen die vermeintlich scharfen Grenzen zwischen Wissenschaft und Glaube, und es beginnt der von Arthur C. Clarke formulierte Satz zu wirken, nach dem eine wirklich fortschrittliche Technik von Magie nicht mehr zu unterscheiden ist.

Millennium Rising handelt aber noch von anderen menschlichen Problemen: unseren Ur-Ängsten und Selbstzweifeln, der Frage, was nach dem Tode kommt, und den schuldbeladenen apokalyptischen Untergangsvisionen. Das Buch rührt an grundlegende Fragen von Sein, Glaube und Prophezeiung und entwickelt eine düstere, spannungsgeladene Zukunftsvision, die den Leser an die Grenze seiner eigenen Glaubensvorstellungen führt.

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IV. Literatur des Unmöglichen

Schriftsteller, die sich für Rationalisten halten, über Utopien - oder Dystopien - schreiben und die Grenzen des Darstellbaren hin zum Unmöglichen verschieben – das sind moderne Sciece-Fiction-Autoren. Wenn sie gut sind, verschmelzen sie naturwissenschaftlich-technische Entwicklungsmöglichkeiten in unterschiedlichen kulturellen Kontexten mit der Kraft menschlicher Mythologien und Glaubenssysteme und mit spannenden Handlungen sowie lebendigen Figuren. Rein technische Erzählungen haben längst jeglichen Reiz verloren. Wer mag die x-te Version von Raumschlachten und Eroberungsfeldzügen, von neuen Waffensystemen und Raumantrieben noch lesen? Teilweise gehen die Modernisierer der Science Fiction so weit, mögliche Zukunftsentwürfe neuer Religionen zu entwerfen: Wie würden die irdischen Kirchen auf das Erscheinen von vernunftbegabten Außerirdischen reagieren? Gelten die Gesetze der Physik auch für Gott? Gilt die Evolution des Lebens auf der Erde auch für den Kosmos und für Gott?
   Gute Science-Fiction-Autoren schreiben nicht über Beliebiges, sie sind keine Märchenerzähler. Sie verbinden das Rationale und Logische mit dem Utopischen und Phantasievollen zu einer neuen Qualität. Was sind nun Kriterien dieser - immer wieder - neuen Literatur? Meiner Meinung nach der Grad und das Niveau, wie die Autoren die Zustandsbeschreibungen des Unmöglichen ausleuchten. Nach diesem Kriterium betrachtet, ist das Buch Millennium Rising von Jane Jensen sicherlich als Meisterwerk einzuschätzen, das einen Preis für den besten Spannungsaufbau zwischen religiösem Wahn und wissenschaftlicher Aufklärung verdient hätte. Die Werke von Dan Simmons wären allesamt Kandidaten für Preisträger der luziden Einarbeitung von philosophischen Denksystemen in Erzählungen, wenn es denn einen solchen Preis - sagen wir des Verbandes deutscher Philosophen - gäbe. Das Buch Vectors von Michael Kube-McDowell zeigt, wie die Liebe alle Schranken, ja sogar den Tod überwindet. Glenn Kleier und Michael Cordy erzählen uns die Grundelemente des Neuen Testaments in heutigen kulturellen Kontexten.
   Sie alle weisen uns darauf hin, dass das Unmögliche möglich werden könnte. Seien wir darauf vorbereitet. Befreien wir uns von überkommenen Denkmustern.
   Lesen wir!

© 2005 Fritz Heidorn

Literatur:

  • Adams, Douglas: Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele (1988).
  • Alpers/Fuchs/Hahn/Jeschke: Lexikon der Science Fiction Literatur (Heyne: München, 1988)
  • Asimov, Isaac: »The Last Question« (1956)
  • Asimov, Isaac: It´s Been a Good Life (hrsg. von Janet Jeppson-Asimov; New York: Prometheus Books, 2002) Kapitel 36: »Humanists«, S. 231ff.
  • Clarke, Arthur C.: Childhood’s End (1953)
  • Clarke, Arthur C.: Greetings, Carbon-based Bipeds. Collected Essays 1934 – 1998 (New York: St. Martin’s Press, 1999) »Credo«, Seite 358ff. »God and Einstein«, Seite 277ff.
  • Clarke, Arthur C.: The Collected Stories of Arthur C. Clarke (New York: TOR 2001) »The Nine Billion Names of God«
  • Cordy, Michael: Das Nazareth-Gen (München: Heyne 1999)
  • Cordy, Michael: Lucifer – Träger des Lichts (München: Heyne, 2003)
  • Eschbach, Andreas: Jesus Video (1998)
  • Gaiman, Neil: American Gods (2001)
  • Gaiman, Neil & Pratchett, Terry: Ein gutes Omen (1992)
  • Jensen, Jane: Millennium Rising (New York: Del Rey 1999); später unter dem Titel Judgement Day
  • Jeschke, Wolfgang & Mamczak, Sascha (Hrsg.): Science Fiction Jahrbuch 2003 (München: Heyne, 2003)
  • Kleier, Glenn: Der letzte Tag (Droemer Knaur 1999)
  • Kube-McDowell, Michael: Vectors (New York: Bantam 2002)
  • Larson, Edward J. & Witham, Larry: »Leading Scientists Still Reject God« NATURE, Vol. 394, No. 6691, S. 313 (1998)
  • Larson, Edward J. & Witham, Larry: ›Scientists Still Keeping the Faith: Comparing Scientists in 1916 and 1996‹ NATURE, Vol. 386, S. 435-436 (1997)
  • Lee, Gentry: Bright Messengers (1995; dt. Boten des Lichts).
  • Meyrink, Gustav: Der Golem (1915).
  • Rees, Martin: Das Rätsel unseres Universums. Hatte Gott eine Wahl? (München: Beck, 2003)
  • Shelley, Mary: Frankenstein oder der moderne Prometheus (1818)
  • Simmons, Dan: Hyperion / Der Sturz von Hyperion / Endymion: Pforten der Zeit / Endymion: Die Auferstehung (1990-1996)
  • Simmons, Dan: Ilium (2003), Olympos (2005).
  • Weber, Renée: »God as the Edge of the Universe« (Interview mit Stephen Hawking) THE SCIENTIST 1[7]: 15, 23. Februar 1987
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Siehe auch
Fritz Heidorn: Die Evolution des Universums – Überholt die kosmologische Forschung die Phantasie der Science Fiction?
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