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Ralph Doege

Schwarze Sonne

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Hakim Bey forderte einmal, man solle an seinem Arbeitsplatz einen Streik organisieren mit der Begründung, man könne dort nicht sein Verlangen nach Trägheit und spiritueller Schönheit befriedigen. Nichts hätte Mark in diesem Augenblick lieber getan ...

Wisch das Blut weg!

Der Schock saß tief. Ihm war schlecht, und er wünschte sich, das ohnehin unzureichende Licht wäre noch schwächer. Die Spannungsschwankungen brachten die Lampen zum Flackern, manchmal auch kurz zum Aufglühen, als würden sie jeden Moment durchbrennen.

Ich bin Pilot, verdammt, kein Leichenbestatter; und auch kein Hausmeister. Obwohl, auf dieser beschissenen Mission war er als Pilot und als Stationstechniker eingetragen – also doch als eine Art Hausmeister? Aber was hatte Blut mit Technik zu tun? Scheißdreck, dachte er. Früher waren Shuttlepiloten noch Helden, heute sind sie nichts anderes als Busfahrer. Er drehte die Musik auf. Space is the place. Angeekelt wischte er mit einem Lappen über die Armaturen, verteilte das geronnene Blut aber nur noch mehr, statt es aufzuwischen. Space is the place. Outer Space is a pleasant place. There’s no limit to the things that you can do. There’s no limit to the things that you can be. Er konnte sich ein zynisches Grinsen nicht verkneifen. Auch »space« war nicht mehr »the place«, seitdem sie hier oben waren. Auch wenn Jhonn Balance kurz vor seinem tragischen Tod in seinem Song Sex with Sun Ra (Part 1 – Saturnalia) über Sun Ra sang: When we relaunch the dream weapon, all will be forgotten and all will be well, als sei das Weltall nach wie vor die geeignete Projektionsfläche unserer Träume. Und nun das hier ... Wenigstens hatten Sara und Jakob geholfen, den verdammten Leichnam wegzutragen. Aber auch nur, weil sie ihn für die Autopsie benötigten.

Mark hatte schon von Anfang angewusst, dass es eine Scheißmission werden würde. Strikte Geheimhaltung ... So strikt, dass er selbst keine Ahnung hatte, um was es ging. Gut, die Besatzung der UnSpAl-Mondstation hatte sich nicht gemeldet – und das seit Tagen. Aber das war auch alles gewesen, was er wusste. Und selbst das durfte er seiner Frau nicht sagen, aber natürlich hatte er es getan. Schließlich hatte er einen guten Grund benötigt, warum er da hochflog – und das ausgerechnet jetzt ...

Als sie dann im Landeanflug die Überreste von Munro und Ria gefunden hatten, die ohne Schutzkleidung wenige Schritte vor der Station im Mondstaub lagen, spätestens da war ihm klar geworden, dass er nicht hätte fliegen sollen. Der kleine Markus hatte Recht gehabt, und Sina sowieso.

Inzwischen war es ihnen gelungen, herauszufinden, dass Johnson den anderen beiden Stationsinsassen die Schleusen geöffnet hatte, sodass sie ohne Raumanzug auf die Mondoberfläche konnten. Dann hatte er sich erschossen.

Mark fragte sich, woher Johnson wohl die Waffe gehabt haben mochte. Was wollte man denn in einer Mondstation mit einer Pistole?

Bevor Johnson sich erschossen hatte, hatte er vermutlich versucht, so viel von der Station zu zerstören, wie er nur konnte. Anscheinend hatte ihm die Zeit gefehlt, denn er war nicht sehr gründlich vorgegangen; oder es war ihm doch nicht so wichtig gewesen. Die Energieversorgung war völlig hinüber, so dass Mark Teile aus dem Shuttle einbauen musste, um die Lebenserhaltungssysteme überhaupt einigermaßen zum Funktionieren zu bringen. Natürlich waren sie mal wieder nicht genormt, alles passte nicht richtig zusammen. Er musste tricksen. Was er hingezaubert hatte, würde fürs Erste reichen, aber wie lange es hielt, das konnte er nicht genau sagen. Außerdem hatte er in Munros Kabine einen kleinen Handheld gefunden, den sie als Tagebuch benutzt hatte. Doch bevor er es einschalten konnte, hatte Jakob es ihm entrissen. Er bewahrte es nun in dem Safe in seiner Kabine auf. Das war einer der Momente, die Mark sagten, dass hier etwas ganz gewaltig faul war.

Jakob kam mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Zentrale. Anscheinend wirkte das kreischende Saxophon des Sun-Ra-Stücks auf sein Trommelfell wie ein Eispickel. Ein Grund mehr für Mark, es nicht leiser zu stellen. »Wir sollten nicht so viel Ressourcen verschwenden«, brüllte er stattdessen. »Wir wollen schließlich noch zurückfliegen.«

»Ich habe mit der UnSpAl gesprochen«, brüllte Jakob zurück. Er trug noch immer den braunen UnSpAl-Overall, hatte jedoch den Reißverschluss bis zum Bauchnabel heruntergezogen, und was Mark darunter sah, gefiel ihm überhaupt nicht und überraschte ihn noch mehr: Es war ein katholisches Priestergewand.

»Wir bleiben erst einmal hier und untersuchen alles. Später schicken sie uns ein Shuttle, das uns holen soll.«

Wie wärs, wenn mich mal jemand fragen würde! »Wann werden wir abgeholt?«

Jakob zuckte nur mit den Schultern. »Bring die Station in Ordnung, damit wir länger bleiben können.«

Länger? Verdammt! Sina wartet – und Markus ... Gott! Er erinnerte sich an die seltsamen Dinge, die in letzter Zeit mit seinem Kleinen passiert waren. Der Psychologe war ganz ergriffen: sieben Jahre und schon Ansätze zu einer ausgewachsenen Schizophrenie. So eine frühe Schizophrenie hatte er noch nie diagnostiziert. Dabei war bis vor einigen Monaten noch alles ganz normal gewesen. Gut, Markus war ein stilles, schüchternes Kind, das schon immer Angst vor dem Alleinsein gehabt hatte und vor der Dunkelheit. Aber was in den letzten Monaten passiert war – und erst recht in der letzten Woche, das war ... Mark schüttelte den Kopf und versuchte, die Gänsehaut zu vertreiben. Was sollte man auch denken, wenn sich das Kind plötzlich benahm, als sei es einem der Exorzisten-Filme entsprungen? Dinge über Schwärze, Dunkelheit und Einsamkeit schrie, schlafwandelte, sich vor dem Mond versteckte und der Sonne auch nicht wirklich zu trauen schien ... Wenn es wenigstens nur das gewesen wäre ... Aber die ganze Welt schien in letzter Zeit verrückt zu spielen. Depressionen griffen um sich wie eine Seuche, Selbstmorde, Amokläufer, Aufstände gegen Regierung, Unternehmen und Kirchen ... Schlechte Zeiten, seine Familie allein zu lassen.

Mark drückte den Lappen im bereits roten Wasser aus. Alles war sauber. Mehr konnte er jetzt nicht tun. Die Erinnerung an das Blut und die Toten konnte er nicht wegwischen.

Das Schlimmste an Markus’ Schizophrenie war, dass sie langsam auf Mark überging – zumindest hatte er den Eindruck. Er bekam schon ein ungutes Gefühl, wenn er den Scheißmond nur sah. Und jetzt hockte er mitten darauf, – mitten im Parsons-Krater. Er lachte: auf der dunklen Seite des Mondes.

Seitdem er sich endlich seinen Traum erfüllt hatte und Astronaut geworden war, bestand sein Lebensinhalt eigentlich nur noch aus zwei Dingen: Möglichst bald mit möglichst viel illegalem Alkohol von der unerträglichen Erde zu verschwinden – und wenn er weg war, möglichst schnell zu Sina und Markus wieder zurückzukehren. Egal, wo er war, er wollte weg. Weg von der Erde, weg aus dem All, weg vom Mond. Anscheinend immer auf der Flucht, sagte er sich. Verdammt. Selbst wenn ich bei Sina bin, will ich meistens nach kurzer Zeit woanders sein, weil sie aus jeder idiotischen Kleinigkeit ein Problem machen muss. Aber Markus’ Schizophrenie war sicher keine Kleinigkeit – und er schämte sich, dass er sie allein gelassen hatte. Aber die verdammte Arbeit! Was sollte er tun? Die Behandlung musste schließlich bezahlt werden – und das Essen – und der Strom – und die Wohnung – und der ganze andere Mist!

© 2005 Ralph Doege
Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2005|Alien Contact – Jahrbuch f
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