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Ein Interview mit Pat Cadigan

»Cyberpunk ist zu einem Teil von allem anderen geworden«

Von Jakob Schmidt


Pat Cadigan, geboren in Schenectady, New York State, veröffentlichte 1987 mit Bewusstseinsspiele (Mind Players) ihren ersten Roman, der sie gemeinsam mit William Gibson, John Shirley und Bruce Sterling zu einer der Gründerfiguren des Cyberpunk werden ließ. 1991 folgte Synder (Synners). Mit dem Ende des Cyberpunk-Booms wurde Cadigan von den deutschen Verlagen allerdings fallengelassen. 1998 führte Cadigan in dem Roman Tea from an Empty Cup mit der Virtual-Reality-Ermittlerin Dore Konstantin eine neue Hauptfigur ein, die sie auch im Folgeroman Dervish is Digital zum Einsatz brachte. 1996 heiratete Pat Cadigan zum zweiten Mal und zog nach London, wo sie heute lebt.
ALIEN CONTACT: Was heißt es für Sie heute, Cyberpunk zu schreiben?

Pat Cadigan: Nun ja, das ist so eine Sache mit mir als Cyberpunk-Autorin - ich habe es niemals wirklich darauf angelegt, etwas namens »Cyberpunk« zu schreiben. Ich schreibe einfach über das, was mich interessiert: über die Wirkung von Technologie auf den Menschen. Das war immer mein Thema. Zu irgendeinem Zeitpunkt wurde dann festgelegt, dass das in die Kategorie »Cyberpunk« passt. Ich versuche nicht so sehr, Cyberpunk zu schreiben, sondern vor allem, mich als Autorin weiterzuentwickeln und zu verbessern und zugespitzte Aussagen über die Themen zu formulieren, die mich interessieren.

AC: Inzwischen haben sich viele technologische Themen, die für den Cyberpunk typisch waren, sichtbar allgemein in der Science Fiction ausgebreitet: virtuelle Realität, die Veränderung des menschlichen Körpers mit technischen Mitteln. Ist das vielleicht ein Grund, weshalb gesagt wird: »Cyberpunk ist tot« - weil seine Elemente allgegenwärtig sind, aber es nur noch sehr wenige Romane und Erzählungen gibt, auf die man mit dem Finger zeigen und sagen kann: »Das ist heute Cyberpunk«?

Cadigan: Vor zwanzig Jahren war der Cyberpunk wirklich etwas Neues. In der Folgezeit wurde er in die SF integriert und in den literarischen Mainstream. Früher handelte es sich um ein relativ geschlossenes Untergenre der SF, heute gibt es eher eine verbreitete »Cyberpunk-Empfänglichkeit« – Cyberpunk ist zu einem Teil von allem anderen geworden. Diesen Integrationsprozess konnte man deutlich mitverfolgen, genauso, wie man die Integration der neuen Technologie mitverfolgen konnte, für die der Cyberpunk sich so interessiert hat. Als Cyberpunk entstanden ist, war der Heimcomputer noch ein ziemlich neues Konzept – heutzutage hat jeder einen. Jeder hat auch einen Palm Pilot oder Laptop oder beides. Der Cyberpunk ist also nicht tot, er ist nur mehr zum Bestandteil unseres Alltags geworden. Natürlich verändert sich damit auch die Art und Weise, in der man über diese Dinge schreibt. Heute schreibt man nicht mehr über die Wirkung des Telefons auf die Gesellschaft – das Telefon hat in diesem Sinne keine durchschlagende Wirkung mehr, es gehört zur Grundausstattung unseres Lebens. Wenn man also über das Telefon schreibt, schreibt man nicht über seine Wirkung auf die Gesellschaft als Ganzes, es sei denn, man schreibt historische Romane.

AC: Glauben Sie, das dass der Grund ist, warum William Gibson, Bruce Sterling und Neal Stephenson sich allesamt der zeitgenössischen Belletristik zugewandt haben – dass ihre Themen inzwischen so sehr Teil der Alltagswelt sind, dass es ihnen leichter fällt, sie mit dieser Art von Belletristik weiterzuentwickeln?

Cadigan: Ich glaube nicht, dass sie eine bewusste Entscheidung gefällt haben. Ich kann natürlich nicht für sie sprechen, weil sie mir nicht ihre innersten Beweggründe für ihr Handeln mitteilen. Aber ich nehme an, dass sie das Gleiche tun wie ich: Sie schreiben weiterhin über die Sachen, die sie bewegen und interessieren. Es geht nicht darum, irgendeinem Cyberpunk-Ideal zu genügen. So sind wir da noch nie rangegangen, nicht wirklich. Es ist eher so, dass die Kritiker, die Analytiker und die Akademiker versuchen, das Ganze zu begreifen und in einen Zusammenhang zu bringen. Sie geben den Dingen allerlei Namen. Ich sehe das so: Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, und wir alle entwickeln uns mit. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf andere Dinge. Als Menschen halten wir nicht mehr die gleichen Dinge für wichtig wie vor zwanzig Jahren. Wir befinden uns in anderen Lebensphasen, und die Welt ist in einem anderen Zustand. Es gibt andere Probleme, über die wir uns den Kopf zerbrechen, andere Dinge, über die wir uns freuen können oder die uns das Staunen lehren. Es ist wie mit allem anderen auch: Das Bewegungsmoment des Lebens trägt einen unablässig nach vorne. Wenn man »jetzt« sagt, dann liegt zu dem Zeitpunkt, an dem man das Wort beendet, die erste Hälfte von »jetzt« bereits in der Vergangenheit.

AC: Ihr Roman Tea from an Empty Cup ist durchaus eher straighter »Cyberpunk«. Er hat aber auch ein eher untypisches Element: Die Hauptfigur ist eine ganz normale Polizistin. Das funktioniert zwar von der Stimmung her wunderbar, aber es unterscheidet sich doch deutlich vom Großteil der früheren Cyberpunk-Romane, die sich meistens eher um Leute am Rande der Gesellschaft drehten, die das System unterwandern. Und jetzt haben wir eine Hauptfigur mitten im Herzen des Systems. Hat das etwas mit den Veränderungen zu tun, die Sie angesprochen haben?

Cadigan: Ja, das hat es wahrscheinlich in gewisser Weise. Allerdings liegt es auch zum Teil daran, dass ich immer wahnsinnig gerne Romane gelesen habe, die sich mit der Arbeit der Polizei beschäftigen. In Jobs bei der Polizei findet man oft Leute mit den idealistischsten Absichten, die fest daran glauben, dass sie bei dieser Arbeit am ehesten etwas Gutes tun können, am meisten ausrichten können. Aber die Veränderung spiegelt auch wieder, wie sich das eigene Leben verändert: Man bleibt nicht immer an den Rändern der Gesellschaft. Man ist eben nicht nur Teil der Lösung oder Teil des Problems, sondern höchstwahrscheinlich Teil von beidem. Wenn man fünfundvierzig ist, macht man nicht mehr das Gleiche wie mit zwanzig. Man hat nicht die selben Verantwortlichkeiten, nicht die selben Rollen zu spielen. Man sollte etwas gelernt haben, sich im Leben irgendwie weiterentwickelt haben. Ich denke also, die Veränderung in meinen Romanen spiegelt das wieder, was ich persönlich erlebt habe. Ich bin keine Jugendliche mehr. In vielerlei Weise kann man sagen: Ich bin eine Frau in den mittleren Jahren, ich gehe über die Straße, und die jungen Leute wissen nichts über mich und denken sich: »Da geht eine Erwachsene.«

AC: Cyberpunk und Post-Cyberpunk steht ja auch für eine gewisse Geschlechterpolitik. Weibliche Figuren sind dort oft einfach zu cool und intelligent, als das unterdrückerische Männer ihnen irgendwelche Probleme bereiten könnten. Das scheint mir ziemlich typisch für die Haltung des Cyberpunk zum Geschlechterverhältnis zu sein – und das, obwohl Cyberpunk-Welten oftmals die Züge einer Macho-Western-Welt tragen. Zuletzt ist mir das in Neal Stephensons Cryptonomicon aufgefallen, wo geschlechterpolitische Diskussionen sogar ziemlich explizit als überholt und verlogen dargestellt werden.

Cadigan: Das trifft ziemlich genau den springenden Punkt: Der Feminismus ist ein perfektes Beispiel dafür, wie sich die Dinge verändern. Ich habe eine Freundin, die mindestens zehn Jahre jünger ist als ich. Eines Abends waren wir mal zusammen essen, und sie sagte: »Ich bin keine Feministin.« Und ich erwiderte: »Wirklich, Lisa? Hast du ein eigenes Haus?« – »Ja«. Ich fragte weiter: »Hast du ein eigenes Auto?« – »Ja.« Ich sagte: »Du hast einen Job.« – »Ja.« – »Du bist unverheiratet.« – »Ja.« Und ich habe gesagt: »Hast du die Unterschrift deines Vaters für irgendetwas von den Dingen benötigt, die du besitzt, oder um eine Kreditkarte zu kriegen oder dergleichen?« Sie sagte: »Natürlich nicht!« Und ich meinte: »Du bist keine Feministin?« – »Nein!« – »Das liegt daran, dass der Feminismus das Gesicht unserer Kultur verändert hat.« Es ist schlicht und einfach so, dass es beim Feminismus genau darum ging. Es ging darum, Frauen Alternativen zu bieten, die sie früher nicht hatten. Noch im Jahre 1977 konnte ich keine Kreditkarte bekommen ohne einen Ehemann, der für mich mit unterschrieb. Heutzutage haben die jungen Frauen – sagen wir mal um die 25 – so etwas nicht mehr erlebt. Und wenn man ihnen erzählen würde, wie es damals war, würden sie sich das nicht eine Minute lang gefallen lassen, weil sie in einer Kultur und einem Milieu aufgewachsen sind, wo sie sich das nicht gefallen lassen müssen. Es ist also ganz klar, dass die Frau in Cryptonomicon über den Feminismus hinaus ist, weil sie einfach zu cool ist, Schwierigkeiten mit Männern zu haben. Ich für meinen Teil bestehe darauf, in einer Welt zu leben, in der das Wort »Feministin« so überholt ist wie das Wort »Suffragette«. Darauf kommt es beim Feminismus an: ihn zu so etwas zu machen wie den Begriff »Abolitionist«, was in den USA des 19. Jahrhunderts hieß, dass man gegen die Sklaverei war. Natürlich sind wir Abolitionisten, aber das ganze Konzept der Sklaverei ist für eine moderne Gesellschaft ohnehin irrelevant. Das ist auch die Idee beim Feminismus: Er hört auf, vonnöten zu sein, wenn wir nicht mehr über ihn nachdenken müssen. Wahrscheinlich wird es andere Dinge geben, über die wir uns den Kopf zerbrechen müssen, andere Sachen, für oder gegen die man je nach Standpunkt Partei ergreifen kann. Und das Ganze hat auch etwas mit dem Zeitpunkt zu tun, an dem Neal Stephenson anfing zu schreiben. Ein Großteil des Fundaments war da schon gelegt. Wenn es keinen Bill Gibson oder Bruce Sterling oder Rudy Rucker oder keine Pat Cadigan (sagte sie bescheiden) gegeben hätte, dann gäbe es auch keine so klare Rolle, die Neal Stephenson spielen könnte. Aber es gibt diese Rolle, und er hat einen Riesenerfolg, und so funktioniert die Sache eben. Vor vielen Jahren hat Bill Gibson gesagt, dass das, was er machte, im Prinzip Samuel Delany sei. Und Samuel Delany hat gesagt, dass er im Prinzip das Gleiche täte wie Alfred Bester. Das ist das literarische Erbe, das man von Bester über Delany bis zu Gibson verfolgen kann.

AC: Woran arbeiten Sie derzeit? Ich bin schon auf die Dore-Konstantin-Romane zu sprechen gekommen, die leider bislang nicht auf Deutsch erschienen sind – können Sie uns etwas über das Konzept dieser Romane erzählen?

Cadigan: Die Grundidee bestand darin, einen Polizeiroman in der relativ nahen Zukunft zu schreiben, mit einer Ermittlerin, die einen Großteil ihrer Arbeit in der künstlichen Realität machen muss. Künstliche Realität ist weitgehend zur Standardausstattung geworden, zu einem Fixpunkt der Zeit und Kultur, in der sie lebt. Man nimmt sie für selbstverständlich, sie ist leicht zugänglich, billig, bequem - alle benutzen sie, so wie heutzutage jeder fernsieht. Sie muss also einen Großteil ihrer Ermittlungen in der alternativen Realität vornehmen – Entschuldigung, in der künstlichen Realität. Viele Leute nennen es »alternative Realität«, weil sie verwirrt werden und alles mögliche miteinander vermischen. Einige Leute bestehen darauf, das wirkliche Leben als »Erdgeschoss« zu bezeichnen, wie das Erdgeschoss eines Gebäudes, und dann geht man ins nächste Stockwerk, und dabei handelt es sich um einen anderen Ort. Sie wollen die künstliche Realität behandeln, als ob das eine genauso real wäre wie das andere.
   Ich muss betonen, dass ich in den USA gelebt habe, als ich mit diesen Büchern angefangen habe, und sie sind vom Grundgefühl und Blickwinkel her sehr amerikanisch. In den USA machen wir uns unglaublich viele Gedanken über unseren Status, und deshalb ist Designerkleidung und Designerausstattung so erfolgreich. Weil man damit seinen Status nach außen trägt und zeigt: »Ich bin eine coole Person« oder: »Ich bin eine selbstsichere Person« oder: »Ich bin eine verwegene, sexy, gefährliche Person«, je nachdem, was für ein Bild man ausstrahlen möchte. Wenn man das auf die künstliche Realität überträgt, dann gibt es eben Leute, die ihren ganzen Status dort ausleben. Den Hauptteil ihrer Energie verwenden sie darauf, in der künstlichen Realität zu werden, was immer sie sein wollen und was sie im wirklichen Leben nicht sein können: ein Gesetzloser, ein Geist, ein Superheld. Diese Dinge werden dann sehr wichtig für die jeweiligen Menschen, und sie fangen an, Statussymbole zu sammeln. Und das ist für sie genauso real, wie Besitz in der wirklichen Welt anzuhäufen. Plötzlich habe ich also festgestellt, dass ich es nicht nur mit Fragen des Verbrechens zu tun hatte, sondern auch mit Fragen des Selbstbilds, der Psychologie und in gewissem Maße auch der Politik.
   Derzeit arbeite ich am dritten und wahrscheinlich letzten Konstantin-Roman, zumindest für eine Weile. Es heißt Reality Used to be a Friend of Mine und beschäftigt sich mit weiteren Aspekten des virtuellen Lebens und Verbrechens – und virtueller Ermittlung. Ich kann nicht allzu viel davon erzählen, denn wenn ich zuviel davon erzähle, verschwindet der Drang, es zu schreiben. Deshalb rede ich selten über etwas, woran ich gerade arbeite. Aber wie gesagt, es dreht sich um weitere Probleme des virtuellen Lebens und des virtuellen Verbrechens und um Dinge, die kriminell erscheinen, aber es nicht sind, und Dinge, die angemessen erscheinen, aber absolut unethisch sind. Es hängt alles davon ab, was für eine Haltung man zu bestimmten Themen einnimmt. Und es hat mit den Problemen zu tun, die sich ergeben, wenn man versucht, das Recht auf hundertprozentige freie Meinungsäußerung damit in Einklang zu bringen, dass man dann auch Dinge zu hören bekommt, die man nicht hören will und die eigentlich niemand hören müssen sollte. Aber wenn die Idee des freien Willens und der freien Rede weiterleben soll, müssen diese Dinge existieren, man muss ihnen erlauben, zu existieren, ohne dass jemand versucht, sie zu unterdrücken. Das ist jetzt sehr umständlich ausgedrückt, aber mehr kann ich nicht verraten, ohne etwas zu verraten.

AC: Das klingt, als ob Sie mit dem Buch ein politisches Statement abgeben wollen. Denken Sie darüber nach, ob Ihre Bücher eine politische Botschaft beinhalten? Eine explizite politische Botschaft wird ja leicht als platte Propaganda aufgefasst, deshalb ist das vielleicht eine etwas heikle Frage ...

Cadigan: Nein, ich verstehe schon, was Sie meinen. Früher bin ich immer rumgelaufen und habe behauptet, ich sei völlig unpolitisch. Das ist ein sehr amerikanischer Standpunkt. Und dann habe ich diesen Vortrag am Eternity College in Dublin gehalten, und die Studenten da waren – Gott, sie waren brillant! Jeder einzelne von ihnen war einfach brillant. Und sie haben mir Fragen gestellt, die ich nicht einmal ansatzweise beantworten konnte, weil ich sie nicht verstanden habe. Diese Leute sind in der Wiege politisiert worden, was nur logisch ist: Sie sind Iren. Und ich begann zu verstehen, dass alles, was man als Künstler macht, auf irgendeine Art ein politisches Statement ist. Ich versuche allerdings, nicht so sehr ein politisches Glaubensbekenntnis abzugeben, sondern eher darzustellen, wie es ist, in einer politischen Situation zu leben und zu versuchen, mit der Kehrseite der guten Absichten eines bestimmten Systems zurechtzukommen. Und ich will darstellen, wie man, wenn man einem bestimmten Gesetzeskanon folgt, und einem ethischen und moralischen Kodex, den man nicht kompromittieren will, in ziemlich schreckliche Situationen geraten kann. Alles bringt seine Schwierigkeiten mit sich, ganz egal, wie gut es eigentlich sein sollte. Eines, was ich meinen Freunden immer zu sagen versuche, wenn sie sich einer Sache anschließen, ist, dass alle Bewegungen und alle Anliegen, ganz egal, wie gut sie gemeint sind, Sturmtruppen hervorbringen. Folgerichtig gibt es Feministinnen, bei denen ich die Straßenseite wechseln würde, um ihnen aus dem Weg zu gehen: weil sie ihre Vorstellung davon, was der richtige Lebensstil ist, anderen Frauen aufzwingen wollen, die nicht so leben wollen. Also versuche ich immer wieder, die Leute daran zu erinnern, dass es beim Feminismus darauf ankommt, Frauen Wahlmöglichkeiten zu geben und letztlich allen Menschen Wahlmöglichkeiten zu geben. Angefangen hat es damit, dass es in Ordnung war, wenn man zu Hause bleiben, Kekse backen, Vollzeithausfrau sein und ein Kind nach dem andern großziehen wollte. Aber wenn man das nicht wollte, wenn man arbeiten gehen oder irgendeinen anderen Lebensstil pflegen wollte, dann sollte das ebenfalls in Ordnung sein. Angefangen hat es damit, dass man sich aussuchen kann, was man sein will. Und wenn man das ausweitet, bedeutet es: Wenn man sich in einer familiären Situation wiederfindet, in der die Frau die bessere Brötchenverdienerin ist und der Mann besser darin, als Elternteil zu Hause zu bleiben, sollte das kein Problem darstellen. Und viele Leute hatten ein Problem damit – viele Leute finden das sogar heutzutage irgendwie nicht ganz richtig. Darauf kam es mir beim Feminismus an – es sollte in Ordnung sein. Es ging nicht darum, jede Frau in eine Karriere zu zwingen, insbesondere in eine, die früher männerdominiert war. Nur weil Frauen jetzt – sagen wir mal – Raumfahrttechnikerinnen werden können, bedeutet das nicht, dass wir jede Frau dazu zwingen sollten, Raumfahrttechnikerin zu werden. Manche Frauen – genau wie manche Männer – sind keine Raumfahrttechnikerinnen. Also ... wie lautete die Frage?

AC: Im Grunde genommen, ob Sie in Ihren Büchern versuchen, politische Statements zu geben.

Cadigan: Nein, nicht im Sinne eines Manifests oder von Propaganda. Es geht mir darum, wie es ist, in einem System zu leben, wo Dinge schief laufen, ganz egal, wie richtig sie eigentlich sein sollten oder wie gutgemeint sie sind. Und ich möchte zeigen, was ein Mensch, der es eigentlich gut meint, manchmal tun muss, wenn keine Alternative richtig erscheint, oder wenn das, was man korrekterweise tun sollte, falsch erscheint und etwas eigentlich Falsches absolut angemessen – und was immer man tut, es wird in irgendeiner Weise zutiefst falsch sein. Oder man wird es zumindest so empfinden. Es ist eine Einladung, sich in diese Person zu versetzen. Ich sage niemandem, was er oder sie empfinden soll, du kannst diese Situationen empfinden, wie immer du willst. Es ist eigentlich ganz einfach: »Das hier ist Dore Konstantin in dieser bestimmten Situation passiert.«

AC: Vielen Dank für das Interview.

• Jakob Schmidt führte dieses Interview im Dezember 2004,
als Pat Cadigan im Rahmen einer Veranstaltung in Berlin war.


Foto: Anita Winkler

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Siehe auch
Pat Cadigan: »Rock On« [Story]
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