![]() | |
| Das Magazin für Science Fiction & Fantasy • Ausgabe 66 • Story |

Isabel wurde in Ghezirah geboren und starb auch dort, in jener herrlichen Inselstadt, die im Schnittpunkt all der Zehntausendundeinen Welten liegt. Damals war Ghezirah noch anders, und von jener Zeit, die schon immer lange, lange vergangen ist, hieß es oft, dass die Tiere miteinander sprachen, Götter durch die Nacht wandelten und Springbrunnen sich mit Geistern füllten. Aber für Isabel war dies die Zeit, in der der Lilienkrieg zu Ende ging.
Ihre Herkunft liegt im Dunkeln. Sie mag das Kind einer der Bettlerinnen gewesen sein, die damals wie heute inmitten der großen Kristallzusammenläufe um Almosen bettelten. Vielleicht war sie die Tochter einer jener heiligen Söldnerinnen, die für ihre Kirche kämpften. Vielleicht war sie sogar die verloren gegangene Tochter einer großen Matriarchin, wie es in dergleichen Erzählungen so oft der Fall ist. Sicher ist nur, dass zu der Zeit, als Isabel in Ghezirah geboren wurde, die vielen wackligen Bündnisse, welche die Kirchen stets miteinander verbinden, in Kriegen zerbrochen waren. Damals gab es auch noch mehr Männer, und viele davon waren Krieger, sodass Isabels Geburt möglicherweise sogar eher die Folge einer Vergewaltigung war als die einer bewussten Entscheidung. Isabel hat es nie erfahren. Alles, an was sie sich je erinnern konnte glaubt man den frühesten bruchstückhaften Aufzeichnungen, die ihr zugeschrieben werden –, ist das Gedränge einer riesigen Menschenmenge, die alles unter sich zertrampelte, ein Windstoß und eine Druckwelle über ihr, die von einem Kriegsluftschiff stammen mochten. In dieser Atmosphäre der Panik und Gefahr hielt sie sich in einem Augenblick noch an einer Hand fest, im nächsten schien der Himmel in Feuer aufzugehen, und die Hand entglitt ihr.
Im Lilienkrieg fanden viele Menschen den Tod oder sie wurden verrückt. Ghezirah selbst nahm schweren Schaden, obgleich die Stadt die Dinge nach ihren eigenen Maßstäben beurteilte und sich bald daran machte, die vielen Inseln zu heilen, die sich zu dem funkelnden Netz verbinden, das den Stern namens Sabil umkreist. Das Leben ging weiter, wie es stets irgendwie weitergehen muss, und noch immer blitzte jeden Morgen vom Lied der Morgenrotsängerinnen begleitet Licht von Minarett zu Minarett, auch wenn viele der Schönheiten, von denen sie sangen, jetzt zerstört unter ihnen lagen. Auch die Kirchen mussten wieder gesunden und die vielen Akoluthen, die Tod und Verrat zum Opfer gefallen waren, durch neue ersetzen. Hier, inmitten des rauchenden Schutts und zu jung, um für sich selbst zu sorgen, taumelte unsere unscheinbare Isabel einher. Es muss eine der wenigen Gelegenheiten in ihrem Leben gewesen sein, an denen sie bemerkt wurde, jener Tag, an dem sie mit vielen anderen aufgelesen wurde, um in die gelichteten Reihen der Kirche der Morgendämmerung einzutreten.
Die Kirche der Morgendämmerung hat ihre eigene Insel in Ghezirah. Sie heißt Jerita, und es ist gut möglich, dass Isabel dort in den einfacheren Handwerken des Licht- und Dunkelmachens ausgebildet wurde. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie eine kleine Akademie vor Ort besuchte und dort der einfachen körperlichen Arbeit nachging, die darin bestand, eines der vielen zerstörten Minarette von Hand wiederaufzubauen, wobei sie vielleicht eine Schubkarre schieben musste oder mit der Kelle arbeitete. Denn trotz aller Verwüstung, die der Lilienkrieg in Ghezirah angerichtet hatte, wusste doch jede Kirche nur zu gut, dass es mehr als eine Torheit gewesen wäre, die Minarette ganz abzureißen, schließlich zauberten sie doch die Morgenröte an alle Himmel. Von allen Kirchen hatte daher die Kirche der Morgendämmerung wahrscheinlich den geringsten Schaden genommen und konnte es sich leisten, etwas großzügiger zu sein. Vielleicht war auch das der Grund, warum Isabel trotz ihres unscheinbaren Aussehens und ihres Mangels an Talenten zur Morgenrotsängerin ausgebildet wurde, als sie zur Frau heranwuchs. Vielleicht aber, wie es manchmal auch vorkommt, kam sie zu solchen Ehren, weil es einfach niemandem in den Sinn kam, sie überhaupt zu beachten.
Das oberste Gebot der Kirche der Morgendämmerung ist das Spiegelputzen: an den großen Reflektoren, die das Licht von Sabil weit oben über Ghezirahs schützenden Himmeln bündeln, und an den darunter liegenden; an den silbernen Schüsseln der großen Minarette, die alles außer den höchsten Bergen überragen; und an den unzählig vielen kleineren, die allmorgendlich mit den Liedern der Morgenrotsängerinnen das Licht über die ganze Stadt tragen. Aber es gibt noch viel mehr, was die Lehrlinge der Kirche der Morgendämmerung lernen müssen. Da wäre zum Beispiel das Verhalten von Licht an sich sowie die Wirkung der Linsen; oder auch die vielerlei Arten, wie das Licht von Sabil gefiltert werden muss, bevor es sicher auf Haut und Augen treffen darf, ganz gleich ob auf die von Fremdweltlern oder Menschen. Dann wären da noch die Mechanismen, die das Drehen all dieser Spiegel steuern, sowie die verborgenen Motoren, die sie antreiben. Nicht zu vergessen die Studien über Sabil selbst, wie sie zu- und abnimmt, auch wenn ihr grelles Licht unveränderlich scheint. Ghezirah war sogar jetzt, kurz nach dem Lilienkrieg, ein Ort des niemals endenden Sommers und der tropischen Wärme, wo die Blumen nie welkten, die Bäume ihre Blätter ein Leben lang trugen und wo der genaue Zeitpunkt, wann der Gesang in der Stadt Tag oder Nacht einläuten sollte, in den Kapellen der Morgendämmerungskirche durch das Kreiseln einer Atomuhr bestimmt wurde. Aber das Allerwichtigste an der Arbeit der jungen Lehrlinge, die sich um die Minarette kümmerten, war das Reinigen der Spiegel selbst.
