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| ALIEN CONTACT 67 |
von Holger Hetschko
| Science Fiction >
Alien Contact Interview |
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| Wolfgang Jeschke wurde 1936 geboren. Als Herausgeber von über 100 Anthologien und Autor von Romanen, Erzählungen und Hörspielen wurde er mehrmals mit dem renommierten Kurd-Lasswitz-Preis ausgezeichnet, zuletzt für seine Kurzgeschichte »Das Geschmeide«. Wir sprachen mit Wolfgang Jeschke über seinen Roman Das Cusanus-Spiel, der im September 2005 bei Droemer-Knaur erschien. | |
| Holger
Hetschko: Das Cusanus-Spiel
erscheint bei Droemer. Sicherlich bin ich nicht der Erste, der fragt, ob eine
Veröffentlichung bei Heyne im Gespräch war? Wolfgang Jeschke: Wo Das Cusanus-Spiel erscheinen sollte, habe ich meinem Agenten Thomas Schlück überlassen. Ich war ja seit 30 Jahren zum ersten Mal in der Situation, dass ich verschiedene Angebote einholen (lassen) konnte, denn vorher war ich verpflichtet mein Anstellungsvertrag sah dies bindend vor alle meine Romane und Erzählungen dem Heyne Verlag anzubieten, damit mein Name nicht bei der Konkurrenz aufschien. Natürlich hat Sascha Mamczak, der das Manuskript kannte, sich als Erster für eine Publikation interessiert. Er hat aber meine Gründe verstanden und respektiert, dass ich nicht in der SF-Ecke erscheinen wollte, weil ich der Meinung war und bin, dass der Roman einen breiteren Leserkreis interessieren könnte. Dafür wäre das Label SF hinderlich gewesen. Als dann vom Droemer Verlag ein Hardcover-Angebot kam, habe ich zugegriffen. Dort passt er gut ins Programm, und er hat, wie es aussieht, tatsächlich ein breiteres Publikumsinteresse wecken können, also auch bei Lesern, die sonst nicht nach SF greifen. Die SF-Leser werden ihn auch dort mühelos finden. Hetschko: Die Arbeit an Das Cusanus-Spiel dauerte acht Jahre. Erzählen Sie uns bitte etwas über den Entstehungsprozess des Romans. Jeschke: Das ist schwierig zu erklären. Es hängt mit der Art meines Schreibens zusammen, die recht untypisch ist. Bevor ich überhaupt etwas in Worte bringe, geht ein langer »Reifungsprozess« voraus, der weitgehend unbewusst verläuft. Irgendwann bildet sich eine Art Kristallisationskern, um den sich Bilder, Erlebnisse, Einfälle anlagern. In diesem war der Kristallisationskern ein Besuch im St. Nikolaus-Hospiz in Kues, dann ein Ausflug die Mosel aufwärts, die bedrohliche Silhouette des Kernkraftwerks Cattenom an einem kalten, nebeligen Herbsttag und schließlich die Übernachtung in der gediegenen bürgerlichen Wohlhabenheit eines Bernkastler Gasthauses. Da ging mir die Idee durch den Kopf, wie würden diese saturierten Menschen reagieren, wenn jemand aus der Zukunft hereinplatzte und sagte: »Heute Nacht passiert ein Reaktorunfall in Cattenom. Morgen ist hier alles verstrahlt. Packt eure wichtigsten Sachen zusammen und haut schleunigst ab!« Mit dieser Szene begann ursprünglich der Roman. Ich habe das Kapitel später gestrichen. Es gefiel mir nicht mehr. Hetschko: Sie haben zweifellos eine sehr aufwändige Recherche betrieben. Historische, biologische und physikalische Aspekte werden detailliert ausgeführt, Orte und Schauplätze stets genau beschrieben. Wie gingen Sie bei ihrer Arbeit vor? Besuchten Sie sämtliche (reale) Schauplätze der Handlung? Jeschke: Ich habe sehr viel recherchiert, habe alle Schauplätze der Handlung (zum Teil wiederholt) besucht und Hunderte von Fotos gemacht. Hinzu kamen umfangreiche Recherchen in der Literatur: Sachbücher und Zeitschriftenaufsätze vor allem über Physik und Kosmologie, Stadtpläne, Geschichtsbücher, vor allem die Geschichte Venedigs, Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte sowie Biografien und natürlich Botanik. Hetschko: Hatten Sie Einfluss auf die Gestaltung des Titelbildes? Jeschke: Einfluss auf das Umschlagbild hat ein Autor (fast) nie. Die Verlagsleitung, der Vertrieb, die Werbung und das Lektorat fürchten die eventuellen Querelen mit dem Autor und die mit Änderungen verbundenen Kosten. Der erfahrene Autor weiß das und macht gar nicht erst den Versuch, den Ausstattungsspezialisten dreinzureden; er vertraut darauf, dass sie es besser wissen und bemüht sind, ihr Bestes zu geben und das Outfit optimal zu gestalten. Ich sah den Umschlagentwurf erst kurz vor Erscheinen und den (letztlich lackierten) Umschlag erst am fertigen Buch. Hetschko: Der Roman ist nach Nicolaus Cusanus benannt (Kardinal, Universalgelehrter und Philosoph im 15. Jahrhundert). Wieso fiel Ihre Wahl gerade auf diesen Gelehrten? Jeschke: Ich bin während meines Philosophie-Studiums auf Cusanus gestoßen, habe die Biografien über ihn und viel in seinen Werken gelesen (weniger in den religionsphilosophischen als in seinen naturwissenschaftlich-kosmologischen). Er hat faszinierende Ideen gehabt und Dinge »angedacht«, die erst Jahrhunderte später zum Tragen kamen (über die Unendlichkeit etwa und über das ineinander verzahnte Nebeneinander von Wirklichem und Möglichem), Ideen, für die Giordano Bruno 150 Jahre nach ihm auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Meiner ganz persönlichen Meinung nach führt von Cusanus ausgehend über Bruno, Spinoza, Einstein (Raumzeit) und Everett (Viele-Welten-Theorie) eine Tradition des Denkens bis in die heutige modernste Quantenkosmologie (Superstring- und M-Theorie). Dieser Weltsicht hänge ich an. Ich habe sie im Roman durch eine biologistische Variante ergänzt (das Multiversum als Lebewesen oder als selbstoptimierendes Computerprogramm). Ich halte diese Kosmologie für sehr plausibel. Alexander Seibold, seines Zeichens Theologe, fragte mich kürzlich in einem Interview, ob Cusanus, lebte er heute, eine ähnliche Weltsicht haben würde. Ich halte das für sehr wahrscheinlich. Seine Vorstellung vom Kosmos kam dem sehr nahe, nur nannte er als Kind seiner Zeit dieses Multiiversum »Gott«. Mehr als 200 Jahre nach Cusanus hat Spinoza es gewagt, diesen Gottesbegriff expressis verbis zu formulieren, wofür er von der (jüdischen wie christlichen) Geistlichkeit als Häretiker verteufelt, geschmäht und verfolgt wurde. Hetschko: Sie erzählen den Roman in der ersten Person aus der Sicht einer jungen Biologin, Mitte Zwanzig. Wie kam es dazu? War es schwer, sich in eine junge Frau hineinzudenken? Haben Sie sich beraten lassen? Jeschke: Das hat verschiedene Gründe: Mich reizte die Perspektive. Ich habe aber lange gezögert, weil ich nicht wusste, ob ich es schaffen würde, sie durchzuhalten. Die Damen meiner Bekanntschaft und meine Frau waren zufrieden mit den Proben, die ich ihnen zur Begutachtung vorlegte, also nahm ich die Herausforderung an und machte Domenica zur Ich-Erzählerin. Ein weiteres Argument: Ich brauchte eine Hexe, keinen Hexer. Mit einer Hexe hat der Leser mehr Mitleid, die Leserin mehr Mitgefühl, wenn sie ins tödliche Räderwerk der Inquisition gerät. Und schließlich faszinierte mich die Vorstellung, den Vater gleichzeitig von ein und derselben Frau aus der Perspektive eines Backfischs und aus der einer reifen Person zu schildern. Hetschko: Im Grunde genommen ist der Roman eine Dystopie, die den Leser bisweilen erschüttert. Dient dieser Pessimismus der Dramaturgie, oder halten Sie gewisse Szenarien für tatsächliche Optionen? Jeschke: Der Pessimismus ist Dramaturgie ganz klar. Ich will doch solche Zukünfte tunlichst (zu) verhindern (helfen). Aber wenn man die Zeichen der Zeit hellsichtig deutet, kann man doch nicht umhin festzustellen, dass schrecklich viel in der Luft liegt, das sich leicht zur Katastrophe auswachsen könnte, da braucht man dramaturgisch gar nicht viel zu übertreiben. Wenn wir Glück haben und auf der Hut sind, schrammen wir haarscharf daran vorbei. Der Roman soll natürlich in erster Linie (gescheit) unterhalten, aber ein bisschen Sensibilisierung kann ja wahrhaftig nicht schaden. Hetschko: Mich überraschte, dass Europäer (und Asiaten) den Amerikanern bei der Nutzung der »Zeitreise-Technologie« deutlich überlegen sind. Spitzenforschung zukünftig wieder im »alten Europa«? Jeschke: Europa liegt mir nun einmal näher und das Amerika Bushs und seiner Kreationisten sehr, sehr fern. Spitzenforschung haben wir in Europa auch. Aber das ist kein Thema des Romans, die Anstöße kommen ja aus der Zukunft, aus der Raumzeit, von Highgate. Hetschko: Mit dem Faden um »Highgate« verlässt die Handlung die rein wissenschaftlich-spekulative Ebene und erhält zusätzlich ein phantastisches Moment. War dieses Element von Anfang an Teil des Gesamtkonzeptes? Jeschke: Highgate ist als Schauplatz eine mythische Überhöhung des Ganzen, ein äußerster Ort, durch den die Grenzen zu den lebensfeindlichen Universen verlaufen, ein Ort, an dem die Zeit endet und der Zeitpfeil sich unschlüssig hin und her dreht. Die Bilder, mit denen ich Highgate gestaltet habe, waren ganz zu Anfang schon da. Auch so ein Kristallisationskern. Hetschko: Könnten Sie sich vorstellen, an Domenicas Statt in das Mittelalter zu reisen? Jeschke: Eigentlich reiste ich lieber in die Zukunft. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Hetschko: Frei nach Wolfgang Jeschke: »Der Mensch gefährdet die Schöpfung durch Sorglosigkeit und Raffgier.« Eröffnete sich die Möglichkeit der Reise in die Vergangenheit, liefen wir große Gefahr, dass auch noch an der Zeitlinie manipuliert würde. Wie stünden Sie zu der Option »Zeitreise«? Jeschke: Die Quantenkosmologie hat in den letzten anderthalb Jahrzehnten so viel an physikalischen Gewissheiten, die buchstäblich für die Ewigkeit errichtet schienen, niedergerissen. Ich halte nichts für unmöglich, wenn auch erst in ferner, vielleicht fernster Zukunft auch die Zeitreise, wenn auch nicht in der von mir erzählten, für den Leser sinnlich nachvollziehbaren Form. Aber das literarische Vehikel der Zeitreise war für mich immer schon die reizvollste Art der Spekulation. Sie hat für die menschliche Phantasie etwas ungeheuer Befreiendes. Hetschko: In diesen Tagen erscheint Ihr Roman Der letzte Tage der Schöpfung wieder in der Heyne Reihe »Meisterwerke der Science Fiction«. Man erinnert sich bei Heyne neuerdings wieder dieses phantastischen Titels? Jeschke: Sascha Mamczak hat die Neuausgabe möglich gemacht. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, denn der Roman war schon sehr lange vergriffen und ist doch heute brandaktuell. Und noch mehr habe ich ihm zu danken, dass er Franz Schätzing für ein Vorwort gewinnen konnte. Das war eine gelungene Überraschung. Ich hatte keine Ahnung. Erst als mir ein druckfrisches Exemplar überreicht wurde, fiel mein Blick auf den Namen. Hetschko: Was sagen Sie zu dem Vorwort von Frank Schätzing? Jeschke: Ich war gerührt, welch lobende Worte Frank Schätzing gefunden und mit welchem Verständnis und welchem Einfühlungsvermögen er den Roman gelesen und interpretiert hat. Ich bin stolz auf das Lob und dankbar, dass er als berühmter und vielbeschäftigter Mann die Zeit dazu fand, den Letzten Tag der Schöpfung zu lesen. Ich habe ihm ein Exemplar des Cusanus-Spiels geschenkt. Als Kölner ist es bestimmt nicht uninteressant für ihn, hat er sich doch selbst erst kürzlich im Mittelalter seiner Heimatstadt herumgetrieben. Hetschko: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? Dürfen wir uns auf weitere Romane oder Kurzgeschichten freuen? Jeschke: Mit einem Roman gehe ich nicht schwanger, aber an zwei Erzählungen bastle ich seit einiger Zeit herum. Mal sehen, was daraus wird. © 2005 Holger Hetschko |
![]() Foto: Holger Hetschko |
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