ALIEN CONTACT

Jeffrey Ford

VanderMeers Geheimnisse: Eine Einführung

Science Fiction
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Jeffrey Ford, selbst ein mit dem World Fantasy Award ausgezeichneter Schriftsteller, hat es unternommen, seinen Kollegen Jeff VanderMeer mit diesem Text zu würdigen. Im Original als Einleitung zu VanderMeers Erzählungsband Secret Life (2004) erschienen, soll »VanderMeers Geheimnisse« auch deutschen Lesern einen Weg in das Dickicht der Werke dieses Wortmagiers weisen.
In der Stadt Ambra hat der Fremdenverkehr seit Sommer 2002 erheblich zugenommen. Waren Sie auch dort? Schon für den mäßigen Preis eines gebundenen Buches kann man eine sagenhafte Reise an ein Urlaubsziel unternehmen, wie es in dieser Welt und in jener der phantastischen Literatur ohnegleichen ist.
   Sie wollen Zeugnis von zufriedenen Kunden? Lesen Sie die Rezensionen, deren es viele im Netz gibt, oder führen Sie sich die zahlreichen Jahresbestenlisten zu Gemüte, in denen diese Reise unter dem Namen Stadt der Heiligen & Verrückten aufscheint. Weltliches Zeug wie Magie, Abgedroschenes wie Drachen und Fadenscheiniges wie Zauberer und Elben hat keinen Platz unter den Höhepunkten dieser Reise. Das Wunder von Ambra entsteht aus der barocken Komplexität ihrer Gestaltung und den ungewöhnlichen Gesellschaftsstrukturen und Ritualen ihrer Bewohner. Übernatürliches gibt es in dieser Stadt nicht, aber die spürbare Detailverliebtheit und die Schärfe, mit der die Lebensumstände ihrer namhafteren Einwohner gezeichnet wurden, lassen Ambra weit besser im Gedächtnis haften als andere Fantasy-Städte, deren Beschränkungen weit weniger realistisch sind. Hat man die Tour bis zum Ende mitgemacht, das Buch geschlossen, und ist Ambra einmal Teil von einem geworden, wie man selbst gleichermaßen ein Teil von ihr geworden ist, dann wird man einen Eindruck nicht mehr los: Trotz all ihrer Verrücktheiten wächst und existiert diese Stadt geographisch, intellektuell und emotional an einem Ort, der sich mit Ihrem eigenen Leben überschneidet.
   Jeff VanderMeer, Architekt der Stadt, schreibt schon seit Jahrzehnten Geschichten spekulativ-surreal-phantastischer Natur. Viele Leser müssen sich gedacht haben, er sei 2001 mit der Veröffentlichung von City of Saints & Madmen einfach so vom Himmel gefallen. Im Jahr 2000 hat er für seine Novelle Die Wandlung des Martin See einen World Fantasy Award erhalten, aber das ist wenigen Lesern bekannt. Wenn man sich die Veröffentlichungswege ansieht, die von den unterschiedlichen Geschichten in der Sammlung Secret Life genommen wurden, wird schnell klar, dass die meisten in Publikationen oder bei Verlagen erschienen sind, die abseits der Welt der Medienkonglomerate und der großen Konzerne tätig sind, sich auf Sponsorengelder von Einzelpersonen verlassen müssen und gezwungen sind, ihre Auflagen in Grenzen zu halten. Dem Uneingeweihten mag der Gedanke kommen, dass in diesen Geschichten die Vision fehlt oder der Mann sein Handwerk nicht gut genug versteht, um von prominenteren Verlagen aufgegriffen zu werden, aber nachdem man nur eine kleine Auswahl aus diesem Buch genossen hat, wird einem rasch klar werden, dass dies durchaus nicht der Fall ist – im Gegenteil, VanderMeer stellt hier, zumindest auf einer gewissen Ebene, den Triumph der Unabhängigen dar. Mit »Triumph« meine ich hier nicht den Triumph über die größeren, gutbetuchteren Verlage, sondern einen Triumph in eigener Sache. Sie haben sich der Qualität verschrieben, die idiosynkratischen Visionen über den Kommerz gestellt, und das beginnt bei einem Großteil der Bücherkäufer Anklang zu finden.
   Aus Gesprächen mit Jeff VanderMeer weiß ich, dass er seine Texte anfänglich durchaus im Programm jener prominenteren Verlage veröffentlicht sehen wollte. Das will er auch heute noch, aber wie er herausfinden musste, stimmt seine persönliche Vision mit der Vision dieser Verlage nicht überein. Er beging nicht den fatalen Fehler, den viele der neueren Autoren begehen, weil sie hoffen, so Aufnahme bei einem etablierten Verlag oder Magazin finden - er veränderte seinen Stil nicht, schwächte seine Vision nicht ab, sondern vertraute explizit seiner eigenen Vorstellungskraft. So wählte er einen anderen Weg und fand schließlich heraus, dass da eine ganze Gemeinschaft von Autoren und Verleger mit ebendiesen Prinzipien existiert. Hier, im Kreise der Unabhängigen, hat der Umbruch, der sich jetzt überall in der spekulativen Literatur bemerkbar macht, seinen Ausgang genommen. Mit seinem eigenen Verlag, der Ministry of Whimsy Press, hat VanderMeer dabei eine nicht unbedeutende Rolle gespielt: Er hat die Arbeiten von so wunderbaren Autoren wie Jeffrey Thomas und Stepan Chapman in seiner Anthologienreihe Leviathan veröffentlicht. Den Magazinen, in denen er seine eigenen Arbeiten veröffentlicht hat, geht es weit eher um eine originelle Stimme und Vision, einer Hybridisierung des Genres, um das Innenleben der Protagonisten, einen »experimentellen« Stil und nicht um die altbekannten Themen, die alle Bestsellerlisten dominieren. Wirft man heute auch nur einen beiläufigen Blick auf die szeneninternen Geschehnisse der spekulativen Literatur, kann man bemerken, dass unabhängige Verlage wie Ministry of Whimsy, Small Beer Press, Night Shade und Golden Gryphon (letzterer der Verlag des Buches, dem dieses Vorwort entnommen ist) deutlich öfter im Wettstreit um Preisverleihungen, Bestenlisten und, in manchen Fällen, sogar um hohe Verkaufszahlen mitmischen, und all das ist ihnen gelungen, ohne von ihren selbstgesetzten Direktiven abzuweichen.
   Aber was hat das alles mit Secret Life zu tun? Nun, so erfolgreich und vielgelobt City of Saints & Madmen auch war und trotz der Vielzahl an begeisterten Lesern und Rezensenten - ohne eine ganze Menge an schriftstellerischer Erfahrung hätte es das Buch nicht geben können. VanderMeer wurde nicht zu einem interessanten und hervorragenden Schriftsteller, als er sich hingesetzt und mit Stadt der Heiligen & Verrückten begonnen hat. Die Szene und die ihr eigene Leserschaft haben, unter dem Einfluss der Unabhängigen, ihren Spielraum erweitert und somit diesem bemerkenswerten Schriftsteller einen Platz innerhalb des Wirkungsbereiches ihres Radars gegeben. Secret Life sammelt die besten Stücke aus der Zeit, bevor VanderMeer diese allgemeine Anerkennung zuteil geworden ist. Für den Leser von Stadt der Heiligen & Verrückten heißt das, dass er hier auf eine geheime Schatzkammer voller Geschichten stoßen wird, die alle der besten Elemente des geschätzten Buches enthalten. Die Geschichten sind teilweise exotisch, teilweise surreal, philosophisch, humorvoll, romantisch und ohne Ausnahme ausgesprochen lesbar.
   Ich denke, jene Leser, die noch nicht das Vergnügen hatten, Stadt der Heiligen & Verrückten zu lesen, sondern das Buch nur aus den Rezensionen kennen, werden von dieser Kurzgeschichtensammlung angenehm überrascht sein. Zum Großteil haben sich die Rezensionen ausschließlich auf die komplizierte Konstruktion des Buches konzentriert, auf die Selbstreflexivität, den spöttisch-akademischen Tonfall und den Spaß an den literarischen Ablenkungsmanövern. Bis zu einem gewissen Grade taten sie darin recht - die darin enthaltene chiffrierte Geschichte, die komplexe Vernetzung der einzelnen Erzählungen und die Fiktionen, mit denen die Fiktion erklärt wird, sind unterhaltsame Bestandteile des Buches, und die Rezensenten wiesen sehr deutlich auf diese so genannten »Neuerungen« hin. Was diesen Rezensionen meines Erachtens oft fehlte, war die Erwähnung von VanderMeers Stärken als Erzähler, seiner Beherrschung stilistischer und handwerklicher Mittel. Ich denke, Nick Gevers, Kritiker von Locus Online, hatte absolut recht, als er Jeff VanderMeer zu einem der besten zehn Autoren von Kurzgeschichten innerhalb der Phantastik kürte.
   Eine Sache, die in Secret Life sowohl seinen neuen als auch den langjährigen Lesern auffallen wird, ist, wie breit gefächert VanderMeers Interessen und Fähigkeiten sind. Die Geschichten spielen an so unterschiedlichen Orten wie Kambodscha, Tennessee, Mittelamerika, Florida, in Alptraumstädten seiner Erfindung, in einer fremden Welt, in Veniss (der Stadt, die in seinem Roman Veniss Underground erkundet wird) und natürlich in Ambra (für jene, die es schon nach einem nächsten Besuch verlangt). Diese Orte sind mit großer Aufmerksamkeit für Einzelheiten gestaltet worden, sind voll von Verständnis für die örtliche Kultur und die Landschaft selbst und erlauben uns, zusammen mit den Protagonisten dort zu wandeln. Die Protagonisten, auch sie meisterhaft gezeichnet und so real, dass wir gerne an ihre Existenz glauben und uns um ihr Schicksal sorgen, decken ein breites Spektrum ab – ein Soldat, ein Gott, ein gepeinigter Büroangestellter, eine Leiche, ein Elefant, ein Künstler und zuletzt auch Sie selbst, werter Leser. Es gibt hier Geschichten, die Sie erfüllt von existenziellen Zweifeln beiseite legen werden, die in Ihrem Kopf zu spuken beginnen, so wie »Experiment #25 from the Book of Winter: The Croc and You«. Sie werden mit ihrem Einfallsreichtum möglicherweise bewirken, dass Sie einen Aspekt Ihres Lebens in Frage stellen, so wie »The Mansions of the Moon« und »Secret Life«, oder Sie mit durch die Geschichte der Menschheit nehmen wie »Mahout« und »London Burning«; werden Ihnen eine Lektion in puncto Wissenschaft erteilen, die VanderMeer seinem enormen Wissen über die Süßwasserkalmaren verdankt, oder Sie zu Tränen rühren, so wie »Balzac’s War« und »The Bone Carver’s Tale«.
   In VanderMeers Geschichten findet man Spuren des makellosen Stammbaumes, der sich bis zu den besten Autoren der phantastischen Literatur zurückerstreckt – zu Jorge Luis Borges, Franz Kafka, Angela Carter, Italo Calvino und Vladimir Nabokov. Gleichzeitig sah ich mich, aufgrund der visuellen Natur solch einer Lektüre, an Filme wie Invasion der Körperfresser und die John Carpenters Version von Das Ding erinnert, und das bei ein- und derselben Geschichte. In anderen Geschichten gibt es offensichtliche Verbindungen mit den Filmen von Jan Svankmejer und mit Stadt der verlorenen Kinder. Gewisse andere Geschichten ließen mich an die Werke von Max Ernst, di Chirico, Rousseau und Cornell denken. All diese absolut unterschiedlichen Einflüsse werden neu kombiniert und gefiltert und bilden schließlich die originelle Stimme dieses Schriftstellers. VanderMeers Texte gehen auf eine Zeit zurück, als phantastische Literatur noch »Literatur« war und nicht Figurenentwicklung, anspruchsvollen Stil und eine komplexe Handlung zugunsten des Triebes eindimensionaler Protagonisten, möglichst rasch dem Höhepunkt eines Abenteuers entgegenzuhasten, aufgegeben hatte. Das gesagt, soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass sich beui VanderMeer oft ein heimtückischer Sinn für Humor findet, der oftmals den »literarischen« Ernst der Geschichten untergräbt, ihn nicht komplett negiert, sondern mit ihm verschmilzt, damit das Resultat sowohl Ihre Intelligenz als auch Ihre Emotionen ansprechen kann, Sie aber gleichzeitig herzlich lachen lässt. Für ein Beispiel dieser durchdachten Satire, betrachten Sie nur einmal die Titelgeschichte dieser Sammlung.
   Beim Lesen der Geschichten in Secret Life könnten Sie sich fragen, was für eine Art von Mensch sie wohl geschrieben hat. Hier kann ich aushelfen, denn ich habe einige Zeit damit zugebracht, mit Jeff VanderMeer via E-Mail zu korrespondieren, und befand mich bei mehr als einer Gelegenheit in seiner Gegenwart. Zum ersten Mal traf ich ihn in einer Bar an einem Swimmingpool in Ft. Lauderdale, Florida, wo ich die International Conference of the Fantastic in the Arts besuchte. Er war angezogen wie jemand, der in einem kleinen Computergeschäft arbeitet, trug ein ungebügeltes und kurzärmeliges weißes T-Shirt und einen Schlips. Sein Auftreten passte nicht ganz zu meiner Kenntnis seiner Arbeit oder zu seiner Korrespondenz, aber er machte den Eindruck eines sehr ernsthaften Mannes, und doch entsprach sein Sinn für Humor, der sich schnell zeigte, dem sardonischen Witz seines Schreibens überhaupt nicht. Ihm eignete eine gewisse verborgen gehaltene Exzentrizität, die ich nicht klar benennen konnte, aber das Gespräch mit ihm war sehr interessant, und wir lachten recht häufig.
   Seine Gedanken müssen immer auf Hochtouren laufen, weil er für gewöhnlich ein Dutzend heißer Eisen gleichzeitig im Feuer hat – Geschichten, Veröffentlichungen, bei denen er als Herausgeber fungiert, Besprechungen, literaturkritische Essays, obskure Bücher, die er aufzutreiben versucht. In ihm steckt ein Perfektionist, der ihn gelegentlich bis an den Rand einer Neurose treibt, und er ist rücksichtslos ehrlich, was ihm hin und wieder selbst mit seinen Freunden einiges an Problemen einbringt. Und wenn man denn sein Freund ist, dann kann man damit rechnen, an solchen Projekten wie dem Thakeray T. Lambshead Pocket Guide to Eccentric and Discretited Diseases mitzuarbeiten, oder man versucht, sich in einen um zwei Nummern zu kleinen Laborkittel zu zwängen, weil man in wenigen Sekunden an einer öffentlichen Diskussion teilnimmt, bei der von einem erwartet wird, dass man einen wahnsinnig gewordenen Arzt mimt. Oder man findet eines Tages eine Schachtel in der Post, und die ist randvoll mit getrockneten Pilzen, die eine kleine Schachtel polstern, in der man auf ein kleines Buch stößt, auf einen Brief, der mit goldener Tinte geschrieben ist und mit der wunderbaren Zeichnung eines Riesenkalmars verziert ist, und auf eine Porfal-Gedächtniskapsel. Einige Wochen zuvor bekam ich von VanderMeer ein Büchlein zugeschickt, das in einer Sprache geschrieben war, die ich nie zuvor auch nur gesehen habe.
   Außerdem, und das mag das Wichtigste sein, ist er der Förderer einer lose zusammenhängenden Gemeinschaft von Schriftstellern, Illustratoren und Herausgebern, die seine Liebe zur phantastischen Kunst teilen. Er spielt hier den Vermittler, verteilt bereitwillig E-Mail-Adressen, bringt Leute miteinander in Kontakt, lässt wissen, welche Herausgeber nach Beiträgen für Magazine und Anthologien suchen. Durch meine Bekanntschaft mit Jeff VanderMeer habe ich viele interessante Menschen kennen gelernt und bin mit Ideen und mit Büchern in Kontakt gekommen, auf die ich sonst nie gestoßen wäre.
   Trotz all dieser Augenzeugenberichte - was VanderMeer nun wirklich am Laufen hält, das ist ein Geheimnis, und auch wenn ich Autoren und Künstler nennen kann, die ihn beeinflusst haben, und einige der wunderbaren Eigenschaften beschreiben könnte, mittels derer seine Geschichten die ihm innewohnenden kraftvollen Ideen und Bilder und Gefühle kommunizieren ... das ist ein Geheimnis, das nur erkundet werden kann, wenn Sie sich eine seiner Geschichte aussuchen und beginnen sie zu lesen.

»Introduction: The Secrets of VanderMeer«
Erstveröffentlichung in Jeff VanderMeer: Secret Life
(Urbana: Golden Gryphon Press, 2004)
© 2004 by Jeffrey Ford
Mit freundlicher Genehmigung des Autors, vermittelt durch Jeff VanderMeer
Deutsch von Sebastian Buchner
© der Übersetzung 2005 by Sebastian Buchner & Shayol Verlag


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Siehe auch
VanderMeers Geheimnisse: Eine Einführung
Was Sie über Stadt der Heiligen & Verrückten schon immer einmal nicht wissen wollten ... • Teil 1
Was Sie über Stadt der Heiligen & Verrückten schon immer einmal nicht wissen wollten ... • Teil 2
Das schönste Feuerwerk der Welt - Ein Interview mit Jeff VanderMeer
Jeff VanderMeer, »Exponat H« [Story]
Jeff VanderMeer, »Die Geschichte vom Knochenschnitzer« [Story]
Jeff Vandermeer: Stadt der Heiligen & Verrückten [Rezension]
Homepage von Jeff VanderMeer
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