In der Stadt
Ambra hat der Fremdenverkehr seit Sommer 2002 erheblich zugenommen. Waren Sie auch dort?
Schon für den mäßigen Preis eines gebundenen Buches kann man eine sagenhafte Reise an
ein Urlaubsziel unternehmen, wie es in dieser Welt und in jener der phantastischen
Literatur ohnegleichen ist.
Sie wollen Zeugnis von zufriedenen Kunden? Lesen Sie die Rezensionen,
deren es viele im Netz gibt, oder führen Sie sich die zahlreichen Jahresbestenlisten zu
Gemüte, in denen diese Reise unter dem Namen Stadt der Heiligen & Verrückten
aufscheint. Weltliches Zeug wie Magie, Abgedroschenes wie Drachen und Fadenscheiniges wie
Zauberer und Elben hat keinen Platz unter den Höhepunkten dieser Reise. Das Wunder von
Ambra entsteht aus der barocken Komplexität ihrer Gestaltung und den ungewöhnlichen
Gesellschaftsstrukturen und Ritualen ihrer Bewohner. Übernatürliches gibt es in dieser
Stadt nicht, aber die spürbare Detailverliebtheit und die Schärfe, mit der die
Lebensumstände ihrer namhafteren Einwohner gezeichnet wurden, lassen Ambra weit besser im
Gedächtnis haften als andere Fantasy-Städte, deren Beschränkungen weit weniger
realistisch sind. Hat man die Tour bis zum Ende mitgemacht, das Buch geschlossen, und ist
Ambra einmal Teil von einem geworden, wie man selbst gleichermaßen ein Teil von ihr
geworden ist, dann wird man einen Eindruck nicht mehr los: Trotz all ihrer Verrücktheiten
wächst und existiert diese Stadt geographisch, intellektuell und emotional an einem Ort,
der sich mit Ihrem eigenen Leben überschneidet.
Jeff VanderMeer, Architekt der Stadt, schreibt schon seit Jahrzehnten
Geschichten spekulativ-surreal-phantastischer Natur. Viele Leser müssen sich gedacht
haben, er sei 2001 mit der Veröffentlichung von City of Saints & Madmen
einfach so vom Himmel gefallen. Im Jahr 2000 hat er für seine Novelle Die Wandlung
des Martin See einen World Fantasy Award erhalten, aber das ist wenigen Lesern
bekannt. Wenn man sich die Veröffentlichungswege ansieht, die von den unterschiedlichen
Geschichten in der Sammlung Secret Life genommen wurden, wird schnell klar, dass
die meisten in Publikationen oder bei Verlagen erschienen sind, die abseits der Welt der
Medienkonglomerate und der großen Konzerne tätig sind, sich auf Sponsorengelder von
Einzelpersonen verlassen müssen und gezwungen sind, ihre Auflagen in Grenzen zu halten.
Dem Uneingeweihten mag der Gedanke kommen, dass in diesen Geschichten die Vision fehlt
oder der Mann sein Handwerk nicht gut genug versteht, um von prominenteren Verlagen
aufgegriffen zu werden, aber nachdem man nur eine kleine Auswahl aus diesem Buch genossen
hat, wird einem rasch klar werden, dass dies durchaus nicht der Fall ist im
Gegenteil, VanderMeer stellt hier, zumindest auf einer gewissen Ebene, den Triumph der
Unabhängigen dar. Mit »Triumph« meine ich hier nicht den Triumph über die
größeren, gutbetuchteren Verlage, sondern einen Triumph in eigener Sache. Sie haben sich
der Qualität verschrieben, die idiosynkratischen Visionen über den Kommerz gestellt, und
das beginnt bei einem Großteil der Bücherkäufer Anklang zu finden.
Aus Gesprächen mit Jeff VanderMeer weiß ich, dass er seine Texte
anfänglich durchaus im Programm jener prominenteren Verlage veröffentlicht sehen wollte.
Das will er auch heute noch, aber wie er herausfinden musste, stimmt seine persönliche
Vision mit der Vision dieser Verlage nicht überein. Er beging nicht den fatalen Fehler,
den viele der neueren Autoren begehen, weil sie hoffen, so Aufnahme bei einem etablierten
Verlag oder Magazin finden - er veränderte seinen Stil nicht, schwächte seine Vision
nicht ab, sondern vertraute explizit seiner eigenen Vorstellungskraft. So wählte er einen
anderen Weg und fand schließlich heraus, dass da eine ganze Gemeinschaft von Autoren und
Verleger mit ebendiesen Prinzipien existiert. Hier, im Kreise der Unabhängigen, hat der
Umbruch, der sich jetzt überall in der spekulativen Literatur bemerkbar macht, seinen
Ausgang genommen. Mit seinem eigenen Verlag, der Ministry of Whimsy Press, hat VanderMeer
dabei eine nicht unbedeutende Rolle gespielt: Er hat die Arbeiten von so wunderbaren
Autoren wie Jeffrey Thomas und Stepan Chapman in seiner Anthologienreihe Leviathan
veröffentlicht. Den Magazinen, in denen er seine eigenen Arbeiten veröffentlicht hat,
geht es weit eher um eine originelle Stimme und Vision, einer Hybridisierung des Genres,
um das Innenleben der Protagonisten, einen »experimentellen« Stil und nicht um die
altbekannten Themen, die alle Bestsellerlisten dominieren. Wirft man heute auch nur einen
beiläufigen Blick auf die szeneninternen Geschehnisse der spekulativen Literatur, kann
man bemerken, dass unabhängige Verlage wie Ministry of Whimsy, Small Beer Press, Night
Shade und Golden Gryphon (letzterer der Verlag des Buches, dem dieses Vorwort entnommen
ist) deutlich öfter im Wettstreit um Preisverleihungen, Bestenlisten und, in manchen
Fällen, sogar um hohe Verkaufszahlen mitmischen, und all das ist ihnen gelungen, ohne von
ihren selbstgesetzten Direktiven abzuweichen.
Aber was hat das alles mit Secret Life zu tun? Nun, so
erfolgreich und vielgelobt City of Saints & Madmen auch war und trotz der
Vielzahl an begeisterten Lesern und Rezensenten - ohne eine ganze Menge an
schriftstellerischer Erfahrung hätte es das Buch nicht geben können. VanderMeer wurde
nicht zu einem interessanten und hervorragenden Schriftsteller, als er sich hingesetzt und
mit Stadt der Heiligen & Verrückten begonnen hat. Die Szene und die ihr
eigene Leserschaft haben, unter dem Einfluss der Unabhängigen, ihren Spielraum erweitert
und somit diesem bemerkenswerten Schriftsteller einen Platz innerhalb des
Wirkungsbereiches ihres Radars gegeben. Secret Life sammelt die besten Stücke
aus der Zeit, bevor VanderMeer diese allgemeine Anerkennung zuteil geworden ist. Für den
Leser von Stadt der Heiligen & Verrückten heißt das, dass er hier auf eine
geheime Schatzkammer voller Geschichten stoßen wird, die alle der besten Elemente des
geschätzten Buches enthalten. Die Geschichten sind teilweise exotisch, teilweise surreal,
philosophisch, humorvoll, romantisch und ohne Ausnahme ausgesprochen lesbar.
Ich denke, jene Leser, die noch nicht das Vergnügen hatten, Stadt
der Heiligen & Verrückten zu lesen, sondern das Buch nur aus den Rezensionen
kennen, werden von dieser Kurzgeschichtensammlung angenehm überrascht sein. Zum Großteil
haben sich die Rezensionen ausschließlich auf die komplizierte Konstruktion des Buches
konzentriert, auf die Selbstreflexivität, den spöttisch-akademischen Tonfall und den
Spaß an den literarischen Ablenkungsmanövern. Bis zu einem gewissen Grade taten sie
darin recht - die darin enthaltene chiffrierte Geschichte, die komplexe Vernetzung der
einzelnen Erzählungen und die Fiktionen, mit denen die Fiktion erklärt wird, sind
unterhaltsame Bestandteile des Buches, und die Rezensenten wiesen sehr deutlich auf diese
so genannten »Neuerungen« hin. Was diesen Rezensionen meines Erachtens oft fehlte, war
die Erwähnung von VanderMeers Stärken als Erzähler, seiner Beherrschung stilistischer
und handwerklicher Mittel. Ich denke, Nick Gevers, Kritiker von Locus Online,
hatte absolut recht, als er Jeff VanderMeer zu einem der besten zehn Autoren von
Kurzgeschichten innerhalb der Phantastik kürte.
Eine Sache, die in Secret Life sowohl seinen neuen als auch den
langjährigen Lesern auffallen wird, ist, wie breit gefächert VanderMeers Interessen und
Fähigkeiten sind. Die Geschichten spielen an so unterschiedlichen Orten wie Kambodscha,
Tennessee, Mittelamerika, Florida, in Alptraumstädten seiner Erfindung, in einer fremden
Welt, in Veniss (der Stadt, die in seinem Roman Veniss Underground erkundet wird)
und natürlich in Ambra (für jene, die es schon nach einem nächsten Besuch verlangt).
Diese Orte sind mit großer Aufmerksamkeit für Einzelheiten gestaltet worden, sind voll
von Verständnis für die örtliche Kultur und die Landschaft selbst und erlauben uns,
zusammen mit den Protagonisten dort zu wandeln. Die Protagonisten, auch sie meisterhaft
gezeichnet und so real, dass wir gerne an ihre Existenz glauben und uns um ihr Schicksal
sorgen, decken ein breites Spektrum ab ein Soldat, ein Gott, ein gepeinigter
Büroangestellter, eine Leiche, ein Elefant, ein Künstler und zuletzt auch Sie selbst,
werter Leser. Es gibt hier Geschichten, die Sie erfüllt von existenziellen Zweifeln
beiseite legen werden, die in Ihrem Kopf zu spuken beginnen, so wie »Experiment #25 from
the Book of Winter: The Croc and You«. Sie werden mit ihrem Einfallsreichtum
möglicherweise bewirken, dass Sie einen Aspekt Ihres Lebens in Frage stellen, so wie
»The Mansions of the Moon« und »Secret Life«, oder Sie mit durch die Geschichte der
Menschheit nehmen wie »Mahout« und »London Burning«; werden Ihnen eine Lektion in
puncto Wissenschaft erteilen, die VanderMeer seinem enormen Wissen über die
Süßwasserkalmaren verdankt, oder Sie zu Tränen rühren, so wie »Balzacs War«
und »The Bone Carvers Tale«.
In VanderMeers Geschichten findet man Spuren des makellosen Stammbaumes,
der sich bis zu den besten Autoren der phantastischen Literatur zurückerstreckt zu
Jorge Luis Borges, Franz Kafka, Angela Carter, Italo Calvino und Vladimir Nabokov.
Gleichzeitig sah ich mich, aufgrund der visuellen Natur solch einer Lektüre, an Filme wie
Invasion der Körperfresser und die John Carpenters Version von Das Ding
erinnert, und das bei ein- und derselben Geschichte. In anderen Geschichten gibt es
offensichtliche Verbindungen mit den Filmen von Jan Svankmejer und mit Stadt der
verlorenen Kinder. Gewisse andere Geschichten ließen mich an die Werke von Max
Ernst, di Chirico, Rousseau und Cornell denken. All diese absolut unterschiedlichen
Einflüsse werden neu kombiniert und gefiltert und bilden schließlich die originelle
Stimme dieses Schriftstellers. VanderMeers Texte gehen auf eine Zeit zurück, als
phantastische Literatur noch »Literatur« war und nicht Figurenentwicklung,
anspruchsvollen Stil und eine komplexe Handlung zugunsten des Triebes eindimensionaler
Protagonisten, möglichst rasch dem Höhepunkt eines Abenteuers entgegenzuhasten,
aufgegeben hatte. Das gesagt, soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass sich beui
VanderMeer oft ein heimtückischer Sinn für Humor findet, der oftmals den
»literarischen« Ernst der Geschichten untergräbt, ihn nicht komplett negiert, sondern
mit ihm verschmilzt, damit das Resultat sowohl Ihre Intelligenz als auch Ihre Emotionen
ansprechen kann, Sie aber gleichzeitig herzlich lachen lässt. Für ein Beispiel dieser
durchdachten Satire, betrachten Sie nur einmal die Titelgeschichte dieser Sammlung.
Beim Lesen der Geschichten in Secret Life könnten Sie sich
fragen, was für eine Art von Mensch sie wohl geschrieben hat. Hier kann ich aushelfen,
denn ich habe einige Zeit damit zugebracht, mit Jeff VanderMeer via E-Mail zu
korrespondieren, und befand mich bei mehr als einer Gelegenheit in seiner Gegenwart. Zum
ersten Mal traf ich ihn in einer Bar an einem Swimmingpool in Ft. Lauderdale, Florida, wo
ich die International Conference of the Fantastic in the Arts besuchte. Er war angezogen
wie jemand, der in einem kleinen Computergeschäft arbeitet, trug ein ungebügeltes und
kurzärmeliges weißes T-Shirt und einen Schlips. Sein Auftreten passte nicht ganz zu
meiner Kenntnis seiner Arbeit oder zu seiner Korrespondenz, aber er machte den Eindruck
eines sehr ernsthaften Mannes, und doch entsprach sein Sinn für Humor, der sich schnell
zeigte, dem sardonischen Witz seines Schreibens überhaupt nicht. Ihm eignete eine gewisse
verborgen gehaltene Exzentrizität, die ich nicht klar benennen konnte, aber das Gespräch
mit ihm war sehr interessant, und wir lachten recht häufig.
Seine Gedanken müssen immer auf Hochtouren laufen, weil er für
gewöhnlich ein Dutzend heißer Eisen gleichzeitig im Feuer hat Geschichten,
Veröffentlichungen, bei denen er als Herausgeber fungiert, Besprechungen,
literaturkritische Essays, obskure Bücher, die er aufzutreiben versucht. In ihm steckt
ein Perfektionist, der ihn gelegentlich bis an den Rand einer Neurose treibt, und er ist
rücksichtslos ehrlich, was ihm hin und wieder selbst mit seinen Freunden einiges an
Problemen einbringt. Und wenn man denn sein Freund ist, dann kann man damit rechnen, an
solchen Projekten wie dem Thakeray T. Lambshead Pocket Guide to Eccentric and
Discretited Diseases mitzuarbeiten, oder man versucht, sich in einen um zwei Nummern
zu kleinen Laborkittel zu zwängen, weil man in wenigen Sekunden an einer öffentlichen
Diskussion teilnimmt, bei der von einem erwartet wird, dass man einen wahnsinnig
gewordenen Arzt mimt. Oder man findet eines Tages eine Schachtel in der Post, und die ist
randvoll mit getrockneten Pilzen, die eine kleine Schachtel polstern, in der man auf ein
kleines Buch stößt, auf einen Brief, der mit goldener Tinte geschrieben ist und mit der
wunderbaren Zeichnung eines Riesenkalmars verziert ist, und auf eine
Porfal-Gedächtniskapsel. Einige Wochen zuvor bekam ich von VanderMeer ein Büchlein
zugeschickt, das in einer Sprache geschrieben war, die ich nie zuvor auch nur gesehen
habe.
Außerdem, und das mag das Wichtigste sein, ist er der Förderer einer
lose zusammenhängenden Gemeinschaft von Schriftstellern, Illustratoren und Herausgebern,
die seine Liebe zur phantastischen Kunst teilen. Er spielt hier den Vermittler, verteilt
bereitwillig E-Mail-Adressen, bringt Leute miteinander in Kontakt, lässt wissen, welche
Herausgeber nach Beiträgen für Magazine und Anthologien suchen. Durch meine
Bekanntschaft mit Jeff VanderMeer habe ich viele interessante Menschen kennen gelernt und
bin mit Ideen und mit Büchern in Kontakt gekommen, auf die ich sonst nie gestoßen wäre.
Trotz all dieser Augenzeugenberichte - was VanderMeer nun wirklich am
Laufen hält, das ist ein Geheimnis, und auch wenn ich Autoren und Künstler nennen kann,
die ihn beeinflusst haben, und einige der wunderbaren Eigenschaften beschreiben könnte,
mittels derer seine Geschichten die ihm innewohnenden kraftvollen Ideen und Bilder und
Gefühle kommunizieren ... das ist ein Geheimnis, das nur erkundet werden kann, wenn Sie
sich eine seiner Geschichte aussuchen und beginnen sie zu lesen.»Introduction:
The Secrets of VanderMeer«
Erstveröffentlichung in Jeff VanderMeer: Secret Life
(Urbana: Golden Gryphon Press, 2004)
© 2004 by Jeffrey Ford
Mit freundlicher Genehmigung des Autors, vermittelt durch Jeff VanderMeer
Deutsch von Sebastian Buchner
© der Übersetzung 2005 by Sebastian Buchner & Shayol Verlag |

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