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Jeff VanderMeer

Die Geschichte vom Knochenschnitzer

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Jeff VanderMeer zeichnet sich nicht nur durch großes stilistisches Können und Liebe zum Detail aus, sondern auch durch die zahlreichen exotischen Schauplätze seiner Erzählungen. »Die Geschichte vom Knochenschnitzer« spielt zwar nicht in der Welt seiner phantastischen Stadt Ambra, aber auch in ihr geht es um eine Kultur, die für US-Amerikaner wie Mitteleuropäer nicht fremdartiger sein könnte ...
Eines Nachts, einige paar Monate vor dem Monsun, verließ der Knochenschnitzer Sajit Xuan-Ti sein Haus, das aus den mit Schnitzereien verzierten geschliffenen Rippen eines Walfischs gebaut war, und ging hinab zu dem schwarzen Sandstrand, der nun schon sechs Jahre lang ihm und ihm allein gehörte. Er war erwacht aus Träumen von Angkor Thom, der großen und heiligen Stadt im Norden, wo er die steinernen Antlitze der Herrscher gesehen hatte, die entlang der Grenzen des Landes Kambodscha zerbrachen - dort, wo der Mekong in das Chinesische Meer fließt.
    Es war heiß und trocken, und sogar unter dem kühlenden Blick des Mondes fühlte er sich ruhelos. Die Segel der Dschunken waren den ganzen Tag lang schlaff geblieben. Jetzt klebte ihm der Sarong auf der schweißnassen Haut, während er den Strand auf und ab schritt und hoffte, dass ein Knochen zwischen den Muscheln und dem Seegras aufblitzen würde. Oft fand er hier die Schädel von Krokodilen oder die stromlinienförmigen Rückgrate von Delphinen. Diese sammelte er auf und nahm sie mit in sein Haus, wo er sie mit einem Destillat aus Ginsengwurzel, Kampferöl und getrockneter Copra behandelte.
    Immer häufiger musste er Adelige und Heilige empfangen, die seine Schnitzereien bewunderten. In einer Xuan-Ti-Schnitzerei, so hieß es, konnte man die Seelen der eigenen Ahnen entdecken; in den Augen einer Xuan-Ti-Statue lag das Geheimnis des Todes verborgen. Sajit schenkte dergleichen Spekulationen keine Beachtung. Er sah nur den Knochen, der glatt war, wenn er ihn berührte, und der, in seiner reinsten Form, duftete wie das Wasser und die Luft.
    »Namo kuanshiyihuan Bodhisattiva mahasattva«, sang er, lauschte dem Zischen der Gischt und erinnerte sich an das kriie und das klack der Knochen, wenn er an ihnen arbeitete. Schöner als das Lachen einer Frau und schöner als das Klappern von Würfeln auf einem Spielbrett. Manchmal schloss er die Augen – seine Hände wussten besser als seine Augen, was sie tun mussten – und hörte auf das Tempo und den Rhythmus von kriie (ein Schnitt mit der Klinge) und klack (die flache Seite der Klinge), die ihm sagten, ob er seine Arbeit gut machte oder schlecht.
    Ausgebreitet im Sand entdeckte er die zarten Knochen eines Skorpionfisches. Daraus würde, vielleicht, eine Maske werden, wenn man die Knochen in ein Gewirr von Federn verwandelt.
    Als er sich bückte, um die Knochen aufzulesen, erklang über den knisternden Wellen der fließende Ton einer Serunai, und seine Finger fuhren leer durch den Sand. Noch nie hatte er jemanden das Instrument mit solch einer Präzision spielen hören. Die Musik erzählte, wie sich die Berge dem Meer näherten: perlende Töne mit der Wucht von Brechern. In seiner Kindheit, im Schlachthaus seines Vaters, hatte er aus dem Knochen eines Schweins eine Serunai geschnitzt, aber die Geräusche, die er aus dem langen Stab mit seinen fünf Löchern gequält hatte, spotteten selbst dem Krächzen der Krähen.
    Sajit stand auf. Der Skorpionfisch war vergessen. Denn im Ton der Serunai hörte er die vertraute Blindheit, die ihn so häufig überkam – ein Tasten im Dunkeln, nach Form, nach Inhalt, nach Ausdruck. Während dieses Tastens wurden seine Bewegungen sicher, wurde sein Messer scharf und seine Schnitte präzise. Das Gefühl, das ihn bei dieser Erkenntnis überkam, ließ ihn zittern, als wäre die Energie der Götter in ihn gefahren.
    Die Musik kam aus der Richtung des Dorfes Go Oc Eo, und dorthin wandte er sich, den Kopf hoch erhoben, als wolle er einen neuen und unbekannten Geruch erschnuppern. Der Wind kam ihm nicht mehr heiß vor. Der Geruch von Knochen, vermischt mit der salzigen See und der beißenden Säure der Flüssigkeit, mit deren Hilfe er die Knochen konservierte, stieg ihm in die Nase. Die Musik erklang weiter, wurde schneller, wurde langsamer, zog ihn zu sich und ließ ihn wieder gehen, nur um ihn erneut einzufangen.
    Der Geruch der Knochen brachte des Gefühl von Knochen mit sich, wie rau er war, dort, wo er unter einem größeren Willen zerbrochen war, und wie glatt er wurde, wenn man ihn mit einem Extrakt aus Mango und Wassernuss polierte. Diese Glätte war es, die seine Sinne erregte und seine Finger zu immer größeren und wagemutigeren Entwürfen trieb.
    Die Serunai entlockte ihm viele Gefühle, und flüchtig fragte er sich, ob er denn verliebt sei. Er wusste es nicht. Verliebt war er noch nie gewesen.

»Wer spielt im Dorf Go Oc Eo nachts auf der Serunai?«, fragte er Jen Jen am nächsten Morgen. Jen Jen war seine Haushälterin, eine alte Frau aus Go Oc Eo, mit schönen schwarzen Haaren, einer kleinen Nase und einem oft verschmitzten Blick. Er hielt sie für eine Inkarnation der Nagakönigin, fürchtete sie jedoch noch mehr. Aber ohne sie kam es ihm kaum in den Sinn, zu essen oder sich anzukleiden, sosehr hingen seine Gedanken an der Arbeit. Die Frühstücksteller – ein Curry mit Reis und Aal – standen überall auf auf dem Tisch, bis sie aufräumte.
    »Prei Chen spielt die Serunai«, antwortet Jen Jen, während sie auf ihrem Webstuhl einen orangenfarben getigerten Sarong wob. »Die vier Gerüchtefischer sagen mir, dass seit Ty Som niemand so meisterhaft spielt. Sie hat in Angkor Thom am Hof der Khmer gespielt.«
    »Hmm«, sagte Sajit. »Ich denke, ich werde den Kiefer des Wasserbüffels für die Darstellung von Hanuman nehmen – dieser Makel hier stellt seinen Körper dar. Ich muss nur die Linien herausarbeiten.«
    Es machte ihm nichts aus, dass er niemanden hatte, der ihm Modell sitzen würde. Während seiner Zeit am Hof der Khmer hatte er kaum jemals ein Auge auf eine Frau geworfen oder einer Prostituierten in der Gasse der Tausend Freuden beigelegen, und doch hatte er aus dem Beinknochen eines Schneeleoparden eine sinnliche Szene mit einer Kurtisane, ihrem Liebhaber und dem Mann, dem sie versprochen war, geschaffen.
    Jen Jen schlug sich auf den Oberschenkel. Ein weißer Abdruck blieb auf der glatten, braunen Haut zurück. »Du arbeitest zu viel, Sajit Xuan-Ti! Du arbeitest so viel, dass du Affengötter im Kiefer von Wasserbüffeln siehst! Wenn deine Eltern noch am Leben wären, Sajit, würden sie sehen, dass du noch ein Kind bist, so unwissend bist du.«
    »Hmm«, brummte Sajit. »Was macht sie in Go Oc Eo?«
    Jen Jen beugte sich wieder über den Webstuhl. »Warum willst du das wissen?« Sie schnaubte. »Vielleicht ist sie deinetwegen hier.«

Gehärtet und zu einem unerträglichen Weiß gebleicht, erwarteten die Knochen zwei Tage später sein Messer. An diesem Morgen war der Himmel geschichtet wie Reispapier, und der Wind spuckte und spielte in der Gischt.
    Am Hof der Khmer, an der Yasoharapura Universität, hatte Sajit Anatomie und Physiologie der Körper von Säugetieren, Fischen und Vögeln studiert – und dank seiner Bemühungen waren bereits damals einige der Knochen zu neuem Leben erwacht: Affenschädel wurden Flaschen für den Pflaumenwein, da die Affen im nördlichen Dschungel von Sukothai oft mit den Männern des An-Stammes um die Pflaumen stritten; die Schenkelknochen eines gestreiften Tapirs wurden zu zwei zusammenpassenden Rudern, auf denen Szenen aus dem Ramayana zu sehen waren.
    Er schnitzte gerade die Augen der Göttin Kali in den Flügelknochen einer Fledermaus, als die Musik über ihn hinwegstrich wie einer der sommerlichen Stürme - heimtückisch, aber voller Frische und Lebenskraft, die den Gestank nach totem Fisch und den bitteren Geruch des Meersalzes wegbliesen. Sie erhob sich aus dem Wind, der an der Küste die Palmen störte, den Sand schüttelte, die Krabben zerstreute.
    Eine Serunai, gespielt von einem Meister.
    Er bewegte sich nicht. Er blinzelte nicht. Prei Chen konnte doch nicht hierher gekommen sein?
    Jen Jen kam durch die offene Tür gerannt und kauerte sich vor ihm nieder. Worte quollen ihr aus dem Mund wie Reiskörner, so durcheinander, dass sie fast bedeutungslos waren: »Prei Chen bittet, mit Sajit Xuan-Ti zu sprechen, dem Meisterschnitzer. Sie hat deine Arbeiten gesehen. Hat deine Arbeiten am Hof der Khmer gesehen – und am Hof der Thai. Sie wünscht, den berühmten Mann zu sehen, der solch Kunst geschaffen hat.«
    Er bewegte sich nicht. Er blinzelte nicht.
    »Jetzt komm schon! Auf! Raus hier!« Jen Jen zupfte ihn am Arm, bis er sich erhob. Sie richtete seinen Sarong und schob ihn kichernd durch die Tür.
    Im Vorzimmer wartete eine Frau auf ihn, die Beine auf dem Gebetsteppich unter ihr gekreuzt. Ihre Arme hielten eine Serunai umschlungen.
    Als sie Sajit sah, verbeugte sie sich. Ein Lächeln stand ihr im Gesicht, als sie wieder zu ihm hochsah.
    »Es ist mir eine Ehre«, sagte sie, »in der Gegenwart eines solchen Mannes zu sein.«
    Er verbeugte sich. »Es ist meine Ehre, in Gegenwart einer solchen Frau zu sein.«
    Doch die Frau, die er mit den Augen des Knochenschnitzers sah, war nur hübsch. Ihre Beine ähnelten den stämmigen Beinen eines Wasserbüffels, muskulös, aber nicht anmutig. Ihre rechte Wange wurde von einem Muttermal entstellt und ihr Sarong war ungeschickt gebunden. Sie lächelte mit einem Mund, der viel zu breit war, um verführerisch zu sein. Die Kohlschattierung ihrer Augen war eine Spur zu dunkel.
    Trotzdem schlug sein Herz schneller, und als er sich niederließ, schien die Art, wie er seine Beine kreuzte, ungeschickt und hässlich. Jen Jen war verschwunden.
    »Was führt Euch hierher?«, fragte er und ignorierte die Anspannung seines Körper, als Prei Chen ihre Serunai liebkoste.
    Ihr Blick schien ihn zu spalten. »Ich bin gekommen, Euch zu sehen. Ich habe Eure Arbeiten in vielen Palästen bewundert.«
    Er meinte, das Klappern von Knochen in seinem Arbeitszimmer zu hören, aber das war nur sein Herz. Sie hatte sich mit dem Duft der Frangipani gesalbt, einem süßen Duft, der ihre Bereitschaft zu einer Heirat anzeigte. Worte auf Arabisch und in Sanskrit waren in ihren Sarong gewoben, und alle sprachen sie von Einheit und Verpflichtung.
    Ihre Augen waren spiegelloses Schwarz, und ihre langen Haare schimmerten wie Gebirgsbäche.
    Als er keine Antwort gab, sprach sie: »Ich bin Eurer Arbeit bis zu Euch gefolgt, um zu sehen, ob der Künstler ebenso schön und würdig ist.« Sie streckte die Hand aus und berührte ihn an der Schulter. Die Berührung versengte seine Nervenenden. Angst, sagte er zu sich selbst. Es war Angst und die Versuchung, die diese Frau darstellte.
    Seine Finger griffen nach einer Knochenskulptur auf dem Tisch neben ihnen.
    »Ich werde für Euch spielen«, sagte sie und hielt die Serunai an die Lippen.
    Sie spielte die sinnlichen Melodien des Mekong, Melodien, die den gewundenen Kurven des Flusses folgten, die Tiefen und die Höhen seiner Ufer vermaß. Sie spielte von den Fischern und dem Lehmschlick, der den Bauern die Felder düngte. Sie spielte vom Mungo und vom Tiger, die ans Wasser kamen, um dort zu trinken und zu schauen. Dann veränderte sich die Musik und wurde langsamer, nachdenklicher: sanfte, tiefblickende Töne, die zu Sajit Xuan-Ti sprachen: Ich sah deine Arbeit an herrschaftlichen Höfen und ich bin deiner Arbeit gefolgt – den Darstellungen von Liebe und denen von Hass, der Perfektion und den kunstvollen Schnitten – bis ich nur noch sehen konnte, dass der Mann, der solche Arbeiten fertigte, ein großartiger Liebhaber sein muss, ein Weiser, ein Mann, mit dem ich mich vereinigen kann.
    Die Serunai erzählte von der Einsamkeit ihres Berufes, dass ihre Berufung nur dann Sinn hatte, wenn sie mit jemandem zusammen war. Sie sang von der wunderbaren Vereinigung der beiden Berufe, der Serunai und dem Knochenschnitzen. Wie ihre gemeinsame Kunst kraftvoller und eleganter und besser als alles wäre, was bisher war und in Zukunft sein würde.
    All diese Dinge hörte Sajit in dem sanften Druck ihrer Lippen auf der Serunai. Es war ein Summen in seinen Ohren, und sein Mund war trocken. Sajit starrte seiner Knochenskulptur in die Augen – eine anmutige Frau mit gertenschlanken Beinen – und konnte den Prei Chens Blick nicht erwidern.
    »Sajit Xuan-Ti?« Prei Chens Stimme zitterte. »Sajit Xuan-Ti, seht mich an.«
    Sein Name, gesprochen mit solcher Hoffnung. Furcht überkam ihn.
    »Ihr seid nicht schön«, sagte er und sah sein Knochenmädchen an. »Ihr seid nicht schön, so wie diese Skulptur schön ist. Ihr seid nicht so schön wie die Knochen.« Sein Herz klapperte und seine Hände fühlten sich eisig an, und sein Atem ging flach und hastig, als würde er sterben, hier und jetzt.
    Seine eigene furchtbare Neugier trieb ihn dazu, ihr ins Gesicht zu blicken, und dort sah er ihre Augen wie tote Sterne, all ihre Energie im Inneren gefangen, und kein Glitzern drang nach draußen. Ihr Körper war nun steif und ihr Mund fest geschlossen. Ihre Lippen zitterten kaum merklich.
    »Ihr seid nicht so schön wie eure Kunst, Sajit Xuan-Ti«, sagte sie, wandte sich um und lief zur Tür. »Ihr seid hässlich.«

Schließlich kam der Monsun und mit ihm die feuchten, orangefarbenen Himmel. Der Mekong stieg über seine Ufer, verteilte den mitgebrachten gelben Schlamm und brachte all jenen, die von seinem Wasser tranken, den gelbgrünen Ausschlag der Schlafkrankheit. Die Khmer-Herrscher verloren die Geduld in ihrer Schlacht gegen die Könige von Siam und warteten nicht auf das Ende des Regens. Die Schlachtfelder waren schlammbedeckt.
    Aber Sajit Xuan-Ti arbeitete weiter. Er liebte den Monsun, denn er konnte dann viele Stunden in seinen Arbeitsräumen verbringen. Die Luft war kühl, und der Regen erinnerte an die Kreativität, die seine Mühen nährte. Regentropfen fielen wie Nadelstiche auf sein Dach, fielen auf die kleinen Knochen von Ottern und Hirschen, mit denen er die offenen Stellen im Brustkorb des Wales gestopft hatte. Die Stimmen der Tiere drangen ihm als leises Säuseln ins Bewusstsein.
    Seine Schnitzereien waren nunmehr so schön, dass sie nicht mehr die Form von Menschen oder Tieren annehmen mussten, sondern nur die Umrisse von Menschen oder Tieren andeuteten, und es so dem Käufer erlaubten, die Bedeutung der einzelnen Werke selbst zu erraten.
    Jen Jen neckte ihn (oder sie verhöhnte ihn – er wusste es nicht) mit Neuigkeiten über Prei Chen, die sie von den Vier Gerüchtefischern erhalten hatte, aber das tat sie nur, wenn sie zornig auf ihn war, weil er vergessen hatte, einen neu gewobenen Sarong oder ihr fabelhaftes Krabbengericht zu loben.
    »Am Hof der Lehnsmänner der Thai spielt Prei Chen das Lied der jungen Frau, die von dem Mann verstoßen wird, den sie liebt.«
    »Hmm«, antwortete er dann und tat so, als würde er sie nicht hören. »Die Krabben waren köstlich, Jen Jen.«
    »Danke sehr, Sajit«, sagte sie dann, und er hörte Enttäuschung in ihrer Stimme, ganz so, als hätte er etwas nicht bemerkt – vielleicht eine subtile Andeutung, eine Nuance in ihrem Tonfall, die ihm unverständlich war.
    Dieses Spiel setzte sich fort, bis zu einem Tag zwei Monate nach Beginn der Monsunzeit. Jen Jen kam weinend in sein Haus, und sie war völlig in Weiß gekleidet, die Farbe der Trauer. Die Farbe von Knochen, wie er unweigerlich dachte.
    »Was ist los?« Er ergriff Jen Jen beim Arm und führte sie zu einem Stuhl. »Was ist geschehen?«
    »Prei Chen ist tot.«
    »Tot?«
    Er setzte sich auf seinen Stuhl, die Hände kraftlos im Schoß, der Blick starr auf den Boden gerichtet. Er fühlte sich, als wären ihm alle Knochen aus dem Körper gerissen worden, als wäre er ein Körper ohne Skelett.
    »Wie?«, fragte er und wagte nicht, ihr in die Augen zu blicken. Er hatte Angst, die Beherrschung zu verlieren, Angst, dass die Maske, die sein Gesicht war, zerbröckeln würde. Warum konnte er nicht atmen?
    »Es gab eine Schlacht in Angkor Thom, in der Nähe von –«
    »Ich weiß, wo Angkor Thom liegt.«
    »– eine Schlacht in Angkor Thom. Drei Tage lang haben die Khmer und die Thai gekämpft, bis sie schließlich, bis sie schließlich ...
    Alles verschwamm ihm vor Augen.
    »Jen Jen«, sagte er und griff nach ihrer Hand. »Sag es mir. Sag es langsam und deutlich.«
    »Bis schließlich die Khmer den König der Thai getötet haben und die Thai vom Schlachtfeld geflohen sind. Prei Chen ist unter den Gefallenen, ebenso wie einige andere Musiker und Künstler. Sie hat am Hof der Thai gespielt. Überall in Go Oc Eo beklagen die Leute ihren Tod.«
    Seine Hände und seine Beine zitterten, und sein Mund wollte sich öffnen und vor Trauer erstarren, aber das ließ er nicht zu. Da spürte er den Blick von Jen Jen auf sich, und er biss die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten, kämpfte gegen das, was er in seinem Innersten fühlte.
    »Sagst du denn gar nichts, Sajit? Sagst du denn überhaupt nichts? Empfindest denn für niemanden etwas, außer für deine kostbaren Knochen?«
    Die Anspannung in seinem Körper wurde unerträglich und entlud sich in einem zornigen und verzweifelten Aufspringen. Er brüllte sie an, »Raus! Verschwinde! Lass mich alleine! Meine Arbeit, ich muss arbeiten ...«
    Jen Jens Mund zitterte. Sie sah ihn auf eine seltsame Art an, zögerte, verbeugte sich dann und sagte: »Ich gehe fort, Sajit Xuan-Ti. Ich verlasse dich.«

Immer stärker klopfte und trommelte der Regen auf Sajits Dach, und er wälzte sich rastlos im Schlaf, hörte das Flüstern der Serunai, die Geister der Knochen. Wach auf, sagten sie wieder und wieder. Nein. Wach auf. Nein. Aber als sie schließlich mit Prei Chens Stimme zu ihm sprachen - »Ihr seid hässlich« -, da wachte er auf, schweißgebadet und nach Moskitos schlagend. »Jen Jen?« Im Dunklen klang seine Stimme so zerbrechlich. »Jen Jen, bist du hier?«
    Nacht für Nacht ging Sajit am schwarzen Strand spazieren. Die Melodie von Prei Chens Serunai erklang noch in seinen Ohren, und so konnte er nicht hören, wie die Wellen rauschten und sich gegen die Küste warfen. Er stellte sich ihre Knochen vor, begraben in der Götterstadt von Angkor Thom, und manchmal schreckte er aus diesem Gedanken auf und fand sich strampelnd in der Gischt wieder, mit Spucke an den Lippen.
    Die Knochen, an denen er arbeitete, waren ihm nicht mehr vertraut – sie wirkten bedrohlich, die Schädel glichen geifernden Bestien und die Reißzähne unbekannten Schrecken aus einer Dämonenfibel der Hindus. Es schien ihm, als arbeiteten seine beiden Haende an seinem Untergang.
    Gedanken kamen ihm, die er seit Jahren nicht mehr gedacht hatte, Gedanken an das Schlachthaus seines Vaters und an seine Jugend, an die schwere Arbeit hinter dem Tresen, zwischen Blut und Abfall und den Knochensplittern. An Kadaver, die von den Dachbalken hingen und ihr Blut auf den Boden tropften. Auf dem faltigen Gesicht seines Vaters lag eine solche Ruhe, während er sie langsam und methodisch ausnahm. Nachts ließ das grüne Licht der Laternen das Blut dunkel erscheinen, fast schon purpurn, und die Knie seines Vaters glitzerten in derselben Farbe.
    Der riesige Tresen, das Licht dahinter und die bedrohlichen Gesichter der Kunden. Das Kriie und Klack einer anderen Zeit, eines anderen Ortes.
    Einmal hatte er sich, tief in seinem Herzen, die Frage gestellt, ob es denn irgendetwas anderes auf der Welt geben könne als Blut und Knochen und das Licht der Laternen.

Eines Abends sprach der Mond zu ihm. Er blickte hinauf auf die glitzernde Scheibe, und sein Vater sah auf ihn herab.
    Der Mond sprach: Sajit Xuan-Ti, denk an die Knochen, die nutzlos in Angkor Thom herumliegen. Denk an die Knochen der besten Serunaispielerin dieses Landes. Denk daran, wie zart, wie leicht sie sind. Sind sie nicht vollkommener, reiner und schöner als alles, was dein Schnitzermesser je berührt hat? Geht nicht von ihnen eine größere Versuchung aus als von der lebendigen Frau? Verlangt es dich nicht nach den Knochen von Prei Chen, die unter den Augen der Götter in Angkor Thom begraben liegen? Die Frage krümmte sich in seinem Kopf zu einem Finger, der ihn ins Herzland des Krieges lockte.
    »Ja«, sagte Sajit. »Ja.«
    Niemand gab Antwort.
    Nur der Mond, hell wie ein vollkommen runder und vollkommen glatter Knochen. Nur die Wellen, die ans Ufer peitschten, und der dunkelnde Himmel, der immer schwärzer wurde. Ein Gewitter, das über die Halbinsel zog.
    »Die Knochen«, murmelte er und betrachtete seine Hände, als sähe er sie zum ersten Mal. Seine Finger waren lang und dünn, aber sie waren rau und voller Schwielen. Es waren die Hände eines Knochenschnitzers, nicht mehr und nicht weniger.
    Die Mondstimme sprach nun jede Nacht zu ihm, unerbittlich, wie ein Sturzbach – sie kam aus dem Flüstern des Netzes, das die Gonchai-Spinne wob, um ihre Beute zu fangen, sie sprach aus dem Chor der Baumfrösche, sprach aus den Rippen seines Hauses, und das Schillern und Funkeln des Meeres verwandelten sich vor seinen Augen in Sanskritbuchstaben. »Die Knochen«, sagte der Mond. »Denk an die Knochen ...«
    Schließlich, als der Regen am heftigsten fiel und der Dschungel wie eine endlose grüne Wand wirkte, kletterte Sajit zwischen den Rippen des Leviathans hervor, nur einen Beutel mit einigen Schnitzereien in der Hand, und verschwand für immer aus Go Oc Eo.

Sajit Xuan-Ti wanderte bei Nacht, und tagsüber versteckte er sich. In der Finsternis war es leicht abzuschätzen, in welcher Richtung die Armeen kämpften und wie weit sie entfernt waren: brennende Wachtürme erhellten den Himmel wie Flammensäulen. Der Horizont war eine rote Narbe, die in der Finsternis verblutete. Er konnte die Schrei verwundeter Kriegselefanten hören, und er dachte an die Hunderte von Buddhas, die er noch aus ihren Knochen schnitzen könnte.
    Flüchtlinge rannten vor den Lichtern davon. Sie streiften ihn wie Motten, flatterten in ihren Fetzen an ihm vorbei, wateten mit nackten Füßen durch den Matsch. Als sie sahen, dass er in Richtung Angkor Thom ging, starrten sie ihn oft an, als bräuchte der Witz Zeit, um durch den Schlamm in ihre Seelen zu sickern. Dann folgte Gelächter. Als wäre er ein Clown. Oder verrückt.
    »Schaut! Schaut!«, rief ein alter Mann. Und wieder: »Schaut!« - als bliebe ihm angesichts der Absurdität von Sajits Ziel kein anderes Wort, als müsse er fortan die Anwesenheit des Schnitzers mit der Hartnäckigkeit eines Mynah-Vogels verkünden.
    Auf solchen Spott gab er keine Antwort. So schlimm war es bestimmt nicht, beruhigte er sich. Ganz bestimmt nicht. Er schenkte den ineinander verschlungenen Gliedmaßen von Leichen keine Beachtung, ihren kraftlosen Münder, die Art, wie Schatten ihre Gesichter – wie mit einem Kohlestift – nachzog.
    Aber den Boden unter seinen Füßen konnte er nicht ignorieren. Ein Loch hatte sich in der Sohle seiner linken Sandale geöffnet, und durch dieses Loch strömte all das Wasser, das Blut und die Exkremente, über die er schritt. Langsam stimmte sich sein linker Fuß auf dieses Loch ein, und bei jedem Schritt zitterte er nun, denn jeder Schritt ließ ihn vom Schmerz des Landes selbst kosten. Der Schmerz breitete sich in seinen Knochen aus, bis in jedem von ihnen schiere Agonie brannte. Er spürte, wie sich sein Gesicht verzerrte, und bald war sein Grinsen ein verzerrtes Spiegelbild der Mondsichel im Meer geworden – das eine Ende nach oben, das andere nach unten gebogen. Die Flüchtlinge liefen vor dem Mann davon, zu dem er geworden war: ein abgemagerter Kerl in Lumpen, mit einer Fratze, die im Gleichklang mit seinem kraftlosen Humpeln über sein Gesicht zuckte. Seine Hände baumelten wie die Wurzeln einer abgestorbenen Ingwerpflanze aus seinen tropfnassen Ärmeln.
    Dort, wo die Armeen nicht alles in Schutt und Asche gelegt hatten, wurde die Strasse wieder zu einem Teil des Dschungels, denn ohne die Zivilbehörden, die ihn zurückschnitten, wucherten die Bäume, wo es ihnen gefiel, ihre Wurzeln fest verankert, selbst in diesem Schlamm. Der unablässige Regen – der, wie ein Klingeln in den Ohren, zuerst nur ärgerlich war, dann ignoriert und schließlich zu einer unangenehmen, aber unentrinnbaren Tatsache wurde, der man sich ausliefern musste – dieser Regen nährte die Wurzeln, nährte die Äste, die Blätter, und am siebten Tag konnte Sajit nur mehr eine Wand aus Bäumen vor sich sehen, zwischen denen hin und wieder zerbrochene Pflastersteine hervorlugten.

Am neunten Tag war der Himmel klar, und am frühen Morgen starrte ein gewaltiges Antlitz durch die grüne Wand aus Bäumen auf Sajit herab: das Gesicht des Kaisers Jayavarman, das in die dreieckigen Spitzdächer der Tempel von Angkor Thom gemeißelt war. Der schläfrige Blick und der kräftige, aber doch mitfühlende Mund des Kaisers hätte Sajit eigentlich ein Gefühl der Sicherheit und Gelassenheit vermitteln sollen, aber der süßliche Gestank von faulendem Fleisch und der durchdringend saure Geruch von brennenden Knochen, der ihm den Atem raubte, vertrieb jegliche derartige Illusion. Er trat aus dem Wald heraus auf eine weitläufige Ebene, auf der sich Ankor Thom, Stadt der Gräber, ausbreitete. Vor ihm bildeten zwei Reihen von Statuen, aus Stein gehauen und an Armen und Beinen miteinander verbunden, einen überdachten Gang, der bis zum Torbogen führte, der sich mehr als hundert Fuß in den Himmel erstreckte. Von jedem Turm blickte Jayavarman herab, und bald schien es Sajit, als hätten sich gewaltige Riesen versammelt, um ihn zu beobachten.
    Er erschauderte und flüsterte: »Namo kuanshiyihua Bodhisattiva mahasattva.« Jen Jen hatte gesagt, dass er nichts kannte außer seiner Kunst, aber hier würde ihm das eine Hilfe sein, denn die Leichen würden ihm nichts ausmachen, wenn er sie sich als bloße Knochen vorstellte.
    Erst als er die Reihen von rußgeschwärzten Statuen beinahe hinter sich gelassen hatte, spürte er zu seiner Linken ein Paar Augen, das seine Schritte verfolgte.
    Sajit blieb stehen. Erst jetzt wurde er sich der Stille der Stadt bewusst, und Angst bohrte sich ihm in die Magengrube. Er drehte sich nicht um zu dem, der ihn beobachtete. Dass eine Statue ihn beobachten sollte, schien fast normal, denn hatte nicht der Mond mit seines Vaters Gesicht zu ihm gesprochen?
    Nein, er wich dem Blick der Statuen aus, denn er fürchtete, darin dieselbe Faszination, dasselbe Gelächter gespiegelt zu finden, das aus den Gesichtern der Flüchtlinge gesprochen hatte. Stattdessen streifte sein Blick die Körper, die mit ausgestreckten Gliedern vor dem Eingang lagen. Die meisten waren Soldaten, in die Uniformen von einem halben Dutzend unterschiedlicher Armeen gekleidet. Zu seiner Linken waren sie in Mustern aufgestapelt, welche an die Blüten des Lotus erinnerten. Von den verkohlenden Leichen stiegen Rauchschwaden himmelwärts. Der Rauch bedeckte die Fassade des südlichen Turmes, und Jayavarman verzog dort seine Lippen in Abscheu. Der Geruch stieg Sajit in die Nase, und er spürte eine Leere in seinem Bauch. Angewidert wurde ihm klar, dass er hungrig war.
    Er drehte sich um und sah die Statue an. Ein Zwerg hatte den Platz der Steinfigur eingenommen. Irgendeine Kriegsmaschine hatte die Statue umgerissen und nur den Sockel übrig gelassen. Auf dem saß nun der Zwerg, und sein Blick war weder nach links noch nach rechts gewandt, sondern er starrte geradeaus. Das linke Auge hatte in Sajit den Eindruck geweckt, dass er beobachtet wurde. Es war aus Glas und schien Sajit anzustarren, wohin auch immer er sich bewegte. Er hatte den Zwerg für eine Statue gehalten, weil seine Haut die gleiche Farbe hatte wie der feuergewaschene Stein: ein schimmerndes, tiefes Schwarz, das den Mann als Südinder kennzeichnete.
    Sajit lächelte, nickte dem Zwerg zu und verbeugte sich, aber dieser starrte weiter geradeaus. Sajit nahm seinen Mut zusammen, stellte seinen Beutel mit Schnitzereien ab und trat nahe genug an den Mann heran, um ihn an der Schulter zu berühren.
    Die Züge des Zwerges schrieen geradezu danach, in Knochen geschnitzt zu werden. Er sah aus wie eine verwachsene Banyanwurzel, finster von Fäule. Hängebacken hingen ihm bis unters Kinn, und Hautlappen verdeckten seine Augenlider. Falten gruben sich ihm tief in die Stirn, von derselben Schwärze verborgen, die ihn zwischen den Statuen hatte verschwinden lassen.
    Der Zwerg trug ein graues Hemd und eine dazu passende Dhoti. Seine einzige Waffe, eine Karta, steckte in seinem Stoffgürtel, und neben ihm lagen eine Halskette aus silbernen Glöckchen, eine Maske des Affengottes Hanuman und ein Stab aus Sandelholz, dessen Duft sogar den ranzigen Geruch von Fleisch überdeckte, auf den Steinen.
    »Ein Hofnarr!«, stieß Sajit hervor.
    Blut tröpfelte aus dem rechten Auge und schlängelte sich in einer festgelegten Linie durch die Falten. Dort konnte man noch Spuren von getrocknetem Blut erkennen.
    Sajit wischte das Blut mit dem Saum seines Sarong ab.
    »Wie lange sitzt du schon hier?«, fragte er, ohne Hoffnung auf eine Antwort.
    »Vier Tage«, sagte der Zwerg, und sein gutes Auge richtete sich so geschwind auf Sajit, dass die Hand des Schnitzers von den Blutstränen wegzuckte und er nur eine unzusammenhängende Antwort stammeln konnte.
    »Vier Tage«, wiederholte der Zwerg und lächelte. Gelbe hoben sich von der völligen Finsternis seines Gesichtes ab. »Drei Nächte. Bis jetzt ist niemand zu mir gekommen, und, bis jetzt so schien es mir, konnte ich mich die ganze Zeit auch nicht bewegen, bis du das Blut von meinem Gesicht gewischt hast.«
    »Du hast dich vor den Soldaten versteckt?«
    Der Zwerg zuckte mit den Schultern. »Ich saß hier und gab vor, dass mir ihre Schlachten gleichgültig sind. Jedes Mal, wenn ich vor ihnen floh, schien es mir, als ob erst die Flucht sie zu meinen Jägern machte. Also ließ ich mich hier nieder, ganz wie der große Buddha, und habe die Khmer und die Thai und alle ihre Verbündeten bei ihren blutigen Spielen beobachtet, während sie immer und immer wieder über denselben Grund und Boden pirschten. Ich habe den Kopf in den Nacken gelegt und den Mund geöffnet und vom Regenwasser getrunken ... Wer bist du, der du hier im Schatten dieses Tores wanderst?«
    »Ich bin Sajit Xuan-Ti, der Knochenschnitzer.«
    Der Zwerg begann zu lachen, aber bevor Sajit etwas fragen konnte, sagte er: »Der bist du nicht. Ich kenne Sajit Xuan-Ti recht gut. Ich habe einige seiner Schnitzereien erstanden und einige mehr vom Hof der Khmer gestohlen, und du bist nicht er. Jeder weiß, dass er in dem Dorf Go Oc Eo wohnt und dort nahe dem Meer seiner Arbeit nachgeht. Er weiß nichts von der Welt.«
    »Und doch bin ich Sajit.«
    Der Zwerg brummte etwas und wandte den Blick ab. »Es wäre mir lieber, du wärst zu Hause geblieben und hättest für uns alle weitergeschnitzt. Wir sind dieser Welt müder, als du es jemals sein musst – wenn du tatsächlich Sajit bist. Mein Name ist Tien Tievar – Hofnarr und Clown am Hof der Khmer.«
    »Kanntest du Prei Chen, die Serunaispielerin? Weißt du, wie sie gestorben ist?«
    Die Worte kamen hastig aus seinem Mund, stolperten übereinander, und er senkte wütend den Kopf, verbarg sein Gesicht in den geöffneten Händen.
    »Vergib mit, Tievar. Drei Tage lang habe ich nichts gegessen. Meine Hände zittern. Ich kann mich nicht an die einfachsten Regeln der Schnitzkunst erinnern. Der Mond hat zu mir gesprochen und mir gesagt, ich soll die Knochen von Prei Chen suchen und etwas Wundervolles aus ihnen schnitzen - etwas, in dem man die Schönheit ihrer Musik wiederfinden kann.«
    »Der Mond ist trügerisch, Sajit«, sagte der Zwerg, und sein blindes Auge betrachtete den Horizont. Lange blieb er still. Schließlich, als es schien, er würde nie wieder sprechen, sagte er: »Ich habe Prei Chen gekannt. Oft habe ich sie am Hofe spielen hören. Wie sie gestorben ist, kann ich dir nicht sagen. Kein Lebender weiß das.«
    »Wo ist sie begraben?«
    Tievar zuckte mit den Schultern. »In Angkor Thom. Im Schatten der Nagakönigin, aber wo inmitten all dieser Leichen?«
    »Zeigst du es mir?«
    Tievar lächelte. »Ich fürchte, mein Sitzplatz hier ist zu gemütlich. Wenn ich es schaffe, meine Handflächen in meinen Schoss zu legen und auf den Himmel zu richten, dann wird der Tod mich, wie den Buddha, dorthin tragen.«
    Sajit nickte und wandte sich um, den Toren von Angkor Thom zu.
    »... aber wenn du mir einen Gefallen tun könntest. Ich kann meine Arme nicht bewegen. Könntest du mir die Maske des lächelnden Hanuman aufsetzen? So kann ich hinter der Maske schlafen und doch wachsam erscheinen, sollten die Armee zurückkommen.«
    »Natürlich.«
    Als Sajit sich über den Zwerg beugte, um ihm die Maske aufzusetzen, sah er das Blut, das aus Tievars Rücken floss, wo ein Schnitt in dem Rücken ihn gelähmt hatte.
    »Ich werde dir eine Figur vom Buddha hier lassen, als Glücksbringer und Beschützer«, sagte Sajit und hoffte, dass Tievar nicht sah, wie sehr seine Hände zitterten, als er sich den Beutel voller Knochen wieder über die Schulter schwang.
    Der Zwerg lächelte nur.

Sajit Xuan-Ti betrat Angkor Thom, über ihm die Augen von Königen, hinter ihm ein Mann, der Blut weinte, und die Sonne bloß ein anderes Auge –kränklich gelb, ein böser Geist gefangen inmitten ihrer Korona. Sajit wollte nichts anderes, als sich niederlegen und weinen; wollte seinen Beutel mit Schnitzereien wegwerfen und sich fest gegen den lehmigen Boden drücken.
    Aber die Knochen in seinen Beinen hielten ihn aufrecht. Die Knochen in seinen Beinen hoben seine Füße, ließen sie wieder sinken.
    Nun sanken seine Füße auf Leichen, und das Loch in seiner Sandale trieb ihn in den Wahnsinn und darüber hinaus, als er Fleisch unter seinem eigenen Fleisch spürte. Im Inneren der Stadt lagen Hunderte von Soldaten, die man über die Mauer, die Wachtürme und übereinander geschleppt hatte. Die Schlachten dauerten nun schon Monate an, drei Reihen von Toten lagen bereits übereinander gestapelt. Auf den jüngst Gefallenen wuchs eine dünne Schicht Moos, und Knochenbündel auf der Erde waren das einzige Zeichen derer, die schon vor Monaten umgekommen waren. An den Toren wurde Sajit schon von dem Gestank empfangen: Blut, vermischt mit den Gerüchen von Erde, Verwesung, Moder und Fleisch. Er drang ein in seine Kleidung, stieg ihm in die Nase und raubte ihm die Kraft. Sajit stolperte, streckte eine Hand aus, um sich abzufangen, und sein Daumen fuhr platschend in eine wassergefüllte Augenhöhle, inmitten von Moskitolarven.
    Am Seltsamsten erschienen Sajit die frischen Wunden, die er sah, je näher er dem zentralen Hof kam. An diesen Körpern – wie an denen der Tiere im Schlachthaus seines Vaters – hing immer noch saftiges Fleisch, auch wenn manche vom Regen aufgequollen waren. Durch das blasse Fleisch und das peitschende Gelbrot unreiner Wunden konnte er, erschreckend weiß und rätselhaft, die Knochen sehen, und eine solche Reinheit wirkte so falsch inmitten von Aas und Abfall. Das Fleisch beunruhigte ihn, es erschreckte ihn, und er hastete an den Körpern vorbei. Hier lag Materie, aus der er keine Schönheit formen konnte, die er nicht nach seinen eigenen Wünschen schnitzen konnte.
    Der Himmel war blau geworden, mit bernsteinfarbenen Streifen. Es war nichts zu hören. Selbst die Vögel waren still. Riesige malaysische Geier bewegten sich langsam und respektvoll inmitten der Toten, mit einer Geziertheit, die eher an Leichenbestatter als an Grabräuber denken ließ.

Er fand Prei Chen dort, wo Tievar es gesagt hatte – im Schatten der Nagakönigin, die ihre neun steinernen Köpfe himmelwärts richtete und die Toten, die unter ihren Schlangenwindungen lagen, verleugnete.
    Neben dem Grab war ein Elefant gestürzt und verendet. In seinem Brustkorb lagen vier Männer, und das wunderte Sajit, bis ihm klar wurde, dass die Männer auf dem Elefanten gestorben waren und erst als das Fleisch zu schwach wurde, um sie zu tragen, hinein in die Eingeweide der Bestie gefallen waren.
    Aus irgendeinem Grund beruhigte ihn der Anblick des Elefanten. Vielleicht war es die friedliche Art und Weise, wie die vier Männer in seinem Schoß zu schlafen schienen, oder die weißen Stoßzähne, die ihn an Ganesha erinnerten.
    All diese Gedanken verschwanden, als er Prei Chen erblickte, die zur Hälfte in einem flachen Grab lag. Es hing noch Fleisch an ihr. Ihr Gesicht war auseinander gefallen, und er konnte sie kaum noch erkennen, konnte nicht einmal die Knochen benennen, die hervorstanden und ihre Schönheit ruinierten. Jemand hatte ihr die Serunai in die überkreuzten Arme geschoben. Er kroch auf Händen und Knien auf sie zu, bis er an ihrer Seite war. Die Erde bedeckte ihren Torso, aber ihre Arme waren bloß. Er stellte seinen Beutel ab und ergriff ihre Hand. Die Haut war trocken, und er konnte die Knochen darunter spüren. Ihre Haut war warm, aber warm war auch die Erde, in der sie lag.
   Er zog an ihrem Arm, aber sie bewegte sich nicht. Sie steckte zu tief in der Erde, und er war zu schwach. Geier saßen auf dem Schädel des Elefanten und beobachteten ihn von dort mit schläfrigem Interesse.
   Er zog erneut.
   »Prei Chen«, sagte er und zog ein drittes Mal. »Prei Chen.«
   Aber sie kam nicht hervor aus dem Schatten der Nagakönigin.
   Er versuchte es ein letztes, verzweifeltes Mal und riss ihr den Arm aus der Schulter, fiel rückwärts gegen die Seite des Elefanten und starrte den vier Männern, die dieser im Tode verschlungen hatte, ins Gesicht. Grabeserde juckte ihn am Kinn. Der Geschmack des Grabes lähmte seine Zunge. Er betrachtete Prei Chens Arm, den er immer noch in der linken Hand hielt. Ein gelber Knochen ragte aus dem Fleisch, aber er spürte kein Verlangen, an diesem Knochen zu schnitzen. Er wusste nicht warum, aber er begann zu zittern und zu weinen. Er konnte sich nicht an Jen Jens Gesicht erinnern. Er konnte sich nicht einmal an die einfachsten Regeln der Schnitzkunst erinnern. Seine Kunst erschien ihm leer, schlichte Kunstfertigkeit und Täuschung. Es gab nichts außer dem Fleisch, und nie hatte es etwas anderes gegeben, und beim Schnitzen der Knochen hatte er weit mehr vergessen als gelernt.
   Er kroch weg von dem Elefanten, zurück zu Prei Chens Leichnam. Er blickte ihr lange in das verrottende Gesicht und bedeckte ihren Körper mit seinem eigenen, streichelte ihr Haar mit seinen schwieligen Schnitzerhänden und sagte: »Prei Chen, Prei Chen«, bis es bedeutungsloser Singsang geworden war, ein Ritual, um die Verzweiflung fernzuhalten, das schließlich bis an Tievars Ohren drang, der inmitten seiner blutigen Tränen saß, inmitten der starrenden Könige von Angkor Thom, im Land Kambodscha, wo der Mekong in das chinesische Meer fließt.

© 2005 by Jeff VanderMeer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung unter dem Titel
»The Bone Carver’s Tale«
in ASIMOV'S SCIENCE FICTION, April 1995
Die Übersetzung folgt der Buchausgabe in Secret Life
Deutsche Übersetzung von Sebastian Buchner
© 2005 by Sebastian Buchner & Shayol.net

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