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Werner Illing

Der Herr vom andern Stern

Eine seltsame Begebenheit

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Der Herr mit der auffallend hohen, schöngeformten Stirn und den ungewöhnlich klaren Augen, in denen ein reines, sanft strahlendes Feuer zu wohnen schien, erregte den Inspektor des Registrieramtes nicht so sehr wegen der seltsamen, fast unglaublichen Geschichte, die er in bezug auf seine Person erzählte, als durch die völlig ungezwungene und freie Art, mit der er sich vor der Holzschranke bewegte. Er übersah das Stirnrunzeln des Inspektors und das nervöse Zucken des Schnurrbartes, der einer zuschnappenden Falle glich, und auch das mißbilligende Räuspern der beiden Polizisten, die ihn vorgeführt hatten, schien er nicht zu bemerken. Die Stimmung war so bedrohlich, daß eine der grauen und demütigen Figuren, die geduldig auf den Bänken warteten, bis sie an die Reihe kamen, zu dem freimütigen Herrn hinhuschte, ihn zaghaft am Rock zupfte und ihm zuraunte, er möge doch um Gottes willen den Inspektor nicht zum Zorn reizen, das könne furchtbare Folgen für alle haben.

Der freimütige Herr beugte sich ein wenig herab und schaute in ein bleiches, zartes Mädchengesicht, das fast kindliche Augen bittend zu ihm aufschlug. Es war klar, daß er die hastig geflüsterte Mahnung nicht verstanden oder wenigstens ihren Sinn nicht erfaßt hatte, aber in der Art, wie er zurücklächelte, war soviel einfach-menschlicher Zauber, daß das Mädchen – ja, es hieß Flora und war Näherin in einer Großschneiderei –‚ daß Flora von ihm eingefangen war wie die Motte vom Licht und sich ganz zu seinem Geschöpf machte, in jeder Lage bereit, ihm zu dienen, zu helfen und auch ihn gegen alle Torheiten dieser Welt zu verteidigen, obgleich er diese Hilfe, wie wir sehen werden, kaum brauchte.

Das aber war die seltsame Geschichte des freimütigen Herrn. Er war von einem andern Stern gekommen, von einem Stern, auf dem die Menschheit viele tausend Jahre älter – ach du lieber Himmel, und auch weiser – war als auf der Erde. Früher einmal, so hatte der Herr dem Inspektor erklärt, reisten die Leute jenes sehr fernen Sternes – man kann ihn selbst mit dem stärksten Fernrohr nicht sehen – mit Raketen und Raumschiffen in der näheren Umgebung ihrer Welteninsel umher. Heute brauchte man dort derartig primitive Hilfsmittel nicht mehr, man hatte endgültig gelernt, die Materie durch den Geist zu beherrschen. Man konzentrierte sich und versetzte sich einfach dorthin, wo man wollte. Nun ja, das war eine verhältnismäßig noch neue Sache, ein revolutionäres Ereignis unter jenen Sternenleuten, und es kam vor, daß die Konzentration nicht ganz ausreichte. Der Herr zum Beispiel hatte keineswegs auf die Erde gewollt. Sein Ziel war ein dunkler Sternenhaufen sieben Millionen Lichtjahre hinter dem Sirius gewesen. Aber plötzlich hatte seine Geisteskraft ein wenig nachgelassen und zur Verkörperung gedrängt. Da war er wie ein Schiffbrüchiger auf der Erde als bescheidenem Nothafen gelandet. Übrigens sah der Herr darin keineswegs eine Tragödie. Er brauche nur zwei oder drei Erdstunden, um sich erneut zu konzentrieren, dann könne er seine Reise fortsetzen, so hatte er dem Inspektor erklärt, und das bedeute nichts weiter, als daß man ihn zwei oder drei Stunden ganz sich selbst überlasse.

Es steht dahin, ob der Inspektor die Geschichte glaubte oder für eine Narrenposse hielt, jedenfalls bezeugte er, wie es seinem niederen Rang auch zukam, weder Erstaunen noch Mißtrauen. Auch die Antwort des Herrn auf seine Frage, wie jener als Sternzugereister die Nationalsprache ohne Fehler sprechen könne: Einfühlung sei alles, und er werde sich in jeder Sprache geläufig ausdrücken, sofern man ihm nur einige Worte vorgesprochen – hatte der Inspektor mit neutralem Grunzen quittiert. Eins aber hatte er in unmißverständlich barschem Amtston zum Ausdruck gebracht: Aus den erbetenen zwei Stunden Selbstüberlassenheit könne nichts werden, denn der Herr sei mit dem Augenblick seines Eintreffens auf der Erde registerpflichtig, er unterstehe dem Amt und habe folgerichtig keine Verfügungsgewalt mehr über sich.

Trotz der hohen Intelligenz, die ihm auf die Stirn geschrieben war, vermochte das der Herr nicht einzusehen. Er fragte den Inspektor in liebenswürdigem Freimut, warum das so sei und welchen Sinn es habe. Ohne Zweifel war diese Frage nach dem Sinn des Amtes die frevelhafteste, die überhaupt ein sterbliches Wesen vor der Schranke stellen konnte. Der Inspektor lief blutrot an, die Wartenden auf den Bänken duckten sich und Flora verkroch sich wie im Vorgeschmack von Prügeln hinter dem Rücken des kühnen Fragers. Die Polizisten verständigten sich durch Zublinzeln und traten etwas näher an den Herrn heran, ihre Muskeln strafften sich. Sei es, daß der Inspektor für seine Galle fürchtete, sei es, daß ihn der Blick des freimütigen Herrn, in dem weder Herausforderung noch zynische Überlegenheit lag, warnte, er spürte wie einen würgenden Zugriff seine Unzuständigkeit, und so verwies er den Herrn unter gefährlichem Zucken des Bartes und der Augenbrauen an den Kanzleirat im nächsthöheren Stockwerk.

Während des Ganges durch Korridore und über Treppen beschwor Flora den Herrn in fliegender Hast, dem Kanzleirat sehr, sehr viel Respekt entgegenzubringen, denn dieser sei schon so hoch gestellt, daß nur wenige sich rühmen dürften, hinter seiner Tür in die zustehende ehrfürchtig erstarrende Verbeugung verfallen zu sein. Der Herr hörte nicht so genau hin, um so genauer schaute er sich das Mädchen an. In ihrer Sorglichkeit und Liebe ist sie schon sehr menschenähnlich, dachte er – und hübsch ist sie auch.

Die Polizisten machten sich auf eine lange Wartezeit gefaßt. Sie staunten, als der Herr vom andern Stern ohne Verzug zum Eintritt aufgefordert wurde. Es mußte ein wichtiger Fall sein. Flora verbarg sich zwischen den Säulen des Treppenhauses und wartete.

Der Kanzleirat versah seinen Dienst in einem fast gemütlichen Zimmer. Auf den Fensterstöcken igelten protzige Kakteen aus ihren Töpfen, es gab ein schwarzes Wachstuchsofa mit weißen Knöpfen – unbenutzt – und die Wasserkaraffe auf der amtsgrünen Tischdecke hatte eine nicht völlig amtsgemäße, eher ins Private schweifende Form. Der Kanzleirat war alt und sah wohlwollend aus. Aber damit konnte er den Herrn vom andern Stern natürlich nicht täuschen. Im Innern war er nicht im geringsten wohlwollend, sondern eher tückisch, denn vor ihm lag der vom Protokollanten des Inspektors angelegte Akt über den Herrn vom andern Stern – das Amt arbeitete nach außen ungeheuer langsam, nach innen aber ungeheuer schnell – und daraus ersah er, daß der Vorgeführte es gewagt hatte, nach dem Sinn des Amtes zu fragen.

Der Kanzleirat lächelte wie ein Fuchs, der das Leibschneiden verbergen will, damit der Wolf den Rest des vergifteten Truthahns frißt. Er fragte den Herrn in jovialer Weise nach dem und jenem, wieviel Dienststunden für höhere Beamte, das heißt genauer gesprochen für gehobene Beamte der mittleren Stufe auf dem andern Stern vorgesehen seien, wie die Pension gestaffelt sei und welche Gewalt dem einzelnen Amtsträger zukomme. Der Herr vom andern Stern machte darüber Auskünfte, die ihm die letzte Sympathie des Kanzleirates verscherzten. Es gäbe dort überhaupt kein Amt, sagte er, er könne auch nicht einsehen, weshalb es eines geben solle; soweit er sich hier auf seine Einfühlung verlassen könne, habe das Amt keinen anderen Zweck, als die Menschen wie störrische Esel niederzubrechen; die Menschen aber wären von Natur keineswegs störrisch, sie wären auch keine Esel, sondern eben Menschen, das hieße, sie gediehen am besten, wenn man sie möglichst unbehelligt ihren Weg zwischen Irrtum und Wahrheit suchen lasse.

Der Kanzleirat wünschte einen Anlaß, um sich in scharfer Weise jede Belehrung zu verbitten, da aber der Herr vom andern Stern keineswegs in belehrendem Ton gesprochen, sondern seine Meinung in einer hierorts völlig unbekannten freibürgerlichen Art dargelegt hatte, fand er keinen Ansatzpunkt für eine Zurechtweisung. Er saß blaß hinter seinem Schreibtisch, während die Feder seines Protokollanten über das Papier flog, und trommelte nervös mit den Fingern. Die Polizisten, die wie Standbilder die Tür flankierten, erschraken, das Fingertrommeln durchdrang das riesige Gebäude wie dumpfer Paukenschlag und die Wände zitterten leise. »Zum Amtsdirigenten!« sagte der Kanzleirat und nickte lässig den Polizisten zu.

In die hohe Region des Amtsdirigenten zu folgen, wagte Flora nicht mehr. Sie schlug ein Kreuz vor der Brust, als sie hörte, wohin der Herr befohlen sei, sie flüsterte, sie werde warten, und verkroch sich zwischen Aktenschränken, mit denen der Korridor des Kanzleirates ausgefüttert war.

© Dr. Joachim Ruf 1949/2005
Im Jahr 1948 wurde als erster deutscher Nachkriegsfilm aus dem Genre Science Fiction
Der Herr vom andern Stern mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle verfilmt.
Erschienen in
Werner Illing: Utopolis [und andere phantastische Geschichten] (Berlin: Shayol, 2005)
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2005|Alien Contact – Jahrbuch f
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