epilog.de > Alien Contact > Alien Contact 68 > Jakob Schmidt: Das Vermächtnis des Großen Essers [Story]
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Epilog fürs
stille Örtchen:

Jakob Schmidt

Das Vermächtnis des Großen Essers

Seite 1 »

»Achtung. Bitte lösen Sie einen gültigen Fahrschein. Der Aufenthalt im Bahnsteigbereich ist nur mit einem gültigen Fahrschein gestattet.«

Die Stimme des Automaten war sanft und geduldig – jene Art Stimme, die unmittelbar bevorstehende schwere Strafmaßnahmen ankündigte. »Mistding.« Kurt kramte in seiner Brusttasche, ließ den Daumen über die weichgewetzten Kanten der Ticketattrappen gleiten, zückte die fünfte – die letzte.

»Achtung. Bitte lösen Sie einen gültigen Fahrschein ...« Ein leichtes Jucken unter dem linken Schulterblatt teilte Kurt mit, dass eine Drohne ihn ins Kameraauge gefasst hatte. Sein Bild wurde bereits nach den üblichen Reizmerkmalen abgesucht: verschlissene Kleidung, übermäßiger Bartwuchs, unmäßige Ausdünstungen. Digital zerlegt und gespeichert. Solange sie mich nur digital zerlegt ...

»Achtung: ...«

»Ja, fuck you!« Kurt biss sich auf die Zunge, um den Fluch unter der Hörschwelle des Getränkeautomaten abzuschneiden. Er hauchte auf die Hologrammfläche im unteren Viertel des Tickets und rieb mit seinem peinlichen sauberen Ärmel darüber, bevor er es in die blassblau schimmernde Linse hielt. »Also, was ist jetzt?«

Das Jucken verstärkte sich, brannte sich hautkräuselnd aufwärts und bildete einen Wirbel wie ein winziges, schwarzes Loch auf seiner Kopfhaut, unter der die Sonde implantiert war, die ihn mit rudimentären Informationen versorgte. Warum machst du diesen Scheiß, Kurt? Etwa für den Kick? Gib’s zu: Du magst den Kick nicht. Du hasst den Kick. Der Blick der Drohne glitt spürbar an Kurts Rücken herab, untersuchte seine Kleidung jetzt nach verdächtigen Ausbeulungen, die auf Waffen oder Diebesgut hindeuteten. Tust du es etwa für die Anerkennung? Oder für Dombrowski? Mach schon, Drecksapparat!

RRRUTTT – BLAMBLAMBLAMBLAMBLAM!

Kurts Herzschlag setzte für den Bruchteil einer Sekunde aus, gerade lange genug, um in einen neuen Rhythmus überzugehen. Kurt fühlte sich horizontal zur Wirklichkeit phasenverschoben, in eine Realität, in der die Zeit ein winziges Stück zurückhing. Seine Sicht war einen Moment lang schärfer, dann verschwamm sie, als Tränen des Glücks in seine Augen traten. Er ging vor dem Ausgabefach in die Hocke, in das die fünf Desperados-Flaschen gepoltert waren.

Kredit akzeptiert, verkündete die grüne Digitalanzeige über dem Kartenschlitz überflüssigerweise. Kurt riss die Karte aus dem Ausgabeschlitz und stopfte die Flaschen in seine Umhängetasche, während eine fundamentale Erkenntnis in Form einer zweiten Glückswelle über ihn brandete: Du machst es, weil es nirgendwo sonst in dieser verfickten Stadt brauchbaren Alkohol gibt!

»Achtung. Sie haben keinen gültigen Fahrschein gelöst. Bitte warten Sie auf ihren persönlichen AutoSaviour und lassen Sie sich von ihm zum Zugpersonal begleiten. Sollten Sie technische Probleme haben, wird unser Personal Sie gerne unterstützen. Wir weisen Sie darauf hin, dass Ihr persönlicher AutoSaviour berechtigt ist, Sie per Ferninjektion zu narkotisieren, falls Sie ihn nicht begleiten.«

Das Surren der Drohne kribbelte jetzt nicht mehr nur auf seiner Haut, sondern auch in seinem Trommelfell. Kurt erhob sich langsam, wobei er der Drohne den Rücken zuwandte. Ein unmerkliches Klicken, als der Betäubungspfeil einrastete. Kurt ließ das nicht anerkannte Ticket zurück in die Brusttasche seiner Militärweste gleiten und hob die Arme über den Kopf.

»Bitte stellen Sie die entnommene Ware ab. Es besteht Grund zu der Annahme, dass die zum Kauf verwendete Karte ungültig war«, forderte ihn die glatte Frauenstimme nicht ganz frei von Häme auf.

»Enorm scharfsinnig«, presste Kurt zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er hob den Trageriemen deutlich sichtbar von der Schulter, hielt die Tasche mit beiden Händen hoch, wirbelte mit ausgestreckten Armen herum, und schleuderte das kompakte Drei-Kilo-Gewicht am Ende des Riemens wie ein Hammerwerfer im Aufwärtsbogen. Es erwischte die Drohne genau dort, wo er sie vermutet hatte. Glas splitterte, kostbares, goldenes Desperados spritzte ihm ins Gesicht und verteilte sich über den Bahnsteig. Die Drohne trudelte kreischend beiseite. Kurt wartete nicht, bis sie ihre Flugbahn stabilisierte. Er warf sich die Tasche in der gleichen Bewegung über die Schulter und rannte in Richtung Rolltreppe. Das Heulen der Alarmsirenen bohrte sich in seine Schläfen und übertönte beinahe das wütende Brummen der Drohne – sein Implantat schickte ihm deutliche Nervenimpulse, dass sie ihm auf den Fersen war. Klick – der Betäubungspfeil. Er war im Visier. Fünf Meter bis zur Rolltreppe, die roten Sperrschilder an den Seitenpfosten leuchteten auf. Er polterte, stürzte die geriffelten Stufen hinab, in den muffigen, aber blitzblanken Schacht.

Zitt.

Der Pfeil traf Kurt im gleichen Moment, in dem Geräusch und Nervenimpuls über das Implantat ihn erreichten. Er spürte einen dumpfen Aufschlag im Rücken, aber die Spitze drang nicht bis zu seiner Haut durch. Der Große Esser segne die Bundeswehr!, dachte Kurt, was für eine Armee das auch immer gewesen sein mochte. Ihm war nicht bewusst, dass er die Augen geschlossen hatte – doch als er sie wieder öffnete, war er nicht mehr allein im Schacht. Auf beiden Rolltreppenbahnen kamen ihm massige, aufgeplusterte Gestalten entgegen. Rote Baretts wackelten rhythmisch hin und her, während die Sheriffs mit gesenktem Kinn, ohne ihn anzublicken, Kurt entgegen die Treppe hochliefen. Drei links, drei rechts, in vollkommenem Gleichtakt. Multiplikanten – sie sahen ihn nicht direkt an, um nicht durch ihre Blickrichtung zu verraten, welcher von ihnen der echte war. Zweifellos behielt dieser ihn mit einer Kamerabrille im Auge. Die Sheriffs waren hirnverdrahtet und ganzkörpergepanzert. Im Zweikampf keine Chance für Kurt, und oben wartete die Drohne. Der Abstand schrumpfte. Linke Treppe, rechte Treppe – noch konnte Kurt mit einem Sprung die Seite wechseln. Wenn die Sheriffs dann auch sprangen, würden sie sich zumindest verraten. Doch dann wäre es für ihn zu spät, um auszuweichen.

Wenn er denkt, dass ich denke, dass er denkt ... Scheiß drauf! Kurt schwang sich über den Metallsteg auf die andere Treppe und warf sich den drei Sheriffs mit den Füßen voran entgegen, die Hände über die Geländer quietschend. Die massige Gestalt hob den Kopf und breitete überdimensionierte Hände aus, um ihn zu packen. Was für ein Koloss! Kurts Stiefelsohlen trafen auf die Brust des Sheriffs und verschwanden darin, gefolgt von seinen Beinen und dem Rest seines Körpers. Kurt flog weiter, mitten durch die Körperprojektion und die beiden ebenso immateriellen Sheriffs dahinter. Aus dem Augenwinkel sah er, wie ein schwarzglänzender Lederhandschuh sich von der gegenüberliegenden Seite ausstreckte, aber er war vorbei, ganz knapp vorbei, setzte die Füße auf die Stufen ...

Ein feuriger Ring zog sich um seine Kehle zusammen. Kurt würgte und verlor den soeben gewonnen Boden unter den Füßen. Der Scheißkerl hatte ihn am Taschenriemen erwischt! Eine Pranke legte sich von hinten um seinen Hals und drehte ihn herum, zog ihn brutal über den Mittelsteg. Schwarze Eissterne wuchsen knisternd auf seiner Netzhaut, dahinter konnte er undeutlich die starre Schutzmaske des Sheriffs ausmachen. »Wichser ...«, krächzte er fast unhörbar.

© Jakob Schmidt 2005 • Erstveröffentlichung
Erschienen in
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2005|Alien Contact – Jahrbuch f
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