Reichsbahn-Kalender (1929)

Knotenpunkte des Reichsbahnverkehrs: Berlin

Eisenbahnstadt Berlin
Ist Deutschland schon verkehrsgeographisch so günstig wie kaum ein anderes Land in Europa gelegen, so sitzt seine Hauptstadt gleichsam als Spinne im Netz großer europäischer Schienenwege. Elf zweigleisige Hauptbahnen, die sich in der weiteren Umgebung Berlins unzählige Male verästeln, bilden die radialen Hauptfäden dieses Netzes. Von Norden, von Oslo, Stockholm und Kopenhagen, laufen die Fäden und münden in den auf dem rechten Spreeufer gelegenen Stettiner Bahnhof, dem verkehrlich wohl bedeutendsten Bahnhof Berlins. Auf diesem Ufer der Spree liegt auch der Lehrter Bahnhof, der für Berlin als Ankunftsbahnhof der von Übersee über Hamburg eintreffenden Europareisenden von Bedeutung ist. Jenseits der Spree ermöglichen die Fernbahnhöfe Friedrichstraße, Anhalter, Potsdamer und Görlitzer Bahnhof die Weiterreise nach Wien, Budapest, Bukarest, nach dem Balkan, nach der Schweiz und Italien. Diesen Nord-Südverkehr kreuzen die in west-östlicher Richtung verlaufenden Verkehrsbänder, die von Frankreich, England und Belgien kommen, durch das rheinisch-westfälische Industriegebiet gehen, alsdann den England-Holland-Verkehr und den Übersee-Bremen-Verkehr aufnehmen, um endlich auf dem schmalen Band der Stadtbahn in den Fernbahnhöfen Charlottenburg, Zoologischer Garten, Friedrichstraße, Alexanderplatz und Schlesischer Bahnhof die Reichshauptstadt zu erreichen. Vom Schlesischen Bahnhof verästeln sie sich wieder nach Nordosten zu, nach Ostpreußen, nach den östlichen Randstaaten, nach Warschau und Moskau, sowie gegen Südosten über Breslau nach Budapest und Bukarest. Die Zahl der täglich auf den Berliner Fernbahnhöfen ankommenden und abfahrenden Züge betrug im Sommer 1928 insgesamt 516 Züge, und zwar 257 abfahrende und 259 ankommende, davon allein 171 D-Züge. 82 000 Reisende kamen täglich auf den Fernbahnhöfen an und fuhren dort ab. Das sind etwa 30 Millionen Reisende im Jahr.


Bahnhof Friedrichstraße
Abbildung aus dem »Reichsbahn-Kalender« von 1927 nach einem Gemälde von Bernhard Graf.

Neben den Strecken und Bahnhöfen des Fernverkehrs spielen insbesondere für die werktätige und erholungssuchende Bevölkerung Berlins die 500 Kilometer Stadt-, Ring- und Vorortstrecken eine große Rolle. Dieser Verkehr bringt große Massen der Arbeiter, Angestellten und Berufstätigen frühmorgens an die Arbeitsstätten, abends wieder hinaus in die Wohnviertel und Sonntags in die Wälder und an die Seen der Mark. Dem Stadt-, Ring- und Vorortverkehr dienen 157 Bahnhöfe, die werktags von rund 2200, Sonntags von rund 2600 Zügen bedient werden. Im gesamten Stadt-, Ring- und Vorortverkehr wurden im Jahre 1927 359 Millionen Personen, das sind rund 1 Million täglich, befördert. Auf jeden der 4 Millionen Einwohner Groß-Berlins kommen also jährlich rund 90 Fahrten.

Die durchgeführte Elektrisierung der Stadt- und Ringbahn hat die Reisedauer wesentlich abgekürzt.

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Siehe auch:
Eisenbahnstadt Berlin
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