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Geheimer Baurat Houselle in »Berlin und seine Bauten« (1896)

Die Lokomotiveisenbahnen

Eisenbahnstadt Berlin
Die in Berlin mündenden 12 Eisenbahnen sind im Laufe der letzten 60 Jahre entstanden. Anfangs war der private Unternehmungsgeist in dieser Richtung thätig, später griff der Staat ein; er verlieh zu Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre durch den Ankauf der Privatbahnen und die Eröffnung der Stadtbahn dem ganzen Eisenbahnwesen Berlins ein anderes Ansehen und eine einheitliche Form.


Potsdamer Bahnhof
Der aus dem Jahre 1872 stammende Neubau des Potsdamer Bahnhofs. Zusammen mit dem Güterbahnhof wurde er von Quassowski entworfen.
[Foto: F. Albert Schwartz (1876)]

Die älteste Bahn Berlins (und Preussens) ist die Berlin-Potsdamer. Sie wurde 1837 von der gleichnamigen Eisenbahngesellschaft begonnen und am 22. September 1838 von Potsdam bis Zehlendorf mit 14,25 km und am 30. October 1838 von dort bis Berlin, im ganzen mit 26,25 km eröffnet. Im Jahre 1845 löste die Gesellschaft sich auf und verkaufte die Bahn an die Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahngesellschaft, welche sie bis Magdeburg fortführte und am 7. August 1846 für den Personenverkehr bis dort eröffnete.

Demnächst erlangte die ebenfalls von einer Actiengesellschaft erbaute Berlin-Anhaltische Eisenbahn Anschluss an Berlin. Nachdem bereits am 1. September 1840 die Strecke Cöthen-Dessau dieser Bahn mit 21,3 km Länge eröffnet war, wurde die ganze Bahn Berlin-Cöthen mit 151,55 km - im Anschluss an die im Sommer 1840 eröffnete Magdeburg-Leipziger Bahn - am 10. September 1841 dem Betriebe übergeben. Als dritte folgte die Bahn der Berlin-Stettiner Actiengesellschaft, welche am 30. Juli 1842 von Berlin bis Eberswalde mit 45 km, am 25. November 1842 von da bis Angermünde mit 25,5 km und am 26. September 1843 bis Stettin mit einer Gesamtlänge von 133,89 km eröffnet wurde.

Die vierte Stelle nimmt die am 23. October 1842 eröffnete, von einer Actiengesellschaft in Berlin erbaute 80,95 km lange Bahn nach Frankfurt a.O. ein, welche 1845 von der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft in Breslau angekauft und am 1. September 1846 bis dorthin dem Betriebe übergeben wurde.

Mit der fünften, ebenfalls von einer Actiengesellschaft geschaffenen Bahn Berlin-Hamburg, welche am 15. October 1846 bis Boitzenburg und am 15. December 1846 in ihrer ganzen Länge von 284,5 km eröffnet wurde, schließt der erste Abschnitt der Eisenbahnentwicklung Berlins. Eine 20jährige Pause trat ein. Während derselben ging am 1. Januar 1852 die Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn in das Eigenthum des Königlich preussischen Staates über. Und nach der Pause trat die Staatsverwaltung zum erstenmale eisenbahnbauend in Berlin auf, indem sie die Ostbahn durch Herstellung der 82,4 km langen Schlussstrecke Küstrin-Berlin hier einführte und mit der Eröffnung dieser Strecke am 1. October 1867 die directe Bahnverbindung Petersburg-Königsberg-Berlin vollendete. Dann aber nahm infolge der günstigen Entwicklung der politischen Verhältnisse Preussens noch einmal die Privatthätigkeit einen freilich nicht sehr nachhaltigen Aufschwung im Eisenbahnbau.

Die Berlin-Görlitzer Bahn wurde von einer Actiengesellschaft begründet, im Mai 1865 begonnen und mit einer Gesamtlänge von 207,9 km am 31. December 1867 eröffnet. Ihr schloss sich die von der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahngesellschaft in den Jahren 1868-1871 erbaute Berlin-Lehrter Bahn an. Von dieser wurde am 1. Februar 1871 die 124,2 km lange Strecke Spandau-Gardelegen, am 15. Juli 1871 die rd. 13 km lange Strecke Berlin-Spandau und am 1. November 1871 mit 101,8 km Länge das Schlußstück Gardelegen-Lehrte eröffnet.

Für die 168,75 km lange Berlin-Dresdner Bahn wurde die preussische Concession am 24. Juni 1872, die sächsische am 27. September 1872 ertheilt. Am 17. Juni 1875 wurde diese Bahn für den gesamten Personen-, Eilgut- und Güterverkehr eröffnet. Die private Verwaltung währte aber nicht lange. Nachdem im Jahre 1876 Verhandlungen wegen Verschmelzung mit anderen Bahnen und demnächst wegen staatlicher Zinsgarantie für eine Prioritätsanleihe geschwebt hatten, aber nicht zum Abschluss gekommen waren, wurde am 5. Februar 1877 ein Vertrag zwischen der Berlin-Dresdener Eisenbahngesellschaft und der Königlich preussischen Staatsregierung geschlossen, durch welchen die Verwaltung und der Betrieb des der Gesellschaft concessionierten Bahnunternehmens vom 1. October 1877 ab auf ewige Zeiten auf den Staat überging. Die Verwaltung wurde laut Erlass vom 20. August 1877 der Königlichen Direction der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn und unter ihr einer Königlichen Eisenbahncommission für die Berlin-Dresdner Eisenbahn übertragen.


Bahnhof Savignyplatz
Eine auf dem Bahnhof Savignyplatz stehende Dampflokomotive der Gattung T 2.

Hierauf folgen noch zwei Versuche von Actiengesellschaften, Eisenbahnen in Berlin einzuführen. Sie betreffen die Nordbahn und die sogen. Südwestbahn. Bei beiden erlahmte die Privatthätigkeit noch früher als bei der Dresdner Bahn: bei der Nordbahn während des Baues, bei der Südwestbahn während der Vorbereitungen zum Beginn ihrer Anfangsstrecke, der Berliner Stadtbahn. Die Nordbahn (Berlin-Neubrandenburg-Stralsund) wurde von dem Fürsten Putbus, dem Prinzen Biron und einigen anderen Herren mit einem Actiencapital von 37 500 000 M im Jahre 1870 gegründet. Doch erst zu Ende 1871 oder 1872 begann der Bau. 1874 wird, um dem Drängen der Gläubiger zu widerstehen, mit der Staatsregierung wegen Uebernahme einer Zinsgarantie für eine Anleihe von 15 000 000 M verhandelt. Das Abgeordnetenhaus lehnte diese Garantie im Mai 1874 ab, nachdem der Abgeordnete Lasker in einer grossen Rede die Nordbahn als »die hässlichste Gründung« bezeichnet hatte. Nach weiteren Verhandlungen wegen einer Prioritätsanleihe kam man zu der Ueberzeugung, dass nur der Uebergang der Bahn in das Staatseigenthum die Fertigstellung des Unternehmens sichern könne. Am 4. Juni 1875 genehmigte das Abgeordnetenhaus den Gesetzentwurf, welcher die Regierung ermächtigte, die Nordbahn für 6 000 000 M anzukaufen. Durch das Gesetz vom 9. Juli 1875 wurde der Kauf abgeschlossen und durch einen von Rostock datierten Allerhöchsten Erlass der Bau und die demnächstige Verwaltung der Bahn der Königlichen Direction der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn übertragen, unter welcher eine »Königliche Eisenbahncommission für die Berliner Nordbahn« stand. Zwei Jahre später, am 10. Juli 1877 gelangte die erste Theilstrecke der Nordbahn: Gesundbrunnen-Neubrandenburg, 133,69 km lang, zur Eröffnung, am 1. December 1877 die zweite: Neubrandenburg-Demmin mit 42,46 km und am 1. Januar 1878 die Schlussstrecke Demmin-Stralsund mit 46,3 km.

Eine Südwestbahn zur Abkürzung der Verbindung Berlins mit Süddeutschland und der Schweiz wurde 1872 von der Deutschen Eisenbahn-Baugesellschaft unter der Leitung von Hartwich geplant. Sie sollte in der Nähe des Ostbahnhofes beginnen und Berlin etwa in der Linie der heutigen Stadtbahn durchziehen. Die Ungunst der finanziellen Verhältnisse des Jahres 1873 liess aber die Gesellschaft nicht über vorbereitende Ankäufe von Grundstücken in Berlin hinauskommen. Die eigentliche Südwestbahn musste aufgegeben werden. Zur Fertigstellung der Stadtbahn trat der Staat mit seiner Hülfe ein. Nach der weiter unten mitgetheilten Entwicklung ging die Bahn im Jahre 1878 in das Eigenthum des Staates über. Die am 15. Juli dieses Jahres eingesetzte »Königliche Direction der Berliner Stadteisenbahn« vollendete den Bau, sodass die Bahn am 7. Februar 1882 dem öffentlichen Verkehr übergeben werden konnte.


Bahnhof Charlottenburg
Der 1882 eröffnete Bahnhof Charlottenburg war westlicher Endpunkt der Stadtbahn und wurde dementsprechend großzügig angelegt. Das Foto aus dem Jahre 1905 zeigt das provisorisch angelegte Empfangsgebäude im Fachwerkstil. Allerdings blieb das Provisorium am Stuttgarter Platz bis zum zweiten Weltkrieg unverändert.

An Stelle der »Südwestbahn« war aber eine andere Bahn als westliche Fortsetzung der Stadtbahn getreten. Zu Anfang der siebziger Jahre wurde von Privaten eine directe Bahn Berlin-Frankfurt a.M. geplant. Im Sommer 1872 aber verlautete bereits, dass der Staat diesen Bau in die Hand nehmen wolle, und dass Metz statt Frankfurt a.M. als der Endpunkt des Eisenbahnunternehmens gelte. Ausser der Moselbahn waren hierfür die zur Herstellung einer unmittelbaren Bahnverbindung von Berlin über Nordhausen nach Wetzlar nöthigen Abkürzungslinien zu erbauen, wofür in der im December 1872 dem Abgeordnetenhause vorgelegten »grossen Eisenbahnvorlage« 152 250 000 M vorgesehen waren. Durch das Gesetz vom 11. Juni 1873 wurde dieser Bau genehmigt und durch den Allerhöchsten Erlass vom 2. Juli 1873 die Ausführung der Anlagen für die Berlin-Wetzlarer Linien in Berlin und auf der Strecke Berlin-Charlottenburg der Direction der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn, die Ausführung des Theils der Berlin-Wetzlarer Bahn von Charlottenburg nach Nordhausen aber einer der Direction der Königlichen Ostbahn beigeordneten Commission (vom 15. August 1873 ab) übertragen.

Thatsächlich zu bauen hatte die letztere Behörde nur bis Blankenheim, eine Station der Halle-Casseler Bahn, da diese bestehende Bahn von dort bis Nordhausen für die neue Linie mit benutzt werden sollte. Die 105 km lange Strecke Berlin-Blankenheim wurde am 15. April 1879 für den Güterverkehr und am 15. Mai 1879 für den Personenverkehr eröffnet. Da die Bahn einen eigenen Bahnhof in Berlin nicht erhielt, fuhren die Personenzüge im Anfang vom Dresdener Bahnhof ab, bis demnächst die Stadtbahn diesen Verkehr aufnahm.

Diesen 11 in Berlin mündenden Bahnen - denn die Stadtbahn ist nicht als solche, sondern als ein aufgelöster Centralbahnhof für mehrere Linien zu betrachten - fügt sich noch die von der Königlichen Eisenbahn-Brigade verwaltete Militärbahn an, welche, neben der Dresdner Bahn an der Colonnenstraße in Schöneberg (Berlin) beginnend, in einer Länge von 45 km über Zossen bis Cummersdorf geht und öffentlichen Personen- und Güterverkehr aufnimmt. Sie wurde am 15. October 1875 eröffnet.


Militärbahnhof
Der Militärbahnhof Berlin in Schöneberg in einer Aufnahme von 1902. Das Gebäude wurde 1875 errichtet und 1890 umgebaut und vergrößert. Die Lokomotive im Vordergrund wurde in Hannover gebaut und ähnelt der preußischen Gattung P 2.

Weitere Eisenbahnen haben dann in den rd. 17 Jahren seit der Eröffnung der Berlin-Blankenheimer Bahn Eingang in Berlin nicht mehr gefunden. Doch ist eine »Bahn untergeordneter Bedeutung« noch zu erwähnen, welche, wenn sie auch nicht unmittelbar bis in Berlin hinein sich erstreckt, doch ihren Verkehr der Hauptstadt zuführt. Es ist dies die als Zweigbahn der Nordbahn zu bezeichnende Bahn Schönholz-Velten-Kremmen. Durch das Gesetz vom 8. April 1889 bewilligt, wurde ihr Bau im Herbst 1891 begonnen. Die Theilstrecke Schönholz-Velten mit 21,37 km wurde am 1. October, die Reststrecke Velten-Kremmen mit 11,9 km am 20. December 1893 eröffnet. Da Schönholz nur 4 km vom Bahnhof Berlin der Nordbahn an der Bernauer Straße entfernt ist, die meisten Züge der Nebenbahn bis hier durchgehen und die Bahn eine im Aufblühen begriffene Vorortgegend (insbesondere Tegel) durchzieht, kann sie wohl unter den »Berliner Eisenbahnen« genannt werden.


Siehe auch:
Eisenbahnstadt Berlin
Lieferbare Titel:
mit dem Stichwort Eisenbahn in Berlin
mit dem Stichwort Eisenbahn
mit dem Stichwort Berlin
mit dem Stichwort Technikgeschichte

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