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Neal Asher

Der Erbe Dschainas

The Line of Polity • 2003

Science Fiction > Alien Contact
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Neal Asher gehört zu einer neuen Generation vom Cyberpunk beeinflusster Autoren, die in den Mittelpunkt ihrer Werke das Fremde aus dem Blickwinkel einer evolutionsmäßig sich selbst entfremdeten Menschheit stellen.

Zu Beginn seiner Karriere schrieb Asher eine Reihe von Kurzgeschichten, die erst in Fanzines, dann im britischen Interzone-Magazin und schließlich in Kleinverlagen erschienen. Viele dieser Storys wirken heute im Vergleich zu seinen Romanen wie grobe Stilübungen, durchsetzt mit Ideen, die Asher aus Filmen und anderen Büchern übernahm. Dabei fiel seine Bereitschaft auf, Gewalt als alltägliches Element unserer Gesellschaft in die Zukunft zu transportieren und dort ins Unerträgliche zu steigern.

Die beiden lose zusammenhängenden Novellen der Sammlung Africa Zero mit ihrer Exotik und grausamen Kulisse eines sich kreislaufartig wiederholenden Überlebenskampfes von Mensch und Tier brachten ihm die Aufmerksamkeit des englischen Verlages Pan Macmillan ein. Hier veröffentlicht er seinen ersten Roman Der Drache von Samarkand. Geschrieben hat er ihn im Winter, im Sommer arbeitete er als Gärtner. In Der Drache von Samarkand finden sich Züge des Film Noir – insbesondere in den oft ironisch verzerrten Dialogen – kombiniert mit einer in fernster Zukunft ablaufenden Abenteuerhandlung. In seinem zweiten Roman Der blaue Tod erschuf er einen für Menschen feindseligen Planeten und stellte eine Schatzsuchergeschichte in den Mittelpunkt der Handlung. »Jack Vance mit Zähnen« ist eine treffende Kurzcharakterisierung des Ergebnisses.

In seinem dritten jetzt auf Deutsch vorliegenden Roman greift er auf die Hauptpersonen seines Debüts – den Agenten Cormac und seinen Gegenspieler, das außerirdische Biokonstrukt Drache – zurück. Das Buch hat nicht nur die gleiche Hauptfigur wie Ashers Erstling, sondern spielt vor dem gleichen Hintergrund einer vom Autor immer komplexer gestalteten Future History. Genau wie bei Robert A. Heinleins umfangreichem Zyklus sind die Romane und Kurzgeschichten mit immer wiederkehrenden Elementen verbunden. Eine Reihe dieser Arbeiten erschienen schon gesammelt in The Engineer und Runcible Tales. Für die Bücher übernimmt Asher seine zum Teil naive »Schießt auf alles, was sich bewegt und stellt die Fragen später«-Haltung und kombiniert diese mit einer Achterbahnfahrt durch fremdartige Hemisphären.

Der Orginaltitel The Line of Polity deutet die beiden in Ashers Universum herrschenden Fraktionen an: Die Ordnung in Form einer Diktatur durch künstliche Intelligenz steht stellvertretend für ein langes glückliches Leben. Im Gegensatz dazu steht das Chaos auf den Außenwelten, die zum Teil von blutrünstigen Tyrannen beherrscht werden. Die beiden Kräfte stoßen zu Beginn des Romans in einem kleinen Sternensystem aufeinander. Die Oberschicht der Systembewohner lebt in Raumstationen und kontrolliert die Sklaven auf der Planetenoberfläche mit Laserwaffen aus dem Orbit heraus. Dekadenz macht sich breit, und die einzige Abwechslung sind die Planung von Putschen und brutalen Umstürzen, die jedoch keine politischen Veränderungen bewirken. Die Konflikte enden in immer blutigeren Umsturzversuchen.

In den Systemen ist grenzenlose Forschung ohne Tabus möglich. Und so kommt es, dass der verrückte Wissenschaftler Skellor sich eine Nanotechnik einverleibt, die eine fremde und inzwischen verschollene Rasse vor Urzeiten zurückgelassen hat. Nachdem er diese an sich selbst ausprobiert hat, wird er zu einem gewaltigen Raumschiff. Der Agent Ian Cormac mit seinem Team – bestehend aus einem Golem-Soldaten, einem Biotechnologie-Spezialisten und einem Drachenmann – sollen den raumschiffgewordenen Skellor einfangen und stoßen dabei auf das außerirdische Biokonstrukt Drache, das einige der Helden frisst, um sie als Armee wieder auszustoßen.

Wie kaum ein anderer Science-Fiction-Autor der jüngeren Generation nimmt Asher unterschiedliche Elemente bekannter Pulp-SF auf und kombiniert sie mit scheinbar komplexen, undurchschaubaren Handlungsabschnitten. Im ersten Augenblick erinnert insbesondere dieser neue Roman an die Werke von A. E. van Vogt – Menschen wie Götter, sprich Raumschiffe. Mit einigen kurzen Strichen entwickelt er fremdartige Planeten und komplexe Strategien. Ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Logik oder innere Struktur werden dem Leser diese Bilder in einer atemberaubenden Abfolge präsentiert. Jeder einzelne Handlungsabschnitt wirkt bizarr. Viele Bilder erinnern an die Visionen des Schweizer Künstlers H. R. Giger. Entzieht sich der Leser der Exotik, so bleiben Geschichten von Schurken, Helden und ewiger Liebe übrig.

Autoren wie Stephen Baxter oder Greg Egan gehen ihre umfangreichen Werke in der Tradition Olaf Stapledons an und geben dem Leser einen Einblick in eine zukünftige Menschheitsgeschichte. Neal Asher steht für die Tradition Edmond Hamiltons und E. E. Smiths, wobei er insbesondere in seinen Romanen zu Extremen neigt. Seine Waffen sind groß, sehr groß. Seine Schlachten erinnern an die besten Zeiten der frühen Perry-Rhodan-Serie. Die Schurken sind aus sich heraus böse, die Guten opferbereit und leidensfähig. In Ashers stilistisch sehr experimentierfreudigen Geschichten befürchtet der Leser manchmal, dass dem Erzähler der Adrenalinstoß ausgeht, der bislang die Handlung vorangetrieben hat. Nur einen Augenblick später schaltet der Autor dann den erzählerischen Nachbrenner ein. Dabei schafft er es, die verschiedenen Konflikte in einem Höhepunkt aufzulösen und die verschlungene Handlung zu einem befriedigenden Ende zu führen.

Neal Asher fordert den literarischen Vergleich mit einem Big-budget-special-effects-Film heraus. Der Leser findet hier ungewöhnliche Bilder, eine rasant ablaufende Handlung, die ihre innere Logik mehr als einmal ad absurdum führt und ihm die Luft zum Atmen nimmt und schließlich die Gewissheit, nach Abschluss der Lektüre gut unterhalten worden zu sein.

• Thomas Harbach • ALIEN CONTACT

Originalausgabe
Neal Asher, The Line of Polity (2003) Bestellen
Deutsche Erstveröffentlichung
Neal Asher, Der Erbe Dschainas
(Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2004) [23272] Bestellen
Aus dem Englischen von Thomas Schichtel, Titelbild von Jim Burns
Taschenbuch, 717 Seiten
Leser-Service
Lieferbare Titel von Neal Asher
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