Ein
Buch von Ray Bradbury zu lesen ist so ähnlich, wie einen alten Freund aus der Kindheit zu
treffen: Man hört Geschichten aus den glücklichen Tagen längst vergangener Jahre, und
alles kommt einem vertraut vor - vielleicht sogar dann, wenn man zuvor noch nie ein
Bradbury-Buch gelesen hat. Und tatsächlich kann man in diesem Buch alte Bekannte
wiedertreffen, denn es handelt sich nicht um einen durchgängig erzählten Roman, sondern
um Episoden, die teilweise vor längerer Zeit schon einmal erschienen sind, wie zum
Beispiel die Geschichten »Heimkehr« und »Onkel Einar«.Im Zentrum der Erzählungen
steht eine eigenwillige Familie, deren Mitglieder nicht blutsverwandt sind, sondern eher
Verwandte im Geiste. Ein altes Haus in Illinois wird zu ihrer Heimstätte, und von Zeit zu
Zeit, meist Ende Oktober kurz vor Halloween, versammeln sich all diese Geister, Untoten,
Vampire und anderen seltsamen Geschöpfe. Unter ihnen befindet sich nur ein einziger
Mensch, der zehnjährige Timothy, dem die Jahrtausende alte Grandmère, eine Mumie als dem
alten Ägypten, die Geschichte des Hauses und der Familie erzählt. In den dreiundzwanzig
Episoden des Buches erfahren Timothy und der staunende Leser Geschichten von Liebe,
Verzicht und Treue, und obwohl jede einzelne der Erzählungen enorm emotionsgeladen ist,
sind die Geschichten doch weit davon entfernt, kitschig zu sein.
Ein besonderer Höhepunkt ist die Geschichte »Mit dem Orientexpress nach Norden«, in
der ein »garstiger Passagier« von einer mitreisenden Dame, die einmal Krankenschwester
war, angesprochen wird. Der Passagier scheint kurz vor dem Tod zu stehen, denn es handelt
sich um ein Gespenst, an das niemand mehr glaubt.
Ebenso eindrucksvoll ist der geflügelte »Onkel Einar«, der wegen der Liebe zu einer
Frau auf seine Freiheit verzichtet und erdgebunden lebt. Dabei wird er jedoch immer
unglücklicher, bis schließlich seine Kinder eine Idee haben, wie er vor den Augen aller
Menschen trotzdem wieder fliegen kann ...
In seinem Nachwort erläutert Ray Bradbury übrigens, warum es von 1945 bis 2000, also
ganze 55 Jahre dauerte, bis er dieses Buch vollendet hat. - Bradburys Erzählungen sind
vielleicht nicht modern, dafür sind sie in ihrer lyrischen Schönheit zeitlos. Hinzu
kommt, dass diese Ausgabe sehr ansprechend gestaltet und hervorragend typographiert ist;
lediglich die Bindung des Buches lässt leider etwas zu wünschen übrig.
Hardy
Kettlitz ALIEN CONTACT
|
 |