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| Im Laufe der 80er Jahre schrieb Andreas Brandhorst neben den Terranauten
unter diversen Pseudonymen (Andreas Weiler, Thomas Lockwood) zahlreiche Heftromane für Terra
Astra und den Zauberkreis Verlag. Unter seinem bürgerlichen Namen erschienen
exotische Space Operas in den Verlagen Bastei, Goldmann und ein Hardcover im Corian
Verlag. Zusammen mit Horst Pukallus veröffentlichte er eine vierbändige Dystopie im
Rahmen der von Ronald M. Hahn
betreuten Reihe Ullstein Science Fiction. Nach einigen Fantasy Romanen, u. a. um das Rollenspiel Das
schwarze Auge, zog er sich aus der Autorenszene zurück und beschränkte sich in
seiner neuen norditalienischen Heimat auf Übersetzungen. Diamant ist der erste einer geplanten Reihe von Romanen, die im »Kantaki«-Universum spielen. Die Kantaki sind eine insektenartige Rasse, die seit mindestens drei Zeitaltern die interstellare Raumfahrt beherrscht. Während die Kantaki mehr eine biologische Raumfahrt bevorzugen, sind die interstellaren Händler, die Horgh, nur an Profiten interessiert. Beide haben den Menschen den Weg zu den Sternen ermöglicht. Aber das Geheimnis der interstellaren Raumfahrt behalten beide Rassen für sich, für überlichtschnellen Transport müssen die Menschen bezahlen. Valdorian ist der Primus Inter Pares eines der beiden riesigen Wirtschaftskonglomerate, die sich in den Jahrtausenden gebildet haben, seit die Menschheit zwischen den Sternen pendelt. Er hat die Macht von seinem Vater übernommen und dafür seine wahre Liebe geopfert: Lidia. Diese junge Frau hat die Verbindung mit einem der mächtigsten Männer des Universums abgelehnt und ihren Traum verwirklicht sie ist eine der menschlichen Piloten, die die Kataki-Raumschiffe fliegen dürfen. Sie hatte Valdorian die relative Unsterblichkeit angeboten, die die überlichtschnelle Raumfahrt bietet, doch er wollte sich nicht als ihr Helfer sehen. Inzwischen sind viele Jahre vergangen und Valdorian liegt im Sterben. Kurz vor dem Ausbruch eines neuen Krieges zwischen den beiden Wirtschaftsimperien stellen die Ärzte fest, dass seine Zellen unheilbar zerfallen und der Jahrzehnte aufgehaltene Alterungsprozess sich um so schneller fortsetzt. Für Valdorian kann nur die relative Unsterblichkeit an Bord der Kataki-Sternenschiffe ein Ausweg sein, doch dazu muss er Lidia nicht nur finden, sondern sie von seinen ehrlichen Absichten überzeugen. Vordergründig ist Diamant eine farbenprächtige Space Opera. Vom Beginn mit den weisen Kantaki und ihrer ersten Begegnung mit den Menschen, über die rasanten Actionsequenzen mehrere Attentate auf Valdorian mit stetig steigendem Waffenaufwand bis zu der veherrenden Raumschlacht, die mitten im Buch stattfindet, weist der Roman ein ungeheures Tempo auf. Dabei arbeitet Andreas Brandhorst nicht nur mit verschiedenen Erzählebenen, sondern springt zwischen mehreren Zeitebenen hin und her. Das im Hintergrund immer stärker agierende Volk der Temporalen hält er bewusst für einen zweiten Roman zurück. Nur der enttäuschende Epilog mit seinem offensichtlichen Fortsetzungscharakter trübt das Lesevergnügen. Der gesamte Hintergrund stellt eine Mischung aus diversen SF-Serien und -Romanen dar: Die Kantaki mit ihrer alternativen Raumfahrt erinnert an die Terranauten-Romane, die geschäftstüchtigen Horgh natürlich an die berühmten Springer, die Arsenale unbewusst an die zweite Krieg-der-Sterne-Staffel und die Temporalen an die geheimnisvolle Macht im Hintergrund der neuen Enterprise-Serie. Doch Andreas Brandhorst mischt diese Elemente nicht zuletzt dank seiner reichhaltigen Erfahrungen im Bereich der Heftromane zu einem unterhaltsamen Lesestoff. Im Mittelpunkt der Handlung stehen mit Lidia und Valdorian zwei interessante Protagonisten: Sie träumt von den Sternen und opfert dafür ihre Liebe. Einfühlsam zeichnet der Autor verschiedene Seiten dieser Figur ihre Trauer über das letzte unvollendete Buch ihres Vaters oder die Enttäuschung, als sie erfährt, welche Rolle die Diamanten in der Realität spielen. Valdorian ist der eitle, aufgeblähte und selbstverliebte Herrscher eines Reiches, das er von seinem Vater geerbt hat und dessen Macht er kontinuierlich ausbauen muss. Er setzt sich selbst unter Druck, kann nicht die Intention von Lidia verstehen, ihren Träumen zu folgen, und selbst als die Ärzte ihm nach einem langen Leben seinen baldigen Tod voraussagen, fühlt er keine Dankbarkeit, sondern Verrat. Ein unsympathischer Egomane, der sich im Laufe der Handlung wandeln möchte, aber den letzten Schritt nicht schafft: Nach einem katastrophalen Angriff auf die Allianz, gesteuert von persönlichen Motiven und nicht vom Gedanken an das Wohlergehen seines Volkes, erkennt er die Verräter und deren mörderischen Plan. Trotzdem findet er keine Ruhe und sucht weiter eigensinnig nach der persönlichen Erlösung. Die ersten Begegnungen Lidias mit Valdorian schildert Andreas Brandhorst feinsinnig und sehr natürlich. Danach entwickelt er zwei sehr dreidimensionale vielschichtig gezeichnete Protagonisten, die die Actionhandlungen überstrahlen. Immer wieder arbeitet Brandhorst mit isolierten Szenen, die wie Bilder wirken. Diese stechen aus den unzähligen Geschehnissen wie Dornen heraus und bleiben im Laufe der Lektüre haften. Diese Momente unterstreichen die literarische Weiterentwicklung und Reife Brandhorsts. In den achtziger Jahren wurde Andreas Brandhorst mehrmals als deutscher Philip José Farmer bezeichnet. Seine Welten zeichnen sich durch einen ähnlich exotischen Hintergrund aus. Im Gegensatz zu Farmer konnte er seinen Figuren nicht ausreichendes Leben einhauchen, und oft ähnelten sich die schnell hintereinander geschriebenen Romane in ihrer Konzeption zu sehr. Der Hintergrund war jedes Mal anders, doch das Stück, das Brandhorst auf diese Bühnen spielte, nur eine Variation. Kaum einer dieser Schwachpunkte findet sich in Diamant. Der Text liest sich sehr gut, Andreas Brandhorst hat einen flüssigen, unterhaltsamen Stil entwickelt, die verschiedenen Elemente der bislang bekannten Handlung werden gekonnt kombiniert, und vor allem in Bezug auf die Charakterisierung seiner Figuren gehört Brandhorst mit diesem Roman in die erste Garde deutscher Autoren. Dabei schreckt er nicht davor zurück, eine klassisch klischeehafte Ausgangslage zwei Liebende, die die Tiefe ihrer Gefühle noch nicht erkennen als Sprungbrett für eine Odyssee durch Raum und Zeit zu nehmen. Thomas Harbach ALIEN CONTACT |
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