Im
Land Egalia frauscht die Gleichberechtigung der Geschlechter. Keine käme auf die Idee,
ihren Mann, der zu Hause auf die Kinder aufpaßt, respektlos zu behandeln. Oder den
Begriff Wibschen, der für Frauen und Männer gleichermaßen gilt, durch eine Konstruktion
wie »Menschen« zu ersetzen, weil dam so dem männlichen Anteil der Bevölkerung zuviel
Gewicht beimessen würde. Immerhin arbeiten Männer sogar in verantwortlichen Positionen,
zum Beispiel das Herrlein Uglemose. Daß er nur deshalb Lehrer wurde, weil seine Mutter
die Direktorin der Schule war und er irgendwie keine Frau abgekriegt hat, ist nicht mehr
als üble Nachrede.Doch wenn der junge Petronius davon träumt, in der Weibschaft eines
Fischkutters zu arbeiten und männliche Seefrau zu werden, geht das eindeutig zu weit.
Schließlich wäre ein Taucheranzug, in dem er seinen PH unterbringen könnte, einfach zu
unpraktisch. Und wenn er sich des Nachts ganz allein am Strand herumtreibt, geschieht es
ihm ganz recht, wenn er von einer Horde übermütiger Frauen vergewaltigt wird.
Trotzdem läßt sich Petronius nicht von der Idee abbringen, für die Emanzipation des
Mannes zu kämpfen. Die niedlichen Jungs gründen sogar eine politische Partei. Schade,
daß ihre Phantasie nur für geschmacklose Aktionen wie öffentliche PH-Verbrennungen
reicht. Und dann schreibt er auch noch ein völlig irrsinniges Buch über eine fiktive
Gesellschaft, in der Männer das Sagen haben. Obwohl doch jeder weiß, daß so etwas
einfach der natürlichen Ordnung der Geschlechter widerspricht!
Inzwischen ist ein Vierteljahrhundert vergangen, seit die norwegische Autorin Gerd
Brantenberg (ja, trotz des männlich klingenden Namens ist es eine Autorin!) ihren Roman Die
Töchter Egalias schrieb. In den siebziger Jahren wurde das Buch zum heimlichen
Bestseller und Kultroman der Frauenbewegung. Das vielleicht Erstaunlichste an diesem Buch
ist, daß es seitdem kaum an Aktualität verloren hat. Sicher, der Kampf um die
Gleichberechtigung der Frauen hat große Fortschritte gebracht, aber gerade dieses Buch
kann dem Leser (ja, insbesondere dem männlichen Leser!) eindringlich vor Augen führen,
daß patriarchalische Denkstrukturen immer noch tief in unserer Gesellschaft verwurzelt
sind.
Der Roman ist deshalb so beeindruckend, weil die Utopie funktioniert. Selbst die
biologischen Begründungen für die Überlegenheit des weiblichen Geschlechts überzeugen
- da sie genauso an den Haaren herbeigezogen sind wie das, was wir in der Schule lernen.
Wenn die Frauen schon die Kinder zur Welt bringen, ist es einfach recht und billig, daß
die Erziehung Aufgabe der Männer ist. (»Schließlich sind es immer noch die Männer, die
die Kinder bekommen«, heißt es hintersinnig im ersten Satz des Romans.) Und wenn Männer
körperlich kräftiger als Frauen sind, liegt es einfach in der Natur der Dinge, wenn
Männer eben nur körperlich schwere Arbeiten verrichten und die Frauen sich um Politik
und Verwaltung kümmern. Selbst die Neigung der Frauen, Männer beim Sex nur zu ihrem
eigenen Vergnügen zu benutzen, wird überzeugend (und höchst anschaulich!) geschildert.
Leider zieht sich die Geschichte streckenweise etwas in die Länge, da die Autorin
politisch korrekt bemüht ist, wirklich jede sexistische Ungerechtigkeit anzuprangern.
Zudem konzentriert sich die Handlung auf eher alltägliche Dinge und ist nicht gerade
spannend und actionreich geschrieben (oder ist das zu männlich gedacht?). Auf jeden Fall
bleibt Die Töchter Egalias eine erfrischende Leseerfahrung, die unsere Sicht auf
das Verhältnis der Geschlechter nachhaltig verändern kann.
Bernhard Kempen ALIEN CONTACT
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