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| Das Orwell-Jahr 1984 brachte den interessierten Lesern zwei neue
Buchreihen. Beim Goldmann Verlag erschien die »Edition 1984«, zwölf positive Gegenpole
zu den berühmten Dystopien. Im Kern handelte es sich um Sonderausgaben von Titeln, die
für das normale Programm vorgesehen waren. Ullstein, der Heimatverlag von 1984, plante in seiner intellektuell gehaltenen »Ozeanischen Bibliothek« (ein direkter Hinweis auf George Orwells Roman) Dystopien und Anti-Utopien mit dem Höhepunkt einer Neuauflage von 1984. Verstärkt legte der Verlag auf Nachdrucke klassischer Romane Wert. Neben Metropolis erschienen die beiden schon in der Heyne-Reihe »Science Fiction Classics« erschienen Romane Wir fanden Menschen von Hans Wörner und Blumen wachsen im Himmel von Hellmuth Lange. Winfried Bruckners Tötet ihn ist ein Nachdruck aus der Goldmann-Science-Fiction-Reihe, diesmal jedoch mit einem ausführlichen und tief in die Materie gehenden Nachwort von Herbert W. Franke. In beiden Reihen sollte jeden Monat ein Roman erscheinen, Goldmann schaffte es, während Ullstein insgesamt nur zehn Romane herausbringen konnte. Winfried Bruckner wurde 1937 ins Krems an der Donau geboren. Nach dem Abitur trat er der Redaktion der Jugendzeitschrift Der jugendliche Arbeiter bei und wurde autodidaktisch zum Journalisten. Ab 1966 war er Chefredakteur der österreichischen Gewerkschaftszeitung Solidarität und Vertreter der Kunst im ORF-Kuratorium. Schon während der Schulzeit schrieb er für den Simplicissimus und u. a. auch Hörspiele. Seit 1960 hat er mehr als 60 populärwissenschaftliche Hörspiele verfasst. In seinen Kinder- und Jugendbüchern befasst er sich mit gesellschaftspolitischen und humanitären Problemen. Sein erfolgreicher Roman Die Pforten des Feuers befasst sich mit der permanenten Hungerkatastrophe in Indien und wurde in insgesamt 16 Sprachen übersetzt. Der Roman Die toten Engel spielt im Warschauer Ghetto und erreichte eine Auflage von über 300.000 Stück. Es folgten verschiedene Fabeln, 1967 der utopische Roman Tötet ihn, aber auch eine Geschichte des Sports, Wahlkampftexte, Fernsehspiele und Theaterstücke. Außer Tötet ihn schrieb Bruckner mit Aschenschmetterlinge noch eine bissigere Abrechnung mit der Gesellschaft in Form einer Utopie. Es ist ein gegen den Krieg gerichtetes Buch, das seine Handlung schließlich ins Absurde steigert. Eine Gruppe von Soldaten springt mit Fallschirmen ab, ohne Kenntnis des Landes, in dem sie kämpfen sollen, oder eine nähere Bezeichnung des Feindes. Das einzige Wissen, über das sie verfügen, ist der Auftrag: Eroberung eines Berges um jeden Preis. 1981 erhielt er für sein Werk den Ehrentitel eines Professors, bevor er 1987 die Öffentlichkeit mit seinem Theaterstück Vergewaltigt am Abend schockierte und aufrüttelte. Tötet ihn zeigt Wien im 21. Jahrhundert; ganz Österreich ist eine vollständig technisierte Diktatur. Die Menschen leben unter der Erde, und anstelle von Fenstern gibt es Bildschirme. Anna ist eine junge Frau, glücklich mit ihrem Freund, glücklich, ein Ebenbild ihrer Kolleginnen zu sein, glücklich in ihrer kleinen Wohnung, glücklich mit ihrer monotonen Akkordarbeit. Raven ist ein junger Arzt, modern, intelligent und mitfühlend, der sich rührend um seine zum Teil todkranken Patienten Strahlenopfer eines grausamen Krieges kümmert und dabei die Konventionen biegt oder bricht. Ein solcher Mensch ist ein Dorn im Auge der geordneten Gesellschaft. Und für solche Fälle gibt es Aufträge. Ein normaler Mensch wird aus seinem alltäglichen Trott gerissen, erfährt, dass er einen anderen Menschen töten muss (die Waffe gibt ihm die Regierung). Zur Belohnung muss er nicht arbeiten, kann sich ein bisschen Luxus gönnen, spürt das Wohlwollen der Oberen. Es trifft Anna. Das Opfer ist Raven. Doch ungeplant erwacht zwischen den beiden eine Sympathieebene, und Anna entscheidet sich, zusammen mit Raven zu fliehen. Unterstützung erhalten sie vom mit Atomwaffen ausgerüsteten Roboter Fred, und sie hoffen, dem System entfliehen zu können. Bruckner schildert einen totalitären Staat. Durch die Überschaubarkeit der unterirdischen Städte ist die Kontrolle fast perfekt. Entscheidungsträger sind die Kohlemänner, Stellvertreter des einfachen Mannes von der Straße, die die Elite verachten, dadurch manipulierbar sind und sich an der Macht, die ihnen überlassen wird, berauschen. Wie Herbert W. Franke in seinem Nachwort erläutert, stehen diese Kohlemänner für eine lange Tradition in Wien und sind zu einem Symbol der Arbeiter geworden. Da entfernt er sich von den Vorstellungen der Kommunisten, dem Proletariat alle Macht zu geben und spricht sich für eine Mischung aus intelligenter Regierung (ein Widerspruch?) und wohlwollenden Volksabstimmungen (ein noch größerer Widerspruch) aus. Bruckners kurzer Roman besticht nicht durch eine originelle Handlung. Er lässt in der bedrückenden, deprimierenden Atmosphäre seinen Figuren keinen Raum zur Entfaltung. Vielleicht ist es auch Absicht, nur noch Schablonen darzustellen. Im Gedächtnis bleiben die sportartigen Bilder. Öffentliche Hinrichtungen als Brot-und-Spiele-Massenspektakel, die Gesetzesübertretung Ravens, als er einem todkranken Mädchen eine letzte Begegnung mit ihrem Vater ermöglicht, dessen Gedächtnis als Strafgefangener von der Regierung gelöscht worden ist, die Rolle des Roboters Fred alles Bilder, die sich dem Leser einprägen. Wir finden mit den Bücherverbrennungen auch eine Anspielung auf die Nationalsozialisten, aber im gleichen Atemzug auch eine Hommage an Ray Bradbury. Die Denunzianten sind immer die gleichen, willig, den Nachbarn oder Freund zu verraten, um ein klein bisschen »Achtung« von der Obrigkeit zu erhalten. Terry Bissons »The Pick Up Artist« hat diese menschliche Schwäche auf die Spitze getrieben, aber auch die vielen informellen Mitarbeiter der Ex-DDR haben bewiesen, wie geistig klein die Menschen im Herzen sind. Für Bruckner ist es eine weitere Ebene, die geistige Unabhängigkeit aus- und mit der Propaganda des Fernsehens gleichzuschalten. Aber auch ein Dilemma zeigt sich an diesem Buch. Bruckner widmet sich den kleinen, einfachen Leuten, gibt aber auch zu, dass eine gewisse Autorität notwendig ist, um das Fahrzeug Staat am Laufen zu halten. Wie viel Staat sein muss, kann er selbst nicht beurteilen. Darum hat er sich entschlossen, dem Roman kein deprimierendes Ende zu geben, sondern einen kleinen Streifen Sonnenlicht in die unterirdische Stadt einfließen zu lassen. Ein Ende mit einem Bild wäre kraftvoller gewesen, denn hier frisst die Revolution ihre Kinder, ohne dass der Leser die Auswirkungen beurteilen kann. Etwas verwirrt bleibt er zurück, einen Moment erleichtert, dann aber voller Fragen, auf die der Text keine Antworten geben kann. Zum Teil überfrachtet der Autor seine Handlung mit Episoden, Szenen und kurzen Anspielungen. Etwas mehr Raum zum Atmen für die handelnden Figuren, aber in erster Linie für den Leser wäre empfehlenswert gewesen. So besteht immer die Gefahr, eine Seite zu schnell zu lesen und wichtige Details zu übersehen. Tötet ihn hinterlässt einen beklemmenden Eindruck, der in den letzten Jahren an Aktualität gewonnen hat. Wie auch die Romane Blumen wachsen im Himmel von Hellmuth Lange oder Das Ultimatum von Mordechai Roshwald gehört Tötet ihn zu den Perlen, die auf eine Wiederentdeckung warten. Thomas Harbach ALIEN CONTACT |
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