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| Mit dem ersten Band der neuen Buchreihe im Festa-Verlag, die die Reihe
»Meisterwerke der Phantastik« ablöst, erreicht eine wahre Perle der phantastischen
Literatur den Leser deutscher Zunge. Es scheint schier unbegreiflich, weshalb dieses Werk
so lange unbeachtet blieb, denn dieser Roman verbindet eine faszinierende phantastische
Idee mit einer herzzerreißenden Beziehungskiste, und es ist - dies vor allem macht das
Buch so lesenswert - einer wundervollen, bildreichen, mitunter blumigen, aber trotz seines
Alters auch modernen Sprache verpflichtet. Das Grundthema scheint vom Altmeister der dunklen Phantastik, E. A. Poe, gestohlen: Ein altes Haus, mit dem vielversprechenden Namen Mordance Hall, beherbergt eine morbide, dekadente Familie, ihre Diener und einen Schäferhund mit dem deutschen Namen Tod (nein, er spricht nicht in Großbuchstaben; er spricht überhaupt nicht). Der Herr des Hauses ist ein verschrobener Privatgelehrter, der seit Jahrzehnten ein Experiment verfolgt. Er versucht, jede Erinnerung, jede Sekunde seines Lebens zu rekapitulieren und aufzuzeichnen, und darüber hinaus das Erbgedächtnis freizulegen, Erinnerungen seiner Vorfahren zu erwecken. Die Ergebnisse seiner bisherigen Forschungen werden in zahllosen Tagebüchern dokumentiert. Um immer tiefer in die Vergangenheit vorzustoßen, bemüht Mr. Pride archaische Rituale, unterstützt durch Drogen und Musik. Für die Musik ist der Ich-Erzähler, Oscar Fitzalan, Musiker und Komponist, engagiert worden. Sein eher klassisches Repertoire wird dabei gar nicht verlangt, er muß afrikanische Volksweisen spielen und variieren, die uralte Erb-Erinnerungsschübe auslösen. Zum Ende und Höhepunkt des Romans gewinnen Beschreibung und Wirkung der Musik und der mit der Musik verwobenen seelischen Verwerfungen eine ausschlaggebende Wirkung. Hier erlangt die Erzählweise des Autors - fulminant übertragen durch den begnadeten deutschen Autor Andreas Diesel - ihren gestalterischen Höhepunkt, entwickelt einen eigenen Rhythmus, der den Leser zu packen vermag! Prides Frau, die Herrin von Mordance Hall, entpuppt sich als berechnende, eiskalte femme fatale, die keine Liebe empfinden kann, und nur ihre Ziele verfolgt, die allerdings nicht so recht deutlich werden. Sie scheint nur ein Ziel zu haben: Mordance Hall zu verlassen, was weder ihr noch irgend jemand anderem aus diesem Haus gelingt. Auch Pride will dem Haus entfliehen, indem er sich in seine Welt flüchtet. Das Haus und die Familie sind eine Gemeinschaft, zum Untergang bestimmt, ähnlich wie Poes Haus Usher. Der Gast, Oscar, gerät genauso wie bei Poe in deren unheimlichen Bann. Nur zufällig kann er sich dessen erwehren; es gibt sogar ein Happy End, das allerdings inkonsequent und aufgesetzt erscheint. Auch wenn die Szenerie übersichtlich ist, wird die Handlung nicht langatmig, weist mehrere überraschende Wendungen auf und arbeitet konsequent auf die Lösung beider Handlungsebenen zu: Das Experiment des Mr. Pride ist von Erfolg gekrönt, auch wenn dieser äußerst fragwürdig ist, und die seelisch-amourösen Verwicklungen werden ebenfalls gelöst, zumeist tödlich. Es sei auch die Ausstattung des Paperbacks erwähnt, das sehr schöne Rundumcover aus der Schmiede Babbarammdass, die für die meisten Festa-Buchcover verantwortlich zeichnet, hier aber ein besonders opulentes und stimmiges Werk schuf, unter Verwendung eines Gemäldes von Jürgen Rosteck, das an die Bilder der Symbolisten der vorletzten Jahrhundertwende erinnert. Abgerundet wird das Buch durch ein Nachwort von M. Schulz-Sembten, der dem Leser den sicher völlig unbekannten Autor L. Cline vorstellt. Cline wurde zum Höhepunkt seines Schaffens als amerikanischer Dostojewski tituliert, der seine Reputation wohl nur seiner siegreichen Alkoholkrankheit opferte. Jedenfalls ist es ein Jammer, daß nicht mehr von Cline im Deutschen vorliegt. Thomas Hofmann |
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