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John Crowley

Das Parlament der Feen

Litte, Big • 1981

Science Fiction > Alien Contact
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Eine Geschichte, die uns berührt, ist immer eine Geschichte über Menschen, in denen wir etwas von uns wiedererkennen und die uns nahe genug kommen, um sie zu bewundern oder zu bemitleiden. Sucht man in der Phantastik nach Autoren, denen es gelingt, Personen zu erschaffen, die in uns weiterleben, so findet sich diese Fähigkeit in besonderem Maße bei John Crowley. Stephen King spricht in seinem Buch Das Leben und das Schreiben von der Resonanz, die eine gute Geschichte auszeichnet, von dem gewissen Etwas, das uns beim Lesen und noch lange danach berührt und unsere Gedanken in Schwingung versetzt. Bleibt man in diesem Bild, dann ist Das Parlament der Feen von John Crowley eine Erzählung, die förmlich vibriert und die lange im Leser nachhallt.

Der Roman ist die Geschichte der amerikanischen Familie Drinkwater und von Smokey Barnable, einem unauffälligen jungen Mann aus Manhattan, der in diese Familie einheiratet. Die Liebe zwischen ihm und seiner Frau Daily Alice ist der zentrale Faden einer höchst ungewöhnlichen Familiensaga mit einer Spannweite von sechs Generationen. Auf 700 Seiten schildert Crowley das Schicksal der Drinkwaters, die auf dem skuril verwinkelten Anwesen Edgewood in einer versteckten Ländlichkeit unweit von New York leben: Smokey Barnable, Daily Alice, ihre Eltern John Storm Drinkwater und Sophie Dale, deren Vorfahren, ihren Kinder, Neffen, Nichten, Onkel und Tanten. Wir begleiten die Personen in einem Gewebe aus Rückblenden und Einzelerzählungen über einen Zeitraum von vielen Jahrzehnten; wir folgen ihnen ruhig und mit großer emotionalen Nähe. Menschen sterben oder verschwinden, Kinder werden geboren, wachsen auf und gehen ihren Weg, verlassen die Familie und kehren zu ihr zurück.

Das Muster der Erzählung wächst, je weiter die Geschichte voranschreitet, bis es weit über Edgewood hinausreicht und sich vorwärts und rückwärts in die Zeit erstreckt und Dutzende von Personen umfasst, die bewusst oder unwissend dieses Muster abschreiten, um handelnd und ausgeliefert zugleich, einen großen Plan zu vollenden - einen Plan, der das Schicksal der Familie Drinkwater bestimmt, und der für die Familie ebenso wie für den Leser erst auf den letzten fünfzig Seiten des Romans deutlich wird.

Die Drinkwaters leben in einem voraufklärerischen Bündnis gegen die Zeit der Moderne, unentwirrbar verstrickt mit einer Parallelwelt der Feen, Kobolde und Elfen - Wesen und Kräfte, die sich kaum einmal zeigen und die nicht den Vorstellungen unserer modernen Fantasy-Popkultur entsprechen. Es sind undeutliche Schatten auf alten Fotografien, verzauberte Karpfen am Grunde tiefer Teiche, Störche als Boten der Märchenwelt und freundliche alte Frauen in Waldhäusern, die es nicht gibt, an Wegen, die man nicht finden kann. Das Leben der Drinkwaters wird bestimmt von den Naturkräften des Märchens, die in ihrem Wirken weit entfernt sind von menschlicher Moral und klaren Motiven.

Smokey Barnable wird durch seine Liebe entführt in diese für ihn gänzlich unerwartete Welt, in deren tiefere Zusammenhänge er Zeit seines Lebens nie blicken wird und deren Geheimnis er aus Liebe zu Alice akzeptieren lernt. Auch die Frauen der Familie Drinkwater, die den Pakt zum Übernatürlichen aufrechterhalten und gleichzeitig verbergen, sind konfrontiert mit einer Zauberwelt, die sie erfassen, ohne sie Außenstehenden erklären zu können oder zu wollen - eine Welt, für die sie keine Worte finden, die angemessen wären, um in unserer Wirklichkeit die ihre zu beschreiben. So bleibt der Kern des Mysteriums, der diese Familie am Saum des Feenreichs siedeln, leben und lieben lässt, unausgesprochen.

In den Romanen von John Crowley trifft man immer wieder Menschen, die eine verborgene, geheime Geschichte der Welt wahrnehmen, die ihrer eigenen Wahrnehmung aber misstrauen, die das, was sie erkennen, nicht glauben wollen. Und dennoch sind sie - wie auch Smokey Barnable in Parlament der Feen - in diese geheime Geschichte verwickelt. Crowley schreibt über eine Sehnsucht nach Wahrheit, die mit der Furcht vor der Wahrheit kämpft. Je tiefer Smokey Barnable und die anderen Mitglieder des Familienclans in die mythische Welt vordringen, desto größer wird diese, und desto weiter bleiben die bekannten Erfahrungen in der Ferne zurück. Und irgendwann löst sich die Wirklichkeit in einem Märchen auf, oder das Märchen, in dem wir schon immer leben, wechselt die Tonlage und macht uns zu Fremden.

Aus der Sicht von Daily Alice und den anderen Frauen der Drinkwaters, die den Pakt mit dem Übernatürliche aufrecht erhalten, schreibt John Crowley über das Gefühl, sich einem Schicksal auszuliefern, das man nicht abwenden kann; dass man, wenn man sich als Teil eines vorbestimmten Musters begreift, dieses lieben muss, um damit leben zu können.

Kritiker haben das Buch mit Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez verglichen, mit der Forsyte Saga von John Galsworthy oder Ada von Nabokov. John Crowley präsentiert mit Das Parlament der Feen einen großen amerikanischen Familienroman mit einer Gültigkeit weit über die Phantastik hinaus. Der detailreiche und kunstvolle Erzählstil John Crowleys mag manchem Leser liebenswert altmodisch erscheinen, doch diesen Roman treibt eine erzählerische Kraft, wie man sie sonst nur bei großer Literatur findet. Vielen gilt der Roman als das einflussreichste Fantasybuch der letzten zwanzig Jahre, aber Crowley verwischt die Genregrenzen zum literarischen Mainstream so stark, dass es schwer fällt, ihn als Fantasyautor zu sehen.

Kaum ein anderes Buch scheint so unpassend im Fantasyregal zwischen endlosen Zyklen und Plagiaten zu stehen. Auf den Regalen zwischen Robert Jordan und Tad Williams gibt es nicht vieles zu entdecken, das einen vergleichbaren literarischen Stellenwert beanspruchen könnte. So ist man versucht, es in ein anderes Regal zu stellen.

• Michael Schneiberg

amerikanische Originalausgabe
John Crowley, Little, Big
(New York: Bantam Books, 1981)
lieferbare englische Ausgabe
John Crowley, Little Big
(London: Gollancz, 2000) Bestellen
deutsche Erstausgabe
John Crowley, Little Big oder Das Parlament der Feen
(Frankfurt a.M.: S. Fischer, 1989)
lieferbare deutsche Ausgabe
John Crowley, Das Parlament der Feen
(München: Piper, 2004) [Ungekürzte Taschenbuchausgabe] Bestellen
Übersetzt von Thomas Lindquist
Leser-Service
Lieferbare Titel von John Crowley
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