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Peter Crowther (Hrsg.)

Moloch

Cities • 2002

Science Fiction > Alien Contact
Buch-Tips
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  • Paul di Filippo: »Ein Jahr in der linearen Stadt« (»A Year in the Linear City«)
  • China Miéville: »Spiegelhaut« (»The Tain«)
  • Michael Moorcock: »Firing the Cathedral« (»Firing the Cathedral«)
  • Geoff Ryman: »S.A.S.« (»VAO«)
Ganz zeitgemäß verschwimmen in diesem Sammelband mit vier Novellen die Grenzen zwischen Science Fiction und Phantastik. Verbindendes Thema ist laut Vorwort das Urbane, insbesondere in seinen wuchernden und unheimlichen Spielarten. Dieser Selbstvorgabe wird der Band allerdings nicht ganz gerecht: die letzten beiden Geschichten streifen das Thema bestenfalls am Rande.

Den Anfang mach di Filippos »Ein Jahr in der linearen Stadt«; eine humorvolle Geschichte mit makabren Anflügen, bei der es im Prinzip um das Leben und Schreiben eines SF-Autors geht – auch wenn das entsprechende Genre hier »Kosmogonische Fiktion« heißt. Filippos Novelle ist mehr episodisch als dramatisch. Er konzentriert sich auf die Einzelelemente seiner phantastischen Stadtwelt, die auf dem Rücken einer gigantischen Bestie errichtet ist und in der die Toten von materiellen Geistern in ein Jenseits geholt werden, das direkt hinter einer dichten Nebelwand wartet. Indem di Filippo mit seiner Hauptfigur Diego einen aufmerksamen, erkundenden Blick einnimmt, gelingt es ihm, das Phantastische zum Alltag zu machen, ohne es verblassen zu lassen. Eine gelungenere Eröffnung des Buches hätte man sich kaum wünschen können.

Miéville, der »Headliner« von Moloch, legt entsprechend nach: In seiner finster-phantastischen »Spiegelhaut« geht es weit erschreckender und brutaler zu. Hier haben Wesen aus der Welt hinter den Spiegeln ihr Gefängnis gesprengt und der Menschheit den Krieg erklärt – die Rache für ihre Jahrtausende währende Versklavung als »Spiegelbilder«. Im postapokalyptischen London streift Sholl umher, der vor diesen Kreaturen seltsamerweise unbehelligt bleibt, und sucht nach Verbündeten für einen verzweifelten Plan. Miéville legt auch hier seine mittlerweile wohlbekannten Qualitäten an den Tag: In dichter, bildreicher Sprache arbeitet er eine bekannte Grundidee aus, grausam konsequent und gnadenlos. Die kurze Form kommt Miéville entgegen, »Spiegelhaut« liest sich weit flüssiger als seine Romane. Das Ende werden manche als Enttäuschung empfinden. Es folgt Miévilles Methode, Klischees und Wohlbekanntes einzusetzen, um dann plötzlich und brachial die Vorzeichen umzukehren, wodurch die Erzählung – noch ein typisches Merkmal des Autors – auch zu einer intellektuellen Herausforderung wird. Die philosophischen Anklänge ändern nichts daran, dass »Spiegelhaut« der spannungsmäßige Höhepunkt des Bandes ist.

Michael Moorcocks längere Novelle »Firing the Cathedral« stellt leider den Tiefpunkt der Anthologie dar. Es handelt sich um eine Geschichte aus Moorcocks Jerry-Cornelius-Zyklus, der ohnehin schon deutlich auf dem absteigenden Ast war. In Collagetechnik schildert Moorcock eine bizarre Alternativwelt nach dem 11. September 2001, in der Amerika in Meeresfluten versunken ist und Kriege mit Kanonen geführt werden, die ganze Häuserblocks einebnen. Moorcock verschleudert hier seinen tiefschwarzen Sinn für Humor. Die Versuche politischer Provokation wirken altbacken und können den Text nicht tragen, dem ansonsten praktisch jede Handlung fehlt. Noch dazu bekommen wir es mit einem gewaltigen Figureninventar zu tun, dass höchstens bei einer sehr genauen Kenntnis von Moorcocks anderen Cornelius-Geschichten Sinn ergeben mag. Und der titelgebende Stadt-»Moloch« ist weit und breit nicht zu finden.

Letzteres gilt auch für Geoff Rymans Erzählung »S.A.S.« – womit aber auch schon alle Gemeinsamkeiten zwischen den beiden letzten Beiträgen des Bandes genannt sind. »S.A.S.« ist eine politisch aktuelle SF-Geschichte über das Altern. Aus dem Blickwinkel des achtzigjährigen Brewster erzählt Ryman oft lakonisch, aber niemals zynisch vom Leben im Altenheim der nahen Zukunft und von denen, die den ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen Platz nicht hinnehmen wollen. Rymans Sprache ist dicht an den Figuren, an ihren Rede- und Denkweisen. Die Pointe der Geschichte ist zugegebenermaßen etwas bemüht und keine große Überraschung, das Ende ein bisschen zu moralisierend – insgesamt gehört »S.A.S.« trotzdem zu den wohl besten und innovativsten SF-Erzählungen der letzten Jahre.

Insgesamt ist Moloch damit zwar keine Runde Sache – dafür klaffen die Einzelbeiträge einfach zu weit auseinander. Wer sich für dunkle Phantastik und ungewöhnliche SF begeistern kann, kriegt trotzdem ausgesprochen abwechslungsreiche und lohnenswerte Lektüre geboten.

• Jakob Schmidt • ALIEN CONTACT

Originalausgabe
Peter Crowther (Hrsg.): Cities (2002)
Deutsche Erstausgabe
Peter Crowther (Hrsg.): Moloch
Bergisch-Gladbach 2005: Bastei Lübbe [BLSF 23280] Bestellen
Titelillustration: Michael Whelan, 432 Seiten, TB.
Leser-Service
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