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| Wie Dietmar Daths frühere
Romane - Am blinden Ufer oder Skye Boat Song - ist auch Phonon
eine realsatirische Phantasmagorie, eine Melange aus Science Fiction, Horror mit
Splatterelementen, ernstzunehmender Gegenwartsliteratur und phantastischem Wortspiel. Phonon ist zum einen ein Alternativweltroman: Zur Jahrtausendwende ist Deutschland ein Kaiserreich, nachdem Churchill am Ende des Zweiten Weltkrieges unter Applaus der anderen Sieger vorschlug, wieder einen Kaiser zu inthronisieren. Trotzdem regiert die Sozialdemokratische Partei mit Kanzler Schröder, Innenminister Schily und dem grünen Außenminister Fischer. Noch immer gibt es die Sowjetunion, Falin ist dort Staatschef, aber einen »Ostblock« hat es nie gegeben. Deutschland ist immer noch nicht in der NATO, aber das soll sich nach dem Willen der Regierung ändern. Was dazu fehlt, ist ein guter Grund. Doch der zeichnet sich ab: Die Situation auf den Straßen wird bedrohlich, Menschen werden abgeschlachtet, meist Bettler. Der Ruf nach Law and Order wird laut. Und es passieren andere sehr seltsame Dinge, die niemand so recht erklären kann. Als Schuldige werden die Gippies angeführt, Mitglieder und Sympathisanten einer geheimen, revolutionären Gruppe, der GPI. Zu ihren Sympathisanten gehört auch Martin Mahr. Phonon ist zum zweiten eine Abrechnung: Im wesentlichen geht es um das Ende des Magazins Phonon, das Ende der 60er Jahre als politisch ambitioniertes Musik- und Pop-Kultur-Magazin gegründet wurde und zum bloßen Rädchen in der Musikgeschäftswelt verkommen ist. Auch der neue Chefredakteur Martin Mahr kann da nichts mehr ausrichten und verfällt ebenfalls dem Gefühl des Untergangs. Hier hat Dietmar Dath seine Erfahrungen mit dem untergehenden Musikjournal Spex aufgearbeitet, das er von 1998 bis 2000 als Chefredakteur leitete. Somit ist Phonon zum dritten eine Autobiographie. Die atemberaubend beklemmende Atmosphäre macht deutlich, wie mies es dem Autor gegangen sein muß, als alles vor die Hunde ging. Dokumentation, Fiktion und phantastische Metaphorik gehen unmerklich und kaum entwirrbar ineinander über, werden zu einem wundervollen, spannenden und rätselhaften Stück Literatur. Wo Genreautoren hunderte Seiten brauchen, um eine phantastische Situation »realistisch« zu beschreiben, deutet Dath nur an, spielt mit den Versatzstücken der Phantastik, setzt natürlich voraus, daß der Leser vieles kennt oder einfach als gegeben hinnimmt. Wenn es zum Beispiel riesige Bäume gibt, die seit dem späten Mittelalter als Hochhäuser genutzt werden. Solche und auch drastische phantastische Stilelemente werden in die ansonsten diesseitig erzählte Geschichte eingewoben. Thomas Hofmann ALIEN CONTACT |
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