Howard
Phillips Lovecraft (1890-1937) wird in Rein A. Zondergelds Lexikon der phantastischen
Literatur als der »berühmteste phantastische Erzähler Amerikas nach Poe«
bezeichnet. Derzeit sind in Deutschland Dutzende Bücher lieferbar, der Großteil
herausgegeben vom renommierten Verlag Suhrkamp, eine Lovecraft-Gesamtausgabe in edler
Aufmachung erscheint bei der Edition Phantasia. Doch Lovecrafts Erfolg stellte sich erst
nach seinem Tod ein, zu seinen Lebzeiten erschien nur ein einziges Buch und dazu in
Kleinstauflage. Zu einem großen Teil war Lovecraft selbst daran schuld. Er bekam einige
Nachfragen von Verlegern, ob er nicht einen Roman schreiben wolle, weigerte sich jedoch,
da er es verabscheute, Auftragsarbeiten abzuliefern. Er sah sich zeitlebens als
Hobbyautor, der nur das schreibt, was ihm in den Sinn kommt. Und so hat er viel Zeit mit
Amateurpublikationen und endlosen Briefwechseln vertan.Die Biografie von de Camp gibt
in neunzehn Kapiteln einen hervorragenden Überblick über das skurrile Leben des Autors.
De Camp ist bei der Recherche und dem Verfassen seines Buches nicht in Ehrfurcht vor
Lovecraft erstarrt, sondern schildert recht schonungslos seine Eigenheiten. So erfährt
der Leser vieles über seine Kindheit und die Neurosen seiner Mutter. Der kleine Howard
wuchs mehr als behütet auf, konnte bereits sehr früh lesen und begann in frühester
Jugend zu schreiben und zu publizieren. Bald darauf trat er der Amateur Press bei, einer
Vereinigung, deren Mitglieder selbstverfasste Zeitschriften austauschten. Lovecraft
stellte sich selbst immer als Gentleman dar, und es war ihm unangenehm, für seine Texte
bezahlt zu werden. Zunächst konnte er sich das leisten, da er von seinem Großvater ein
kleines Vermögen geerbt hatte, das nach dem Tod seiner Mutter seine Tanten für ihn
verwalteten. Später jedoch blieb ihm nichts weiter übrig, als ein wenig Geld als
Ghostwriter zu verdienen, denn der Verkauf seiner gelegentlich verfassten Kurzgeschichten
brachte ihm nur wenige Dollar ein.
Der Leser erfährt auch viel über den Charakter Lovecrafts. Er war introvertiert,
intolerant, rassistisch, unselbstständig und wehleidig. Und er nahm von anderen keine
Ratschläge an. Dies mag ein Grund dafür sein, dass vielen Lesern heute die frühen
Geschichten als fast unlesbar erscheinen: Sie waren pathetisch und mit schaurigen
Adjektiven überfrachtet. Lovecraft behauptete, dass dies wegen der Stimmung der
Geschichten so sein müsse. Erst in seinen letzten Schaffensjahren erkannte er seine
Fehler und verbesserte seinen Stil.
De Camp belegt die Fakten in seinem Buch durch ausführliche Zitate aus Lovecrafts
Briefen und knapp 550 Quellenangaben.
Das Buch ist im Original bereits 1975 erschienen, und inzwischen gibt es sicherlich
ausführlichere und literaturwissenschaftlich relevantere Biografien Lovecrafts, aber es
ist zweifelhaft, ob sie so unterhaltsam wie diese sind.
Hardy
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