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| Seit die NASA mit ernsthafteren Plänen für eine Marsmission an die
Öffentlichkeit getreten ist, wurde die Phantasie der Science-Fiction-Autoren neu beflügelt
und es gab eine Schwemme von Mars-Romanen: Kim Stanley Robinsons
preisgekrönte Mars-Trilogie, Romane von Ben Bova, Gregory Benford, Andreas Eschbach und vielen
anderen. Doch meist beschäftigten sich diese Bücher mit Problemen der Besiedelung des
Nachbarplaneten und mit wissenschaftlich-technischen Herausforderungen. In Marsianischer Zeitsturz jedoch ist der Mars schon seit Jahrzehnten besiedelt, der Planet hat eine atembare Atmosphäre, die Siedlungen unterscheiden sich kaum von normalen amerikanischen Kleinstädten. Niemand muss hungern, außer vielleicht ein paar marsianische Eingeborene, die »Bleichmänner« genannt und von den Siedlern weitgehend ignoriert werden. Zwar gibt es ein staatliches Schutzprogramm, nach dem jeder einem in Not geratenen Bleichmann helfen muss, aber niemand denkt daran, sie in die Gesellschaft einzugliedern, da ihre Kultur den Menschen zu fremdartig ist. Philip K. Dick beschäftigt sich in diesem Roman hauptsächlich mit der introvertierten Welt einer Handvoll Hauptfiguren, die mit sich selbst kaum zurecht kommen, meist sogar psychisch gestört sind. Jack Bohlen ist ein Mechaniker, dessen Schizophrenie zwar geheilt wurde, der jedoch gelegentlich Rückfälle erleidet. Er wird von Arnie Kott angeheuert, dem tyrannischen Führer der marsianischen Kanalarbeitergewerkschaft, der nach und nach auch den Schwarzmarkthandel mit irdischen Luxusgütern an sich reißt und versucht, immer mehr Macht und Reichtum anzuhäufen. Der wichtigste Protagonist des Romans ist jedoch der 10-jährige, autistische Junge Manfred Steiner, der im von Israelis geführten Camp Ben Gurion (Camp B-G genannt) lebt und gepflegt wird. Niemand kann mit Manfred kommunizieren, weil der Junge in seiner eigenen Welt lebt. Er erlebt regelmäßig »Zeitstürze«, sieht sich selbst in der Vergangenheit und vor allem in der Zukunft. Besonders beängstigend sind seine Visionen, in denen er sich als über Hundertjähriger sieht, als Pflegefall im Am-Web, einer zu Elendsviertel heruntergekommenen Wohnanlage, wo er vor sich hin vegetiert. Als Arnie Kott erfährt, dass autistische Kinder in die Zukunft sehen können, beauftragt er Jack Bohlen, eine Vorrichtung zu bauen, die die Kommunikation mit dem Jungen ermöglicht. Er will herausfinden, welche Grundstückskäufe ihm in der Zukunft das meiste Geld bringen werden. Doch die Visionen des Jungen lassen sich nicht ohne weiteres ausbeuten. Stattdessen beeinflusst der Junge schon bald die Realität der anderen, die gewohnte Ordnung der Dinge scheint zu zerfallen - ein wahrer Alptraum. Es gibt in diesem Roman zahlreiche für Dick typische Episoden. Doch besonders besticht das vielschichtige Werk durch die Zeichnung der Protagonisten. Patricia Warrick schrieb dazu in ihrem Buch Mind in Motion. The Fiction of Philip K. Dick: »In Marsianischer Zeitsturz sehen wir die Welt nicht nur mit den Augen der Hauptfiguren wie Jack Bohlen und Arnie Kott, sondern auch aus der Sicht fast aller Nebenfiguren. (...) Das Ergebnis ist eine Fülle und eine Tiefe der Charakterisierung, die uns mit jedem Individuum mitfühlen und mitleiden lassen. Die Ökonomie der Mittel ist beeindruckend - eine rasche Skizzierung mit sicheren Strichen, wie bei einem Zeichner, der vor unseren Augen eine Figur auf einem Skizzenblock zum Leben erweckt.« Das Buch wurde bereit 1962 geschrieben und 1964 veröffentlicht. Es ist einer der wichtigsten Romane Dicks. Dabei ist der Science-Fiction-Aspekt beinahe nebensächlich, dem Autor geht es vielmehr um die Beschaffenheit des menschlichen Geistes. Aus diesem Grund ist Marsianischer Zeitsturz nicht nur ein guter SF-Roman, sondern auch ein herausragendes Beispiel amerikanischer Literatur des 20. Jahrhunderts. |
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