ALIEN CONTACT
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Andreas Eschbach

Exponentialdrift

Originalausgabe • 2003

Science Fiction > Alien Contact
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Als die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG im September 2001 ihr Erscheinungsgebiet von der Rhein-Main-Region auf ganz Deutschland ausdehnte, wartete auf deren alte und neue Leser eine Überraschung: Ein Fortsetzungsroman, von dem erst wenige Seiten existierten und der Woche um Woche weitergeschrieben wurde. Zum Beweis hierfür sollten aktuelle Ereignisse in die Handlung eingebaut werden. Nicht einmal die Laufzeit des Romans stand fest. Sicherlich wären unzählige »reguläre« Belletristikautoren zur Arbeit an diesem Projekt bereit gewesen. Beeindruckt von seinen Büchern Quest und Das Jesus-Video hatte Herausgeber Frank Schirrmacher jedoch einen Science-Fiction-Schaffenden damit betraut: Andreas Eschbach.

Da die Leserschaft der FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG wohl kaum Science Fiction zu ihrer Lieblingslektüre zählt, wählte der Autor eine Story, deren Science-Fiction-Elemente sich erst allmählich entfalteten: Im Herbst 2001 erwacht der Computerspezialist Bernhard Abel auf einer Pflegestation aus einem jahrelangen Wachkoma. Der Patient kann sich nur an Bruchstücke seines alten Lebens erinnern und ist überzeugt, ein Fremder im Körper Bernhard Abels zu sein. Sein Fall wird in den Medien als medizinische Sensation präsentiert. Dies ruft wiederum einen geheimnisvollen Fremden auf den Plan, der sich bei Abels Neurologen nach dessen Wohlergehen erkundigt. Der Arzt erkennt in ihm einen alten Komapatienten wieder, der nach dem Erwachen behauptete, ein Außerirdischer im Körper eines Menschen zu sein. Diese Eingebung befällt kurze Zeit später auch Abel. Während sein Neurologe nach einer wissenschaftlichen Erklärung für dieses Phänomen sucht, beginnen sich nun auch etliche Personen aus Abels altem Leben für dessen plötzliche Selbsterkenntnis zu interessieren.

Die 42 Folgen dieses bis Juli 2002 erschienenen Fortsetzungsromans liegen nunmehr gesammelt vor. Ihre Lektüre am Stück macht deutlich, in welches Spannungsaufbaukorsett der Autor eines solchen Projektes gezwängt ist: Jede der Folgen muss mit einem Höhepunkt enden, der geeignet ist, den Leser auch in der nächsten Woche zum Weiterlesen zu motivieren – das ist oberstes Gebot. Der Autor hat deshalb oft nur wenig Zeit, um neue Figuren vorzustellen. Für aufwendige Charakterisierungen, atmosphärische Beschreibungen, Milieuschilderungen und ausführliche Rückblenden bleibt kein Raum. Entsprechend ist Exponentialdrift sicherlich nicht Eschbachs bester Roman. Allerdings hat er die ihm gestellte Aufgabe mit Bravour bewältigt. Von Anfang an platziert er geschickt Andeutungen und gibt dem Leser Rätsel auf, die spätestens nach einem Viertel des Romans so sehr an ihm nagen, dass es unmöglich wird, das Buch aus der Hand zu legen. Dem Autor gelingt es, eine Fülle von Figuren einzuführen, ohne die Gesamthandlung außer Acht zu lassen. Und hin und wieder verbleiben sogar ein paar Zeilen für Reflexionen. Die eingebauten Tagesereignisse stellen zwar überwiegend nur nette Einsprengsel dar, werden jedoch auch ein paar Mal genutzt, um der Handlung eine neue Wende zu verleihen. Der Schluss lässt nur die Frage offen, wie ein Patient, der im Mai 1998 ins Koma fiel und nach über vier Jahren daraus erwachte, im Herbst 2001 wieder zu Bewusstsein kommen kann. Ob hier ein Fehler des Lektorats vorliegt oder ein nicht genutzter Spannungsbogen endet, wird wohl Eschbachs Geheimnis bleiben.

Im Anschluss an die Geschichte wartet der Autor mit einem 50seitigen Werkstattbericht auf. Darin beleuchtet er nicht nur die Entstehung von Exponentialdrift, sondern gewährt auch einen tiefen Einblick in seine literarische Trickkiste. Dabei wird vor allem eins deutlich: Geschichtenerzählen ist in erster Linie Handwerk – und Andreas Eschbach beherrscht es.

• Gregor Jungheim • ALIEN CONTACT

Originalausgabe
Andreas Eschbach, Exponentialdrift
(Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2003) [14912] Bestellen
268 Seiten, TB
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