ALIEN CONTACT
Ein Buch für anständige Leute Folge 1 • ALIEN CONTACT 36

Amitav Ghosh

Das Calcutta Chromosom

The Calcutta Chromosom • 1995

Science Fiction > Alien Contact
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Vor gut einem Jahrzehnt hat Arthur C. Clarke in Großbritannien einen Preis ins Leben gerufen (die Preisgelder werden immer noch von ihm aufgebracht), der für den besten SF-Roman des Vorjahres vergeben wird.

1997 hat Amitav Ghosh den Arthur C. Clarke Award gewonnen und die tausend Pfund erhalten, die damit verbunden sind, und zwar für sein 1996 in England erschienenes Buch The Calcutta Chromosom.

Da er innerhalb der Science-Fiction-Gemeinde völlig unbekannt war, gab es ein paar gedämpfte Unmutsäußerungen, als der Gewinner bekanntgegeben wurde - einige berühmtere Autoren auf dem Höhepunkt ihres Schaffens waren übergangen worden. Die Enttäuschung war - wie sich herausstellte - in diesem Fall fehl am Platze. Das Calcutta Chromosom ist spannend, scharfsinnig, witzig und eindringlich; und diese Mischung enthält gerade genug SF, daß der Roman auch Genreansprüchen gerecht wird.

Für solche Bücher sind Preise geschaffen.

Inzwischen hat Bertelsmann das Buch auch auf den deutschsprachigen Markt gebracht. Der Arthur C. Clarke Award wird nirgends erwähnt. Das geschieht vielleicht nicht ganz grundlos.

Mit großer Wahrscheinlichkeit hegt Bertelsmann die Hoffnung, Das Calcutta Chromosom - der Autor hat zuvor einige genrefremde Titel verfaßt und schreibt für literarisch anspruchsvolle Zeitschriften wie den New Yorker - als eine Erzählung zu vermarkten, die anständige Leute kaufen können, ohne sich schämen zu müssen. Jeder Verweis auf den Arthur C. Clarke Award im Klappentext würde in diesem Zusammenhang die Katze aus dem Sack lassen, wie beleidigend das Schweigen für die eigentliche Leserschaft auch sein mag.

Wie Eco, Llosa und Marquez ... in etwa

Der Klappentext der US-Ausgabe ehrt Ghosh durch einen Vergleich mit Autoren wie Umberto Eco, Mario Vargas Llosa und Gabriel Garcia Marquez. Keiner dieser Autoren schreibt auf englisch (im Gegensatz zu Ghosh natürlich, der dies mit großer Eleganz tut); zwei der genannten Autoren sind Südamerikaner, die mit ihren Romanen den Versuch unternehmen, mit magischen Ausdrucksmitteln eine Wahre Geschichte der Nationen dieses reichen ausgebeuteten Kontinents zu erschaffen (Ghosh ist weder Magischer Realist noch das Gewissen seines Volkes, auch wenn er eine geheime Geschichte der Medizin andeutet). Einer der genannten Autoren - Eco - schreibt altertümliche Fantasy, allerdings ohne Fantasyelemente (Ghosh schreibt altertümliche SF, behält jedoch die SF-Elemente bei). Alle Genannten stammen natürlich aus dem Ausland (Ghosh dagegen lebt in New York).

Also haben wir den Kern der Sache noch nicht gefunden.

Ghoshs fein gesponnene und temporeiche Erzählung über Entfremdung, wohlverdiente Strafe und göttliche Erscheinungen erinnert mich am ehesten an Robert Irwin, einen Autor, der im deutschsprachigen Raum und den USA viel zu wenig bekannt ist, obwohl sein Ruf als ein faszinierender Erzähler von Romanen (und als ein kompetenter Kenner der Literaturen des Mittleren Ostens) in seiner Heimat Großbritannien stetig wächst.

Irwins erster Roman ist immer noch sein berühmtester, Der arabische Nachtmahr (1983), eine Geschichte, deren Titel (zumindest für mich) ein definierbares Subgenre der Phantastik repräsentiert: eine Erzählung, deren Protagonist stetig abwärts taumelt, durch alptraumhafte Pforten in ein Labyrinth aus Wirklichkeit/Unwirklichkeit, durch ineinander verschachtelte Welten, bis er letztendlich nicht mehr unterscheiden kann, ob er wacht oder schläft, ob das Gesicht im Spiegel ihm gehört oder dem Tamburinmann.

Das Calcutta-Chromosom liest sich über weite Strecken wie ein Arabischer Nachtmahr, den ein zusammengewürfeltes Häufchen von Protagonisten gemeinsam träumt, insbesondere Antar, ein Computeranalytiker in einem dezent dystopischen Amerika des 21. Jahrhunderts, dessen Verständnis der ganzen Geschichte schlußendlich alles ist, was zählt. Sein Aufgabe besteht darin, die Sortieraktivitäten eines nervigen Computers zu überwachen, der Informationen zur Begutachtung ausspuckt, die ihn - in der Erinnerung und auf dem Papier - ins Jahr 1995 zurückführen, zu den letzten Augenblicken, in denen ein exzentrischer Kollege auf der Weltkarte zu sehen war, wie er gerade durch Calcutta stolperte.

Ein heiliger Narr auf der Suche nach der Wahrheit

Der größte Teil der Handlung von Das Calcutta Chromosom folgt den letzten wahrnehmbaren Taten dieser merkwürdigen Gestalt, L. Murugan, der - keineswegs unabsichtlich - eine brillant komische Schöpfung darstellt, einen jener manisch einherstolpernden Gurus, die die Umgebung der Romane von Iris Murdoch bevölkern, wie auch das Herz eines Großteils der Weltliteratur. Er ist ein heiliger Narr. Er sucht nach dem wahren Hintergrund der Entdeckung des Zusammenhangs zwischen der Übertragung von Malaria und den Anopheles-Mücken.

Ghosh, der sich auf Medizinjournalismus spezialisiert hat, kann für seinen Einfallsreichtum bei der Darstellung der »wirklichen« und der »erfundenen« Welt gar nicht genug gelobt werden. Historische Gestalten wie Sir Ronald Ross werden in den Traumteppich verwoben, den Murugan ins Schwanken bringt, und durch den Andeutungen einer anderen Geschichte der Welt erkennbar werden.

Innerhalb dieses Geschichtsverlaufs ist der Sieg über die Malaria nebensächlich; von zentraler Bedeutung - und auch die Ursache für die Manipulation von Ross und anderen, so daß sie die Malaria langsam verstehen lernen - ist das Bedürfnis einer religiösen Sekte, das Calcutta-Chromosom zu begreifen und zu verbreiten, das durch Malariaheilmittel entsteht und in der Lage ist, Aspekte einer Persönlichkeit von einem Individuum auf andere zu übertragen.

Wie in einem Arabischen Nachtmahr (allerdings einem, der sich am Ende bewahrheitet), huschen Ausgeburten des Selbst von einem Traum zum anderen; und schlußendlich, wenn alles gut geht, werden sie zu einer Einheit.

Die Wirklichkeit flattert vorüber wie Spielkarten

Bis das schließlich deutlich wird, ist Antar bereits tief in Murugans ansteckende Erzählung hineingeraten. Andere sind seinem Beispiel gefolgt. Wirklichkeiten flattern vorüber wie Spielkarten. Am Ende kommt es zu keiner eigentlichen Auflösung, doch der Morgen naht.

Wir sind in das 21. Jahrhundert zurückgekehrt. Alle Mitwirkenden sind auf die eine oder andere Weise anwesend und warten darauf, daß der von der Erzählung betäubte Antar in einer neuen Welt erwacht. Der Alptraum seiner Suche nach der Wahrheit steuert mit den letzten Sätzen des Buches einem Ende entgegen, als er langsam alles zu verstehen beginnt, als wäre die Erzählung selbst ein Calcutta-Chromosom.

Aus dem Arabischen Nachtmahr wird eine Steinschleuder.

Das Gesicht im Spiegel ist das des Tamburinmannes.

Bertelsmann sollte stolz darauf sein, diesen Science-Fiction-Roman verlegt zu haben.

Erstveröffentlichung auf der Internetseite SF Weekly #56 • www.scifi.com
als 8. Folge der Kolumne Excessive Candour
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors
© 1999 by John Clute • Übersetzung von Hannes Riffel

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