Wer schreibt besser als M. John Harrison? Unter den vielleicht
vierhundert englischsprachigen Prosa-Autoren, die heute leben und ernsthafter wie
anhaltender kritischer Aufmerksamkeit würdig sind, sehr wenige. Vielleicht haben Updike,
Toni Morrison oder Jim Crave bessere Passagen beschreibender Prosa verfasst. Aber keiner
dieser Autoren hat die Referenzbreite, die grundlegende und doch verfremdende
Lebhaftigkeit, die Stärke in Sachen Handlung und Weltentwurf, über die Harrison
verfügt. Vielleicht schreibt DeLillo bessere Dialoge und ist genauso gut darin, die
seltsame Mischung aus Schönheit, Banalität und Bedrohlichkeit des Alltags einzufangen,
dennoch erweitert er unseren Horizont nicht so sehr wie Harrison. Vielleicht fängt der
späte Roth die zerrenden und gewalttätigen Untertöne des Gewöhnlichen besser ein.
Harrison tut Ähnliches, allerdings ohne sich dabei wie Roth auf die monomanische Sturheit
einer ästhetischen Vision zu beschränken. Licht ist das volle Programm. Dieser
Roman ist keine bequeme Lektüre, manchmal hässlich und oft erschreckend, aber er beweist
sich durchweg als goldener Roman in einer Zeit und einem Genre voll nachahmerischer und
vereinfachender Versuche silberner Belletristik.
Das Buch teilt sich in zwei Handlungsstränge. Einer ist im
zeitgenössischen London und Nordamerika angesiedelt. Michael Kearney, ein brillanter
Computertheoretiker und Serienmörder, bewegt sich nach dem Zufallsprinzip um den Globus.
Er versucht, seinem persönlichen Dämon zu entfliehen, einer unheimlichen Erscheinung,
die »der Shrander« genannt wird, eine alptraumhafte Kreatur, deren Kopf die Form eines
Pferdeschädels hat. Kearney wirft ein ungewöhnliches Paar Würfel, die in seinen Besitz
gelangt sind, und interpretiert die Symbole, die er zum Ergebnis erhält, als Anweisungen,
an diesen oder jenen Ort zu reisen. Abgesehen davon ist er wie schon erwähnt
ein brillanter Computerwissenschaftler, der gemeinsam mit einem Kollegen an einem
Quantencomputer arbeitet.
Die zweite Handlungsebene spielt in der fernen Zukunft, in den Tiefen
des Raums. In der Nähe des galaktischen Zentrums befindet sich eine erstaunliche und
mysteriöse Gruppe von Sternen, die Kefahuchi-Trakt genannt wird. Hier entspinnen sich
Handlungsfäden um zwei Figuren. Seria Mau, ein menschliches Mädchen, das in Symbiose mit
ihrem K-Schiff White Cat existiert, durchstreift den Weltraum. Und der
liebenswerte, ein wenig nichtsnutzige Chinese Ed (oder auch Ed Chianese) wird aus seiner
virtuellen Sexspiel-Realität gerissen, um in cyberpunkige Eskapaden auf einem Planeten in
der Nähe des Trakts verwickelt zu werden. Zwischen Ed und Seria Mau gibt es eine
Verbindung, von der wir zu Beginn des Romans nichts erfahren. Ihre gemeinsamen Geheimnisse
sind professionell und subtil in die Geschichte eingearbeitet. Die Verbindung zwischen dem
Kefahuchi-Trakt und Michael Kearney an der Wende zu unserem Jahrtausend ist verrückter,
aber am Ende des Romans funktioniert auch sie. Diese Mischung ergibt einen
außergewöhnlichen SF-Roman. Ich lehne mich aus dem Fenster: Wenn dieses Buch nächstes
Jahr nicht den Clarke-Award gewinnt, bin ich ein Holländer und muss meinen Namen in Adam
Van Hoogenroberts umändern.Licht erstaunt den Leser in jeder neuen Passage.
Es ist abwechselnd wunderschön, treffend und einfallsreich. Meiner Meinung nach gibt es
auch ein paar Dinge zu bemängeln, aber es ist schwer, diese Punkte anzuführen, ohne den
Eindruck zu erwecken, man wolle den Roman als Ganzen schmälern. Vielleicht erweckt es
sogar den falschen Eindruck, von »Mängeln« zu sprechen. Es ist gut möglich und sogar
wahrscheinlich, dass es sich hier um beabsichtige Teile eines Ganzen handelt. Zum Beispiel
kam mir die riesige gelbe Ente, die in Eds VR-Phantasie eindringt, um ihm zu sagen, dass
seine Zeit um ist, wie ein Faux pas vor. Und Brian Tate, Michael Kearneys
computerwissenschafticher Partner, hat mich zu keinem Zeitpunkt überzeugt. Er wirkte
skizziert und zweidimensional in einer dreidimensionalen Umgebung. Ich bin davon
ausgegangen, dass die Schattenoperatoren (holographische Projektionen vom Geist des
K-Schiffs, die verschiedene Aufgaben an Bord von Seria Maus Schiff ausführen) unheimlich,
sonderbar und feenhaft sein sollten, aber ich fand sie ziemlich gewöhnlich und sogar
störend. Aber in all diesen Fällen war es vielleicht genau das, was Harrison mich
empfinden lassen wollte, um meine Erwartungen an jeder Ecke zu unterlaufen. Licht
ist als Roman erstklassig darin, nicht das Erwartete zu tun.
Wenn es überhaupt ein größeres Problem an diesem Roman gibt, könnte
man es vereinfacht so beschreiben: Licht ist kein liebenswertes Buch. Der
achtlose Umgang mit einem Großteil der darin vorkommenden Gewalt, insbesondere die
blasierte Darstellung von Kearneys Karriere als Serienmörder, ist ausgesprochen
beunruhigend so habe ich es jedenfalls empfunden. Der Umstand, dass Kearney fast
nur Frauen tötet, scheint einen allgemeineren frauenfeindlichen Aspekt dieses Romans
hervorzuheben. Dieser kommt vor allem in Szenen zum Ausdruck, in denen direkte Gewalt
gegen Frauen ausgeübt wird. Das ist ein unangenehmes Thema, das durch die große Zahl
gewalttätiger, gefährlicher weiblicher Figuren leider noch verstärkt wird. Bei diesem
Argument handelt es sich meines Erachtens um mehr als einen moralisierenden, politisch
korrekten Einwurf gegen die Geschlechterpolitik des Buchs. Wenn einem klar gemacht wird,
dass das Leben in dieser Welt so grotesk billig ist, fällt es schwer, mehr als pro forma
mit irgendeiner der Figuren mitzufühlen. Das gilt sogar für die drei Hauptfiguren
insbesondere, wenn sie alle (sogar Ed Chianese) Frauen töten und zwei von ihnen sehr
viele Menschen umbringen.
Ich denke, was ich sagen will, ist, dass es sich bei Licht um
ein grausames Buch handelt. Dass Grausamkeit ein Bestandteil des Lebens ist und dass
Künstler und Künstlerinnen das Recht haben, sie in ihrer Kunst zu erforschen, versteht
sich von selbst. Aber der Umstand, dass Harrisons Roman so viel Grausamkeiten enthält,
macht in ziemlich hässlich. Ich meine das nicht im abwertenden Sinne. Licht ist
im gleichen Sinne hässlich wie einige von Picassos beeindruckendsten Bildern und
mit einem ähnlichen ästhetischen Effekt. Die psychisch deformierten Figuren, ihre oft
trostlose Umgebung, die beiläufige Brutalität eines Großteils der Handlung all
das trägt dazu bei. Das häufige Auftauchen des Themas Masturbation wird beispielsweise
kaum dazu beitragen, den Roman vielen »ganz normalen« Lesern nahe zu bringen (solange
das Kernfandom der SF allerdings aus heranwachsenden Jungen besteht, hat das Thema
durchaus eine besondere Relevanz für die Leserschaft). Wahrscheinlich hatten die
Herausgeber gute kommerzielle Gründe dafür, dem Titel Licht den Vorzug zu geben
gegenüber, sagen wir, Bösartige Leute und unheimliche Außerirdische beim
Wichsen.
Ich fand die Grausamkeit, die Hässlichkeit in gewissem Maße
anstrengend, sogar erschöpfend, aber in jedem Fall brillant dargestellt. Im ganzen Roman
gibt es eigentlich nur einen einzigen Ausdruck echter Zärtlichkeit und Empfindsamkeit,
nämlich wenn Ed mit der Riesin Annie Glyph, die als Rikschafahrerin arbeitet,
zusammenkommt. Abgesehen davon stellt Harrison all seine Figuren mit beinahe
vorsätzlicher Beharrlichkeit in ein zutiefst unschmeichelhaftes, stechendes Licht. Alle
kleinlichen, korrupten und abstoßenden persönlichen Angewohnheiten der Figuren werden
enthüllt. Alle Figuren, die glauben, sie würden in großmütiger, heroischer oder
bedeutender Art und Weise handeln, müssen erfahren, dass ihre Taten klein und unbedeutend
sind. Man kann sagen, das selbst in einer Form, die so humanistisch und (oftmals)
sentimental ist wie der Roman, Platz ist für antihumanistische, unsentimentale, sogar
beunruhigende und unangenehme Werke. Diese Eigenschaften produzieren allerdings
normalerweise keine besonders liebenswerte Belletristik.
Andererseits bietet Harrison seinen Lesern viele Wiedergutmachungen an,
viele Gründe, das Buch in die Hand zu nehmen und nicht wieder wegzulegen. Die Architektur
der Handlung ist erstklassig. Einzelheiten fallen mit zunehmender, aber niemals plumper
Regelmäßigkeit an ihren Platz, während man sich der fesselnden Auflösung nähert.
Passage für Passage ist durchweg wunderbar geschrieben, so präzise in der Darstellung
bestimmter geschädigter und kontrollversessener Persönlichkeitstypen, so anschaulich bei
der Heraufbeschwörung bestimmter Atmosphären und Möglichkeiten, dass man dem Autor
alles andere vergibt.
Etwas, wozu Harrison im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen die
Kunstfertigkeit und den Mut hat, ist der Einsatz von Klischees. Martin Amis Beharren
darauf, dass jeder Schriftsteller »den Krieg gegen das Klischee« zu führen haben, mag
sehr zu befürworten sein in einer Welt, in der zu viel populäre Belletristik einfach nur
alte Geschichten und Figuren neu auflegt und ihre Szenen und Redewendungen aus dem Lager
holt. Aber Schriftsteller, die ihre Romane völlig von Klischees bereinigen, produzieren
möglicherweise Texte, die wenig Bedeutung für das tatsächliche Leben ihrer Leser haben.
Wir alle bewohnen in unserem Alltagsleben in gewissem Maße die kleinen Klischees des
Lebens und Sprechens. Harrisons Arbeit ist so fluoreszierend, dass es ihm möglich ist,
einen gewissen Anteil gewöhnlicherer Diktion in ihr Gewebe einzunähen. Ein Beispiel:
Michael Kearney kehrt in das Haus in Kilburn zurück, in dem der erschreckende,
möglicherweise magische Sprake wohnt:
Drinnen hatte sich nichts geändert. Seit den siebziger Jahren nicht und hier würde
sich auch in Zukunft nichts ändern. Die Tapete an den Wänden hatte die gelbliche Farbe
von Fußsohlen. Niedrigwattlampen ließen einem zwanzig Sekunden, bevor sie die Treppe
wieder in Dunkelheit hüllten. Vor dem Klosett roch es nach Gas, nach abgestandenem
Eintopf aus den Zimmern im zweiten Stock. Dann überall Anisgeruch, der die
Nasenschleimhäute besetzte. Am oberen Ende des Treppenhauses gab es ein Oberlicht mit dem
funkelnden Orange der Londoner Nacht. (S. 260-261)
Diese Passage vermittelt eine wunderbar heruntergekommene Atmosphäre, aber sie
vollführt auch einen Prosa-Balanceakt, denn nur die besten Schriftsteller hinkriegen. Es
ist zum Beispiel hart an der Grenze zum Klischee zu schreiben, dass eine ausgehende
Glühbirne »die Treppe wieder in Dunkelheit hüllte«. Als Leser spüren wir die
Qualität des Wortes »hüllen« nicht mehr, weil es sich um eine konventionalisierte
Wendung handelt. Aber die Wände mit der gelben Tapetenfarbe wie »von Fußsohlen« sind
ein auf schaurige Weise wunderbar lebhaftes Bild. Genauso werden die Klischees von tausend
Noir-Romanen geweckt, wenn jemand in ein zwielichtiges Haus geht und den Geruch nach
verkochtem Eintopf bemerkt. Aber darauf einen allgegenwärtigen Geruch nach Anis folgen zu
lassen, bringt die Konventionen trefflich durcheinander (»die Nasenschleimhäute
besetzen« ist ebenfalls wunderbar, unangenehm, lebhaft).
Seltsamerweise funktioniert das im Space-Opera-, Kefahuchi-Trakt-Teil
des Romans besonders gut. Seria Mau Genlicher, die verschmolzen mit ihrem K-Schiff durch
die unvorstellbare Komplexität der Überlichtdimensionen rast, ist eine Klischeefigur
zahlreicher Schund-Space-Operas. Aber die unaufdringliche Betonung, die Harrison auf ihren
verdorrten, abstoßenden Körper legt, auf ihre dissoziative Psychopathologie, auf den
unentrinnbaren Anker der physischen Realität, der sich wie ein Splitter in ihren
sehnsüchtigen, sternengreifenden Verstand bohrt, ist mit erstklassiger und letztlich auch
bewegender Kunstfertigkeit eingesetzt. Wie bei John Clutes wunderbarem Sternentanz
(2001) lesen wir diese Hard-SF-Passagen immer im Wissen um die Konventionen des Genres.
Auf diesem generischen Amboss schlägt Harrisons Vorstellungskraft Funken, die uns immer
wieder aufschrecken und verblüffen. Besonders hat mir gefallen, dass Harrison, anstatt
sich für eine der üblichen SF-Konventionen bezüglich Überlichtgeschwindigkeit zu
entscheiden, ein Universum erschafft, in dem jede einzelne dieser Konventionen
funktioniert.
Jede Rasse, der man auf dem Weg durchs Zentrum begegnete, verfügte über einen
interstellaren Antrieb, der auf einer eigenen Theorie beruhte. Und alle diese Theorien
funktionierten, selbst wo ihre Grundannahmen einander ausschlossen. Man hätte meinen
können, um von Stern zu Stern zu reisen, genüge es vollauf, ein paar profunde
Grundannahmen zu formulieren. (Harrison, S. 199-200)
Dies ist ein Spezialfall des allgemeineren Zustands von Harrisons imaginärem Kosmos:
Draußen am Strand gab es alle Merkwürdigkeiten zu sehen, eine Million Jahre alte
Ideen, die man modifiziert hatte, um solche kleinen fassförmigen Schiff aufzumotzen.
Unterm Strich hieß das: Alles funktionierte. Wo man auch hinsah, man würde fündig. Das
war der schlimmste Alptraum überhaupt. Das machte es so aufregend. (Harrison, S. 18-19)
Das ist eine brillante Idee. So geht ein Schriftsteller von Harrisons Zuschnitt mit dem
potenziell erstickenden Vorrat von rund vierzig Millionen Ideen um, die im Laufe der
letzten anderthalb Jahrhunderte angesammelt wurden. Tausende von oft glänzend
schöpferischen, spekulativen Autoren haben die formalen Logiken von Tausenden möglichen
Zukunftsgeschichten erfunden, zusammengestellt und über sie nachgedacht. Einerseits
handelt es sich dabei natürlich um unser Erbe als Leser und Fans, um das wunderbare,
kolossale Verzeichnis der SF. Aber es ist in mancherlei Weise auch ein monströses,
niederdrückendes Gewicht für SF-Autoren. Wie sollen sie damit umgehen? Wenn man das
alles ignoriert, dann wird die faszinierende neue Idee, der neue Hyperantrieb, die neue
außerirdische Spezies, sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als
unbeabsichtigte Neuauflage der Idee, des Hyperantriebs, der Spezies eines anderen
SF-Autors erweisen. Aber wenn man in dieses Erbe eintaucht und versucht, die Ideen
auszusortieren, die schon durchgearbeitet sind, kann man den Rest seines Lebens damit
zubringen. Harrisons Herangehensweise an dieses Problem ist auf großartige Weise
integrativ: Schmeiß alles rein. Alles hat seinen Platz (manchmal einen kleinen,
nur indirekt angesprochenen Platz, aber auf jeden Fall einen Platz). Alles funktioniert.
Erst am Ende des Romans lässt sich erkennen, wie viele Ironien Harrison
in dem Titel verpackt hat. Seine Prosa ist im ganzen Buch ausgesprochen aufmerksam für
die poetischen und deskriptiven Möglichkeiten, die Licht in unseren alltäglichen Leben,
im London des Jahres 2002, bietet. In seiner imaginären Zukunft bezieht sich der Begriff
auf die Art und Weise, wie Licht spirituelle Fracht transportiert (Seria Mau findet
Gefallen an den »tausend Lichtern des galaktischen Zentrums«, die über den Himmel des
Kefahuchi-Trakts strömen, wie wir erfahren »Sie mochte das Halo«). Darauf, wie
das Licht ein notwendiges Gegenstück zur Dunkelheit ist (und das Buch ist, wörtlich wie
metaphorisch, voller Dunkelheit). Aber wenn man das Buch schließt, erkennt man noch eine
grundlegendere Ironie. M. John Harrisons Roman, immer herausfordernd, oft hässlich, im
Allgemeinen brillant, selten bequem, ist ein ernsthaftes Werk. Licht, könnte man
sagen, ist nicht etwa gewichtslos, sondern ein verdammt schweres Buch.
Dt. Erstveröffentlichung
© 2002 by Adam Roberts
Erstveröffentlichung im November 2002 im Internetmagazin INFINITY PLUS
www.infinityplus.co.uk/nonfiction/lightrev.htm
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Aus dem Englischen von Jakob Schmidt
© der Übersetzung 2005 by Shayol.net & Jakob Schmidt
Jeff
VanderMeer über Licht
|
 |