![]() |
| ALIEN CONTACT 64 |
von Jeff VanderMeer
| Science Fiction >
Alien Contact Buch-Tips |
|
| Manche Bücher bringen einen dazu, dass man tausend Meilen rennen
oder sich kopfüber von einem hohen Gebäude stürzen will, nur um den Kitzel des Falls zu
spüren. Manche Bücher sind wie Drogen, Adrenalinstöße, Feuerwerk. M. John Harrisons Licht
gehört nicht nur zu den besten SF-Romanen des Jahres es ist fraglos die beste
Leseerfahrung des Jahres. Harrison hat sich aller Banalität, aller toten Punkte,
jeglichen Füllwerks entledigt und einen Roman geschrieben, der einen bewegt, ohne deshalb
auf Tiefe zu verzichten. Seit Stephan Chapmans The Troika und Iain M. Banks
Der Gebrauch der Waffen ist es keinem Roman gelungen, so mühelos das Feld der SF
zu revitalisieren und zu energetisieren. Licht besteht aus zwei sorgfältig
ausbalancierten Handlungssträngen. Einer spielt 1999 und dreht sich um Michael Kearney,
einen Physiker mit in Ermangelung eines passenderen Begriffs sehr dunklen
Geheimnissen. Der andere ist im Jahre 2400 angesiedelt, nachdem die Menschheit sich,
teilweise dank Kearneys Entdeckungen, im Universum ausgebreitet hat. Die Kearney-Handlung
hat alle typischen Merkmale einer Harrison-Geschichte: die quälende Charakterisierung,
die leicht beklommene Waffenruhe mit dem Gebrechen, das »Leben« genannt wird, das
Bewusstsein für die Künstlichkeit der modernen Welt. Diese Eigenschaften waren Harrison
in den vergangenen Jahren zu guten Diensten, insbesondere in den Romanen The Course of
the Heart und Signs of Life. Solche Arbeiten funktionierten als brutal
deprimierende Akte der Ehrlichkeit bis hin zu dem Punkt, an dem sie vielleicht
sogar zu hoffnungslos waren. Der Reiz von Harrisons früheren Viriconium-Geschichten
bestand darin, dass sie diese emotionale Krassheit mit der nach außen hin fröhlicheren
Exotik der Fantasy mischten. Jetzt hat Harrison seine scharfsinnige, rücksichtslose
Charakterisierung mit der Form der SF kombiniert, um etwas zu schaffen, das sich vor
Energie sträubt, das brodelt, ein ebenso verspieltes wie überragend ernstes Werk.
... während seine Beschreibung der Schattenoperatoren, die auf bestimmten Raumschiffen aushelfen, die Poesie einer wahrhaft inspirierten Phantasie offenbart:
Im ganzen Roman erzwingt Harrison nicht eine einzige Exposition. Alles, was erklärt
werden muss, wird erklärt, aber nur dort, wo die Erklärung am besten passt. Er lässt
einem genug Geheimnisse, um mit seinen Schöpfungen zu verzaubern und zu faszinieren, und
liefert genug Erklärungen, um einen am Ende der Geschichte zu befriedigen.
Die Auswirkungen dieser Vision verwandeln Kearney in etwas zwischen Ungeheuer und bemitleidenswertem armen Teufel eine Grauzone, die dem Roman zusätzliche Ebenen hinzufügt. Jeder Leser und jede Leserin wird für sich entscheiden, wie Kearneys Handlungen zu bewerten sind, aber Harrison ermöglicht es, diese Handlungen auf einer sehr tiefen Ebene zu verstehen. All diese Momente des Buchs führen zu einem Ende, das, obwohl es einen Hauch von Deus ex Machina hat, wahrhaft befriedigend ist. Harrison ist nicht der erste Autor, der sich um solche Momente bemüht aber nie zuvor wurden sie so gut oder in solch einer Kombination ausgeführt. Stellen Sie sich den besten denkbaren adrenalingeladenen SF-Roman vor, gekreuzt mit einem atemberaubenden Mainstream-Roman, um sich ein Bild von der Gesamtwirkung zu machen. Harrisons Manipulation der Realitätsebenen verdient ebenfalls Erwähnung sie machen das Buch zu einer regelrecht bewusstseinsverändernden Erfahrung. Licht beweist verschiedene Dinge. Zuerst einmal, dass die New Wave trotz gegenteiliger Propaganda kein Fehlschlag war. Harrison, einer der Gründer dieser Bewegung, ist heute so bedeutsam wie irgendein anderer lebender Autor. Dieses Buch zeigt, genau wie die neuere Belletristik von Michael Moorcock und J. G. Ballard, dass der »Schock des Neuen«, den die New Wave ausgelöst hat, noch längst nicht zur Ruhe gekommen ist. Zum zweiten zeigt der Roman, dass Harrison ein zäher, schlauer und talentierter Hurensohn ist, der keine Scheuklappen getragen hat, während er im Laufe des letzten Jahrzehnts seine introspektiveren Arbeiten geschrieben hat und zwar in einem Alter, in dem die meisten anderen Schriftsteller bildlich gesprochen zu Staub geworden sind, dazu verflucht, sich zu wiederholen, bis sie wortwörtlich zu Staub werden. Licht ist ein Buch, das sowohl Iain M. Banks als auch Vladimir Nabokov vor Neid erblassen ließe, ein Buch, das Hard-SF-Konzepte wie Poesie verwendet und in seinem Angriff auf alle Nebensächlichkeiten gnadenlos ist. Mir fällt unter den SF-Romanen der jüngeren Vergangenheit keiner ein, der den stereotypen »Sense of Wonder« sowohl auf die Schippe nimmt als auch gleichzeitig einen »Sense of Wonder« erzeugt. Die Freuden dieses Buches sind vielgestaltig und unzählig. Ich kann Licht nicht wärmstens genug empfehlen. Dt. Erstveröffentlichung |
![]() |
|
Anzeige |
| ALIEN CONTACT 64 |