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Würde Don DeLillo Science Fiction schreiben ... [2]

Überlegungen zu M. John Harrisons Roman Licht (Light • 2002)

von Jeff VanderMeer

Adam Roberts über Licht

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Manche Bücher bringen einen dazu, dass man tausend Meilen rennen oder sich kopfüber von einem hohen Gebäude stürzen will, nur um den Kitzel des Falls zu spüren. Manche Bücher sind wie Drogen, Adrenalinstöße, Feuerwerk. M. John Harrisons Licht gehört nicht nur zu den besten SF-Romanen des Jahres – es ist fraglos die beste Leseerfahrung des Jahres. Harrison hat sich aller Banalität, aller toten Punkte, jeglichen Füllwerks entledigt und einen Roman geschrieben, der einen bewegt, ohne deshalb auf Tiefe zu verzichten. Seit Stephan Chapmans The Troika und Iain M. Banks’ Der Gebrauch der Waffen ist es keinem Roman gelungen, so mühelos das Feld der SF zu revitalisieren und zu energetisieren.

Licht besteht aus zwei sorgfältig ausbalancierten Handlungssträngen. Einer spielt 1999 und dreht sich um Michael Kearney, einen Physiker mit – in Ermangelung eines passenderen Begriffs – sehr dunklen Geheimnissen. Der andere ist im Jahre 2400 angesiedelt, nachdem die Menschheit sich, teilweise dank Kearneys Entdeckungen, im Universum ausgebreitet hat. Die Kearney-Handlung hat alle typischen Merkmale einer Harrison-Geschichte: die quälende Charakterisierung, die leicht beklommene Waffenruhe mit dem Gebrechen, das »Leben« genannt wird, das Bewusstsein für die Künstlichkeit der modernen Welt. Diese Eigenschaften waren Harrison in den vergangenen Jahren zu guten Diensten, insbesondere in den Romanen The Course of the Heart und Signs of Life. Solche Arbeiten funktionierten als brutal deprimierende Akte der Ehrlichkeit – bis hin zu dem Punkt, an dem sie vielleicht sogar zu hoffnungslos waren. Der Reiz von Harrisons früheren Viriconium-Geschichten bestand darin, dass sie diese emotionale Krassheit mit der nach außen hin fröhlicheren Exotik der Fantasy mischten. Jetzt hat Harrison seine scharfsinnige, rücksichtslose Charakterisierung mit der Form der SF kombiniert, um etwas zu schaffen, das sich vor Energie sträubt, das brodelt, ein ebenso verspieltes wie überragend ernstes Werk.
   In den Kapiteln, die in der fernen Zukunft spielen und sich um den geheimnisvollen Kefahuchi-Trakt im den Tiefen des Weltraums drehen, gelingt Harrison zugleich eine Satire auf die Großtuerei der Space Opera und eine Ausdehnung, Erweiterung und Modulierung ihrer Wirkungskraft. Figuren wie Billy Anker, Seria Mau Genlicher und Ed Chianese werden genauso geschickt charakterisiert wie die im zeitgenössischen Handlungsstrang. Und Harrisons Schilderungen von Weltraummanövern machen denen Banks’ Konkurrenz:

Die Hülle begann leise zu klingen. Draußen in der faden grauen Leere explodierte ein gewaltiges Fanal. In den Bemühen, ihre Hardware-Peripherie zu schützen, setzte die White Cat ihre massive Feuerkraft für anderthalb Nanosekunden außer Betrieb. Bis dahin hatten die Geschütze bereits im langwelligeren Bereich gefeuert. Röntgenstrahlen ließen die Temperatur des lokalen Raums kurzzeitig auf 25 000º Kelvin steigen, während die übrigen Partikel ausnahmslos alle Sensoren blendeten und temporäre Teilräume aus der waffenfähigen Singularität zu fraktalen Dimensionen verdampften. Wie Engelschöre sangen Druckwellen durch das Dynaflow-Medium, so ähnlich mussten sich die ersten Gesänge im zähen Substrat des frühen Universums fortgepflanzt haben, noch ehe Proton und Elektron ihre innige Verbindung eingegangen waren. Im Schutz dieses Augenblicks – nicht so sehr der Anmut als des schieren Irrsinns und der Metaphysik in des Wortes Buchstäblicher Bedeutung – schaltete Seria Maú## die Treiber ab und ließ ihr Schiff in den Normalraum fallen. Zehn Lichtjahre abseits von Irgendwo kehrte die White Cat flackernd zur Existenz zurück. Sie war allein. (S. 143-144)

... während seine Beschreibung der Schattenoperatoren, die auf bestimmten Raumschiffen aushelfen, die Poesie einer wahrhaft inspirierten Phantasie offenbart:

Wer oder was waren sie eigentlich? Sie waren Algorithmen mit Eigenleben. Man traf sie in Raumschiffen an, im Herzen der Städte, überall, wo Leute waren. Sie taten die Arbeit. Hatte es sie immer schon gegeben in der Galaxis? Warteten sie bloß darauf, dass Menschen irgendwo Fuß fassten? Waren sie Aliens, die sich in den leeren Raum geladen hatten? Uralte Computerprogramme, von ihrer Hardware enteignet, die umherstreiften, halb verloren, halb brauchbar, Ausschau haltend nach jemandem, dem sie zur Hand gehen konnten? In nur ein paar Jahrhunderten hatten sie in das Innenleben der Dinge gefunden. Ohne sie ging gar nichts mehr. Sie konnten sogar auf lebendem Gewebe laufen, als Schattenboys, böse und schön und getrieben von lauter unergründlichen Motiven. Sie konnten, wenn sie wollten, so hörte sie Seria Maú zuweilen wispern – sogar auf Röhren laufen. (S. 76-77)

Im ganzen Roman erzwingt Harrison nicht eine einzige Exposition. Alles, was erklärt werden muss, wird erklärt, aber nur dort, wo die Erklärung am besten passt. Er lässt einem genug Geheimnisse, um mit seinen Schöpfungen zu verzaubern und zu faszinieren, und liefert genug Erklärungen, um einen am Ende der Geschichte zu befriedigen.
   Michael Kearney gibt Harrison indes die Gelegenheit, eine ebenso gequälte wie amoralische Figur zu erschaffen – einen Mann, der beinahe durch Zufall die Entdeckung des Überlichtantriebs möglich macht. Kearneys einsame Kindheit hat seinen Verstand verdreht. Er ist unfähig, in der Gesellschaft zu funktionieren. Noch schwerwiegender ist, dass er, sobald er auch nur einen mentalen Schubser erhält, in eine Art Wahnsinn verfällt. Kearney wird von einer Vision verfolgt:

»Versuch dir«, hatte er einmal zu Anna gesagt, »so etwas wie einen Pferdeschädel vorzustellen. Wohlgemerkt, nicht den Kopf«, hatte er doziert, »nur den Schädel.« Der Schädel eines Pferdes sieht überhaupt nicht wie sein Kopf aus, vielmehr wie eine gewaltige, gebogene Schere, oder wie ein mächtiger knöcherner Schnabel, dessen Hälften sich nur an der Spitze treffen. »Stell dir«, hatte er erklärt, »ein boshaftes, intelligentes, nichtsnutziges Ding vor, das anscheinend nicht sprechen kann. Ein paar Streifen Fleisch baumeln und flattern an ihm herum. Selbst der Anblick seines Schattens ist unerträglich.« (S. 127)

Die Auswirkungen dieser Vision verwandeln Kearney in etwas zwischen Ungeheuer und bemitleidenswertem armen Teufel – eine Grauzone, die dem Roman zusätzliche Ebenen hinzufügt. Jeder Leser und jede Leserin wird für sich entscheiden, wie Kearneys Handlungen zu bewerten sind, aber Harrison ermöglicht es, diese Handlungen auf einer sehr tiefen Ebene zu verstehen. All diese Momente des Buchs führen zu einem Ende, das, obwohl es einen Hauch von Deus ex Machina hat, wahrhaft befriedigend ist. Harrison ist nicht der erste Autor, der sich um solche Momente bemüht – aber nie zuvor wurden sie so gut oder in solch einer Kombination ausgeführt. Stellen Sie sich den besten denkbaren adrenalingeladenen SF-Roman vor, gekreuzt mit einem atemberaubenden Mainstream-Roman, um sich ein Bild von der Gesamtwirkung zu machen. Harrisons Manipulation der Realitätsebenen verdient ebenfalls Erwähnung – sie machen das Buch zu einer regelrecht bewusstseinsverändernden Erfahrung.

Licht beweist verschiedene Dinge. Zuerst einmal, dass die New Wave trotz gegenteiliger Propaganda kein Fehlschlag war. Harrison, einer der Gründer dieser Bewegung, ist heute so bedeutsam wie irgendein anderer lebender Autor. Dieses Buch zeigt, genau wie die neuere Belletristik von Michael Moorcock und J. G. Ballard, dass der »Schock des Neuen«, den die New Wave ausgelöst hat, noch längst nicht zur Ruhe gekommen ist. Zum zweiten zeigt der Roman, dass Harrison ein zäher, schlauer und talentierter Hurensohn ist, der keine Scheuklappen getragen hat, während er im Laufe des letzten Jahrzehnts seine introspektiveren Arbeiten geschrieben hat – und zwar in einem Alter, in dem die meisten anderen Schriftsteller bildlich gesprochen zu Staub geworden sind, dazu verflucht, sich zu wiederholen, bis sie wortwörtlich zu Staub werden. Licht ist ein Buch, das sowohl Iain M. Banks als auch Vladimir Nabokov vor Neid erblassen ließe, ein Buch, das Hard-SF-Konzepte wie Poesie verwendet und in seinem Angriff auf alle Nebensächlichkeiten gnadenlos ist. Mir fällt unter den SF-Romanen der jüngeren Vergangenheit keiner ein, der den stereotypen »Sense of Wonder« sowohl auf die Schippe nimmt als auch gleichzeitig einen »Sense of Wonder« erzeugt. Die Freuden dieses Buches sind vielgestaltig und unzählig. Ich kann Licht nicht wärmstens genug empfehlen.

Dt. Erstveröffentlichung
© 2002 by Jeff VanderMeer
Erstveröffentlichung 2002 im Internetmagazin SF SITE
www.sfsite.com/10b/li138.htm
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Aus dem Amerikanischen von Jakob Schmidt
© der Übersetzung 2005 by Shayol.net & Jakob Schmidt

Adam Roberts über Licht

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