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| Der Bereich der Nah-Phantastik
war lange Zeit ein Markenzeichen deutscher Science- Fiction-Literatur, bot er doch
den Autoren die Möglichkeit, Kritik und Prognosen in einer immer noch vorstellbaren, wenn
auch verfremdeten Welt unterzubringen. In seinem dritten SF-Roman knüpft Bernhard Kegel
an diese Tradition an. Sexy Sons spielt im Norddeutschland einer greifbaren
Zukunft, die viele der heutigen Leser selbst noch erleben werden. Viel hat sich gar nicht
geändert, aber Branchen wie die Reproduktionsmedizin und Gentechnologie haben große
Fortschritte gemacht und längst die engen Grenzen christlich-abendländischer Moraltabus
durchbrochen. Es ist kein Problem mehr, sich selbst klonen zu lassen, und Paaren, die auf
natürlichem Wege nicht zu einem Kind kommen, steht eine gutsortierte Samenbank offen.
Natürlich nur, sofern sie über das nötige Kleingeld verfügen. Geld regiert die Welt,
auch diese Tatsache besteht weiter. E. D. Senft ist ein erfolgreicher, um nicht zu sagen, ein vom Erfolg verwöhnter Unternehmer, der freilich in letzter Zeit rätselhafte Sabotageakte in seinen petrolchemischen Anlagen verzeichnen muß. Die Aufklärung dieses Kriminalfalles stellt den losen Faden dar, der die drei Handlungsstränge des Romans zusammenhält und schließlich miteinander verknüpft. Während die Kommissarin Martin sich mühsam durch das Labyrinth möglicher Motive und Täter, die für die Anschläge in Frage kommen, wühlt, wird die Geschäftsmisere für den Konzernchef selbst unversehens zu einer persönlichen Geschichte. Nicht nur, daß sein »mißratener« Sohn Didi immer mehr in den Fokus der Ermittlungen gerät -- alles um ihn scheint zusammenzubrechen, ja sein Lebenswerk gefährdet. Der neue Exportschlager der Senft AG, Globacter, eine künstlich erzeugte Bakterie, die sich von Erdölrückständen ernährt, gerät nach einem großen Feldversuch außer Kontrolle. Globacter vernichtet zwar erfolgreich bei Tankerunglücken ausgelaufenes Öl, gibt diese Fähigkeit aber durch Informationsaustausch an andere Mikroorganismen weiter. Mit der Folge, daß die Ölreserven unter den Weltmeeren nicht zu retten sind. Man kennt ein ähnliches Szenario schon von Rainer Erlers Roman Zucker, eine süße Katastrophe. Wo Erler eher burlesk agiert und eine muntere Tragikomödie daraus macht, bleibt Bernhard Kegel sachlich, bis hin zu einem neuen Boom alternativer Energien. Die Frage, ob Globacter und seine Artgenossen weitere Mutationen durchmachen und über andere für die Menschheit lebenswichtige Ressourcen herfallen, bleibt offen. Gänzlich abgekoppelt von dieser wissenschaftlich-technischen Schiene entwickelt Bernhard Kegel ein anderes brisantes Szenario. Dr. van Steeb, Direktor eines Instituts für Fortpflanzungsmedizin, findet in alten Unterlagen Hinweise auf illegale Klon-Experimente Ende des 20. Jahrhunderts. Der Arzt, ein nüchterner Realist, weiß, daß der Tag nicht fern ist, da man perfekte »sexy sons and daughters« schaffen kann. Aber allzuoft zerbrechen diese Wunderkinder an der unvollkommenen Realität. Sie werden von ihren Eltern und Pädagogen durch ein Korsett falscher (obwohl sicher gut gemeinter) Erziehung und verlogener Moralvorstellungen deformiert. Und sie sollen, ohne Rücksicht auf ihre eigene Persönlichkeit, zu Kopien ihrer Erzeuger geformt werden, die sie äußerlich bereits sind. Didi Senft ist so ein trauriges Wesen. Unter der harten Hand seines kaltherzigen egoistischen Vaters ist er zu einem seelischen Wrack verkümmert, das ungebremst auf seinen persönlichen Abgrund zutaumelt. Dies ist die dritte und vielleicht eindrücklichste Handlungsebene des Romans, und der Autor lotet die Psychen seiner Charaktere bis in die Tiefe aus. Mit Didi schafft er eine Figur, in der er auch eigene Erfahrungen verarbeitet. Kegel, selbst Hobbymusiker, zieht mit dem erfolglosen und gestrandeten Jazz-Saxophonisten Didi Senft durch die Musikkneipen Hamburgs und lädt den Leser ein, ihm dorthin zu folgen. Sexy Sons stellt ein vielschichtiges und sehr psychologisches Werk dar, dessen Emotionalität erst im Unterbewußtsein des Lesers entsteht, wenn er die nüchterne, fast lakonische Schilderung einer denkbaren, wenn auch nicht unbedingt wünschenswerten Zukunft verarbeitet hat. Die Charaktere sind spröde und doch starke, so entschlossene wie empfindsame Persönlichkeiten. Schockeffekte liegen Bernhard Kegel nicht, stattdessen viele Graustufen und Halbtöne. Dafür überrascht er immer wieder mit neuen Wendungen und trockenen Pointen, wo man sie am wenigsten erwartet.Unter den deutschen Science-Fiction-Neuerscheinungen des Jahres 2001 ist Sexy Sons eine der herausragenden und empfehlenswertesten. Siegfried Breuer ALIEN CONTACT
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