ALIEN CONTACT
Der pure Lesegenuss Folge 9 • ALIEN CONTACT 50

Stephen King & Peter Straub

Das Schwarze Haus

Black House • 2001

Science Fiction > Alien Contact
> Gefählich Ehrlich | Buch-Tips
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Vielleicht ist es Zufall, dass die Erstausgabe von Das Schwarze Haus (Black House, 2001) von Stephen King und Peter Straub und die Erstausgabe von Bleakhaus von Charles Dickens die gleiche Anzahl von Seiten haben. Vielleicht ist es ein Zufall, aber es ist sicherlich kein Irrtum. Ein großes Haus, das für die ganze Welt steht, macht das Herz beider Bücher aus. King und Straub beziehen sich in ihrem Roman ständig auf Bleakhaus. Das Schwarze Haus ist mit lauter Stimme erzählt, in altehrwürdiger Gegenwartsform, die eindeutig Dickens' Erzählstrategie in Bleakhaus entlehnt ist - einer Strategie, die den Leser (unter anderem) auf die Fäden und Fugen aufmerksam machen soll, die einzelne Ereignisse und Orte mit dem Zustand der ganzen Welt vernetzen. Beide Bücher sind von einer grimmigen Fröhlichkeit durchdrungen, in beiden wird viel Stoff abgearbeitet, auch wenn Das Schwarze Haus - sofern ein Lektor freie Hand gehabt hätte - um Einiges kürzer hätte ausfallen können (siehe unten); darüber hinaus sind beide Bücher proppenvoll mit Geschichtenerzählern.

(Vorab sollten wir uns mit einem Unthema auseinandersetzen: Welcher dieser beiden großen, langatmigen Autoren hat welchen Teil von Das Schwarze Haus geschrieben? Von oberflächlichen Markenzeichen einmal abgesehen - den für Straub typischen Jazz-Anspielungen, die King wie Rosinen in den Kuchen hätte einfügen können; und die »Ekel erregendes Gewürm kotzt aus Körperöffnungen«-Makros à la King, die sich Straub genauso gut hätte ausdenken können -, ist es ausgesprochen schwer, herauszufinden, wer was geschrieben hat, und außerdem nicht besonders interessant. Das auktoriale »wir« des Buches entspricht der ersten Person Plural, nicht dem königlichen »wir«, mit dem ich diesen Absatz angefangen habe. Die gemeinsamen Stimmen von Stephen King und Peter Straub, die zusammen als wir sprechen, tun dies nahtlos. Es ist eine Freude, ihnen zuzuhören.)

Das Schwarze Haus ist eine Fortsetzung von Der Talisman (1984) derselben Autoren. Die Geschichte ist weniger bedeutend als die des Vorläufers - eine Art Anekdote, die in einem Winkel des großen Krieges erzählt wird, dem King in seiner Serie um den Schwarzen Turm nachspürt. Der Talisman ließ sich nicht so sehr von Dickens, sondern eher von Mark Twains Die Abenteuer des Huckleberry Finn leiten. Der zwölfjährige Jack Sawyer - dessen Mutter, eine frühere Leinwandkönigin, an Krebs stirbt - muss eine Parallelwelt betreten und nach Westen wandern. Diese »Region« wird von einer sterbenden Königin regiert, einem Zwilling von Jacks Mutter, und er soll dort einen Talisman finden, um damit beide Welten zu heilen, indem er ihre Königinnen heilt. Es ist eine großartige, episodische, epische, kolossale Geschichte.

In Der Talisman begibt sich Herr (»Childe1 «) Jack - der in dieser Welt ein klassischer Jack ist und in der Region angemessener Weise Jason heißt - auf eine Queste nach Westen und gewinnt. Dass King und Straub nie zehn Wörter verwenden, wo auch fünfzig passen, und die Kapitel des anderen noch zwei- oder drei al wiederholen, tut fast nichts zur Sache - auch wenn man sich beim Lesen manchmal so vorkommt, als müsste man über eine ganze Reihe von Güterwagen klettern, um bis zur Lokomotive zu gelangen, zieht uns die Geschichte trotzdem wie ein Magnet vorwärts. Das Schwarze Haus ist anders.

Ein Musterbeispiel der Kunst des Erzählens

Wir befinden uns in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts, und wir sind eindeutig nicht mehr in Kansas. Der Talisman wird von einer Fantasy-Queste angetrieben, in Das Schwarze Haus ist es Horror. Aus der Queste wird ein Haken, der sich von hinten in unser Fleisch schlägt. Egal, wie schnell wir laufen, wir befinden uns nie auf einer Queste, sondern immer auf einem Fluchtversuch. Jack Sawyer ist inzwischen ungefähr zwanzig Jahre älter geworden. Er hat den Talisman vollständig vergessen, denn es ist gefährlich, sich an Eden zu erinnern, und nach einer erfolgreichen Karriere als Polizist hat er sich kürzlich zur Ruhe gesetzt und lebt zurückgezogen - der Leichnam eines Schwarzen in Kalifornien hat ihn an die Region erinnert. Diese Erinnerung ist gleichzeitig eine Botschaft, die sich als Hilferuf aus der Region erweist. Jacks Versuch, sie zu ignorieren, macht alles nur noch schlimmer.

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Das Schwarze Haus spielt in der Gegend, in die sich Jack zurückgezogen hat: ein kleines Städtchen in Wisconsin namens French Landing, am Ufer des Oberlaufs des Mississippi. Dort zieht oft ein Nebel auf, der direkt aus Bleakhaus stammen könnte. Was hier, in dieser Welt, geschieht, mag entsetzlich genug sein, aber es ist nur ein Schatten dessen, was anderswo geschieht. Hier in French Landing hat ein Serienmörder Kinder entführt und ihre Gesäßhälften gegessen, bevor er sie getötet hat. Er schreibt sadistische Briefe an die Mütter der Kinder und spuckt hier und dort Körperteile aus. Das Flehen des Polizeichefs, eines alten Freundes, und die zunehmende Anzahl von Löchern in seiner Amnesie hinsichtlich der Region, zwingen Jack aus dem Ruhestand. Das Buch scheint sich jeden Augenblick in einen Detektiv-Thriller zu verwandeln.

Doch der Serienmörder wird schnell identifiziert - wenn auch nur von den Autoren, die (wie Dickens früher) ihre Leser oft direkt ansprechen und sie daran erinnern, dass sie einer Geschichte lauschen, und die im Voraus verraten, was geschehen wird - und bald ist klar, dass der Mörder die Marionette einer viel entsetzlicheren Gestalt im Hintergrund ist. Diese Gestalt ist wiederum ein Satrap einer viel, viel, viel entsetzlicheren Gestalt, die in einem Dunklen Turm eingekerkert ist, und deren letztes Ziel es ist, das Gleichgewicht aller Welten zu erschüttern, was ihr erlauben wird, allen Reichtum und alles Grüne in Asche und Scheiße zu verwandeln; das soll uns hier jedoch nicht weiter aufhalten, das ist Stephen Kings Reich, wohin wir vielleicht später reisen werden, in anderen Romanen um den Pistolenhelden. An dieser Stelle ist nur der örtliche Konflikt von Interesse.

Das Schwarze Haus des Titels ist ein Gebäude, das innen größer als außen ist, voller Spiegel und Korridore und Treppen, die nach unten führen, durch Portale hindurch in andere Welten hinein. Tief im Schwarzen Haus, tief im faulenden Kern der Welt, hält der Serienmörder ein ganz besonderes Opfer in Ketten gefangen, ein Opfer, um dessen Schicksal sich diese Welten drehen, die unsere eingeschlossen. Jack spürt es auf und möchte esretten, aber nicht allein, denn er ist kein »Herr« mehr, obwohl er sich die durchscheinende, leuchtende Schönheit des Guten Herrn bewahrt hat. Seine Gefährten - der Polizeichef und zwei Mitglieder einer Motorradbande, die Schopenhauer lesen und eine wirklich großartige Kleinbrauerei gegründet haben - begleiten ihn bis ganz in den Hades des verdorbenen Kerns hinunter. Sie helfen ihm, die Person zu retten, die gerettet werden muss. Sie helfen, den Satrapen zu vernichten, ein Gestalt wandelndes Ungeheuer, dessen Kopf weit größer als sein Körper ist, der oft nur über ein Auge verfügt und dem Ähnlichkeiten sowohl mit Humpty Dumpty2 wie auch mit William F. Buckley Jr.3 zugeschrieben werden. Seine Marionette, der Serienmörder, ist bereits getötet worden, und zwar ausgesprochen wirkungsvoll. Das Aufgebot kehrt nach Wisconsin zurück.

Alles geht gut aus. Sogar einige Windungen des Schwanzes der Geschichte, die sich deutlich abgezeichnet hatten, dienen nur dazu, Jack auf weitere Abenteuer vorzubereiten, in einem anderen Buch, das vielleicht so gelungen sein wird wie dieses - hoffen wir es. Denn uns wird vielleicht etwas spät bewusst, dass die Sieben-Meilen-Stiefel-Stimme von Das Schwarze Haus uns nur dank seiner erzählerischen Kunstfertigkeit mitgerissen hat, dass die Wirkung des Buches im Wesentlichen nur auf seiner Fingerfertigkeit und Üppigkeit basiert. Die Handlung hätte auf einem Groschen erzählt werden können. Die Geschichte liegt im Erzählen. Jedes Wort packt. Ich weiß nicht, wann ich an einem Roman zuletzt so viel Gefallen gefunden habe. Von der ersten Seite an versprechen Stephen King und Peter Straub, uns mit Geschichten zu begeistern. Ich nehme sie beim Wort.

Erstveröffentlichung im Internetmagazin SCIENCE FICTION WEEKLY #233
www.scifi.com/sfw/issue233/excess.html
© 2002 by John Clute mit freundlicher Genehmigung des Autors • Übersetzung © 2002 by Hannes Riffel

1 zu diesem Begriff und seiner Verwendung bei Stephen King ist es von Interesse, sich die Gedichtvorlage seines Der dunkle Turm-Zyklus' anzusehen: http://www.elronds-haus.de/tower.htm
2 eine Figur aus Alice im Wunderland von Lewis Carroll
3 ein US-amerikanischer Promi
Originalausgabe
Stephen King & Peter Straub, Black House
(New York: Random House, 2001)
Lieferbare engl. Ausgabe:
Stephen King & Peter Straub, Black House
(New York: Ballantine Books, 2002) 0-345-45121-X Bestellen
Dt. Erstausgabe
Stephen King & Peter Straub, Das Schwarze Haus
(München: Heyne, 2002) 3-453-86498-0 Bestellen
Übersetzung von Wulf Bergner, 832 Seiten, HC
Taschenbuch
Stephen King & Peter Straub, Das Schwarze Haus
(München: Heyne, 2004) [01/13909] Bestellen
Übersetzung von Wulf Bergner
Literaturhinweis
Charles Dickens, Bleakhaus
(Zürich: Diogenes, 2000) 3-257-21166-X Bestellen
Übersetzung von Gustav Meyrink, 847 Seiten, TB
[»Die meiner Ansicht nach mit Abstand beste deutsche Dickens-Übersetzung ist die von Gustav Meyrink. Sie ist fast vollkommen ...« Arno Schmidt]
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