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| Auf den ersten Blick scheint es sich bei dieser Anthologie um ein sehr
interessantes Projekt zu handeln. Der Herausgeber Markus K. Korb sagte auf dem
Buchmesse-Con im Interview: »Alle Geschichten haben einen direkten Bezug zur
Metaphernwelt oder zum stilistischen Inhalt von Edgar Allan Poes Geschichten.« Und neben
dem bereits auf dem Titel angekündigten Thomas Ligotti - vom dem tatsächlich nur eine
relativ unbedeutende Miniatur in Buch enthalten ist - sind einige Autoren vertreten, die
dem Leser deutschsprachiger Phantastik nicht unbekannt sein dürften: Malte S. Sembten,
Michael Siefener, Myra Çakan, Andreas Gruber, Christian von
Aster, Eddie Angerhuber, Boris Koch,
Thomas Wagner und 13 weitere. Jedoch standen alle Autoren vor einem schwerwiegenden
Problem, das leider nur die wenigsten gemeistert haben. Wie stellt man mit einer heute
geschriebenen Erzählung einen für den Leser erkennbaren Bezug zum Altmeister Poe her? Der Herausgeber hat aus diesem Grund jeder Geschichte einen Einleitungstext vorangestellt, in dem er erläutert, in welchem Zusammenhang mit Poe die Geschichten seiner Meinung nach stehen. Und er hält auch nicht mit weiteren Hinweisen hinterm Berg, wenn er zum Beispiel behauptet, dass einem die Geschichte »Eine englische Nachtmusik« von Christian von Aster »das Blut in den Adern gefrieren lässt«. Die Erzählung ist hervorragend geschrieben, doch wird es nur wenige Leser geben, denen bei der Pointe das Blut in den Adern gefriert; andere werden wohl eher die Stirn runzeln, da das Ende bereits vorhersehbar ist. In der Kriminalgeschichte »Blick in die Nacht« von Charlotte Engmann entdeckt der Herausgeber Poe-Reminiszenzen. Diese waren für den Rezensenten nicht erkennbar, wohl aber welche an einen anderen großen Phantasten. Die Geschichte spielt in Derry im US-Bundesstaat Maine, und eine der Hauptfiguren heißt gar Marsten. Gab es da nicht das Marsten-Haus, um das sich ein ganzer Roman von Stephen King drehte? Leider ist Charlotte Engmanns Geschichte weder so unheimlich wie Kings Buch noch so logisch wie Poes Krimis. Andreas Gruber hat sich in »Mesmeristische Experimente« zumindest ans Thema gehalten. In seinem Beitrag taucht neben H. G. Wells und Bram Stoker sogar Poe höchstpersönlich auf, und zwar dem Genre angemessen als lebendiger Leichnam. Eine sehr unterhaltsame Geschichte, wobei man nicht über den Realismusgehalt der geschilderten Experimente nachdenken sollte. Sven Klöpping darf mit »Gothic Lovers« einen »backflash for all the over-futured« zum Besten geben, der mit Poe nun gar nichts zu tun hat, sondern in einem deutsch-englischen Kauderwelsch originell sein will, aber leider nur nervt. Malte S. Sembten gibt sich gar nicht erst Mühe, seine Geschichte »Morbus Azatoth« auch nur ansatzweise an Poe anzulehnen, stattdessen hat sie direkte Bezüge zu H. P. Lovecrafts »Die Musik des Erich Zann«. Zur Tarnung hat er seinem Text ein Poe-Zitat aus »Der Untergang des Hauses Usher« vorangestellt. Trotzdem ist Sembtens Erzählung zweifellos der erzählerische und originelle Höhepunkt der ansonsten leider mehr als durchschnittlichen Anthologie. Auf die anderen Erzählungen einzugehen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Nur soviel: Es gibt mindestens ein Dutzend Texte im Buch, die man nach der Lektüre gleich wieder vergessen kann und auch wird. Wirklich originelle Ideen finden sich nicht einmal in einem Drittel der dreiundzwanzig Erzählungen. Die Aufgabe des Herausgebers wäre es gewesen, seine Autoren zur Ordnung zu rufen und nur diejenigen Storys auszuwählen, die in einer Poe-Hommage tatsächlich etwas zu suchen haben. Stattdessen hat man den Eindruck, als hätte er einfach alles aufgenommen, was ihm zugeschickt wurde und ohne nachzudenken - und teilweise hat man das Gefühl, auch ohne zu lektorieren - in das Buch gestopft. Damit hat er weder den Autoren noch den Lesern einen guten Dienst erwiesen. Martin Höllmann |
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