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| Im Rahmen der »Ozeanischen Bibliothek« erschien neben Winfried
Bruckners Tötet ihn
mit Hellmuth Langes Blumen wachsen im Himmel eine zweite klassische Antiutopie
eines deutschsprachigen Autors. Jahre vorher bereits im Rahmen der Heyne-Reihe Science
Fiction Classics einer neuen Generation von Lesern zugänglich gemacht, ist die
Ullstein-Ausgabe nicht nur wegen Theodor Bayer-Eyncks eindringlichem Titelbildentwurf,
sondern auch wegen der intelligenten Nachbetrachtung von Herbert W. Franke die
empfehlenswertere Ausgabe. Hellmuth Lange wurde 1903 in Thorn geboren. Er wuchs auf und studierte in Berlin-Pankow, schloss 1926 die Handelsschule als Diplomkaufmann ab und arbeitete von 1926 bis 1933 freiberuflich als Fachschriftsteller. In dieser Zeit begann er mit dem Aufbau seines zeitgenössischen Archivs, das die Grundlage für seine satirischen Romane bildete. Bis 1940 gab er die Fotozeitschrift Satrap heraus, wurde dann zum Kriegsdienst eingezogen und diente im Luftschutz-Warndienst. Nach dem Krieg betrieb er von 1948 bis 1975 einen Verlag für Schmalfilmliteratur. Nebenbei arbeitete er als Schriftsteller. 1947 erschien sein Jugendroman Die Stadt unterm Meeresgrund, der sich großer Beliebtheit erfreute. Durch die Papierknappheit wurde die Geschichte aber nicht nachgedruckt. Ermutigt schrieb Lange dann Blumen wachsen im Himmel. Das Buch erschien 1948 im Berliner Minerva Verlag. Seine beiden weiteren Romane Gras auf der flachen Hand und Qirlichter sind nie veröffentlicht worden, und da beide utopischen Inhalt haben, stellt sich die Frage, ob nicht ein Kleinverlag sich der beiden Bücher annehmen könnte. In den folgenden Jahr konzentrierte sich Lange mehr und mehr auf Fachbücher für Schmalfilmtechnik. Die Hauptfigur in Blumen wachsen im Himmel ist Ivo, der letzte Überlebende einer von Menschen herbeigeführten Katastrophe. Zwischen dessen Eintragungen in ein Tagebuch setzt Hellmuth Lange rückblendenartig die tatsächlichen Ereignisse. Die Handlung spielt auf einem fernen Planeten, dessen Sonne langsam erkaltet. Die Pflanzen sind eingegangen, und nur wenige Menschen können in der Eiswüste überleben. Von den Tieren existieren nur noch zwei Spezies unbekannter Herkunft. Die Menschen müssen spezielle Wärmeanzüge tragen, die den ganzen Körper bedecken, nur die Augen bleiben frei. Ein Vulkan, der als Gott angebetet wird, spendet ein bisschen Wärme, eine letzte Fackel der zeitlich begrenzten Hoffnung dieser Welt. Ein Kind hat den Titel Blumen wachsen im Himmel an eine Höhlenwand geschrieben, eine verschwommene Erinnerung an andere (bessere?) Zeiten. Schließlich kommen die Wissenschaftler auf den Gedanken, die Bestandteile der Welt in einer Art primitiver Nutzung der Atomenergie zur Wärmeerzeugung heranzuziehen. Anfänglich stößt das Projekt auf Skepsis, es besteht die berechtigte Furcht, den Atombrand nicht unter Kontrolle halten zu können. Angesichts der fehlenden Alternative wird ein Experiment durchgeführt. Die Umgebung um die Stadt wird warm, die Menschen können ihre Schutzkleidung ablegen. Doch die Furcht vor dem Tod wird durch das Misstrauen und die Abscheu gegenüber den Mitmenschen ersetzt. Nackte Haut wird als hässlich betrachtet, ein Lächeln falsch gedeutet. Menschen, die sich nahe standen, entfremden sich und töten sich gegenseitig. Die Gesellschaft löst sich im Augenblick der scheinbaren Rettung auf. Der Atombrand gerät außer Kontrolle, da niemand mehr zur »Feuerstelle« schauen kann. Schließlich bleiben nur der Erzähler Ivo und ein schwer verletzter Bekannter übrig. Dieser stirbt an seinen Verletzungen, und Ivo befindet sich auf einer permanenten Flucht vor dem Atombrand, der sich als unheilvolles Fanal über die Oberfläche des Planeten frisst, bis er die letzten Spuren der Menschheit verschlungen hat. Hellmuth Lange schrieb diesen Roman unter dem Eindruck der Atombombenwürfe der Amerikaner am Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1947. Im Gegensatz zum späteren Buch der russischen Brüder Arkadi und Boris Strugazki Der ferne Regenbogen gibt es hier keine Alternative zum Experiment. Bei den Strugazkis gerät ein Versuch mit einer atomaren Substanz außer Kontrolle, und die Menschen versuchen, den Planeten zu evakuieren. Es stehen nicht ausreichend Raumschiffe zur Verfügung, manche der Wissenschaftler kommen nicht mehr zu den Abflughäfen, und die nicht näher definierte Feuerwalze verschlingt den Übermut der Menschen. In Blumen wachsen im Himmel aber steht der Tod als Ausgangspunkt fest. Die Sonne ist fast erloschen, und mit ihr kommt nur der Tod in Form einer ewigen Nacht. Nur der Überlebenswille der wenigen verbliebenen Bewohner des Planeten hält die Hoffnung aufrecht. Raumfahrt scheint es nicht zu geben. Der Leser erfährt auch nicht, ob es sich um eine abgeschnittene Kolonie handelt, vergessen vom übrigen Universum, oder ein gezieltes Besiedelungsprojekt einer kleinen autarken Gruppe. Das spielt auch keine Rolle mehr. Die Wissenschaftler offerieren den Menschen eine kleine risikoreiche Alternative. Die Chancen stehen schlecht, aber der andere Weg führt direkt in den Tod. So kritisiert Lange nicht die Nutzung der Atomenergie oder den ständigen Fortschrittsglauben der Wissenschaftler, das schwache Element ist der Mensch selbst. Im Augenblick der scheinbaren Rettung brechen die Dämme. Die mühevoll zusammengehaltene Gesellschaft bricht zusammen. Der Mensch wird wieder zum ersten Feind seiner eigenen Spezies. Eindringlich und voller Abscheu schildert Lange diese Passagen. Sie stehen im starken Kontrast zu den Tagebucheintragungen des verzweifelten Ivo. Aber darf man den Wissenschaftlern einen Vorwurf machen? Sie haben mit ihrer Entwicklung das Ende der Menschheit beschleunigt, aber nicht herbeigeführt. Trotzdem zeichnet Lange die Wissenschaftler als unsympathische Egoisten, die sich von der Regierung entlohnen lassen und ohne Rücksicht ihren Opfertrieb befriedigen. Wie kraftvoller wäre die angestrebte Kritik, wenn Lange nicht einen zum Untergang geweihten Planeten als Hintergrund ausgewählt hätte, sondern eine zufriedene Gesellschaft, die nach immer höheren Idealen strebt. Die Ironie der Geschichten haben die Strugazkis in ihrem sehr empfehlenswerten und schon angesprochenen Roman auf die Spitze getrieben und den blinden Fortschrittsglauben der Menschheit als großen und tödlichen Irrtum entlarvt. Für sie ist der Spruch »Der Mensch ist nicht zufrieden, solange er strebt« mit einer anderen Bedeutung belegt. Bei Lange gibt es keine Überlebenden, es gibt keine Spur von Hoffnung. Denn Ivo ist sich im Klaren, dass weder er noch sein Tagebuch überleben werden. Es bleibt nicht einmal die Asche. Hellmuth Langes Roman ist wissenschaftlich nicht korrekt, und die Entwicklung eines Atomfeuers aus den primitiven zur Verfügung stehenden Mitteln kann aus wissenschaftlicher Sicht belächelt werden. Im Grunde geht es in dem Roman jedoch um die schonungslose Betrachtung einer abendländischen Kultur, eindringlich erzählt und überraschend zeitlos. Thomas Harbach ALIEN CONTACT |
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