| Das Wien des Jahres 2058 stellt sich als geschlossene Welt dar, deren
Bewohner, gemäß ihrem Besitz und ihrer gesellschaftlichen Stellung, sämtlich einer
bestimmten Hierarchie zugeordnet sind, der man nur schwer entrinnen kann. Am schlimmsten
erwischt es die Underdogs, die tagtäglich in den »Vereinigten Wohnparks« einen Kampf
auf Tod und Leben gegeneinander ausfechten, um auch nur das Lebensnotwendigste zu
bekommen. Davon ist in den Palästen der Reichen natürlich nichts zu merken, ihr
Wohlstand basiert auf dem Elend der anderen. Die Reichen fechten ihre Fehden mit Hilfe von
»Shadowrunnern« aus, Gruppen freischaffender Hacker und Cyperpunks, die
Industriespionage im Netz betreiben und den Cyperspace der grauen Wirklichkeit der
Slumgefängnisse vorziehen. Es ist die Welt des alten Hellsehers Gottfried Donner und
seiner Freundin Escher, des Orks Pepi (der über die seltene Gabe verfügt, Magie faktisch
zu neutralisieren), die Welt der Spionin Zizibee, der Feuerblume Raya und der
Söldnertruppe des Cyborgs Superfritz. Über der Stadt braut sich indes Finsteres
zusammen, ein dubioses Konsortium greift nach der Macht und scheut dazu keine Mittel. Das
titelgebende »Wiener Blei«, eine geheimnisumwitterte Substanz, spielt eine wichtige
Rolle, die einen haben es, die anderen wollen es unbedingt in ihren Besitz bringen. Auf
getrennten Wegen streben unsere Helden dem Hochschwab-Massiv in der Steiermark entgegen,
wo eine der Quellen der Wiener Wasserversorgung entspringt. Eine Parodie auf heutigen
Wahnwitz reiht sich an die andere, kaum etwas bleibt vom schwarzen Humor des Autors
verschont, seien es nun die »Hochschwabrebellen« des Subcommandante Mirror mit ihren
sinnentleerten revolutionären Ritualen, MET-Friedenstruppen, die keiner
Kriegserklärung bedürfen, oder eine scheinheilige Priesterkaste, die im »Gelobten
Land« Mariazell ein katholisches Talibanregime errichtet. Die entscheidende Schlacht am
Hochschwab gerät zu einem abschließenden und furiosen Feuerwerk der Phantasie und zum
genauen Gegenteil heroischer Stahlgewitter. Das Ende hingegen bleibt offen, vielleicht war
es nicht das letzte Abenteuer des Antimagiers Pepi, denn dem Gesetz der Serie kann sich
auch ein Leo Lukas nicht entziehen.
Am Anfang steht immer der Zweifel: Lohnt es sich wirklich, den x-ten Band einer
Endlos-Serie zu lesen, oder entsorgt man ihn am besten gleich in der Gut-Gemeint-Kiste?
Diesmal hat die Mühe gelohnt. Wiener Blei, der 41. Band des Shadowrun-Zyklus,
ist kein beliebiges Lesefutter, sondern spannend, gut erzählt und voller genialer
Einfälle. Der Autor zeichnet darin das zukünftige Bild der Stadt Wien, wie es manche
Entwicklung der Gegenwart befürchten läßt - vermischt mit bunten Fantasy-Gestalten, die Skurrilität und Magie
einbringen und dennoch nicht fehl am Platz wirken. Moderne Technik und Medizin sind für
den Normalbürger ohnehin bereits heute eine Form der Magie, undurchschaubar und in einer
Art Geheimcode verschlüsselt, dessen Sinn sich nur den Wissenschaftlern erschließt. Der
Abschied aus der Gutenberg-Galaxis bedeutet für die Informationsgesellschaft viele kleine
dritte Welten neben den Bezirken der Privilegierten und Eingeweihten. So auch im
futuristischen Wien, das seinen nostalgischen Charme - von Leo Lukas mit hintergründigem
Wortwitz in die Handlung eingebracht - mit einer magisch-technischen Cyperpunk-Dystopie
mischt.
Fred Siebert ALIEN CONTACT
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