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| Man muss sich eingestehen, dass die meisten deutschen Fantasyautoren dicke
Bücher mit sehr schmalem Inhalt schreiben, angenehme Unterhaltung, wenn man nicht zu
anspruchsvoll ist Fast Food für den Lesehunger. Und der passionierte Feinschmecker
freut sich über jedes neue Angebot und hofft auf etwas geschmackliche Abwechslung. Das
Romandebüt Lycidas von Christoph Marzi macht Appetit, es ist schön angerichtet,
will sagen, der Klappentext verspricht interessante Ideen, und die ersten Sätze zeugen
von einem außergewöhnlich hohen Sprachniveau. Man greift also zu seinem Lesebesteck
der Brille und verschlingt gierig Seite um Seite. Die Kost ist weitgehend bekömmlich: In London wächst Emily Laing im Waisenhaus des borniert-brutalen Mr. Dombey auf. Just an jenem Tag, als ihr eine sprechende und darüber hinaus auch adlige Ratte begegnet, wird ein anderes Waisenkind von einem Werwolf entführt. Da macht sich Emily auf die Suche nach der Entführten, wobei ihr ein seltsamer Alchimist der Ich-Erzähler des Romans , ein Elf und ihre beste Freundin helfen. Die Suche führt sie in eine geheimnisvolle und monströse Stadt unter dem eigentlichen London. Man ist nicht überrascht zu erfahren, dass es in der ganzen Geschichte um das Geheimnis von Emilys Herkunft und freilich auch um das Schicksal von ganz London geht. Es folgt ein gutbürgerliches Abenteuer-Süppchen auf das nächste. So wie die Protagonisten in der Kneipe eines Miéville einkehren und den Laden eines Herrn Dickens besuchen, so bedient sich auch der Autor selbst sehr offensichtlich bei diesen Herren; und zwar mit Ideen, Motiven, Sprachstil und Namen das Waisenhaus, in dem Emily aufwächst, heißt »Dombey and Son«. In dem 850-Seiten-Roman ist Charles Dickens als Vorbild und Inspirationsquelle die Hauptzutat. Doch finden neben ihm auch noch andere Gewürze Verwendung, wie der bereits genannte China Miéville, John Milton, Dante, Samuel Pepys, Shakespeare, Meyrink, die Bibel, The Clash und und und. Und hier beißt man bereits auf das erste, was einem den Genuss versäuert: Zu häufig sind die Zitate und Anspielungen, die den Text sehr unübersichtlich machen, ohne dass sie für die Motivation der Handlung notwendig wären. Die angestrebte »Intertextualität« findet dabei nicht statt, da der ursprüngliche Gehalt der zitierten Texte für den Roman oft entweder keine Rolle spielt oder aber sehr deplaziert ist. Dafür jeweils ein Beispiel: Der Scharlachrote Ritter bewacht eine Brücke, die die Protagonisten überqueren müssen. Wer die Gedichtanfänge, die er rezitiert, nicht fortsetzen kann, wird erschlagen und darf nicht über die Brücke. Das knappe Dutzend in Originalsprache! zitierter englischer Gedichte ist für die Situation, ja für das ganze Buch ziemlich irrelevant. Andererseits wirkt die erzkatholische Figur des Mr. Dombey, der seine Schutzbefohlenen exzessiv mit dem Rohrstock verprügelt, im London des 21. Jahrhunderts ziemlich daneben. Sie wäre lieber im Romanwerk von Charles Dickens verblieben. Bei der enormen Menge an eigenen und entlehnten Ideen, mit denen Marzi seine »Uralte Metropole« bevölkert, fragt man sich, warum der Roman ausgerechnet in London spielt, denn Luzifer, Dantes Hölle, Anubis, Mephisto, Lilith, die Seraphim, Werwölfe, Golems und viele andere hätte man auch in Königswusterhausen versammeln können. Als Londoner Slang muss bei Marzi sowieso schon das Berlinerische herhalten. Die Überfülle an Ideen und Wunderlichkeiten, der Anspielungen und Zitate wirkt leider ein wenig zu gewollt, zu unorganisch in die nicht weiter aufregende Handlung hineingezwängt. Die Kunst der Dosierung ist eben auch bei phantastischen Gerichten eine nicht hoch genug zu schätzende. Der Punkt aber, wo der Brei vollends anbrennt und nur noch in der äußersten Not des Hungers genießbar ist, das ist Marzis Umgang mit der Erzählperspektive. Denn generell wird der Roman von dem Alchimisten Wittgenstein als Ich-Erzählung vermittelt. Über weite Strecken erfährt man aber so viel über Emilys Innenleben, bekommt akribische Beschreibungen ihrer Abenteuer geliefert, dass ein anonymer, allwissender Erzähler schlüssiger gewesen wäre. Wenn mit einem Ich-Erzähler operiert wird, dann muss das gute Gründe haben und konsequent durchgezogen werden, sonst wird der Leser nur verwirrt oder angeödet. Wittgenstein pflegt bei seinem Bericht auch andauernd Einschübe mit Erklärungen, Flashbacks und Vorwegnahmen zu machen. Gegen eine so komplexe und vielschichtige Erzählweise ist an und für sich nichts zu sagen, doch sollte sie mit ebenso komplexen und vielschichtigen Inhalten korrespondieren. Darum und das ist das größte Manko des Romans sollte ein phantastischer Abenteuerroman nicht mit den Mitteln eines anspruchsvollen Gesellschaftsromans im Stile Dickens erzählt werden. Das verwirrt nur, nimmt die Spannung und macht den Text nicht intelligenter. Oder anders gesagt: Gute Zutaten zu kaufen reicht nicht, man muss auch kochen können. Und da dem geneigten Leser wohl kaum entgangen ist, wie sehr es in dieser Rezension ums Essen geht, sei sie mit der Empfehlung geschlossen, mit den 14 Euro, die das Buch kostet, lieber einmal Essen zu gehen, statt sich bei der Lektüre von Lycidas mit getarntem Fast Food den Magen zu verderben. Simon Weinert |
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