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Ana María Matute

Der vergessene König Gudú

Olvidado Rey Gudú • 1996

Science Fiction > Alien Contact
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»Writing is a form of protest, without compromise. The only true ideology of a writer is humanity itself.« In ihrem umfangreichen Fantasy-Roman Der vergessene König Gudú, dessen erste Hälfte bei Piper erschienen ist und dessen zweiter Teil unter dem Titel Das Erbe des Koenigs Gudú im Herbst 2003 publiziert wird, beschäftigt sich die große alte Dame der spanischen Literatur weniger mit den phantastischen Elementen, sondern liefert eine großartige Metapher über einen Mann in seiner Zeit. Realität und Fantasie, die Vergangenheit (die einen Menschen prägt) und die Zukunft (die er selbst nach seinem Gutdünken gestalten möchte) fließen in einem breit angelegten Roman zusammen, dessen Grundelemente aber die alltäglichen Zweifel, Sorgen und Hoffnungen sind, die die menschliche Natur seit Jahrtausenden prägen.

Ana María Matute wurde 1926 in Barcelona geboren. Viele ihrer Bücher handeln von den Erfahrungen Heranwachsender im spanischen Bürgerkrieg. Wie auch in Der vergessene König Gudú sind die Hauptfiguren ihrer Geschichten Kinder, Jugendliche und aus der Gesellschaft ausgeschlossene Menschen (sei es durch ihr Wesen oder durch Behinderungen oder Krankheiten). Ihre ersten Arbeiten waren Los Abel (1948) und Celebration in the Northwest (1952). Ihre persönlichen Erinnerungen an den spanischen Bürgerkrieg hat sie in drei semiautobiographischen Romanen verarbeitet: School of the Sun, The Trap und Fireflies (1963-1973 und 1993). In der 300-jährigen Geschichte der Real Academia Espanola ist sie erst das dritte weibliche Mitglied.

Der vergessene König Gudú ist nicht nur die Geschichte eines Herrschers, es ist die Geschichte des Königreiches Olar und seiner Markgrafen, die Historie einer kleinen Insel im großen Meer der Zeit, stolz und unbesiegt, von den gnadenlosen Wellen erodiert und schließlich in Vergessenheit geraten. Matuta beginnt ihre Geschichte mit dem Markgraf Olar, der mit Eisen und Blut die Grenzen des Reiches immer weiter verschiebt, bis es im Norden an die Fjorde des Eismeers, im Süden an die wundersame Insel Leonia, im Westen aber an das geheimnisvolle Reich des Vergessens und im Osten an die unerforschte Steppe mit den unbezwingbaren Reitern reicht. Jedes Königreich, das sich ausdehnt, hat in seinem Herzen den Hass und die Rachsucht der Besiegten zu ertragen. Von Generation zu Generation verändern sich die menschlichen Gesichter, aber ihr gieriges Streben bleibt gleich. Im Mittelpunkt des ersten Abschnitts steht die kleine Arid, deren Vater und Brüder von Volodioso, dem Eroberer und Enkel des Markgrafen Olar, ermordet worden sind. Als siebenjähriges junges Mädchen schwört sie Rache, und mit Hilfe eines Magiers und eines Koboldes schafft sie es durch eine List, dass Volodioso sie heiratet. Der Kobold wird nur von wenigen gesehen und das auch nur, wenn er wieder dem Wein zu sehr zugesprochen hat, und der Magier nistet sich in einem der Burgverliese ein, um dort in aller Abgeschiedenheit seine Forschungen zu vollziehen. Als hilfreich erweist sich ihr ungewöhnlicher Scharfsinn. Zu jung fürs Bett lebt sie jahrelang in einem abgeschiedenen Turm auf der gewaltigen Festung des Königs, bis er eines Tages, nachdem er seine junge Frau schon fast vergessen hat und plötzlich von ihrer Schönheit geblendet ist, einen Sohn mit ihr zeugt. »... und ohne viel Aufhebens und Gestöhne brachte die Königin einen gesunden Jungen zur Welt, kräftig und mit schwarzen Strubbelhaaren, wie sie, den Zofen zufolge, in solcher Menge bei Neugeborenen keineswegs üblich waren. Für noch mehr Bewunderung sorgten bei den dreien jedoch die schwarzblauen Augen des Kindes, in die - wenngleich noch getrübt von dem Erstaunen der frisch Geborenen beim ersten Blick in die Welt, in der es sie verschlagen hat- schon bald ein einzigartiger Glanz getreten war, der die Königin zum erstenmal seit ihrer Gefangenschaft zum Lächeln brachte« (Seite 216). Gudú wächst im Turm heran. Über Jahre kümmert sich sein Vater nicht um den Jungen, doch »Gudú hatte einen großen Kopf und eine breite, hohe Stirn, die unter dem Gewirr seiner schwarzen Locken jedoch völlig verschwand. Seine forschenden Augen schienen alles, was sie ansahen, zu durchbohren, und in seiner Miene lag eine Wildheit, die für ein so kleines Kind gänzlich unpassend war. Er hatte große Hände, wenn auch noch voller Grübchen, und was sie ergriffen, ließen sie nicht zu Boden fallen, wie andere Kinder dieses Alters es taten, sondern hielten es so fest, dass niemand imstande war, es ihm zu entreißen. Wenn er sich von seiner Beute trennte, dann nur, um sie mit erstaunlicher Genauigkeit auf einen Kopf zu schleudern, den seine Willkür sich als Ziel erkor. Damit bewies er eine ausgeprägte Treffsicherheit einerseits und wenig ausgeprägtes Mitgefühl für seine Mitmenschen andererseits.« (Seite 234). Nur sein Halbbruder Nobel scheint den jungen Außenseiter zu mögen und Gudú folgt ihm wie ein Schatten auf Schritt und Tritt. Jahre später wird König Volodioso als alter Mann bei der Wildschweinjagd tödlich verwundet, und der alten Tradition folgend soll derjenige seiner Söhne sein Nachfolger werden, auf dessen Haupt seine rechte Hand fällt. Scheinbar durch einen Zufall taucht zwischen den beiden Brüdern Gudú auf, und in seiner Schwäche krönt Volodioso ausgerechnet ihn zu seinem Nachfolger. Die Rache Ardids ist perfekt, denn sie möchte ihren Sohn (und damit das Geschick des Königreiches) steuern. Um ihren Plan zu verwirklichen, darf er sich nicht in eine andere Frau verlieben: »Es gibt tatsächlich eine Möglichkeit, König Gudú die Liebesfähigkeit zu entziehen. Wohlgemerkt, das ist ein endgültiger Vorgang ... In dem uns vorliegenden Fall besteht diese Kleinigkeit darin, dass demjenigen, dem die Fähigkeit zu lieben entfernt wird, damit zugleich die Fähigkeit zu weinen abhanden kommt. ... Falls nämlich aus einem unvorhersehbaren Grund ... die behandelte Person irgendwann einmal eine Träne vergießt, dann wird diese Person und alles, worauf sie je einen Fuß gesetzt hat, und alle, die mit ihr zusammen existiert haben, für immer im Vergessen der Zeit und vom Antlitz der Erde verschwinden.« (Seite 268/269). Gudú soll aber den Frauen beiliegen und später auch einen Sohn zeugen, er kann sich nur nicht mehr verlieben. Um nicht die Kontrolle über die Liebschaften zu verlieren, überzeugen der Magier und der Kobold die Wassernixe Udine, sich an Gudú heranzumachen und ihn immer wieder in unterschiedlichen Gestalten zu betören und ihm somit vorzugaukeln, dass er jedes Mal eine andere Frau verehrt.

Unter der strengen Erziehung des Magiers wächst König Gudú heran. Er zeigt erstaunliche Intelligenz in allen Bereichen, die ihn interessieren, und unterdurchschnittliches Interesse bei den für ihn unwichtigen Dingen des Lebens. An seiner Seite bleibt sein Ratgeber Prinz Nobel.

»Wie sich dem Blinden der Tastsinn schärft und dem Taubstummen der Blick, so hatte die Unfähigkeit zu jeder Art von Gefühl bei Gudú andere Wesenszüge schärfer hervortreten lassen. Zu diesen gehörte die Wissbegier ebenso wie die Lust, neue Gegenden und neue Menschen kennenzulernen; jedoch auch eine Eigenschaft, an die Ardid nicht gedacht hatte und die viel gefährlicher war: die Vorstellungskraft.« (Seite 300).

Doch besonders sein Ratgeber Tuso, der auch schon seinem Vater gedient hat, schmiedet im Geheimen seine eigenen Pläne, und die Feinde des Reiches sammeln sich, um dem jungen König den Todesstoß zu geben. Doch zuerst plant der junge König zu heiraten und dann sein Königreich zu alter Größe und Pracht zu führen.

Die phantastischen Elemente des Romans sind in einen realistischen Rahmen eingewoben. Der Leser stellt sich über weite Strecken ein fremdartiges Land vor, um dann in einer Szene darauf hingewiesen zu werden, dass Gudú - aus politischem Kalkül - einen Boten nach Rom zum Papst geschickt hat, um die Bischofswürde für einen seiner geistlichen Berater zu erbitten. Auf einen Schlag sind die Figuren in einem historischen Roman angekommen. Kobolde, Magier, Wassernixen bevölkern diese Welt, aber den Dramen Shakespeares gleich unterstützen sie nur die menschlichen Dramen, leiten - wenn es ihnen genehm ist - die Geschicke der armen Seelen, geben sich selbst mit ihren Schwächen sterblich (der Kobold ist Alkoholiker, die Wassernixe sinnt rücksichtslos nach hübschen Knaben). Außerhalb dieser Elemente kann sich Ana María Matute frei bewegen, denn schon früh (durch den deutschen Titel unterstrichen) wissen die Leser, dass das Reich Gudús am Ende der Geschichte von der Weltbühne verschwinden wird. Die eigentliche Handlung, die historische Entwicklung interessiert die Autorin nur sekundär. Der Plot ist so angelegt, dass der Höhepunkt schon früh klar ersichtlich ist. Wie ein Historiker interessiert sie das Warum und nicht das Was.

Ihre Welt ist aber auch grausam. Folter, Mord, Verbannung stehen auf der Tagesordnung. Es ist ein gewalttätiges Reich, in dem seit Jahrhunderten das Recht der Stärkeren regiert. Die Schlachtszenen sind trocken, fast sachlich geschildert. Kurz und knapp präsentiert sie Gudús überlegenen Intellekt. Sie weidet sich aber nicht an diesen Szenen, sondern bezieht sie als elementares Handlungslied in die Ereignisse ein.

Ana María Matute beschäftigt sich ausgiebig mit dem Grundthema »Gut und Böse« (Gudú ist kein kindlicher Herrscher, sondern ein kluger Planer, ein verschlagener Herrscher, der scheinbar noch unter dem Einfluss seiner Mutter steht, besessen vom Willen, ein großes Königreich zu schaffen). Im Laufe der Handlung wechselt die Hauptfigur mehrere Male von einem Lager in das andere. Diese Vielschichtigkeit des Protagonisten fesselt den Betrachter an die umfangreiche, vielschichtige Handlung. Es gibt keine moralische Autorität mehr, die Entscheidungen der Menschen sind »frei«, aber sie müssen für diese Aktionen auch die Konsequenzen tragen. Erstaunlich und überraschend ist, dass in den Roman Elemente der Artus-Sage einfließen. Gudú entspricht dem sagenhaften König, Prinz Nobel dem edlen Ritter Lancelot (treu ergeben seinem Herren und Meister), und Naivia ist die Frau zwischen den beiden Freunden. Im Gegensatz zur englischen Geschichte ist Naivia kein Wesen aus Fleisch und Blut, sondern ihre naive Unschuld ist innerer Bestandteil, und mit dem Übergang zur Frau »stirbt« sie und wird erwachsen wiedergeboren. Spätestens aber mit ihrer Wandlung (ausgelöst durch die bittere Enttäuschung Gudús, der es nicht verwinden kann, dass sie einen anderen Mann liebt) sammeln sich die dunklen Wolken über dem Königreich. Gudú versteift sich mehr und mehr auf seine Raub- und Kriegszüge und greift die sagenhaften Steppen an. Vergleichbar dem Russlandfeldzug Napoleons sät er hier seinen eigenen Untergang.

Gudús Persönlichkeit ist in der einfühlsamen Geschichte dreidimensional entwickelt. Aber auf der großen Bühne wirken alle Figuren Matutes plastisch (mit allen Stärken und Schwächen, Wünschen und Träumen, Hoffnungen und Enttäuschungen). Dazu kommt neben dem intelligenten Plot ihr eigentümlicher, auch in der deutschen Übersetzung erhaltener Stil. Einfach, aber kraftvoll zieht sie den Leser in ihre Welt. Ihre Gegenüberstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und der poetische Einbau von verschiedenen Metaphern geben dem Text eine ungewöhnliche Tiefe und Dichte, eingebettet in das existenzielle Thema des Menschseins an. Gudú wird geprägt von seiner Umwelt, durchbricht die üblichen Handlungsschemata, um erst im hohen Alter (und natürlich im zweiten Buch) die Erkenntnis zu erlangen, dass er sein Leben nicht für sich selbst gelebt, sondern unbewusst die Erwartungen anderer befriedigt hat. Das lässt ihn als leere, traurige Hülle zurück, wie es so oft in der Geschichte der Fall ist.

Es ist schade, dass der Piper Verlag die zwei Teile des Romans nicht zusammen veröffentlicht hat. Die Geschichte ist ungewöhnlich kompakt und dicht. Matute spannt einen großen Bogen und beginnt ihre Saga nicht mit der Geburt Gudús, sondern baut ihm auf mehr als zweihundert Seiten eine wunderschöne, aber gefährliche Bühne. Kaum fühlt sich der Leser in dieser Welt zu Hause, wird er in die Realität zurückgestoßen und muss ein halbes Jahr warten, bis er wieder den Faden aufnehmen kann. Darum empfiehlt es sich, auf den zweiten Teil zu warten und dann alles kontinuierlich zu lesen. Es besteht sonst die Gefahr, Details aus dem ersten Buch nicht mehr präsent zu haben.

»Der vergessene König Gudú« unterstreicht die Philosophie des Verlages, sich von den typischen Fantasy-Reihen - insbesondere angloamerikanischer Häuser - abzusetzen und dem Leser auch die europäische Erzählkunst zu präsentieren. Historisch und kulturell anspruchsvolle Texte, in schönen gebundenen Ausgaben, die ins Auge fallen. Wenn dann noch ein so empfehlenswerter Entwicklungsroman dazukommt, ist die Mischung gelungen. Dieser Roman sei insbesondere allen Fantasy-Interessierten empfohlen, die die Grenzen des Genres nicht zu eng ziehen und immer wieder davon sprechen, dass diese Literaturgattung eine Spiegelung unserer Realität sein kann.

• Thomas Harbach

Originalausgabe
Ana María Matute, Olvidado Rey Gudú
(Madrid: Editorial Espasa Calpe, 1996)
dt. Erstausgabe
Ana María Matute, Der vergessene König Gudú [erste Hälte des Originals]
(München: Piper, 2003) Bestellen
dt. von Willi Zurbrüggen, Titelbild von Premium/Kalt, 591 Seiten, Hardcover
Leser-Service:
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