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ALIEN CONTACT
Ein katastrophaler Triumph Folge 2 • ALIEN CONTACT 37

Jack McDevitt

Mondsplitter

Moonfall • 1998

Science Fiction > Alien Contact
> Gefählich Ehrlich | Buch-Tips
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Es ist eine wohlbekannte Tatsache, daß Katastrophenromane Wälder zerstören. Im allgemeinen sind sie sehr umfangreich, und manchmal verkaufen sie sich millionenfach. Die Papiermühlen florieren.

Mondsplitter ist der erste Versuch von Jack McDevitt auf diesem Gebiet, ein ziemlich umfangreiches Buch (700 Seiten). Sofern Qualität sich durchsetzt, wird es sich äußerst gut verkaufen.

All dies geht jedoch an der Frage vorbei, die sich aufdrängt: Warum schreibt jemand überhaupt einen Katastrophenthriller? Darauf werden wir später zurückkommen.

Die Handlung spielt im Jahre 2024 in Nordamerika. Der erdnahe Weltraum wurde besiedelt, wenn auch zögerlich. Die Region um unseren Heimatplaneten und seinen großen Mond rühmt sich zahlreicher Laboratorien und Observatorien und Shuttles und Raumschiffe; und auf dem Mond gibt es einen Stützpunkt mit einem Einkaufszentrum. Die Politik Nordamerikas gleicht der heutigen (oder eher derjenigen vergangener Jahrzehnte). Ebenso werden das gesellschaftliche Leben und die herrschenden Sitten so beschrieben, daß man nicht an 2024 oder an 1998 denken muß, sondern eher an das Jahr 1950 aus der Sicht eines STERN-Redakteurs.

Doch Jack McDevitt ist nicht dumm. Mit der Kulisse von Mondsplitter hat er sich eindeutig eine Bühne geschaffen, auf der er einen Katastrophenroman aufführen kann. Er hat keine Science-Fiction-Welt geschaffen (und hat es zweifellos auch nicht beabsichtigt). Denn in einem Katastrophenthriller geht es nicht darum, die Welt zu verändern, sondern der Normalzustand muß angesichts einer Bedrohung beschützt werden - will sagen, es kommt darauf an, eine Welt zu retten, die es nicht mehr gibt und die sich der Leser zurückwünscht. In einem Katastrophenroman kann man die Überwindung der Bedrohung mit der Wiedergewinnung der Vergangenheit gleichsetzen.

Die besten Katastrophenthriller enden mit Hochzeiten. (Mondsplitter, zweifelsohne einer der besten, erfüllt diese Vorgabe.) Für SF-Leser gibt es wenig Ungewöhnliches. Doch jeder Leser, der bereit ist, sich auf die Spielregeln einzulassen, wird großen Spaß an diesem Buch haben.

Ein seltsames Licht am Himmel

Wie gesagt, wir schreiben das Jahr 2024. Der Mond ist gerade dabei, sich vor die Sonne zu schieben. Zahlreiche Menschen schauen neugierig zu, einschließlich eines Amateurastronomen, der ein seltsames Licht am Himmel bemerkt. Es stellt sich heraus, daß es sich dabei um einen riesigen Kometen handelt, der sich mit zehnmal höherer Geschwindigkeit fortbewegt als normale Kometen. Er rast direkt auf den Mond zu, den er beim Aufschlag mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zerstören wird.

Auf dem Mond treffen wir in diesem dramatischen Augenblick auf den Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten (angesichts seiner nicht fehlerfreien, aber enorm liebenswerten Persönlichkeit, seines Wer? Ich?-Charismas, und der heroischen Taten, die er vollbringen muß, fällt es äußerst schwer, nicht an Harrison Ford zu denken; nein, nicht nur äußerst schwer: es ist unmöglich), der auf dem Mond den Feierlichkeiten aus Anlaß des Startes eines nuklearbetriebenen Raumschiffes mit Ziel Mars beiwohnt.

Auf der Erde wird dem Präsidenten der Vereinigten Staaten die schlechte Nachricht über den Kometen überbracht, und er weigert sich, sie mit dem nötigen Respekt zu behandeln - das bedeutet nach den Gesetzen des Katastrophenromans, daß er auf der Abschußliste steht. Wenn er nicht an seinem Krebsleiden stirbt, wird er in der kommenden Katastrophe umkommen (er kommt in der kommenden Katastrophe um). Fatalerweise versucht er, sein Land und die ganze Welt zu beruhigen. Fatalerweise läßt er die Leute im Glauben, daß die Folgen der Zerstörung des Mondes für die Erde minimal sein werden.

Manche handeln, manche sterben

Die Handlungsstränge werden immer verwickelter, ein Verfahren, das sich (wie in allen Katastrophenthrillern) in einer Abfolge kurzer Szenen niederschlägt, wobei die Charaktere, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, entweder überzählige zukünftige Opfer der Katastrophe sind oder Zyniker, die bald sterben werden (siehe oben), oder Technikfreaks, die unter den entsprechenden Umständen eben tun, was Jungs (und, in diesem Roman, Mädels) eben tun müssen, um Menschen oder die Welt zu retten (wozu sie von den Leuten hinter dem nächsten Komma aufgefordert werden), oder die Männer und Frauen, die die Natur des Problems verstehen und diejenigen, in deren Händen die Macht liegt, davon überzeugen müssen, ein Aktionsprogramm zu beschließen, um die Katastrophe zu bekämpfen - ein Aktionsprogramm, das nicht nur kühn und äußerst komplex ist, sondern fast unmöglich, und das mit großer Wahrscheinlichkeit Nebenfiguren im Dutzend das Leben kostet, doch es ist unsere einzige Chance.

Als erstes muß die menschliche Bevölkerung des Mondes evakuiert werden. Der Vizepräsident hat sich in eine Situation hineinmanövriert, die von ihm verlangt, daß er bis zum letzten Augenblick im Stützpunkt bleibt - und dabei stellt er fest, daß der Evakuierungsflotte ein Schiff fehlt; er muß gerettet werden und wird es auch.

Ein ziemlich guter Witz

Als nächstes folgen die Einschläge. Die Mondsplitter. Eine unglaubliche Menge von Schutt regnet auf den Planeten Erde herab. Wenn es nicht zu direkten Treffern kommt (einmal landet ein Brocken aus dem Weltraum direkt auf dem Kopf eines der überzähligen Charaktere; ein Witz, dachte ich mir, ein ziemlich guter sogar), entstehen Flutwellen, die zu enormen Überschwemmungen führen, und (zum Beispiel) ganz Los Angeles außer Gefecht setzen.

Der Präsident der Vereinigten Staaten, von Schuldgefühlen durchdrungen, weil er die Bevölkerung Nordamerikas aufgefordert hat, die Meeresküsten nicht zu verlassen, wo so viele Menschen leben, kommt um. Der neue Präsident der Vereinigten Staaten erlebt eine virtuose Abfolge von Krisen, bevor er zum besten Präsidenten der Vereinigten Staaten wird, den wir je hatten.

Am Schluß wird die Welt gerettet. Und es wird geheiratet.

Man kann unmöglich davon ausgehen, daß Jack McDevitt Mondsplitter völlig ernst meint; man kann unmöglich davon ausgehen, daß er uns nicht in jedem Augenblick sein Bestes gegeben hat. Die Geschichte ist sorgfältigst durchdacht; die Charaktere sind symphatisch, wenn sie es sein sollen; das Erzähltempo ist hoch, ohne daß der Autor den Überblick verliert; und alles ist mit einer ordentlichen Portion Humor garniert, wie sich das gehört. Wer Mondsplitter einmal angefangen hat, wird es nicht mehr freiwillig aus der Hand legen, bevor er es zu Ende gelesen hat.

Ich glaube, daß Jack McDevitt dieses Buch geschrieben hat, damit wir unseren Spaß haben. Mondsplitter ist ein katastrophaler Triumph.

Erstveröffentlichung auf der Internetseite SF Weekly #65 • www.scifi.com
als 12. Folge der Kolumne Excessive Candour
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors
© 1999 by John Clute • Übersetzung von Hannes Riffel

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Jack McDevitt
Moonfall (1998)
Mondsplitter (Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2000) [24268] Bestellen
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