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Hope Mirrlees

Flucht ins Feenland

Lud-in-the-Mist • 1926

Science Fiction > Alien Contact
Buch-Tips
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Nach der Reihe Science Fiction Masterworks startete der Verlag Victor Gollancz im Jahr 2000 auch eine Reihe mit den Meisterwerken der Fantasy, die Fantasy Masterworks. Neben den anerkannten modernen Klassikern dieses Genres erscheinen darin auch die Vorväter wie Lord Dunsany oder E. R. Eddison. Band 11 war ein vergleichsweise schmales Buch mit 273 Seiten Umfang - und zwar Hope Mirrlees' Lud-in-the-Mist. Piper hat dieses Buch nun nicht nur als wunderschönes gebundenes Buch mit passendem Titelbild in Deutschland veröffentlicht, sondern auch einen Essay von Michael Swanwick beigefügt, der parallel in Foundation - The International Review of Science Fiction ( www.sf-foundation.org) erschien. Swanwick gilt schon lange als Bewunderer von Hope Mirrlees und trug entschieden dazu bei, dass der im Jahre 1926 erschienene Roman inzwischen angemessen gewürdigt wird.

Neil Gaiman stimmt die Leser im Vorwort auf den Roman ein: »Hope Mirrless hat nur einen Fantasy-Roman geschrieben, doch er gehört zu den besten in englischer Sprache.« Er schließt den Text mit den einfachen Worten: »Es ist ein kleines, goldenes Wunder von einem Buch, im besten Sinne des Wortes erwachsen und - wie alle hervorragenden Fantasies - ziemlich beunruhigend.« Dabei hat Neil Gaiman schon vor vielen Jahren eine deutlich umfangreichere und schönere Einführung in dieses Universum geschaffen: Sein Roman Stardust (und dessen bildhafte Umsetzung durch Charles Vess) hat seine Wurzeln nicht nur im reichen Hintergrund der Folklore und der Mythen Englands, sondern bezieht sich direkt auf Autoren wie Lord Dunsany, James Branch Cabell, C. S. Lewis und eben Hope Mirrlees, die ihm - so seine Worte - gezeigt hat, »daß Märchen auch etwas für Erwachsene sind«.

Helen Hope Mirrlees wurde 1887 geboren. Ihre Familie stammt von einer Dynastie reicher Fabrikanten ab und gehörte zu den wohlhabendsten Kreisen Englands. Zwischen 1910 und 1913 studierte sie klassische Literatur in Newham und wurde unter anderem von der berühmten Archäologin Jane Harrison unterrichtet, die später einen nachhaltigen Einfluss auf die junge Frau ausüben sollte. 1915 gingen sie gemeinsam nach Paris, um dort Russisch zu studieren. Jahre später sollten sie auch zwei Romane aus dem Russischen übersetzen.

Mirrlees sprach fließend fünf Sprachen, darunter auch Zulu, und erschien schon in jungen Jahren als strahlende Schönheit. Einer ihrer Bewunderer schrieb über sie: »Gegen Ende einer Unterrichtsstunde schoss Hope herein wie ein Kolibri, mit ihren blitzenden saphirfarbenen Augen und ihren wild baumelnden Ohrringen, ein weicher Strom melodischer Töne ging von ihren Lippen aus.« Abschließend bemerkte er, dass sie »eine Kreuzung zwischen einer Elfe und einem Dschinn« gewesen sei. Ein anderer Freund schloss sich an: »Vor mehr als fünfzig Jahren hat mir Miss Hope Mirrlees die Sprache verschlagen, zuerst mit ihrer anmutigen Haltung und mit ihren himmelblauen Augen, einen Augenblick darauf mit ihrer wohlklingenden Stimme und dann durch ihre scharfe und treffsichere Ausdrucksweise: Nie zuvor war mir ein so verführerischer Blaustrumpf begegnet.«

Ihre ersten literarischen Sporen verdiente sie sich mit einem experimentellen Gedicht, einer Hommage an Paris und seine U-Bahn, Patis: A Poem, 1920 erschienen. Ihr erster Roman Madeleine geriet nicht nur in der Öffentlichkeit in Vergessenheit, sondern die Autorin selbst strich ihn aus ihrem Bewusstsein und nannte später Lud-in-the-Mist ihren zweiten, und nicht ihren dritten Roman. The Counterplot bekam dagegen gute Kritiken, ist aber inzwischen ebenso vergessen.

Dazu kamen die unter dem Titel Moods and Tensions: Poems veröffentlichten Gedichte und eine unvollendete Biographie des im 17. Jahrhundert lebenden britischen Altertumswissenschaftlers Sir Robert Bruce Cotton. Alle diese Werke erschienen nach dem Tode ihrer engsten Freundin Harrison und zeigen Mirrlees' eher halbherziges Bemühen um eine literarische Karriere. Allerdings gehörte sie kurzzeitig auch zum exklusiven Bloomsbury-Kreis um Virginia Woolf, Bertrand Russell, Getrude Stein, T. S. Eliot, Katherine Mansfeld oder William Butler Yeats.

1919 charakterisierte Virginia Woolf Hope Mirrlees in ihrem Tagebuch als »eine sehr selbstbewusste, eigenwillige, stachelige & launische junge Frau, auffallend gut gekleidet & hübsch, mit eigenen Ansichten über Bücher & Stil, einer aristokratisch-konservativen Tendenz & dem entsprechenden Geschmack für das Schöne & Elaborierte in der Literatur«. Im Laufe der Jahre kam es zwischen den Frauen immer wieder zu gesellschaftlichen Kontakten. Unter anderem lud Woolf Mirrless auf ein Wochenende zu sich ein. Danach bemerkte sie, Mirrlees sei »eine kapriziöse junge Frau, aber von erstklassiger Erscheinung, parfümiert, gepudert, zieht sich zum Mittagessen um und ist ausgesprochen kultiviert«.

1928 starb Jane Harrison, und Hope Mirrlees wurde ihr Archivar. Ihr Tod traf sie hart, und sie zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Trustfonds ihrer Familie ermöglichten ihr ein sorgenfreies Leben und enthoben sie der Notwendigkeit, von ihren Veröffentlichungen zu leben. Und dieser Reichtum und der Verlust ihres Mentors sorgten dafür, dass ihre schriftstellerische Ader versiegte und ihr Werk gänzlich in Vergessenheit geriet.

Ende der sechziger Jahre empfahl ein Freund dem Herausgeber der Fantasy-Reihe im US-Verlag Ballantine, Lin Carter, den Roman Lud-in-the-Mist. Lin Carter war mit dieser Reihe ausgesprochen einflussreich auf die Entwicklung der angloamerikanischen Fantasy, wie viele Äußerungen späterer Autoren bezeugen. Damals versuchte er erfolglos, die noch lebende Hope Mirrlees aufzufinden, und brachte den Roman 1970 ohne ihre Erlaubnis neu heraus. Obwohl Mirrlees erst im Jahre 1978 starb, ist nicht dokumentiert, ob sie je erfahren hat, dass ihr Buch wieder erschienen war.

Die Romanhandlung beginnt in der kleinen Stadt Lud-in-den-Nebeln. Sie liegt am Zusammenfluss der beiden Ströme Scheck und Schanz und ist die Hauptstadt des Landes Dorimare. Überwiegend leben hier reiche, konservative Kaufleute. Vor Jahren haben sie ihren aristokratischen Herrscher Fürst Aubrey abgesetzt, der - seine größte Missetat - auch noch Kontakte zum Feenreich unterhielt. Im Westen hinter den Umstrittenen Hügeln liegt es nämlich, das titelgebende Feenland. Es ist mit einem Tabu belegt, da es einen bedenklichen Einfluss auf die ehrbahren Bürger von Lud-in-den-Nebeln haben soll. Aber aus dem Feenland werden Feenfrüchte in die Stadt geschmuggelt, deren Genuss zu unkontrollierbarem und impulsivem Benehmen führen kann, zu einem verstärkten Sinn für das Wunderbare, und obendrein machen sie unheilbar süchtig. Die Früchte sind so tabu, dass man ihnen keinen Namen geben möchte - die entsprechenden Schmuggler werden beispielsweise als Seideschmuggler bezeichnet.

Hauptfigur ist Nathan Hahnenkamm, der Bürgermeister der Stadt, ein etwas selbstzufriedener und nicht ganz glücklich verheirateter Mann, auf den der Tod eine merkwürdige Faszination ausübt. Außerdem halten ihn viele für einen Narren, er ist leicht zu beeindrucken, über ihn wird oft gelacht, und sein Ehrenamt nimmt kaum jemand ernst. An sich lebt er in einer perfekten Welt, in der ein Tag wie der andere ist, bis er eines Tages erkennt, dass sein Sohn von den Feenfrüchten gegessen hat. Aus Angst, seine gesellschaftliche Stellung zu verlieren, folgt er dem Rat des Arztes (mit dem er jahrzehntelang im Streit lag) und bringt seinen Sohn zur »Kur« zu einer Verwandten auf einen Bauernhof, der allerdings in der Nähe des Feenlandes liegt.

Aber nicht nur der Bürgermeister hat Probleme. Eine koboldhafte Figur bringt die jungen Damen der höheren Mädchenschule mit Feenfrüchten in arge Verlegenheit und beschert ihnen gleichzeitig höchste Wonnen. Doch nach dem Genuss der Früchte verschwinden die Damen aus Frau Holzapfels Schule für junge Frauen. Erschwerend kommt hinzu, dass die ehrbaren Kaufleute jetzt auch ihren Bürgermeister loswerden möchten, ihm die verbotenen Früchte unterjubeln und ihn damit aus Amt und Würden jagen. Doch der pfiffige Hahnenkamm gibt nicht auf, und als auch sein Sohn ins Feenland verschwindet, macht er sich auf, ihn zu retten, seine Stellung zurückzuerobern, einen alten Mord aufzuklären und die Nachbarn im verbotenen Land kennen zu lernen ...

»Das Buch beginnt als Reisebericht oder als historischer Roman, wird zur Pastorale, einem Schwank, einer Gesellschaftskomödie, einer Geistergeschichte und dann zu einer Detektivgeschichte. Die Sprache ist elegant, geschmeidig, wirkungsvoll und eindringlich - die Autorin fordert eine Menge von ihren Lesern, belohnt die Mühen aber um ein Vielfaches.« Soweit Neil Gaiman in seinem Vorwort. Michael Swanwick sagt an einer anderen Stelle: »Sie hat nie ihr Potential erfüllt, eine wirklich große Schriftstellerin zu werden. Aber sie ist tiefer in das Feenland eingedrungen als irgendjemand sonst, und sie hat uns eine Ahnung - oder mehr - davon vermittelt, wie es dort aussieht. Auch wenn das weniger ist, als möglich gewesen wäre, ist es trotzdem eine außerordentliche Leistung. Sie hat Flucht ins Feenland geschrieben.«

Beide Zitate stammen von großen Autoren, und sie sprechen große Worte. Michael Swanwick hat der deutschen Ausgabe von Lud-in-the-Mist einen fast siebzigseitigen Essay über Autorin und Werk beigefügt, in dem er mit akribischer Sorgfalt viele Unstimmigkeiten ihres Lebens erläutert, uns ihre schwierige Persönlichkeit im Rahmen ihrer Zeit näher bringt und sich mit ihren wenigen Romanen, Gedichten und sonstigen Texten auseinander setzt. Der Leser gelangt schnell zur Erkenntnis, dass Hope Mirrlees kein einfacher Mensch war, und ihr einziger Fantasy-Roman ist kein einfaches Buch. Dabei stellt sich natürlich auch die Frage: Ist es ein gelungenes Buch?

In Madeleine setzte sie sich mit sich selbst, in The Counterplot mit ihrer Mutter auseinander. In Flucht ins Feenland ist Nathaniel Chanticleer nach ihrem Vater gestaltet, der knapp zwei Jahre vor der Veröffentlichung (und wahrscheinlich vor Beginn des Schreibens) gestorben war. Vielleicht ist es auch nur natürlich, dass sie im Gegensatz zu ihren eher realistischen ersten beiden Romanen ein phantasisches Umfeld suchte, in dem ihr Vater einerseits zum Retter seiner Kinder und des Friedens werden kann, andererseits aber nach Abschluss der Abenteuer sein Leben unbehelligt weiterführt. Das Verhältnis Hahnenkamms zu seinem Sohn ist mehr von innerer Liebe als äußerlichen Aufmerksamkeiten geprägt. Erst als Nathan bemerkt, dass sein Sohn Hilfe braucht, macht er sich auf den Weg, ohne zu erkennen, dass die Wurzeln des Übels in seinem Verhalten dem Sprössling gegenüber liegen.

Zwei wichtige Aspekte sprechen Swanwick und Gaiman erstaunlicherweise nicht an. Während Gaiman selbst oft mit dm Handlungsaufbau einige Schwierigkeiten hatte, war Swanwick oft ein mitreißender Erzähler mit einem leicht zu lesenden, amüsanten Stil. Mirrlees' Buch hat von alldem etwas, aber insgesamt von zu wenig zu viel. Es ist ein Krimi, ein Märchen, eine Historie, eine Betrachtung unserer Gesellschaft, aber auf der anderen Seite ist die Handlung nur episodenhaft, die phantastischen Elemente kommen im Laufe des dünnen Buches erst spät, und der Höhepunkt, die Konfrontation im Elfenland, wird nicht konkret geschildert. Auf den ersten Seiten findet der Leser, in ansprechendem Stil erzählt, dem die gute Übersetzung durchaus gerecht wird, Elemente eines Fantasy-Romans eingestreut: ein Einhorn, Zwerge oder ein magisches Schwert. Dann kommt in dieser Hinsicht lange Zeit nichts mehr. Vor allem setzt sich die Autorin mit der Gesellschaft in Lud-in-den-Nebeln auseinander, dem offensichtlichen Drogenkonsum - die Feenfrüchte - und der Tatsache, dass die Einwohner des Feenlandes tot sind. Und darum kann auch nur ein Mann den Bann brechen, der sich zu seinen Lebzeiten mit dem Tod auseinander setzt und der gerne die Inschriften auf den alten Grabsteinen des Friedhofes liest. Nathan - seit seiner Geburt in festgefahrenen Bahnen erstarrt - ist schon zu Beginn der Fantasy-Geschichte ein sterbender Held.

Einige Kritiker haben den Roman als Klassenkampfschrift bezeichnet. Die Reichen - die Bürger Luds - sollen Rücksicht auf die Sorgen und Nöte der armen Bevölkerung nehmen. Dafür spricht, dass Mirrlees sich zu dieser Zeit intensiv mit der russischen Sprache beschäftigte und (zusammen mit Harrison) auch zwei Romane aus dieser Sprache übersetzte. Viel einsichtiger ist die Theorie, dass Flucht ins Feenland gar kein Fantasyroman ist, sondern nur eine Allegorie über die Natur der Phantasie. Dafür spräche auch, dass zum Ende hin das Feenland wieder Kontakt zu den Lebenden aufnehmen kann und darf, aber nur in kleiner Dosis, die die Realität nicht beeinträchtigt.

Swanwick spricht auch von zahlreichen Autoren, die sich auf Hope Mirrlees' Werk beziehen. Erstaunlicherweise findet er keinen Roman, auf den sich die junge Autorin selbst bezogen hat. Lord Dunsanys Die Königstochter aus Elfenland war zwei Jahre zuvor erschienen. Da das Buch ebenfalls in die Reihe der Fantasy Masterworks aufgenommen wurde und seit längerem auf Deutsch vorliegt, kann der Leser einen direkten Vergleich ziehen. In beiden Büchern spielt das Überschreiten der Grenze zwischen der realen (phantastischen) Welt in eine irreale, dem Jenseits zuzuordnenden Welt die überragende Rolle. In beiden Büchern bedeutet diese Reise eine stetige Veränderung in beiden Welten. Bei Lord Dunsany greift das Elfenland nach dem Königreich Erl, während es bei Mirrlees nur leichte, erlaubte Übergänge gibt. Aber die Grenzen sind in beiden Fällen wieder offen. Im Gegensatz zu dem berühmteren Werk gibt uns Hope Mirrlees nur einen kleinen, verstohlenen Einblick in die andere Welt. Zu sehr ist sie mit dem kriminalistischen Element beschäftigt - die Lösung erfolgt eher zufällig und erinnert erstaunlicherweise an Theodor Fontanes Unterm Birnbaum. Die Elfen und ihre Früchte machen das Leben für die Menschen erträglicher, und erst im Laufe des Abenteuers lernen beide Seiten, dass die Früchte dem Leben die Farbe geben und nicht nur suchterregend sind.

Der Einfluss der Elfen macht das Leben erträglicher. Ohne sie und ihre Früchte sieht Mirrlees es nur als Abfolge von Geburt, Leben und Tod - ohne jegliche Höhepunkte. Im Laufe des Textes erklärt sie, dass die Leidenschaften und Wünsche ohne Bedeutung, ohne Wurzel oder Dauer sind. Behütet aufgewachsen, von Wohlstand umgeben, konnte sie sich also nur einen Augenblick in ihrem Leben schriftstellerisch artikulieren (in der Bloomsbury-Periode), bevor Sie literarisch verstummte.

Der Leser bleibt bei dem Buch stellenweise außen vor - genau wie Mirrless selbst. Sie erntete nie den Ruhm, den sie verdiente, sie konnte den Schatten anderer Menschen nie entkommen (schon relativ jung verwandelte sich die schöne Frau in eine Art Hausmütterchen, um in der Menge unterzutauchen), und schließlich konnte sie nie das Potential zum Tragen bringen, das einen großen Autor ausmacht. Wahrscheinlich hat das seit jungen Jahren verhätschelte Mädchen nie den Biss entwickeln können - den Hunger nach Ruhm oder die schlichte Notwendigkeit zum Überleben -, der einen großartigen Autor auszeichnet.

Trotzdem zeichnet sich der Roman durch interessante Ideen aus, Mirrlees schreibt mit federleichtem Humor und stilistisch glänzend. Mit scharfem Blick erschafft sie eine Traumwelt, allerdings in erster Linie für sich selbst. Inhaltlich finden sich gelungene Abschnitte, im Wechsel mit Passagen, die den Leser unbefriedigt außen vor lassen. Besonders der Höhepunkt entspricht nicht den Erwartungen. Wie bei einer Ausstellung darf man alles anschauen, aber nichts anfassen.

Lud-in-the-Mist - der deutsche Titel Flucht ins Feenland wirkt unangemessen - ist ein wichtiges Buch, ein Klassiker der Fantasy-Literatur, eine Geschichte aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Ein Klassiker muss aber nicht unbedingt ein überragendes Buch sein. Wie auch Lord Dunsany und J. R. R. Tolkien hat Hope Mirrlees einen langen Blick auf das Genre geworfen, einen bewundernswerten Roman geschrieben - und sich dann wieder dem Leben zugewandt. Der Leser muss diese Schwächen akzeptieren und kann mit einer angemessenen Erwartungshaltung (kein wiederentdecktes Juwel von funkelnder Brillanz, das das Genre neu definiert) einen ungewöhnlichen Roman lesen - einen Roman, dessen Grundprinzip das Gleichgewicht zwischen Realität und Phantasie ist. Aus der geschichtlichen Perspektive stellt dieser Roman ein wichtiges Fundament dar und muss allein schon aus diesem Grund empfohlen werden, zumal es sich um eine deutsche Erstausgabe handelt. Michael Swanwicks Essay ist das Musterbeispiel eines Autorenporträts. Im Gegensatz zu seinen humorvollen Essays über klassische und moderne Fantasy-Literatur, die er als Schifffahrt aufgebaut hat (die einzelnen Werke sind Inseln, die über den Horizont auf unser Schiff zukommen) beschreibt er fundiert und detailliert das Leben einer Frau, das genauso halbherzig und scheinbar leer war wie einige ihrer Werke.

Vielleicht kann man diese Kritik mit einem Vergleich schließen: Der Leser sucht ein sagenhaftes Juwel und findet schließlich einen Bernstein - wunderschön anzusehen, aber tief im Inneren hat er mehr erwartet.

• Thomas Harbach

Originalausgabe
Hope Mirrlees, Lud-in-the-Mist
(London: W.W. Collins & Sons, 1926)
lieferbare engl. Ausgabe
Hope Mirlees, Lud-in-theMist
(London: Gollancz, 2000) [Fantasy Masterworks 11] Bestellen
Mit einem Vorwort von Neil Gaiman
dt. Ausgabe
Hope Mirrlees, Flucht ins Feenland
(München: Piper 2003) Bestellen
mit einem Vorwort von Neil Gaiman und einem Essay von Michael Swanwick
dt. von Hannes Riffel (in Zusammenarbeit mit Jakob Schmidt), Einleitung von Neil Gaiman, biographisches Nachwort von Michael Swanwick, 413 Seiten, HC
Taschenbuch
Hope Mirrlees, Flucht ins Feenland
(München: Piper 2004) [6553] Bestellen
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