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Michael Moorcock

Miss Brunners letztes Programm

The Final Programme • 1968

Science Fiction > Alien Contact
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Dieser Roman wird immer wieder als eines der wichtigsten Bücher der englischen Science Fiction der sechziger Jahre bezeichnet. So findet man ihn unter anderem in David Pringles Rezensions-Sammlung Science Fiction – The 100 Best Novels. Jerry Cornelius ist einer der schillerndsten Protagonisten der englischen New Wave und wurde später nicht nur von Moorcock selbst, sondern auch von einigen seiner Schriftstellerkollegen als Figur verwendet.

Die Einführung steht zur eigentlichen Handlung in keiner Beziehung. Der Leser erfährt, dass nach der Lehre der Hindu das Universum in Zyklen existiert, jeder Zyklus sich in Unterzyklen aufteilt und wir derzeit im Dunklen Zeitalter leben. Dies ist eine der wenigen Andeutungen, dass Moorcock auch die Cornelius-Chroniken mit seinem Multiversum verbunden sieht. Jerry ist ein ähnlicher Held wie Elric: Er siegt nicht immer, hat eine starke Persönlichkeit und einen unerschütterlichen Willen, doch es gibt Mächte, die weit stärker sind als er – auch wenn in diesen Büchern das metaphysische Element eher in den Hintergrund tritt. Was erst viele Jahre später durch die Chaosforschung ins Licht allgemeiner Beachtung rückte, ist bei Moorcock bereits in den sechziger Jahren zentrales Thema: Chaos und Entropie.

Der Roman besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil lernen wir zunächst Jerry Cornelius kennen. Er ist ein rätselhafter Mensch, mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet. Sein Vater hat mit psychedelischen Drogen experimentiert und geheimes Wissen in seinem Chateau deponiert. Jerry liebt seine Schwester Catherine, und das nicht nur platonisch. Das ist auch der Grund, warum sein Vater ihn verstoßen hat, bevor er starb. Jerrys Bruder Frank hütet nun die Geheimnisse des Vaters. Eine Gruppe geheimnisvoller Leute will das Wissen von Cornelius senior an sich bringen und schmiedet gemeinsam mit Jerry einen Plan, das Chateau zu stürmen. Wortführerin ist Miss Brunner, eine Computer-Expertin, die mit den Informationen ihr »letztes Programm« schreiben will, die Erschaffung eines perfekten Menschen, der den bevorstehenden Weltuntergang überleben soll.

Jerrys Motiv ist lediglich Rache an seinem Bruder und die Befreiung seiner geliebten Schwester. Nach gründlicher Vorbereitung wird das wie ein Hochsicherheitstrakt bewachte und mit Fallen jeglicher Art geschützte Chateau gestürmt. Dabei verlieren viele ihr Leben, unter anderem auch Catherine. Jerrys Bruder gelingt die Flucht, der Überfall scheitert.

Der erste Teil des Buches ist eine Transponierung der Elric-Story »The Dreaming City« ins 20. Jahrhundert. Jerry entspricht Elric, Catherine entspricht Cymoril, Frank entspricht Yrkoon und Jerrys Nadelpistole dem Schwert Sturmbringer. Die gesamte Handlung wurde der älteren Erzählung nachempfunden, lediglich die Namen und Handlungsorte wurden ausgetauscht.

Im zweiten Teil verfolgen Miss Brunner und Jerry den flüchtigen Frank ins winterliche Schweden, wo sie ein Höhlensystem entdecken, in dem die Nazis offensichtlich vor vielen Jahren eine geheime Basis installierten. Frank wird getötet, und beide gelangen an das geheime Manuskript eines Astronauten, das sich jedoch nach ihren Sieg als vollkommen nutzlos herausstellt.

Hier arbeitete Moorcock seine Geschichte »While the Gods Laugh« um. Das Manuskript des Astronauten war zuvor das Buch der Toten Götter.

Im dritten Teil überschlagen sich die Ereignisse. Jerry gibt in London eine Party, auf die er allerlei merkwürdige Leute einlädt, tötet im Auftrag von Miss Brunner einen Wissenschaftler und nimmt ihm die letzten notwendigen Informationen für Miss Brunners Projekt ab, wandert nach Schweden aus, heiratet, wird von Miss Brunner gekidnappt und verschmilzt am Ende mit ihr zum Übermenschen Cornelius Brunner, der schließlich im letzten Abschnitt ganz Europa in den Untergang stürzt.

Man kann diesem Buch viele Adjektive geben, aber anarchistisch und chaotisch trifft es wohl am besten.

Besonders interessant ist die Schilderung der brodelnden Großstadt London. Jerry tritt zwischendurch als Musiker auf, vergnügt sich mit allerlei seltsamen Leuten in Nachtclubs und schwankt zwischen Askese und exzessiven Lastern. Es gibt einige Zitate, in denen es heißt, dass die Zukunft den Homosexuellen gehört bzw. dass die Art des Geschlechts keine Rolle mehr spielt, dass nur der Mensch wichtig sein wird. Diese Ansichten sind wohl typisch für die späten Sechziger, in der Science Fiction jedoch dürften sie ein Novum gewesen sein.

An anderen Stellen, besonders beim Überfall auf das Chateau seines Vaters, ist Moorcock unnötig brutal, lässt seinen Helden sinnlos töten oder Morde ohne jegliche Anteilnahme beobachten. Der Leser gewinnt hier automatisch Distanz zum Helden, der wohl nie in vollem Umfang Sympathieträger ist, sondern vielmehr durch seine Exzentrik fasziniert.

Der Roman wurde übrigens unter dem Titel The Final Programme verfilmt. Die gekürzte amerikanische Fassung trägt den Titel The Last Days of Men on Earth, der deutsche Videotitel lautet Verrückt und Gefährlich. Streckenweise fängt der Film die Atmosphäre des Buches ganz passabel ein, wird der Vorlage jedoch insgesamt nicht gerecht.

Hardy KettlitzALIEN CONTACT

Erstveröffentlichung
Michael Moorcock, The Final Programme (in: NEW WORLDS,1965/66 [auszugsweise])
Buchausgabe
Michael Moorcock, The Final Programme (Avon, 1968)
dt. Erstausgabe
Michael Moorcock, Miss Brunners letztes Programm (München: Heyne, 1973)
Literatur
Hardy Kettlitz, Sabine Kauffeld & Daniel Nogly: Michael Moorcock [SF Personality 12] Bestellen
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