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| Takeshi Kovacs gehörte einmal zu den »Envoys«, einer Spezialeinheit mit
geradezu mythischem Ruf. Die Ausbildung der Envoys zielt in erster Linie auf eine
bestimmte Form mentaler Disziplin ab eine Notwendigkeit in der von Morgan
beschriebenen Zukunft, in der das menschliche Bewusstsein vollständig auf Datenträger
gespeichert und in einen neuen Körper, einen so genannten »Sleeve« überschrieben
werden kann. Zu Beginn des Romans wird Kovacs vorzeitig aus der »Einlagerung«, dem
körperlosen Absitzen einer Gefängnisstrafe entlassen, um für den ultrareichen Bancroft,
dessen Bewusstsein im Gegensatz zu seinem Körper rund dreihundert Jahre alt ist,
Nachforschungen anzustellen. Angeblich hat sich Bancroft in seinem letzten Klonkörper das
Leben genommen. Da Bancroft das nicht glauben will, beauftragt er Kovacs mit
Nachforschungen über die 48 Stunden, die in seinem wiederhergestellten Gedächtnis
fehlen. Kovacs gerät gleich in mehrere Schusslinien - insbesondere, als sich
herausstellt, wem sein jetziger Körper zuvor gehörte. Und seine einzige Helferin scheint
ironischerweise genau die Polizistin zu sein, die den Fall Bancroft zuvor als Selbstmord
abgeschlossen hat. Morgans Roman hat bei den Kritikern bereits ordentlich Lorbeeren eingeheimst. Tatsächlich hat der englische Autor einen beeindruckenden, kinetischen Erstling hingelegt. Das Unsterblichkeitsprogramm startet mit einer heftigen Actionszene durch. Auf den nächsten hundert bis zweihundert Seiten könnte man sich zwar etwas weniger Erklärung und Exposition und etwas mehr stringente Handlung wünschen, aber spätestens ab der zweiten Hälfte legt das Tempo beständig zu. Stilistisch hat Morgan sich gegen große Experimente entschieden die Geschichte wird linear und aus einer einzigen Perspektive erzählt, cineastisch, immer in Bewegung. Nur vereinzelt fallen kleine, für Debütromane typische Stilblüten auf. Tatsächlich kann man beim Lesen recht deutlich eine gelungene Verfilmung vor dem inneren Auge sehen, die allerdings besonders bei den recht bildhaften Sex- und Gewaltsequenzen äußerst drastisch ausfallen müsste. Auch sonst bleiben zahlreiche Einzelbilder im Breitwand-Format noch lange nach dem Lesen hängen. Das Unsterblichkeitsprogramm ist im besten Sinne reißerisch, eine rasant erzählte Geschichte über Technologie, Korruption und menschliche Abgründe, die unterhalten und schockieren will. Morgan hat weder Angst vor Klischees noch davor, sie auf die Spitze zu treiben oder wenn auch eher selten - zu brechen. Der bereits anderweitig gefallene Vergleich mit Gibsons Neuromancer ist insofern durchaus angemessen. Als SF-Ideenliteratur bietet der Roman dagegen nicht alles, was man hätte erwarten können. Bewusstseinsspeicherung, virtuelle Realität und Nullzeit-Informationsübertragung sind nicht die neuesten aller Science-Fiction-Themen, obwohl es Morgan dank seines eher politischen Blickwinkels gelingt, interessante Facetten an ihnen aufscheinen zu lassen. Auch thematisiert er die Identifikationsprobleme, die sich aus dem Wechsel des Körpers ergeben, durchaus anschaulich und lässt sich dann und wann sogar zu philosophischen Exkursen über die Natur der Individualität hinreißen. Den Implikationen, die sich aus der Vervielfältigung von Bewusstsein bei unscharfer Trennlinie von »Körper« und »Geist« ergeben, geht er jedoch nicht wirklich konsequent nach. So erscheint die von ihm beschriebene Zukunft zuweilen etwas unglaubwürdig. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Menschheit sich unter den gegebenen Bedingungen stärker verändert haben müsste, als hier spürbar ist. Morgan konzentriert sich stattdessen stark auf die sehr gegenwärtigen Themen Macht, Geld und Korruption. Das ist an sich nicht schlecht, hindert seinen Roman jedoch daran, als SF richtungsweisend zu sein. Zeitgenossen wie Greg Egan, John Clute und Justina Robson haben zum Thema »Post-human« bereits einen höheren Maßstab vorgegeben. Als rasanter und provokativer Noir-Cyberkrimi macht Morgans Roman jedoch allemal Lust auf mehr. Jakob Schmidt ALIEN CONTACT
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