ALIEN CONTACT
Finsterer Stoff Folge 5 • ALIEN CONTACT 40

Philip Pullman

Das Bernstein-Teleskop

His Dark Materials 3: The Amber Spyglass • 2000

Science Fiction > Alien Contact
> Gefählich Ehrlich | Buch-Tips
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Die Neuigkeit des Jahres: Nach Der goldene Kompaß und Das magische Messer ist die - im Original »His Dark Materials« benannte - Geschichte endlich vollständig, Das Bernstein-Teleskop ist erschienen, der dritte Band eines einzigen, zusammenhängenden Romans. Der Krieg gegen Gott wird siegreich beendet in diesem erstaunlichen Buch, vielleicht dem besten »Jugend«-Buch des 20. Jahrhunderts. Wir alle sind die Sieger.

Eigentlich ist es keine Erzählung, die rezensiert werden kann. Es ist keine Erzählung, auf die man in Form einer Rezension schnell reagieren kann, denn sie ist zu vielfältig, um sie sofort zu erfassen, vielleicht sogar jemals; denn ihre Implikationen durchdringen die Gedanken unaufhörlich, ganz so wie der goldene Staub, den die Christen verabscheuen, die fassbare Welt durchdringt - »Die faßbare Welt, die unser wirkliches Zuhause ist und es immer war«, wie ein Gespenst, das von der Religion verraten wurde, genau in der Mitte des Buches sagt, in einem großartigen, erschütternden Abschnitt, der in der Hölle spielt - die Welt, die uns Gott nicht zu heiraten gestattet.

Der goldene Kompass

Das Bernstein-Teleskop erzählt die Geschichte von Lyra zu Ende, die in Band Eins, Der goldene Kompass (1995) ihren Anfang genommen hat und größtenteils in einer Welt spielt, die der unseren ähnelt, mit einer »Steampunk«-Textur, die durch die Vorherrschaft einer Theokratie gedämpft wird, deren Doktrinen und Praktiken (einschließlich einer lüsternen Gier, »Sündern« Schmerzen zuzufügen) der römisch-katholischen Kirche unserer Welt in alten Zeiten sehr gleichen, auch wenn die Hauptfiguren in Pullmans Darstellung, hier und in den weiteren Bänden, einen Welttrotz ausstrahlen, der rein protestantisch ist. In Lyras Welt stehen alle Menschen mit (Haus-)Geistern in Verbindung, hier »Dämonen« genannt, die ihre Gefährten vervollständigen, sie in der Welt manifest werden lassen, während sie gleichzeitig mit ihrem Wirt oder Gefährten tiefschürfend kommuniziert.

Dämonen sprechen in Menschen hinein oder an ihrer Stelle. Es ist ein Zeichen für Pullmans drängende Subtilität, immer wenn er es mit seinen Dämonen zu tun hat und die klischeehaften Elemente transzendiert, die der Vorstellung von einem freundlichen Geist eigen sind, daß der Leser sofort unwiderstehlich an Der Ursprung des Bewußtseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche (1976) von Julian Jaynes erinnert wird, denn die Dämonen klingen unheimlich wie die »von außen kommenden« Stimmen, die Jaynes für eine Form des Bewußtseins hält, bevor wir (um die Zeit von Homer) angefangen haben, unsere Dämonen zu verinnerlichen, die in unsere Schädel eingedrungen sind und zu den selbstbewußten inneren Monologen zu werden, die den Handlungsfaden knüpfen, der uns ausmacht. Spätere Aussagen - insbesondere in Das Bernstein-Teleskop - stimmen völlig mit dem Gefühl überein, daß die Dämonen in Lyras Geschichte den Stimmen entsprechen, mit denen wir uns selbst erzählen; wir alle sind von Dämonen heimgesucht, wir können sie nur schlicht nicht sehen.

Das magische Messer

Teleskop führt auch Wills Erzählung zu Ende, die in Band Zwei, Das magische Messer (1997) ihren Anfang nahm. Sie beginnt auf unserer Erde, geht aber durch Portale, die hier Fenster genannt werden, in eine andere Welt über (nicht Lyras Welt), deren Bevölkerung von (Schreck-)Gespenstern dezimiert wurde. Gespenster essen menschliche »Seelen«, sobald ihre potentiellen Opfer alt genug sind (um die Pubertät herum), um schmackhaft zu sein. Will eignet sich das Magische Messer des Titels an, das ihm ermöglicht, sich Fenster zwischen den Welten aufzutrennen. Das magische Messer beinhaltet vielleicht etwas viele Fenster-Eskapaden - aber einmal mehr ist uns der Autor einen Schritt voraus. Nachdem Wills Suche nach seinem Vater durch die Welten ein tragisches Ende gefunden hat, in jenen entsetzlich traurigen Seiten am Schluß dieses Buches, und nachdem Lyras Lilith-gleiche Mutter sie erneut entführt hat und Das magische Messer mitten in einem fast unerträglichen Trauma schließt, öffnen wir Das Bernstein-Teleskop mit dem Gefühl, daß die Abenteuer und das Hakenschlagen, die so zwanghaft die ersten beiden Bände füllen, notwendigerweise etwas Finstererem weichen mögen; vielleicht sogar etwas Ruhigerem.

Das Bernstein-Teleskop

Auf eine Art geschieht dies auch. Es gibt drei zentrale Handlungsfäden, die zu Ende geführt werden müssen, bevor wir das Gefühl haben, daß die Geschichte erzählt worden ist. Der erste ist der Krieg gegen die Autorität (Pullmans Begriff für das Königreich des Himmels und dessen Monarchen in dieser und anderen Welten); dieser Krieg, den Lyras Vater - Lord Asriel - in Band Eins angefangen hat, muß jetzt zu seinem Höhepunkt kommen. Der zweite Faden erzählt die Geschichte des Staubs. Was ist er, weshalb sickerte er aus der Welt? Wir erfahren es. Der dritte Faden, letztlich der ernsteste und wichtigste, betrifft Evas Fall. Methodisch und nachdenklich wählt Das Bernstein-Teleskop die scheinbar verstreuten Teile der Geschichte aus und löst sie auf.

Es gäbe mehr, weit mehr, zu viel mehr zu sagen. Da wären zum Beispiel die 100 Seiten, die Lyra und Wills Reise in das Reich der Toten gewidmet sind; ich halte diese Seiten für die entsetzlichste Fahrt durch die Hölle, die je verfaßt worden ist. Und dann hätten wir da noch das Ende der Geschichte. Auch es bedarf 100 Seiten, um erzählt zu werden. Es sind keine leichten Seiten, aber sie stimmen zweifellos.

Denn die Kinder, die keine Kinder mehr sind, bezahlen einen hohen Preis: denn sie sind wir. Ausgewogenheit ist alles. Die Tore zur Kindheit müssen geschlossen werden, insbesondere zur Gott zerschmetternden Schlüpfrigkeit der menschlichen Kindheit. Die Dämonen müssen ihre endgültige Gestalt annehmen und ihren Menschen direkt in die Augen blicken. Denn die Welt sind wir; wir sind die Welt. Sonst gibt es nichts. Das Königreich des Himmels existiert nicht mehr. Lyra sitzt im Botanischen Garten, in jenem Oxford, in dem sie geboren wurde. Sie erkärt ihrem Dämon, daß sie sich jetzt, da sie hier sind und das Königreich nicht mehr existiert, an den Aufbau machen müssen.

»Und dann was?« sagte ihr Dämon schläfrig. »Was aufbauen?«
»Die Republik des Himmels«, sagte Lyra.
Sonst gibt es nichts.

Erstveröffentlichung in INTERZONE 163
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von David Pringle
© 2000 by John Clute • Übersetzung von Hannes Riffel

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Philip Pullman
The Amber Spyglass (2000)
Das Bernstein-Teleskop, deutsch von Wolfram Ströle (Hamburg: Carlsen, 2001) Bestellen
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