| Im noch jungen Zeitalter der Vernunft herrscht Aufbruchsstimmung. Handel und
Wissenschaft florieren, nachdem die alten Magier recht gründlich die Spuren ihres Wirkens
beseitigt haben. Der Naturforscher Tristram Flattery - der Enkel von Erasmus Flattery, der
noch über magisches Wissen verfügt haben soll - wird an den Hof von Farrland gerufen,
weil die Bestände des Königsblatts, einer Pflanze mit besonderen Heilkräften,
einzugehen drohen. Im Auftrag des uralten Königs rüstet Tristram eine Expedition aus,
die ihn bis nach Oceana führt, einem erst kürzlich entdeckten Kontinent. Die lange Reise
wird von zahlreichen geheimnisvollen Vorzeichen begleitet, bis der Naturforscher erkennt,
daß er eine besondere Bestimmung erfüllen soll. Während am heimischen Königshof
Intrigen um die Macht im Staat gesponnen werden, erweist sich Tristram als Schlüsselfigur
einer spektakulären magischen Offenbarung. Die Ausgangssituation des zweibändigen
Werkes von Sean Russell klingt ungewöhnlich interessant für einen Fantasy-Roman. Der Autor beschwört die Zeit der
großen Entdeckungsreisen des 19. Jahrhunderts herauf, als sich Vernunft und Wissenschaft
allmählich gegen erstarrte feudale und religiöse Denkmuster durchsetzten. Die Parallelen
zu Cook, Humboldt und insbesondere Charles Darwin - dessen Großvater ebenfalls Erasmus
hieß - sind unübersehbar. Doch dann kippt die sorgsam vorbereitete Stimmung im zweiten
Band um. Plötzlich geht es nur noch um verwickelte höfische Intrigen und die
geheimnisvolle Vorbereitung einer magischen Beschwörung. Am Ende muß der Protagonist
seine wissenschaftliche Bildung aufgeben und wird zum Magier wider Willen. Die Frage, was
es mit dem Königsblatt auf sich hat, wird genauso wie alle anderen Rätsel mit
nichtssagenden Erklärungen abgefertigt. Ist eben alles Magie!
Angesichts der durchaus intelligent eingeleiteten Geschichte muß die Frage berechtigt
sein, was der Autor uns damit sagen will. Natürlich ist Kritik an allzu reiner Vernunft
und Wissenschaft erlaubt, aber magische Wunscherfüllungsphantasien sind als Alternative
einfach zu billig. Die Möglichkeit einer Synthese von Vernunft und Zauberei wird
bestenfalls angedeutet. Die Geschichte funktioniert weder als Plädoyer für mehr
Phantasie noch als Schmöker, der einfach nur unterhalten soll. Sean Russell muß sich den
Vorwurf gefallen lassen, daß er entweder einer irrationalen Wissenschaftsfeindlichkeit
anhängt oder daß ihm auf halber Strecke die Ideen ausgegangen sind, worauf er in
simpelste Fantasy-Klischees abgerutscht ist. Schade.
Bernhard Kempen ALIEN CONTACT |
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