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| Science Fiction > SF Personality > Cordwainer Smith Biographie | Instrumentalität der Menschheit |
| 1950 erschien in
dem unbedeutenden und kurzlebigen Science-Fiction-Magazin
FANTASY BOOK eine Erzählung, die die
Science-Fiction-Freunde aufhorchen ließ: »Seher
leben vergeblich«. Niemand im amerikanischen SF-Ghetto hatte je von Cordwainer Smith gehört oder
gelesen - ein Pseudonym? Henry Kuttner war bekannt für sein Versteckspiel mit Namen, die
straffe Organisation der Seher durfte man einem Robert Heinlein zutrauen, A. E. van Vogt schuf
ähnlich farbenprächtige Welten ... Wer war Cordwainer Smith? Frederik Pohl, seines Zeichens Autor und Herausgeber, setzte sich auf die Spur des Unbekannten. Eine neue Anthologie bot die beste Gelegenheit, das Inkognito aufzudecken: irgendwie mußte dieser Mr. C. Smith ja den Vertrag unterzeichnen ... Pohl irrte. Forrest J. Ackerman wickelte als literarischer Agent die Angelegenheit ab. Der große Unbekannte blieb im Dunkel. Mied im Gegensatz zu anderen SF-Autoren die jährlichen Fan-Treffen. Schickte - weniger häufig als andere SF-Autoren - eine seiner ungewöhnlichen, von Ideen übersprudelnden, verwirrenden Stories an das eine oder andere SF-Magazin. Und dann, nach einem Jahrzehnt, hatte ihn Pohl, nunmehr Herausgeber von GALAXY, endlich an der Leitung: »Mr. Pohl? Ich bin Paul Linebarger.« Stanislaw Lem, der sich durch die Hirsebreiberge amerikanischer Science Fiction löffelte, weigert sich, Linebargers Werk als SF einzuordnen: »Die Erzählungen von Smith sind szientifisch illustrierte Märchen, die auf hehren traditionellen Motiven aufgebaut sind...« (Phantastik und Futurologie Band I, S. 380). Wer soll das auch glauben: Roboterpolizisten mit dem tiefgefrorenen Gehirn eines alten Wolfes, Katsen, Katzen, Katzenmädchen, Menschen zu Bergen wuchernd, Habermänner. Ist das noch Science? - Oder nicht eher die Ausgeburt eines kranken Hirnes? Vielleicht war Linebarger tatsächlich Psychopath? Die Gerüchte im Ghetto jedenfalls wollten nicht verstummen: Linebarger, Professor asiatischer Politik an der John-Hopkins-Universität in Baltimore/MD, Regierungsberater Kennedys, könnte in Behandlung gewesen sein. Damals in seinen jungen Jahren. Der lange Essay »Die düsengetriebene Couch« des Psychoanalytikers und Gefängnispsychologen Robert Lindner könnte von ihm handeln. Lindners Patient hatte eine unerträgliche Kindheit, eine unerträgliche Jugend. Er floh in ein kompliziertes Space-Opera-Universum, mit Raumschiffen und allem, was dazu gehört. - Das ist nichts Ungewöhnliches. Doch was für Heranwachsende bloßer Tagtraum ist, wurde für Lindners Patienten zur Realität: Er glaubte, daß er immer wieder in sein Universum versetzt würde und dort der Herrscher eines Planeten sei. Lindner kurierte ihn, indem er vorgab, ihm in seine Welt zu folgen - eine Welt, so lebensprall und bizarr, daß sie für Lindner selbst zur Gefahr wurde. Selbstverständlich enthüllt Lindner den Namen seines Patienten nicht. Aber was aus Linebargers Biographie bekannt ist, scheint zu passen. Hat er nicht bereits mit fünfzehn Jahren seine erste SF-Geschichte »War No. 81-Q« in einer Schulzeitschrift veröffentlicht? Ähneln die Wahngebilde von Lindners Patienten nicht dem Universum der Instrumentalität? - Sollte man nicht also in den Machtphantasien, Fluchtphantasien, sexuellen Phantasien von Lindners Patienten den Kern des Linebarger-Universums erblicken, aus dem sich mit den Jahren alles entwickelte? Cordwainer-Smith-Spezialisten bezweifeln es. Linebargers Leben war »verrückt« genug. Wir kommen, wenn wir wollen, auch ohne Lindners Couch aus. Paul Anthony Myron Linebarger wurde am 11. Juli 1913 in Milwaukee geboren. Sein Vater, ein pensionierter Richter und strenggläubiger anglikanischer Christ, war oft in politischer Mission unterwegs. Beispielsweise beriet er Sun Yatsen, den ersten Präsidenten der Republik China, in juristischen Angelegenheiten. Sun Yatsen wurde Patenonkel Paul Linebargers - Lin Bah Loh, »Wald des strahlenden Glücks«, nannte er ihn. China, Japan, Frankreich, Deutschland. Neben Englisch und Chinesisch lernte Linebarger vier weitere Sprachen. Er las viel: Verne, Wells, Doyle, auch Alfred Döblins »Berge, Meere und Giganten« - selbstverständlich in der Originalsprache. An der John-Hopkins-Universität studierte er Politikwissenschaften. Mit dreiundzwanzig erhielt er den Doktortitel. Als der zweite Weltkrieg ausbrach, saß Linebarger im »Operations Planning and Intelligence Board«. Dort arbeitete er die Spezifikationen für eine Aufklärungsoperation in China aus: Anforderungen, die keiner der Offiziere erfüllte - außer eben er selbst. Tschungking. Der verdeckte und der offene Kampf gegen die Japaner. Psychologische Kriegsführung wurde sein Metier; er hat ein Lehrbuch darüber geschrieben. Die Generäle im Pentagon wußten, welchen Asienexperten sie in Colonel Linebarger, Dr. Linebarger hatten. Der Kolonialkrieg der Briten in Malaya, der Koreakrieg - Linebarger, halb blind und von notorisch schlechter Gesundheit, war als Berater dabei. Ein stiller Amerikaner ... Erst mit dem Vietnamkrieg änderte sich seine Einstellung: er lehnte die amerikanische Aggression ab. Das ist der eine Linebarger, der Colonel und Professor. 1966 starb er an Herzschlag. Der andere, der in der Rolle eines Anthony Bearden, eines Felix C. Forrest, eines Charmichael Smith und letztlich eines Cordwainer Smith schlüpfte, der andere lebt fort. Als Anthony Bearden veröffentliche er in Zeitschriften eine Anzahl Gedichte. Als Felix C. Forrest, einem Wortspiel mit dem Namen, den Sun Yatsen ihm gab, schrieb er während der Operation in China zwei psychologische Romane, »Ria« und »Carola«, die sich durch eine gelungene weibliche Personensicht auszeichnen. Als Charmichael Smith publizierte er 1949 einen Spionagethriller »Atomsk: a Novel of Suspense«. Als Cordwainer Smith, soweit waren wir schon, ab 1950 Science Fiction. Vier Bände sind es im ganzen geworden. Vier Bände, die - abgesehen von lediglich fünf Kurzgeschichten - in einundderselben Welt spielen, der Welt der »Instrumentalität der Menschheit«. Seit den vierziger Jahren, seit Heinleins frühen Erzählungen, seit Asimovs Foundation-Trilogie gibt es für diese Art von SF-Zyklen eine Bezeichnung: future history, Geschichte der Zukunft. John J. Pierce, der beste Cordwainer-Smith-Kenner, hat die losen Fäden, die aus jeder der Erzählungen und aus dem Roman Norstrilia heraushängen, aufgegriffen und soweit möglich verknüpft. Seiner Rekonstruktion zufolge spannen sich Linebargers Visionen über die nächsten 14.000 Jahre. »Seher leben vergeblich« und »Die Frau, die mit der Seele segelte«, beide spielen im Jahr 6000, stehen fast am Anfang dieses Zyklus. Vorher ist die irdische Zivilisation in Krieg und Krisen vergangen, die echten Menschen haben sich in isolierte Städte zurückgezogen, Monster und umherirrende Kriegsmaschinen haben jahrhundertelang die Erdoberfläche beherrscht. Doch die Menschheit gewinnt ihre Kraft zurück; die Instrumentalität errichtet ihr subtiles und allumgreifendes Regime. Raumschiffe mit gigantischen Sonnensegeln erkunden das feindliche Up-and-out. Menschen besiedeln entfernte Planeten, darunter Altnordaustralien, Norstrilien, eine Welt, auf der kranke Schafe die lebensverlängernde Droge Stroon absondern. Um das Jahr 9000, als Magno Taliano, der Go-Kapitän der Wu-Feinstein, sein Gehirn opfert (»The Burning of the Brain«), ist eine neue Art der Raumfahrt, das Planoforming durch den Raum2, erfunden worden. Tausende von Welten werden nun kolonisiert, und die Menschen passen sich selbst an so bizarre Umweltbedingungen an, wie sie nahe des veilchenblauen Sterns, Viola Siderea oder auf dem krebserzeugenden Planeten Arachosia herrschen. Die Instrumentalität hat ihr Ziel erreicht: ein stabiles Utopia. Roboter erledigen den Großteil der Arbeit. Wo sie versagen, springen Untermenschen, aus Tieren gezüchtete vernunftbegabte Wesen, ein. »Verbrechen und Ruhm des Kommandanten Suzdal«, etwa im Jahr 13000 handelnd, zeigt die Gefahren, die der Menschheit durch potentielle Rivalen entstehen, und - eher nebenbei - die skrupellosen Methoden, mit denen die Instrumentalität diese Gefahren abwehrt und die geschützte Menschheit in einem Zustand fortwährenden Glücks erhält. Doch die hedonistische Utopie der Instrumentalität verkommt, nur auf beschwerlichen Welten wie Norstrilien bleiben die Menschen aktiv, auf der Erde bilden sie eine glückselig ihre vierhundert Lebensjahre abdämmernde Statistenmasse. Wahres Menschentum verkörpern nun die in Dreck, Not und Schmerz dahinvegetierenden, rechtlosen Tiermenschen. Verzweifelt kämpfen sie gegen die Instrumentalität um ihre Gleichberechtigung. Im Jahre 16000, als Mutter Hitton den Angriff Benjacomins abwehrt (»Mother Hitton's Littul Kittons«) und das Strafgefangenenlager auf dem Höllenplaneten Shayol (»A Planet Named Shayol«) aufgelöst wird, sind die Untermenschen mit ihren Emanzipationsbestrebungen dank K'Mell und Lord Jestocost ein gutes Stück vorangekommen. Etwa zur gleichen Zeit entläßt die Instrumentalität die echten Menschen aus ihrer Utopie, damit sie wieder zu leben - und das heißt auch zu leiden, zu kämpfen, zu sterben - lernen. Linebarger alias Smith ist am Ende angelangt, auch seine beiden Romane bringen keine Lösung des schwelenden Konflikts zwischen Untermenschen und Instrumentalität. Woher rührt nun die Idee der Instrumentalität? Ist sie lediglich eine der für die frühe amerikanische SF typische Machtphantasie, etwa im Gefolge der »Lensmen« von E.E. Smith? Oder ist sie lediglich die (n+1)ste Version des Wellsschen Weltstaates, der perfekten Technokratie, deren antiutopisches Potential bereits Huxley in dem Roman Schöne Neue Welt aufgedeckt hat? Ein wenig ähneln ja die Lords und Ladies der Instrumentalität den Huxleyschen Weltkontrolleuren. - Ein wenig ähneln die Lords und Ladies der Instrumentalität allerdings auch Zeit- und Berufsgenossen von Linebarger Nummer 1, dem Colonel und Professor! Mitarbeitern von »Diensten« (seien es diplomatische oder andere), die glauben, die Welt im Griff zu haben, nach eigenem Gutdünken schalten und walten, das Geschick von Staaten und Völkern lenken zu können, allenfalls dem State Department zu Rechenschaft verpflichtet. Wäre es übertrieben, wenn wir hier Parallelen ziehen? Zwischen der dahindämmernden Masse der langlebigen echten Menschen und der wohlstandsgeschädigten, politisch inaktiven »schweigenden Mehrheit«? Zwischen den entrechteten, gepeinigten, doch vitalen, aus dutzenderlei Tierarten gebildeten Untermenschen und den Völkern, die Linebarger 1 auf asiatischer Mission kennenlernte? Seltsam nur: Wo Linebarger intellektuell Ziele und Methoden der Instrumentalität zumindest teilweise rechtfertigt, gilt seine Sympathie eindeutig den Untermenschen und ihrem Kampf. Mit dem monströsen Wort »Instrumentalität« haben wir geringere Probleme. Seine Herkunft läßt sich einigermaßen sicher zurückverfolgen. Linebarger wurde christlich, als Glied der anglikanischen Hochkirche erzogen. Und die anglikanische Hochkirche faßt sich selbst als »Instrumentality of God«, als Instrumentalität, Instrument, Werkzeug Gottes auf. Linebargers Instrumentalität ist ein Werkzeug der Menschheit (oder sollte es zumindest sein); ihre Aufgabe ist es, die Menschheit zu schützen und zu bewahren und - auf Erden, nicht im Jenseits - Glückseligkeit für die Menschen zu erreichen. Dazu gehört die Abwehr von außerirdischen Aggressoren genauso wie die Beseitigung aller Krankheiten, die Abschaffung jeden Leides, jedweden Übels. Nur zu gut gelingt dies den Lords und Ladies. Sie sind nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel. Stroon verlängert das Leben der Menschen; Glück wird, wenn nötig, durch Drogen und Elektrostimulation hervorgerufen. Politische Konflikte und Kriege werden abgeschafft - um den Preis einer nahezu totalen Entmündigung der Menschen. Zeitungen, Nachrichten, alle Massenkommunikation sind der Instrumentalität vorbehalten. Öffentliche Meinung, sofern nicht von der Instrumentalität genehmigt, ist verboten, Geschichte tabuisiert, ein Geheimnis der Instrumentalität. Wessen Meinung abweicht, wer Unerlaubtes begeht oder auch nur von tabuisierten Dingen weiß, dem wird das Gehirn gewaschen. Nicht nach den rüden Methoden aus der Zeit des kalten Krieges, sondern durch sanften telepathischen Eingriff. Ist dies noch eine Utopie? Linebargers Tonfall bleibt neutral. Auch wandelt sich das Bild der Gesellschaft, der Machtelite und ihres offenen oder verdeckten Wirkens von Erzählung zu Erzählung, von Jahrtausend zu Jahrtausend. Skrupellos wohlwollend ist sie immer, und sie bleibt ihren eigenen Satzungen treu. Aber gerade die besten Absichten, fanatisch durchgesetzt, können die schlimmsten Folgen haben ... Erst sehr spät, nach Pierces Chronologie im Jahr 15000, erkennen die Lords und Ladies den Wert von Leid und Schmerz, Krankheit und Tod (»Under Old Earth«). Es ist Linebargers letzte Schaffensphase. Linebarger schöpft Mythen. Das ist es, was sein Universum vor manch anderem SF-Universum auszeichnet, seine Stärke, seine Kraft. Christliche Anklänge finden sich da, das Zeichen des Fisches, das die Untermenschen in den Katakomben von Deepdown-deepdown austauschen, und ihre Sehnsucht nach Erlösung oder das pseudoreligiöse Ritual der Seher oder das Dantesche Fegefeuer Shayols. Aber auch Einflüsse antiken Schicksalsdenkens blitzen vielerorts auf, buddhistische und taoistische Motive. Linebarger knüpft an uralte mythologische Figuren an: Tiere, die zugleich Menschen, und Menschen, die zugleich Tiere sind; Tote, deren Geist (auf Roboter übertragen) zu uns spricht. Und er erfindet neue mythologische Figuren: Mensch-Maschinen, deren Körper und Geist getrennt wurden, Habermänner. Jungsche Archetypen, vom Weisen Alten bis zum Göttlichen Kind, begegnen uns in manchem seiner Werke. Legendenhaft - auf halbem Wege zum Mythos - sind viele seiner Geschichten, etwa die vom Katzenmädchen K'Mell oder vom Kommandanten Suzdal. Mythos beruht auf Sprache, mythein, altgriechisch, heißt erzählen. Linebargers Sprache ist den Bildern angemessen, die sie beschwört. Nicht zuletzt dank der fernöstlichen Einflüsse: chinesischen Wortbildungsmustern wie in up-and-out, oder einer Erzählerstimme, die wie aus weiter Ferne berichtet und doch plötzlich ganz nahe an das Geschehen herangeht. Zeremonielle Anreden wie »Mister and Owner«, Binnenreime und Wiederholungen - typisch auch für europäische Märchen - bringen Farbe und Klang in den Text, erzeugen oft Einstimmung und Erwartung. Mythos schließt Erklärung aus: In seinen besten Erzählungen erklärt Linebarger wenig, allenfalls das Nötigste; er springt in die Handlung, ruft Umstände, Vorgeschichte auf, als seien sie altvertraut. Ein zusätzliches Spannungsmoment, weil der Leser raten muß, auf Aufklärung im Kontext hofft. Aber nicht alles läßt sich entschlüsseln, manche Andeutung zielt ins Irgendwo, in einen Teil des gewalttätigen und gnadenvollen Linebarger-Universums, den wir nicht kennen. Den Linebarger nicht mehr vollenden konnte. Der vielleicht die tieferen Schichten der uns entrückten - »verrückten« - Bilderwelt Linebargers berührt. Auch das gehört zum Mythos: der Rest des rational nicht Entschlüsselbaren. ALIEN CONTACT 16 |
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