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| Leo hat krumme Beine, eine zu groß geratene Nase und »so viele Kurven wie
eine Coladose«. Obendrein ist die Vierzehnjährige zu klein für ihr Alter und ein
Scheidungskind. Dennoch hat sie uns allen etwas voraus - Leo kann wahrhaftig von sich
behaupten, eine Bewohnerin des sogenannten Global Village zu sein. Die olivgrüne Haut
verdankt sie ihrer philippinisch-italienisch-amerikanischen Abstammung. Aufmüpfig
gegenüber ihren Lehrern und von fast allen Mitschülern gemieden, hat sie 17 verschiedene
Schulen auf der ganzen Welt besucht. Im Apeiron, einer virtuellen Spielwelt ungeahnten
Ausmaßes, hat Leo bereits Abenteuer in allen Teilen der Erde und in jedem Zeitalter
erlebt - zusammen mit Bri, einem Klassenkameraden, mit dem sie in der realen Welt
Gemeinheiten austauschte, der jedoch im Apeiron ihr engster Freund wurde. Denn dort ist
Leo nicht sie selbst, sondern der Irenkönig Fergus und hat Zugriff auf allerlei
technische Spielereien. Übermütig geworden erleidet Leo mit ihrem Kampfjet einen Unfall in der Nähe eines Klosters und trifft dort auf den Mönch Fra Umberto, der vorgibt, weder ein Spieler noch eine Figur des Apeiron zu sein. Er berichtet ihr vom Dløn, einem virtuellen Universum, das unablässig Daten aus dem Apeiron verschluckt. Dahin ist auch Bri verschwunden. Leo kann ihren Freund von dort befreien, doch dazu muss sie das Dløn als die Person betreten, die sie auch in der Realität ist. Mit all ihren Schwächen und Schönheitsfehlern und begleitet von Fra Umberto tritt Leo die Reise an - ohne Garantie, jemals von dort zurückkehren zu können. An dem, was sie im Dløn erlebt, werden nur jene Leser keine Freude haben, für die ein Roman möglichst schnell einen roten Faden entwickeln und diesen bis zum Schluss straff gespannt halten muss. Alle anderen werden sich rasch von Tangherlinis unkonventionellem Erzählstil verführen lassen. Was eben noch wie ein neuer Handlungsstrang aussah, wird im nächsten Kapitel zum bloßen Auftakt für größere Abenteuer. Scheinbar kleine Episoden entwickeln sich kurze Zeit später zu Schlüsselszenen und beiläufige Bemerkungen zu entscheidenden Hinweisen. Um diese Welt zu formen, bedient sich der Autor etlicher Leihgaben aus Weltgeschichte, klassischer Literatur und der Mythologie unterschiedlichster Kulturen. Dennoch findet der Roman stets zu seiner Hauptfigur zurück, auf die in jedem noch so bizarren Szenario immer auch eine Begegnung mit etwas allzu Vertrautem wartet - der eigenen Vergangenheit, die in ihrem Kielwasser alle Feindschaften und Verfehlungen, Ängste und Abschiede sowie ungeheilte Verletzungen und ungeklärte Fragen mit sich bringt. Was als Suche nach einem Freund begann, entwickelt sich so zu einer Reise ins Ich. Nach jeder Episode ist der Leser eingeladen, sich zu fragen, was ihm selbst wohl im Dløn begegnen würde. Auf diese Weise lehrt uns Tief im Netz eine Lektion, die im krassen Gegensatz zu den Weltentwürfen anderer Cyberpunk-Autoren steht: Was immer der Cyberspace für Überraschungen bereithalten mag, das größte und gefährlichste Abenteuer wird auch in der virtuellen Realität die Auseinandersetzung mit uns selbst sein. Gerne hätte der Rezensent dazu aufgerufen, nach weiteren Büchern Tangherlinis Ausschau zu halten. Leider verstarb der Autor 1998 im Alter von 38 Jahren. Tief im Netz, das drei Wochen nach seinem Tod einen Verlag fand, ist sein einziger Roman. Gregor Jungheim ALIEN CONTACT |
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