ALIEN CONTACT
Gemeinsam mit Connie Willis träumen Folge 7 • ALIEN CONTACT 44

Connie Willis

Die Farben der Zeit

To Say Nothing of the Dog • 1998

Science Fiction > Alien Contact
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Auf den ersten Blick liest sich Die Farben der Zeit wie eine unmäßig erweiterte Fassung einer der urkomischen Reden, die Connie Willis seit Jahren auf unterschiedlichsten Feierlichkeiten der Science-Fiction-Gemeinde hält. (Die letzte, der dieser Rezensent persönlich beigewohnt hat, fand 1996 anläßlich der Hugo-Preisverleihung im kalifornischen Anaheim statt und war eine großartige Zurschaustellung von Humor, Schalk und Spannung, alles perfekt aufeinander abgestimmt.) Aber ein Roman ist keine Rede, und ein Romancier ist kein Redner; und wenn dieses Buch nicht mehr wäre als eine Parodie mit Elephantiasis, dann müßte man sagen, daß Connie Willis hier, auf der labyrinthischen, endlosen Geröllhalde eines sich verselbständigenden Scherzes, die Kontrolle über ihren Stoff verloren hat.

Und sogar auf den zweiten Blick, sogar nach ungefähr einer Woche, in der die Tugenden von Die Farben der Zeit langsam vor dem inneren Auge zur Ruhe gekommen sind, muß man zugeben, daß es hier einige Probleme gibt. An der Oberfläche der Handlung passiert schrecklich viel. Auf den zugrundeliegenden Handlungsfaden wird dagegen zu wenig geachtet; er wird immer nur periodisch aufgenommen und nach links gestrickt. Und trotz der Anwesenheit eines Butlers, der Marx liest, ist Willis’ Vision des spätviktorianischen England des Jahres 1888 -- Ort und Zeitpunkt des größten Teils dieser Zeitreisegeschichte -- von fast tödlicher Harmlosigkeit.

Ein Blick auf das Buch aus dem Jahre 1889, dessen Untertitel Willis zum Titel ihres Romans gemacht hat -- Three Men in a Boat (To Say Nothing of the Dog) von Jerome K. Jerome -- kann hier vielleicht weiterhelfen. Wie andere humoristische Autoren, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfolgreich waren -- ein Aufgebot, das R. Andom, F. Anstey, Barry Pain und (gerade noch) P. G. Wodehouse umfaßt --, ist Jeromes Momentaufnahme der Blüte und des scheinbar zufriedenen ländlichen Reiches von Südengland alles andere als klar umrissen. Zunächst gehörte keiner der genannten Autoren wirklich zu der in Geruhsamkeit lebenden Mittelklasse-Welt, die sie mit so leichter Hand beschrieben. Und die Welt, in die sie ihre Figuren setzen -- sowohl Drei Männer in einem Boot als auch Willis’ Buch spielen auf der Themse und im Themsetal zwischen Oxford und London -- existierte 1888 so nicht mehr, falls sie überhaupt jemals existierte. Jerome und seine Kohorte waren Emporkömmlinge innerhalb bestehender Verhältnisse, die bereits im Niedergang begriffen waren, und sie spürten durchaus, daß sie zu spät gekommen waren. Ihre humoristischen Romane sind vom gedämpften Groll aufstrebender Menschen erfüllt, die in eine Party hineinplatzen, auf der das Essen längst kalt ist. Gleichzeitig strömen sie eine verwirrte, wenn auch manchmal wortgewandte Sehnsucht nach einer Welt aus, die ihnen einerseits zuwider ist, nach der sie sich andererseits aber auch sehnen -- und die jedoch bereits vergangen ist.

1888 -- Objekt des Grolls und der Begierde

Die Vorspiegelung universitärer Trägheit, die für einen Großteil des Humors in Drei Männer verantwortlich zeichnet, ist genau das: eine Vorspiegelung. Jerome und seine Kohorte waren äußerst hart arbeitende Lohnschreiber. Die Trägkeit der drei Männer in ihrem Boot ist ein Traum. Und indem Connie Willis ihre Zeitreisenden aus dem Jahr 2058 in dieses träge, traumähnliche, verhaßte 1888 versetzt, erwartet sie eine ganze Menge von uns. Sie erwartet von uns, das wir ihren Traum teilen.

Und Wunder über Wunder, wir tun es.

Schließlich sind Zeitreisen ein grundlegendes Element typisch englischer Sehnsucht. Und Willis’ Truppe -- die dasselbe Post-Doomsday-Oxford bewohnt, das auch ihren ersten Zeitreiseroman Die Jahre des schwarzen Todes (1992) einrahmt -- ist auf 1888 wirklich gut vorbereitet. Der Protagonist ist gemeinsam mit einer Kollegin, in die er sich bereitwillig verliebt, im Rahmen eines Projektes dorthin geschickt worden, dessen Hauptaufgabe darin besteht, des Bischofs Vogeltränke zu bergen -- eine viktorianische Monstrosität, in die man Blumen hineinsteckt --, die aus komplizierten Gründen benötigt wird, um das Dekor der wiedererrichteten Kathedrale von Coventry (die jetzt in Oxford steht) zu vervollständigen. Die Vogeltränke stand bis zum deutschen Angriff, bei dem die Kathedrale zerstört wurde, im ursprünglichen Gebäude; damals fiel die Vogeltränke aus der Zeit heraus.

Die eigentlichen Geheimnisse der Zeit

Um diese zentrale Idee herum wird der Handlungsfaden immer verwickelter und schlängelt sich die Themse hinunter wie Traum-Toffee, das man nie in einem Stück in den Mund bekommt. Und bevor der Roman zu Ende ist, erfahren wir, das eine Vielzahl falscher Bäume angebellt wurde. Ein geheimnisvoller Vorgang, der immer wieder korrigierend eingreift, ist tief unter den eigentlichen Geheimnissen der Zeit verborgen. Er hat die Ereignisse zu einer vollkommen unerwarteten Gestalt verdreht, und die eher beiläufigen Krisen -- das Verlieren und Wiederfinden einer kleinen Katze, die Liebesflucht einer verzogenen Tochter aus der Mittelklasse mit dem Marx zitierenden Butler und dergleichen mehr -- erweisen sich letztlich als Nebelschwaden, die bei heftigem Sturm von zerstäubtem Wasser gebildet werden.

Aber eben dieser Nebel ist es, in den wir uns verlieben, während wir uns auf dem Weg durch die Zeit an Die Farben der Zeit erinnern. Willis’ Stil hat mit dem von Jerome eigentlich nur wenig gemeinsam, denn er ist ein trügerisch präziser Autor, und ein Großteil des Vergnügens an Drei Männer in einem Boot besteht darin, herauszufinden, wie scheinbare Abschweifungen -- die manchmal fast so ausgeklügelt wie in Tristram Shandy sind -- in die Hauptantriebswelle der Erzählung einrasten. Die Farben der Zeit ähnelt hinsichtlich der Kulissen, der Figuren und der ungezuckerten Süßigkeit der Sehnsucht weit mehr einer Geschichte von P. G. Wodehouse, bei der die Halteseile losgebunden sind.

Am Ende wissen wir, daß sie unwahr ist. Wir wissen, daß die Autoren, die uns mit Visionen eines paradiesischen 1888 beruhigen, selbst nie dort gelebt haben. All das wissen wir. Wir wissen, daß es im Paradies immer einen Ripper gibt. Aber wir wissen auch, daß es ein Privileg ist, zu träumen.

Wie Jeeves schenkt uns auch Connie Willis einen Traum, für eine Weile, ohne Jack.

Erstveröffentlichung im Internetmagazin SCIENCE FICTION WEEKLY #58
als 9. Folge der Kolumne »Excessive Candour« • www.scifi.com/sfw/issue59/excess.html
© 2002 by John Clute mit freundlicher Genehmigung des Autors • Übersetzung © 2002 by Hannes Riffel

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• Ausgezeichnet mit dem Kurd Laßwitz Preis in der Kategorie »Bestes ausländisches Werk 2001«
• Ausgezeichnet mit dem Kurd Laßwitz Preis in der Kategorie »Beste Übersetzung 2001« (Christian Lautenschlag)
Kurd Laßwitz Preis
Originalausgabe:
Connie Willis, To Say Nothing of the Dog
(New York: Bantam Spectra, 1998)
lieferbare englische Ausgabe:
Connie Willis, To Say Nothing of the Dog
(New York: Bantam Spectra, 1999) 0-553-57538-4 Bestellen
dt. Erstausgabe:
Connie Willis, Die Farben der Zeit
(München: Heyne, 2001) [06/6379] 3-453-18783-0 Bestellen
deutsch von Christian Lautenschlag, 718 Seiten
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