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Roger MacBride Allen

Der Ozean der Jahre

The Ocean of Years • 2002

Science Fiction > Alien Contact
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Roger MacBride Allen legt mit Der Ozean der Jahre den Mittelteil einer umfangreichen Trilogie vor. Der erste Band Die Tiefen der Zeit erschien im Jahr 2002 bei Heyne, der letzte Teil soll unter dem aufschlussreichen Titel The Shores of Tomorrow 2005 zumindest im Orginal erscheinen. In Deutschland wurde MacBride Allen in erster Linie durch seine »Corellia«- Trilogie bekannt, die im Star-Wars-Universum spielt, doch schon seine ersten Romane wussten durch eine Mischung aus Hard Science und packenden Abenteuerstoffen zu überzeugen. Nur der etwas ruhigere Roman Die Waisen der Schöpfung sticht aus seinem bisherigen Werk deutlich heraus. Das sich die Star-Wars-Abenteuer am besten verkauft haben, steht außer Frage, und wie Roger MacBride Allen in verschiedenen Interviews zugegeben hat, lehnt man ein solches Angebot (ein »unmoralisches Angebot« für ernsthafte Autor?) nicht ab*.

Mit Der Ozean der Jahre kehrt der Autor an die Schauplätze von Die Tiefen der Zeit zurück. Im Rückblick muß man den ersten Band als umfangreiche Einführung in den orginellen, wenn auch nicht einfachen Kosmos verstehen. Nach dem abrupten Ende (das über mehr als 100 Seiten angedeutet worden ist und plötzlich ciffhangerartig vor dem Leser aufragt) blieb nur die Wartezeit auf den zweiten Teil. Dabei ist es wichtig, im Rahmen der Rezension die wichtigsten Elemente dieser Welt noch einmal darzulegen: Im Jahr 5211 hat sich die Menschheit im Weltall ausgebreitet. Überlichtschnelle Raumfahrt wurde nicht entwickelt, und so bräuchten die Erforscher des Weltraums oft Generation, um die fernen Sterne zu erreichen. Die Lösung dieses Problems liegt in Wurmlöchern, die einen wichtigen Teil des interstellaren Transportsystems darstellen. Raumschiffe können diese Einbahnstraße (nur immer aus einer Richtung darf ein Wurmloch angeflogen werden) wie eine Zeitmaschine nutzen. Entweder werden sie in die Vergangenheit transportiert und erreichen nach dem Durchflug innerhalb kurzer Zeit ihre Bestimmungsorte (obwohl für die im Tiefschlaf befindlichen Besatzungsmitglieder und Passagiere sehr viel mehr Zeit vergangen ist), oder die Patrouillenschiffe der Chronologischen Patrouille können in die Zukunft vorstoßen. Sie sollen verhindern, dass mit wichtigen Daten die Vergangenheit manipuliert werden kann.

Im Mittelpunkt des ersten Buches steht Anton Koffield, dessen Schiff von fremden Roboterschiffen angegriffen wird und der voller Verzweiflung einen Eingang in das Wurmloch sprengt. Dafür muß er sich vor Gericht verantworten und wird degradiert. Der Terraformer Oskar DeSilvo gibt dem Aussätzigen einen neuen Job, bis Koffield herausfindet, dass DeSilvos Vergangenheit voller dunkler Flecken ist. Auf dem Planeten Solace war er für eine Katastrophe verantwortlicht, und Koffield macht sich auf den Weg zu dieser Welt (und 120 Jahre in die Zukunft - mit Hilfe der Wurmlöcher). Der erste Roman schließt mit der Entdeckung von deSilvos letzter Ruhestätte, doch es findet sich keine Spur von einer Leiche. Nur orakelhafte Hinweise treiben Koffield weiter an.

Diesen Hinweisen folgt er zu Beginn des zweiten Romans, und mit Hilfe von zwei neuen Freunden und der Unterstützung der Regierung Solaces macht er sich auf den Rückflug ins Sonnensystem. Dabei untersuchen sie ein unglaublich komplexes Wissensarchiv in der Umlaufbahn des Jupiter, landen auf der inzwischen größtenteils verlassenen Erde und finden schließlich auf dem verstrahlten Mars einen Schlüssel, der auf eine gänzlich andere Rolle deSilvos in diesem interstellaren Spiel hinweist.

Der Leser sollte auf jeden Fall die ersten beiden Teile (von zwei Romanen zu sprechen verbietet sich aufgrund der inhaltlichen Dichte des Textes) in kurzem Abstand lesen. Immer wieder nimmt der Autor nicht nur Bezug auf Ereignisse des ersten Bandes, sondern im Laufe der Handlung stellt er Koffield bisheriges Leben und seine Karriere ein weiteres Mal auf den Kopf. Im ersten Buch hatte er Ehre und Rang verloren, hier muss er sich der Erkenntnis stellen, dass seine bisherige Mission ein gänzlich anderes Ziel hat, als er dachte. Dabei schildert der Autor Koffield als einen interessanten, spröden, dickköpfigen, aber im Kern ehrlichen Charakter. DeSilvo als Ziel der Queste bleibt sehr lange im Hintergrund, der Leser kann den Auswirkungen seiner Erfindungen oder vielleicht Teilen seines Masterplans folgen, doch seine wirklichen Absichten enthüllt der Autor erst in den Schlusskapiteln des zweiten Romans und verzichtet damit auf eine erneute Enttäuschung der Leser, die den ersten Roman mit hungrigem Magen zur Seite legen mussten.

Nicht nur die menschlichen Schicksale bestimmen die Handlung, auch der technische Background mit Zeitreisen als integrale Elemente des Raumfluges ist kompetent und ohne allzu trockene Monologe in die Ereignisse eingebaut. MacAllens Vision ist Stephen Baxters letzten komplexen Romanen ebenbürtig, auch wenn er anstelle philosophischer Exkurse eine handfeste und für den Leser besser nachvollziehbare Geschichte anbietet. Hinzu kommt quasi im Vorbeiflug eine kleine Abrechnung mit Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie, denn hier stellt die Besiedelung, das Terraforming des Roten Planeten, die große Schande und den großen Fehler der Menschheit dar.

Doch wie im ersten Roman liegen MacBride Allens Schwächen im Aufbau desBuches. Konnte das erste Buch mit einer flotten Raumschlacht zu Beginn und einigen Hinweisen im Mittelteil aufwarten, die in einem extrem langen und zähen offenen Ende gipfelten, so kommt es im zweiten Roman zu einem Schaufensterbummel (man blickt in die verschiedenen Auslagen und freut sich über die Waren oder bleibt neugierig einen Augenblick stehen; wenn man sich dann aber nach einer Weile umdreht, ist man überrascht, einen wie kurzen Weg man zurückgelegt hat) . Auch wenn einzelne Szenen intelligent und interessant konstruiert und geschildert sind, kommt mehr als einmal der Verdacht auf, dass die geplante Trilogie auch vollendet werden muss, und das mit Romanen mit deutlich über 400 Seiten. Es ist immer wieder überraschend, dass Pulpautoren, die nach Worten bezahlt worden sind, umfangreiche, komplexe Science-Fiction-Themen in kurze Romane packen konnten (beispielsweise E. E. Smiths Lensmen-Bücher), während heutzutage weder ein Lektor noch ein Autor natürliche Grenzen zu kennen scheint.

• Thomas Harbach • ALIEN CONTACT

Deutsche Erstausgabe
Roger MacBrideAllen, Der Ozean der Jahre
(München: Heyne, 2004) [06/6427] Bestellen
Deutsche Übersetzung von Walter Brumm, Titelbild von David Mattingly, 572 Seiten

*) siehe Roger MacBride Allen: Warum es für Anfänger nahezu unmöglich ist, Romane zu einer Medienserie zu veröffentlichen

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