ALIEN CONTACT

Roger MacBride Allen

Waisen der Schöpfung

Orphan of Creation • 1988

Science Fiction > Alien Contact
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Handlung

Als die Paläanthropologin Dr. Barbara Marchando vom Smithsonian Institute in Washington zum Thanksgiving-Fest ihre Familie im Ort Gowrie im US-Staat Mississippi besucht, entdeckt sie beim Stöbern auf dem Dachboden das 150 Jahre alte Tagebuch ihres Ahnen Zebulon Jones. Der ehemalige Sklave hatte es nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg zu einem gewissen Wohlstand gebracht und das Anwesen seines inzwischen bankrotten Sklavenhalters aufgekauft. Neben Zebulons Schilderungen des Sklavendaseins ist es vor allem eine merkwürdige Begebenheit, die Barbaras Aufmerksamkeit fesselt. Zebulon berichtet nämlich von einem Versuch, affenartige »Geschöpfe« als Sklaven einzuführen, um die Restriktionen des Menschenhandels zu umgehen. Der Versuch schlug fehl, und die mutmaßlichen Gorillas wurden im Jahr 1851 ein Stück außerhalb des alten Sklavenfriedhofs auf dem Familienanwesen verscharrt.

Die Wissenschaftlerin wittert eine historische Sensation und macht sich mit detektivischem Spürsinn auf die Suche nach den Gräbern. Die Familie, allen voran ihre Tante, die Matriarchin Josephine Smith, reagiert zunächst skeptisch, aber schließlich hatte die kleine Barbara schon als Kind seltsame Flausen im Kopf. Mit tatkräftiger Hilfe ihres Cousins Livingston Jones stößt Barbara schließlich auf das erste Skelett und ist zunächst enttäuscht, weil es sich um verhältnismäßig normale Menschenknochen zu handeln scheint - bis sie auch den ersten Schädel freilegt.

Nun erkennt Barbara, was der Leser längst ahnen konnte, daß es sich nämlich um 140 Jahre alte Exemplare des Affenmenschen Australopithecus handelt, der nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft vor etwa einer Million Jahre ausgestorben ist. Zurück in Washington präsentiert sie den Schädel von »Ambrose«, wie sie das am besten erhaltene Exemplar nennt, ihrem Chef Dr. Jeffery Grossington. Nachdem er den ersten Schock über diese Erschütterung seines paläanthropologischen Weltbildes verkraftet hat, setzten sie zusammen mit ihrem wesentlich pragmatischeren Kollegen Dr. Rupert Maxwell die Ausgrabungen fort.

Während dessen stöbert Livingston im Zeitungsarchiv der Gowrie Gazette nach Hinweisen über die Herkunft der Australopithecus-Sklaven und wird mit Hilfe des Provinzjournalisten Pete Ardley fündig. Da die Zeit drängt, wird eine Expedition nach Gabun ausgerüstet, doch dann wirft Ardley die sorgfältige Planung über den Haufen, als er überraschend einen Artikel über die sensationelle Neuigkeit veröffentlicht.

Im Dschungel von Gabun stoßen die Forscher schließlich auf den isoliert lebenden Stamm der Utani, der sich sogenannte tranka als Sklaven hält, über die in den Nachbarstämmen die wildesten Schauermärchen kursieren. Barbara kauft den Utani eine Australopithecus-Sklavin ab, die sie auf den Namen Thursday tauft.

Nachdem es der Expedition gelungen ist, ihre Entdeckung in die USA zu schmuggeln, entbrennt eine heftige öffentliche Kontroverse. Die Frage, ob die Forscher unerlaubten Menschenhandel betrieben oder einfach nur gegen die Zollvorschriften über den Import und Export lebender Tiere verstoßen haben, führt direkt zum Kern des Problems. Ist Thursday ein Mensch oder ein Tier, eine Person oder eine Sache? Was ist überhaupt ein Mensch? Ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier vielleicht geringer, als wir uns ständig einzureden versuchen?

Thursday erlernt die Gebärdensprache, doch es scheint, daß ihre Sprachfähigkeit nicht im selben Umfang wie beim homo sapiens sapiens ausgeprägt ist. Letzlich sind es gerade diese feinen Unterschiede, die unser Selbstverständnis als Menschen auf eine harte Probe stellen. Schließlich greift Barbara zu einer drastischen Maßnahme, um die Streitfrage ein für alle Mal zu klären.

Kritik

Waisen der Schöpfung ist der dritte Roman des Science-Fiction-Autors Roger MacBride Allen (*1957), der hierzulande zunächst nur durch die Corellia-Trilogie (1995) aus dem Star-Wars-Universum und die Caliban-Romane (1993-96) nach den Robotergeschichten von Isaac Asimov bekannt wurde, bis vor kurzem auch sein SF-Zyklus Die heimgesuchte Erde erschien. Daß es zehn Jahre dauerte, bis Orphan of Creation auch in einer deutschen Ausgabe vorliegt, hängt zweifellos mit dem gegenwärtigen Boom der »Missing-Link«-Geschichten à la John Darntons Neandertal (Neanderthal • 1996) oder Michael Bishops Das Herz eines Helden (Ancient of Days • 1995) zusammen. Gleichzeitig erinnert die Grundstruktur von Allens Roman an Michael Crichtons DinoPark (Jurassic Park • 1990), der jedoch zwei Jahre nach Orphan of Creation erschien.

Im Unterschied zu Neandertal und DinoPark eignet sich dieser Roman in keiner Weise für eine spektakuläre Hollywood-Verfilmung - es sei denn, der Autor wäre mit einer sehr freien Drehbuchumsetzung einverstanden. Das Problem beginnt bereits mit der Hauptfigur, die nicht nur eine Frau, sondern obendrein eine Schwarze ist. Ob Whoopi Goldberg in dieser Rolle überzeugen könnte, ist fraglich. Würde sich ein möglicher Filmproduzent entscheiden, die Hauptrolle statt dessen mit einem publikumstauglichen jungen weißen Schauspieler zu ersetzen, könnte er gleich eine völlig neue Geschichte schreiben lassen und sich das Geld für die Rechte an diesem Roman sparen. Man gewinnt beinahe den Eindruck, der Autor hätte absichtlich alles darangesetzt, um das Buch so unverfilmbar wie möglich zu machen.

Und vor allem hat er keine simple Horror- oder Abenteuergeschichte geschrieben, sondern beste Science Fiction, wenn er mit der Konfrontation zwischen Mensch und Nicht-Mensch oder Noch-nicht-ganz-Mensch direkt auf die Kernfrage der Science Fiction und der Philosophie zielt. Im Gegensatz zu anderen Autoren, die diese Problematik lediglich andeuten, spricht Allen klar aus, welche Konsequenzen eine solche Begegnung der dritten Art für unser menschliches Selbstverständnis hat oder hätte. Eine ähnliche Thematik hat Allen übrigens in seinem Roman The Modular Man (1992) aufgegriffen, in dem ein Roboter des Mordes angeklagt wird, bis sich herausstellt, daß in diesem Fall Täter und Opfer identisch sind, weil der Ermordete nämlich seinen Geist in die Maschine übertragen hat.

Auch ansonsten ist Waisen der Schöpfung ein bemerkenswerter Roman, weil die Handlung recht vorhersehbar und nahezu konfliktfrei verläuft. Die Akteure kommen sich aufgrund unterschiedlicher Interessen und Persönlichkeiten gelegentlich in die Quere, aber ein klärendes Gespräch genügt, um die Probleme aus der Welt zu schaffen. Trotzdem bleibt das Buch von der ersten bis zur letzten Seite spannend. Diesen Spagat hat Allen dadurch bewerkstelligt, daß er völlig auf übliche Konfliktklischees verzichtet und sich statt dessen ausschließlich auf die eigentliche Problematik konzentriert. So geraten die Forscher auf ihrer Dschungelexpedition niemals in die aus Abenteuergeschichten bekannten Gefahren, sondern müssen sich mit den tatsächlichen und viel alltäglicheren Problemen einer solchen Unternehmung herumschlagen. Selbst die detaillierte Schilderung der Ausgrabungsvorbereitungen zu Anfang des Romans wird nie langweilig, weil Allen nebenbei sämtliche Aspekte der Arbeit eines Paläanthropologen vorstellt, die ähnlich faszinierend wie die eines Detektivs sein kann. Der Leser spürt auf angenehme Weise, daß der Autor gründlich recherchiert und sich von realen Mitarbeitern des Washingtoner Smithsonian Institute hat beraten lassen, wodurch er den Reiz dieser Wissenschaft anschaulich vermitteln kann. Ergänzt wird das Buch durch ein Nachwort des Autors, in dem er auf brillante Weise mit den religiös motivierten Gegnern der Evolutionstheorie abrechnet, die vor allem im amerikanischen »bible belt« ihr Unwesen treiben.

Waisen der Schöpfung ist ein absolutes Muß für jeden, der sich in irgendeiner Form mit der Entwicklungsgeschichte des Menschen auseinandersetzt oder auseinandersetzen möchte.

Bernhard KempenALIEN CONTACT

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Roger MacBride Allen
Orphan of Creation (New York: Baen Books, 1988)
Waisen der Schöpfung, übersetzt von Walter Brumm (München: Heyne, Dezember 1998) [H 06/5973] Bestellen
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