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Endlich ist es erschienen: Das erste »echte« Lexikon der Fantasy-Literatur für den deutschen Sprachraum.
Seit dem Erscheinen des Lexikon der SF-Literatur vor 25 Jahren im Heyne Verlag
warten wir auf ein vergleichbares Werk für die Fantasy. Das SF-Lexikon wurde in der
Zwischenzeit neu aufgelegt, und es gab immer wieder Gerüchte, dass ein Fantasy-Lexikon in
Arbeit sei. Konkret wurde dies aber erst, als 1999 das Lexikon der Horror-Literatur
bei Fantasy Productions erschien und ein ähnliches Lexikon für die Fantasy-Literatur
angekündigt wurde. Nun haben Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs, Ronald M. Hahn, Jörg
Martin Munsonius und Hermann Urbanek es geschafft und ein voluminöses Werk herausgegeben,
das viele der lange gehegten Wünsche erfüllt. Die drei erstgenannten Herausgeber waren
zusammen mit Wolfgang
Jeschke auch für das SF-Lexikon verantwortlich, weshalb der Vergleich beider Werke
nahe liegt und auch nachfolgend wieder gezogen wird.Der InhaltNach den üblichen Vorworten und Benutzerhinweisen wird der Leser durch vier kurze Artikel zur Geschichte und zu einzelnen Aspekten der Fantasy-Literatur geführt, bevor das Kernstück des Buches beginnt: 442 Seiten mit Kurzbiographien zu rund 3000 Autoren, teilweise mit Foto und immer mit einer Bibliographie ihrer auf Deutsch erschienenen Werke. Ein Anhang mit Auflistungen von Sekundärliteratur, den Preisträgern des Deutschen Fantasy Preises, des Phantastik-Preises der Stadt Wetzlar und des World Fantasy Award schließen das Werk ab, gefolgt von einer Titelliste der Fantasy-Serien. Beginnen wir mit den kurzen Artikeln. Wie die Herausgeber in ihrem Vorwort bekennen, hätten sie gerne ausführlichere Artikel und Themenartikel aufgenommen, mussten aber aus Kostengründen darauf verzichten. Wie stichhaltig dieses Argument ist, wird weiter unten noch diskutiert. Jedenfalls wirken die 22 Seiten bebilderte Artikel schon auf den ersten Blick wie ein Alibi: Die Herausgeber haben das Minimum dessen getan, was sie für notwendig hielten, und dafür vier Prozent des Platzes geopfert. Die Artikel selbst sind erstklassig: Vorläufer und Vorlagen der Fantasy werden von Florian F. Marzin benannt, die Geschichte der Fantasy wird von Rainer Nagel aufgearbeitet. Letzterer wirft dann einen Blick auf »Reiche und Welten der Fantasy-Literatur« und geht im vierten Beitrag auf die Artuslegende ein. Bei allen Artikeln ist die angehängte Bibliographie fast länger als der eigentliche Text, so dass der Leser hier schon auf den Anhang des Lexikons schielt, wo die Sekundärliteratur aufgelistet ist, um die hier vermissten Essays zum Genre nachzulesen oder das kurz Angerissene zu vertiefen. Warum bei diesem Platzmangel ausgerechnet Raum für ein Essay zur Artuslegende war, bleibt das Geheimnis der Herausgeber. Neunzig Prozent des Lexikons werden von den Autorenbio- und bibliographien eingenommen. Alphabetisch sortiert findet der Leser hier mal sehr kurze, mal recht ausführliche Einträge zu rund 3000 Autoren, die mindestens ein Werk veröffentlicht haben, das auf Deutsch vorliegt und von den Herausgebern oder ihren Co-Autoren zur Fantasy gerechnet wird. Es ist also weder eine Auswahl der wichtigsten Autoren erfolgt, noch gab es für die Mitarbeiter eine strikte Vorgabe, was aufzunehmen sei. Da eine Definition der Fantasy ebenso schwierig ist wie eine Definition der Science Fiction, ist das Vorgehen der Herausgeber durchaus legitim. Und wenn man den Mitarbeiterstab betrachtet, dem anerkannte Fachleute wie Franz Rottensteiner, Florian Marzin und Robert N. Bloch angehören, kann man das Vertrauen der Herausgeber in die Kompetenz der Autoren verstehen. Doch jeder zieht die Grenzen des Genres auf seine Weise, einige viel weiter als andere. Und so darf es nicht verwundern, dass man auch viele Esoteriker und Kinderbuch-Autoren aufgelistet findet. Was leider fehlt, ist eine Abstimmung über die Ausführlichkeit der Einträge gemäß der Wichtigkeit der Autoren. Da kommt mancher Klassiker etwas zu kurz, und dafür sind gut dokumentierte, aktuelle Autoren entsprechend ausführlich gewürdigt. Auch scheint die Frage, welcher Autor einen Eintrag mit Bild erhält, mehr von der Verfügbarkeit der Fotografien als von der Bedeutung des Autoren geprägt zu sein. Bei einem solchen Lexika wird gerne nachgefragt, ob denn alle wichtigen (oder unwichtigen) Personen genannt sind. Das Spiel überlasse ich gerne anderen, mir ist auf Anhieb kein Autor eingefallen, den ich hier vermisst hätte. Und auch bei den Bibliographien haben die Herausgeber sehr gute Arbeit geleistet. Die Frage bleibt, ob es sinnvoll war, sich auf Autoren zu beschränken; das heißt bis aus wenige Ausnahmen einschlägige Herausgeber und Verleger, Graphiker und Übersetzer, Regisseure und Hörspielautoren zu ignorieren. Die Anhänge sind wieder sehr kurz gehalten. Die Liste der Sekundärliteratur ist extrem knapp und mit gerade 13 Einträgen alles andere als umfassend oder vollständig. Die Liste der Preisträger ist dagegen vollständig, wobei aber auch hier die Frage gestattet sein muss, warum man sich gerade auf diese drei Preise beschränkt hat. Die Serienliste stellt einen notwendigen Anhang dar, da bei mehreren Autoren dieser Zusammenhang sonst fehlen würde. Und so werden hier auch nicht die Trilogien, Tetralogien, etc. der Autoren gelistet, sondern nur die Serien und Zyklen mit mehreren Autoren. Erfreulich ist, dass hier auch die Originaltitel und das Erscheinungsjahr genannt werden. Undurchsichtig bleibt, warum manche Serien eine Coverabbildung spendiert bekamen und andere leer ausgehen mussten. Ein Vergleich mit anderen Fantasy-LexikaUm es gleich vorweg zu sagen: Das vorliegende Werk ist das erste deutschsprachige Fantasy-Lexikon, das nicht für Einsteiger, sondern insbesondere für Spezialisten und Fans gemacht wurde. Genau genommen, ist es das erste Lexikon dieser Art, denn bislang waren hierzulande nur Fantasy-Lexika erschienen, die entweder die Harry-Potter-Welle ausnutzen oder auf dem Tolkien-Revival mitschwimmen wollten, und somit den Schwerpunkt nicht auf die Literatur, sondern auf das legten, was Außenstehende von der Fantasy mitbekommen haben, im Kino oder Fernsehen durchwegs oberflächliche Schnellschüsse, die den Fan eher amüsierten als informierten. Eine Ausnahme gab es: Marcel Feige hat vor fünf Jahren den Spagat versucht und mit seinem Fantasy-Lexikon (erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf) beides abdecken wollen: Kino, Fernsehen und Literatur. Er wählte nach Wichtigkeit aus und bietet nicht nur zu Personen, sondern auch zu Themen und Titeln, Filmen und Spielen, Serien und Begriffen einen lexikalischen Eintrag. Das vorliegende Werk hat einen anderen Anspruch: Wohltuende Ignoranz aktueller Medienströmungen und bewusste Konzentration auf die Literatur. Einerseits wird Vollständigkeit angestrebt, alle Autoren und deren Werke erfasst werden, andererseits eine enge Begrenzung auf Autorenbio- und bibliographien, was dem Namen »Lexikon« nicht gerecht wird. Denn hier erwartet man schon, auch zu Themen und Begriffen einen Eintrag zu finden. Mangels Konkurrenz im eigenen Land ziehen wir ein internationales Standardwerk zum Vergleich heran, die Encyclopedia of Fantasy von John Clute und John Grant, die 1997 erschien. Hier findet der Leser auf mehr als 1000 Seiten über 4000 Einträge zu Personen und Themen, Filmen und Begriffen. Schwerpunkt ist der englischsprachige Raum, aber der Rest der Welt wurde nicht ignoriert, sondern soweit möglich integriert. Natürlich hatten diese Herausgeber einen größeren Mitarbeiterstab und konnten auf eine höhere Auflage hoffen, aber trotzdem geben die nachfolgenden Zahlen zu denken: Das deutsche Lexikon hat ein größeres Format (30 x 21 cm gegenüber 25 x 19 cm), dafür die halbe Seitenzahl und ist damit halb so dick. Somit ist das Gewicht beider Werke fast gleich und es ist mitunter Geschmackssache, ob das großformatigere oder das dickere Werk handlicher ist. Extrem unterschiedlich ist aber der Textumfang. Während man bei der Encyclopedia versucht hat, möglichst viel Information auf die Seite zu bringen (durchschnittlich tausend Worte), war man beim Lexikon sehr großzügig: Einseitige Zwischenüberschriften, jeweils eine eigene Seite für jede Liste von Preisträgern, große Schrifttype bei den Autorennamen, etc. Die eingangs und im Vorwort der Herausgeber erwähnte Begründung, eine der Encyclopedia vergleichbare Vorgehensweise mit Artikeln und Themeneinträgen, mit Berücksichtigung von Filmen und anderen Medien, hätte den Produktionsetat gesprengt und den Preis des Lexikons enorm in die Höhe getrieben, muss hier doch kritisch betrachtet werden. Natürlich wäre der Textumfang erheblich größer geworden, und wahrscheinlich müssten wir wegen der Recherche und Texterstellung noch ein, zwei Jahre länger warten, aber wäre es wirklich so undenkbar gewesen? Bei dem Format hätte sich bei entsprechendem Layout die Seitenzahl nicht verdoppeln müssen. Und was den Preis angeht: Die Encyclopedia kostet 40 Euro, das Lexikon in der vorliegenden Form jedoch 60 Euro. Hier spielt die Auflage sicher eine wesentliche Rolle, aber 60 Euro sind ein so stolzer Preis, dass die Frage der Machbarkeit erlaubt sein muss. Das schon erwähnte Lexikon der SF-Literatur erschien 1980 auch wegen des Verkaufspreises in zwei Bänden, die erweiterte Neuauflage von 1988 dagegen in einem Band für 29,80 DM. Damals war des SF-Boom auch schon vorbei, und derzeit wird mehr Fantasy als Science Fiction gekauft. Wäre also ein zweibändiges, vollständiges Lexikon zu je 40 Euro pro Band eine kalkulatorische Unmöglichkeit? Für den Leser und Käufer wäre es die sinnvollere Alternative gewesen. Alleine schon durch ein weniger großzügiges Layout hätte man den Platz für ein paar Artikel mehr zum Thema Fantasy schaffen können, beispielsweise für Themenartikel vergleichbar zu den Subgenre-Artikeln des SF-Lexikons; für den gleichen Preis hätte sich zumindest eine Lücke schließen lassen. Zurück zum inhaltlichen Vergleich. Eine Verlagsbibliographie wie in der Erstausgabe des SF-Lexikons wäre auch bei diesem Werk eher überflüssig gewesen. Stattdessen ist es sehr erfreulich, dass die Herausgeber und Mitarbeiter auch die Kleinstverlage und BoD-Dienstleister berücksichtigt haben. Trotzdem bleibt in Summe der Eindruck eines wenig umfassenden Werkes. Letztendlich handelt es sich hier um Autorenbiographien mit bibliographischen Anhängen, das weitere Beiwerk ist so knapp, dass es wie ein minimales Pflichtprogramm wirkt. Ist da der Begriff Lexikon noch zulässig? Nun, die Herausgeber nannten es bewusst nicht Enzyklopädie, und zumindest ein Autorenlexikon ist es, und zwar ein gutes und vollständiges; und eine Bibliographie der auf Deutsch erschienenen Fantasy-Werke, zumindest der Erstausgaben, sortiert nach dem Autor. Wer Essays zur Fantasy sucht, muss weiterhin zu den einschlägigen Sekundärwerken greifen. Und wer ein Lexikon für Begriffe aus der Fantasy braucht, greift weiterhin zur Encyclopedia. Insofern ist das vorliegende Werk nicht das allumfassende Kompendium, das zu erwarten war, aber es schließt als Autorenlexikon eine wichtige Lücke, die andere Werke nicht abdecken. Die MängellisteAngesichts des bereits betonten stolzen Preises soll nun auch ein etwas kritischerer Blick ins Detail erlaubt sein. Wenn die oben erwähnte Encyclopedia of Fantasy das einzig wirklich vergleichbare Werk ist, wieso wurde sie dann nicht genutzt? Warum wurden die Autorendaten nicht mit den Einträgen aus der Encyclopedia abgeglichen und fehlende Daten (beispielsweise vollständiger Autorenname, Geburts- und Todesdaten) ergänzt? Es soll hier kein falscher Eindruck entstehen, denn das Lexikon bietet eine Fülle von Informationen, aber nicht gleichmäßig zu jedem Autor. Und wenn vorhandene Informationen nicht von allen Mitarbeitern verwendet werden, ist das eine Chance, die nicht genutzt wurde. Das fällt vor allem bei den ganz kurzen Einträgen auf. Eine kurzes »googeln« hätte hier auch manchmal geholfen. 500 Seiten geballter Informationen, die zu 99,9% korrekt sind, beinhalten immer noch Dutzende von Fehlern. Das ist normal und kaum auszuschließen. Was aber machbar ist (und bei einem Buchpreis von 60 Euro auch zu erwarten), sind ein Korrekturlesen der Druckfahnen und eine Layoutkontrolle. Beides ist nicht oder nur oberflächlich erfolgt. So findet der Leser doppelte Einträge (z.B. zu Jean dOrmesson) oder Querverweise zu Einträgen, die nicht vorhanden sind (z.B. wird unter Melissa Bonya auf den nicht erfassten André Bonya verwiesen). Es gibt mehrmals Probleme mit der alphabetischen Reihenfolge, beispielsweise folgt auf »Fischer, Udo« erst »Fisher, Jude«, dann »Fischer-Hunold, Alexandra«, dann »Fisher, Catherine«. Zu einigen Einträgen fehlt der Autorenvermerk des Mitarbeiters. Und schließlich gibt es auffällige Tippfehler, beispielsweise das Geburtsjahr von Da Chen (1062 statt 1962) oder der Name des Preisträger des Deutschen Fantasy Preises als Walter Ernstling. Peinlich wird es, wenn der Name eines Herausgebers auf dem zweiten Innencover falsch geschrieben ist oder sich ausgerechnet bei den Benutzungshinweisen ein Fehler einschleicht: »München 1999 (...): Es handelt sich um ein 2001 (...) erschienenes Taschenbuch (...).« Ein Erbsenzähler würde auch bemängeln, dass man mit Nationalitäten recht locker umgeht (mit »Amerikaner« sind hier nur die Einwohner der USA, nicht aber von Kanada oder Süd- und Mittelamerika gemeint, dafür dürfen »Holländer« auch aus anderen Provinzen der Niederlande stammen). Doch das sind Fehler, die man als Leser erkennt und damit korrigieren kann. Aber wie viel Vertrauen bleibt für den Rest? Ich denke, dass allzu starkes Misstrauen nicht gerechtfertigt ist, denn Herausgeber und Mitarbeiter haben einen sehr guten Ruf, aber ein solches Misstrauen sollte gar nicht erst aufkommen, und genau deswegen ist ein Korrekturlesen so wichtig. Und ab einer gewissen Preisklasse erwartet man auch eine gewisse Perfektion beim Layout; also keine wandernden Spaltenanfänge, die auch mal ganz dicht unter der Kopfzeile beginnen; oder springende Spaltenränder wie die zweite Spalte bei den Serienlisten. Mancher Seiten- oder Spaltenumbruch hätte eine manuelle Korrektur vertragen, ebenso wie die nicht immer funktionierende automatische Silbentrennung, die unschöne sperrig gedruckte Zeilen zulässt. Wie gesagt, man muss schon suchen, um größere Mängel zu finden. Aber bei steigendem Buchpreis sinkt beim Leser die Toleranz für solche Nachlässigkeiten. Das FazitTrotz dieser Mängel und Kritikpunkte: Das Lexikon der Fantasy-Literatur von Fantasy Productions ist das Beste zum Genre, das es hierzu in deutscher Sprache auf dem Buchmarkt gibt. Und nur wer einmal in eine solche Recherchearbeit eingebunden war, kann ermessen, wie viel Arbeit in so einem Lexikon steckt. Insofern sollte man alle inhaltlichen Abgrenzungen und Einschränkungen, die die Herausgeber vorgenommen haben, akzeptieren und sich über das Vorhandene freuen. Ein Wehmutstropfen bezüglich der mangelhaften Endkontrolle bleibt angesichts des stolzen Preises, doch dafür hält man ein wahrhaft großes, gewichtiges und für den dauerhaften Gebrauch angelegtes Werk in den Händen. |
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