| Die verwaisten Geschwister Sunaj und Janus wachsen im Haus ihres Großvaters
auf. Der alte Mann ist gütig und ein wenig zu nachgiebig, und der verwilderte
Schlosspark, in dem das Haus steht, wirkt wie eine verwunschene Insel inmitten der
hektischen Stadt. Obwohl Zwillinge, sind Janus und Sunaj grundverschieden. Janus ist
technikbegeistert und gänzlich unromantisch, während seine Schwester vor Phantasie nur
so übersprudelt und ständig neue Geschichten erfindet, zumeist märchenhafte Abenteuer
mit Rittern, Elfen und Feen. Ein solches Abenteuer wird plötzlich Realität und ergreift
von den Geschwistern Besitz. Sunaj ist dabei eine weitgehend passive Mitspielerin, denn
sie wird von den Aquariern - infernalisch nach verdorbenem Fisch stinkenden
Muschelrittern, die deshalb auch zurecht Miesmuschler genannt werden entführt und
gefangen gehalten. Janus hingegen kommt die Rolle des Suchenden zu. Wie in jeder Queste
braucht er für seine Mission Freunde und Begleiter, die sich ihm unterwegs anschließen
und für ihre Unterstützung unterschiedliche Beweggründe haben. Janus Mission
umfasst nicht allein die Befreiung seiner Schwester Sunaj, sondern die Rettung der ganzen
Fantasywelt, was nur er, der Held, bewerkstelligen kann und wird. Die finsteren
Muschelritter sind allein mit der Magie der Elfen nicht zu bezwingen. Mit seinen vierzehn
Jahren ist Janus geradezu prädestiniert für die Rolle eines idealistischen und zuweilen
etwas altklugen Märchenprinzen. Der Roman wendet sich weniger an Erwachsene, die kurzen
prägnanten Kapitel richten sich vor allem an Leser im heranwachsenden Alter, sind aber
auch gut zum Vorlesen geeignet. Die reichlich vorhandenen Illustrationen setzen die
Handlung adäquat um bzw. die Handlung ist in überzeugender Weise an die Bilder
angelehnt. Im Prinzip gehen Illustrationen und Story eine Symbiose ein - für sich allein,
und das ist der erste Eindruck beim Blättern, bevor man in die Romanhandlung eintaucht,
wirkt beides bisweilen naiv bis kitschig.
Ein verlorener Traum kann seine Verwandtschaft mit Michael Endes bekanntem
Roman Die unendliche Geschichte nicht verleugnen. Zu deutlich sind die
Ähnlichkeiten hinsichtlich Handlung und Motiven. Angerer der Ältere hat sich nicht die
Mühe gemacht, eine völlig neue Welt zu ersinnen, er hat einfach einen Altbau entkernt
und mit einem neuen Märchen gefüllt. Wie jedes Märchen hat natürlich auch dieses eine
Moral. Selbst die Protagonisten gehen gestärkt aus dem Geschehen hervor: Janus hat
gelernt, dass auch Phantasie etwas bewegen kann; und Sunaj steht mit den Füßen etwas
mehr auf der Erde und schaut den Geistern erst einmal hinter die Maske, bevor sie sie
beschwört. Neben klassischen Märchen- und Fantasythemen
hat der Autor auch andere Quellen angezapft, etwa den deutschen Sagenschatz und die
christliche Mythologie. Das verleiht dem Buch am Ende einen leichten Hauch von Esoterik,
der aber stets unterschwellig bleibt und nie die Geschichte dominiert. Trotzdem wäre hier
weniger mehr gewesen um einen Dämon zu beschreiben, braucht man nicht gleich die
ganze Hölle aufzubauen.
W. Pankow ALIEN CONTACT
|
 |