| Vergessen Sie alles, was sie über gute Feen wissen oder glauben zu wissen.
Aus den einstigen Märchenwesen sind längst nüchterne, unsensible Sachbearbeiterinnen
mit dicken Terminkalendern und vielen Überstunden geworden. Beschäftigt sind sie bei
einem modernen Dienstleistungsunternehmen, das sich jedoch angesichts der Vielzahl
menschlicher Sehnsüchte zu drastischen Einschränkungen gezwungen sieht: statt drei
Wünschen gibt es nur noch einen und die Bereiche Unsterblichkeit, Gesundheit, Geld und
Liebe sind ganz ausgeschlossen. Wer berühmt sein will, wird zur Attraktion in einer
Talkshow gemacht, und sollte man wirklich etwas Materielles begehren, ist eine
Geschirrspülmaschine das höchste der Gefühle. Entsprechend sprachlos sind auch die
Protagonisten der fünf Erzählungen, als ihnen ihre Fee begegnet. Genügend Ideen, wie
sich ihr Leben verbessern ließe, haben sie alle. Doch die Bitte, den einen
Wunsch zu äußern, der ihnen seit langem auf der Seele brennt, wirkt angesichts der
begrenzten Wahlmöglichkeiten wie eine unlösbare Aufgabe. Dabei ist ihre Situation derart
konfliktbeladen, dass die Hilfe eines Märchenwesens sehr gelegen käme: Max ist Vizechef
einer Werbeagentur und muss mit ansehen, wie sein Geschäftspartner das Unternehmen vor
die Wand fährt. Ihm selbst bleibt nur die Aufgabe, als Schlichter zwischen den
Mitarbeitern und ihrem Chef zu fungieren. Paul ist das gefeierte Nachwuchstalent einer
Filmakademie und verzweifelt aus Angst vor dem Scheitern über seiner Abschlussarbeit.
Mutter Radek versucht vergeblich, ihren Sohn davon zu überzeugen, dass es ein schwerer
Fehler war, sich an ein großes Musiklabel zu verkaufen und Punkrock nach
Ballermann-Manier zu produzieren. Schließlich hat sie einst einen linken Plattenladen
betrieben und ist deshalb mit den Gesetzen der Branche bestens vertraut. Rudolf ist seit
über 40 Jahren Autor von Groschenromanen und versucht, sein Opus Magnum zu schreiben, um
endlich als Literat anerkannt zu werden. Nur leider will ihm die Schlüsselszene nicht
gelingen. Journalist Manuel verdient seinen Lebensunterhalt damit, Artikel über seinen
Vater, einen berühmten Architekten, und Interviews mit seiner Frau, einer gefeierten
Pianistin, zu veröffentlichen. Als er versucht, eine Festanstellung bei einer
Kulturzeitschrift zu bekommen, wird daraus nicht mehr als ein Spontanbesäufnis.
Jakob Arjouni, Jahrgang 1964, ist vor allem für die Romanvorlage zum Film Happy
Birthday, Türke bekannt, den ersten Band der Krimiserie um den Privatdetektiv Kemal
Kayanka. Idioten ist sein erster Ausflug in die Phantastische Literatur. So
überrascht es nicht, dass das Auftauchen der Feen (und ihre Folgen) das einzig
Märchenhafte an den Erzählungen bleibt. Deren Reiz liegt vielmehr in der komprimierten,
wortgewandten Schilderung der Konflikte, die dem Leser oft seltsam vertraut vorkommen -
mag er sie selbst auch weniger extrem erlebt haben. Die Wunscherfüllung stellt zwar stets
einen Wendepunkt dar, setzt die bisherige Situation aber nur logisch fort. Dadurch
enthalten die Geschichten jedoch oft ein gewisses Maß an Vorhersehbarkeit - besonders,
wenn schon der Klappentext suggeriert, dass keine von ihnen die Protagonisten glücklich
zurücklässt. So können nur die Märchen »Im Tal des Todes« und »Happy-End« mit
glänzenden Pointen überzeugen. Die drei anderen haben dagegen bloß traurige
Konsequenzen zu bieten.
Gregor Jungheim ALIEN CONTACT
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