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Jakob Arjouni

Idioten. Fünf Märchen

Originalausgabe • 2003

Science Fiction > Alien Contact
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Vergessen Sie alles, was sie über gute Feen wissen oder glauben zu wissen. Aus den einstigen Märchenwesen sind längst nüchterne, unsensible Sachbearbeiterinnen mit dicken Terminkalendern und vielen Überstunden geworden. Beschäftigt sind sie bei einem modernen Dienstleistungsunternehmen, das sich jedoch angesichts der Vielzahl menschlicher Sehnsüchte zu drastischen Einschränkungen gezwungen sieht: statt drei Wünschen gibt es nur noch einen und die Bereiche Unsterblichkeit, Gesundheit, Geld und Liebe sind ganz ausgeschlossen. Wer berühmt sein will, wird zur Attraktion in einer Talkshow gemacht, und sollte man wirklich etwas Materielles begehren, ist eine Geschirrspülmaschine das höchste der Gefühle.

Entsprechend sprachlos sind auch die Protagonisten der fünf Erzählungen, als ihnen ihre Fee begegnet. Genügend Ideen, wie sich ihr Leben verbessern ließe, haben sie alle. Doch die Bitte, den einen Wunsch zu äußern, der ihnen seit langem auf der Seele brennt, wirkt angesichts der begrenzten Wahlmöglichkeiten wie eine unlösbare Aufgabe. Dabei ist ihre Situation derart konfliktbeladen, dass die Hilfe eines Märchenwesens sehr gelegen käme: Max ist Vizechef einer Werbeagentur und muss mit ansehen, wie sein Geschäftspartner das Unternehmen vor die Wand fährt. Ihm selbst bleibt nur die Aufgabe, als Schlichter zwischen den Mitarbeitern und ihrem Chef zu fungieren. Paul ist das gefeierte Nachwuchstalent einer Filmakademie und verzweifelt aus Angst vor dem Scheitern über seiner Abschlussarbeit. Mutter Radek versucht vergeblich, ihren Sohn davon zu überzeugen, dass es ein schwerer Fehler war, sich an ein großes Musiklabel zu verkaufen und Punkrock nach Ballermann-Manier zu produzieren. Schließlich hat sie einst einen linken Plattenladen betrieben und ist deshalb mit den Gesetzen der Branche bestens vertraut. Rudolf ist seit über 40 Jahren Autor von Groschenromanen und versucht, sein Opus Magnum zu schreiben, um endlich als Literat anerkannt zu werden. Nur leider will ihm die Schlüsselszene nicht gelingen. Journalist Manuel verdient seinen Lebensunterhalt damit, Artikel über seinen Vater, einen berühmten Architekten, und Interviews mit seiner Frau, einer gefeierten Pianistin, zu veröffentlichen. Als er versucht, eine Festanstellung bei einer Kulturzeitschrift zu bekommen, wird daraus nicht mehr als ein Spontanbesäufnis.

Jakob Arjouni, Jahrgang 1964, ist vor allem für die Romanvorlage zum Film Happy Birthday, Türke bekannt, den ersten Band der Krimiserie um den Privatdetektiv Kemal Kayanka. Idioten ist sein erster Ausflug in die Phantastische Literatur. So überrascht es nicht, dass das Auftauchen der Feen (und ihre Folgen) das einzig Märchenhafte an den Erzählungen bleibt. Deren Reiz liegt vielmehr in der komprimierten, wortgewandten Schilderung der Konflikte, die dem Leser oft seltsam vertraut vorkommen - mag er sie selbst auch weniger extrem erlebt haben. Die Wunscherfüllung stellt zwar stets einen Wendepunkt dar, setzt die bisherige Situation aber nur logisch fort. Dadurch enthalten die Geschichten jedoch oft ein gewisses Maß an Vorhersehbarkeit - besonders, wenn schon der Klappentext suggeriert, dass keine von ihnen die Protagonisten glücklich zurücklässt. So können nur die Märchen »Im Tal des Todes« und »Happy-End« mit glänzenden Pointen überzeugen. Die drei anderen haben dagegen bloß traurige Konsequenzen zu bieten.

• Gregor Jungheim • ALIEN CONTACT

Originalausgabe
Jakob Arjouni, Idioten. Fünf Märchen
(Zürich: Diogenes, 2003) Bestellen
Umschlagfoto von David Aubry, 153 Seiten, Hardcover
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